Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Part 4
Astragalus. Glaubst du, die Welt sei darum nur erschaffen, damit du deinen Geifer auf ihr Wappen speien kannst? Die Menschheit hinge nur von deinen Launen ab? Dir dürften andre nur, du andern nicht genügen? Bist du denn wahnsinnig, du übermütger Wurm?
Rappelkopf. Sapperment, nicht lang per Wurm, das Ding fangt mich zu wurmen an. Ich gib nicht nach, du bankrottierter Philosoph! Ich bin zu gut, und du zu schlecht, als daß ich länger mit dir red. Drum fort mit dir, der Mond geht auf, und du gehst ab, und künftighin werd ich in meiner Hütten mich verschanzen und herunterstukatieren, wenn sich eins sehen läßt.
Astragalus. So willst du nicht die Hand zur Beßrung bieten?
Rappelkopf. Ich biete nichts, und wenn mir's Wasser bis an Hals auch geht.
Astragalus. Wohlan! So laß uns den Versuch beginnen. Weil nicht Vernunft kann dein Gemüt gewinnen, Soll Geistermacht zu deinem Glück dich zwingen, Und mit dem Alpenkönig wirst du ringen. Vermeid dies Haus! Sonst tritt auf allen Wegen Vergangenheit dir leichenblaß entgegen. Und willst du Elemente Brüder nennen, Lern ihre Wut und ihre Schrecken kennen. Der Blitz soll deines Hauses Dach umarmen, Dann kann dein Herz an Freundesbrust erwarmen. Weil du die Luft willst statt der Gattin küssen, Soll dich des Sturmes Angstgeheul begrüßen. Der Boden soll dich Halbmensch nimmer tragen, Dann magst du über Erdenundank klagen. Und daß du mit den Wellen dich kannst streiten, Will ich die Flut dir bis zur Kehle leiten. So soll dich Feuer, Wasser, Luft und Erd betrügen. Dann wähl, ob du dich willst in meinen Vorschlag fügen. Und wirst du liebend nicht dein Herz zur Menschheit wenden, So sollst du wildes Tier in Waldesnacht hier enden! (Rasch ab.)
Rappelkopf (allein). Das ist ein schrecklicher Kerl. Und ich tu doch, was ich will. Just! Du sollst mich nicht um meinen Schlaf heut bringen. Gute Nacht, Freund Wald, ihr Eicheln, lebet wohl, zum Frühstück finden wir uns wieder.
(Will gegen das Haus. Beim Öffnen der Tür sitzt Victorinens Geist auf einem Stuhl. Sie ist in blaue Schleier gehüllt und sieht gespensterartig aus. Ihr Gesicht ist bleich und die ganze Gestalt von einem grünen Schirm beleuchtet. Sie spricht mit halblauter Stimme.)
Victorinens Geist. Wo bleibst du denn so lang, du liederlicher Mann? Und kommst so spät erst in der Nacht nach Haus. Gehst gleich herein, mir wird schon angst allein, Sonst rauf ich alle Haar dir aus.
Rappelkopf. Himmel! das ist mein erstes Weib, die erkenn ich, weil sie die Herrschaft noch im Grab behauptet. Da bringt mich niemand bei der Tür hinein. Die hat den Satan in den Leib. Wenn nur das Fenster offen wär! (Es donnert.) Jetzt fangts zum donnern an. (Am Fenster zeigt sich, ebenso wie Victorinens, Wallburgas Geist und sieht heraus.) Wer schaut denn da heraus?
Wallburgas Geist (mit hohler Stimme). Ich bins, du falscher Mann, du Ungetreuer du! Warum hast du nach mir jetzt schon das zweite Weib? Und ich hab dich so lieb, hab selbst im Grab kein Ruh, Ich schau kein andern an, kann ohne dich nicht leben. Drum komm herein, ich muß dir Küsse geben.
Rappelkopf (erschrickt). Entsetzlich! Schaudervolle Nacht, zeigst du mir auch die zweite noch, die sich durch Eifersucht verrät? Sie modert schon und will nicht leben ohne mich. Welch schreckenvolle Lag! Es rieselt kalt durch mein Gebein. (Es blitzt.) Der Donner brüllt, die Blitze leuchten fürchterlich. Könnt ich doch nur durchs Dach ins Haus! Mut! ich versuchs. (Er steigt hinauf. Währenddessen erscheint Emerentias Geist, auf dem Dach sitzend. Rappelkopf erschrickt.) Weh! Hier die dritte noch, dem Kirchhof ungetreu wie mir! (Will fort.)
Emerentias Geist. Wo willst du hin? Du darfst nicht fort. Du mußt den Mond mit mir betrachten. (Der Mond verwandelt sich in ein weißumschleiertes Geisterhaupt, das aus den Wolken sieht.) Sieh hin, das bleiche Antlitz dort, Es ist das Bild von deiner jetzgen Frau. Sie weint! Schau hin! Schau! Schau!
Rappelkopf. Jetzt grinst mich auch die vierte an. O teuflisches Quartett! Mich würgt die Angst! Ha! laß mich fort! Mich wandelt Ohnmacht an. Rachsüchtge Hölle, warum hast du das getan? Ich bleib nicht da. Ich muß hinab. (Springt über das Dach.) O Himmel, sei gedankt! daß deine Erd mich wieder trägt. Doch, was beginn ich nun? (Der Sturm heult.) Der Sturm heult immer schrecklicher. Es gießt, und doch verschwinden nicht die gräßlichen Gestalten. (Regen strömt herab.) Nun platzt ein Wolkenbruch! ich rette mich auf diesen Baum, sonst reißt die Flut mich fort. (Er steigt auf den Baum. Die Weiber verschwinden, es schlagt in die Hütte ein, sie steht in hellen Flammen.) Wenn das so fortgeht, bricht die Welt in Trümmer. (Die Hütte brennt fort. Heftiger Regen, Sturmgeheul und Donner. Die Wasserflut schwillt immer höher, bis sie Rappelkopf, der sich auf den Gipfel des Baumes rettet, bis an den Mund steigt, so daß nur die Hälfte seines Hauptes mehr zu sehen ist.) Zu Hülfe, zu Hülfe! ich ersauf!
Astragalus(fährt schnell in einem goldnen Nachen bis zu seinem Haupt und spricht). Was bist du nun zu tun gesonnen?
Rappelkopf (voll Angst). Ich will mich bessern, ich sehs ein, weil mir das Wasser schon ins Maul 'nein lauft.
Astragalus. So führ ich dich nach meinem Schloß.
Schnelle Verwandlung Der Nachen verwandelt sich in zwei Steinböcke mit goldenen Hörnern. Der Baum, auf dem Rappelkopf steht, in einen schönen Wolkenwagen, in dem sich der Alpenkönig und Rappelkopf befinden. Das Wasser verschwindet. Das ganze Theater verwandelt sich in eine pittoreske Felsengegend, die Teufelsbrücke in der Schweiz vorstellend, auf welcher Kinder, als graue Alpenschützen angekleidet, Böller losfeuern, während der Wolkenwagen über die Bühne fährt. Zugleich von innen:
Chor. Geendet ist die Geisterschlacht, Die Sonne strahlt durch finstre Nacht. Der Alpenkönig hat gesiegt, Seht, wie er hin zum Ziele fliegt.
Zweiter Aufzug
Erster Auftritt
Thronsaal im Eispalaste des Astragalus, mit hohen Säulen geziert, die silberartig erglänzen. Im Vordergrunde ein hoher Thron von pittoreskem Ansehen, als wäre er aus unregelmäßigem Eis geformt.
Auf ihm Astragalus als Alpenkönig. Eine lange lichtblaue weißgestickte Tunika, weiten griechischen Mantel. Weißen Bart, auf dem Haupte eine smaragdene Krone. Vor ihm knien im Kreise ideal gekleidete Alpengeister. Weiße kurze Tunika, mit grünen Folioblättern garniert.
Chor. Hehr zu schauen auf dem Throne Bist du, Fürst der Alpenflur, Denn dich schmückt der Tugend Krone, Du vertilgst des Lasters Spur.
Astragalus (steht auf und spricht). Auf des Thrones eisgen Stufen Horcht ich gern noch eurem Chor. Doch laßt uns den Fremdling rufen, Denn die Zeit tritt mahnend vor.
Alpanor. Lange steht er schon bereitet In der Halle vor dem Saal. Auch ist er schon angekleidet, Wie dein Wink es uns befahl.
Astragalus. Höhnt ihn aus, wenn er erscheint.
(Rappelkopf in einem drapfarben Reiseüberrock, gleichen Gamaschen mit silbernen Knöpfen, schwarzem Haar, etwas hoher Stirne, wird hereingebracht.)
Ein Alpengeist. Fürst, hier ist der Menschenfeind.
(Alle lachen.)
Rappelkopf. Nun? Was ist da Spaßigs dran?
Alpanor. Weißt du wohl, warum sie lachen? Unter einem Menschenfeind Dachten sie sich einen Drachen, Der als grimmer Ries erscheint. Und nun sehn sie einen Zwergen, Wer soll 's Lachen da verbergen? Von dem Unsinn mußt du lassen, Freund, das ist ja ganz verkehrt. Du willst alle andern hassen? Und bist selber nicht viel wert.
Rappelkopf. Versteht sich. Du wirst mir sagen, was ich zu tun hab. (Für sich.) Verdammtes Hexenvolk!
Astragalus. Du bist die Wette mit mir eingegangen, du wollest dein Gemüt in edleres verkehren, wenn du die Fehler deines jetzigen erkennst.
Rappelkopf. Das hab ich gsagt im Angesichte von vier Zeugen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Nun gib mir Überzeugung, oder laß mir Ruh in meinem Wald.
Astragalus. So hör mich an. Damit du kannst in solchem Seelenspiegel schauen, so will ich deinen Geist aus deinem Leib entführn und ihn in eines neuerschaffnen Körpers Haus verbannen.
Rappelkopf. Das will sagen, mein Geist wird von einer Bouteille in die andere hinübergefüllt, das ist schon nichts, da kann schon eine Spitzbüberei geschehen, bei dieser Füllung muß ich dabei sein. Da kann er ausrauchen, oder verwechselt werden. Ich traue niemand mehr.
Astragalus. Er wird es nicht. Ich schwör es bei des Chimborassos eisgekröntem Haupte. Du wirst dein Denken, Wollen, Handeln, Fühlen genau in eines andern Bild erblicken.
Rappelkopf. Und was gschieht dann mit mir, geh ich so ohne Seel herum, oder bekomm ich wo eine andere zu leihen?
Astragalus. Du wirst als Bruder deiner Frau erscheinen.
Rappelkopf. Diese Verwandtschaft hätt ich mir nie träumen lassen.
Astragalus. Doch ganz die Kraft der eigenen Gesinnungen behalten.
Rappelkopf. Das heißt, ich werde aussehn wie mein Schwager und denken, was ich will.
Astragalus. So ists. Dadurch kannst du dich überzeugen, wie gegen dich dein Weib, dein Kind und der von dir gehaßte Maler denken. Doch daß du auch an deinem Ebenbild den höchsten Anteil nimmst und dich in ihm genau ergründest und betrachtest, so hängt dein künftig Schicksal ganz von dem freien Handeln dieses Doppelgängers ab. Und was zu deinem Nutzen oder Nachteil wird durch ihn in deinem Haus geschehn, das wird, wenn er verschwindet, unveränderlich dir bleiben.
Rappelkopf. Also wenn er mir mein Haus verkauft, kann ich nachher auf der Straße wohnen? Ah, das ist eine schöne Einquartierung.
Astragalus. Auch ist dein Leben selbst an seines festgebunden, und wenn er es verliert, solang er statt dir lebt, stirbst du mit ihm und wirst durch ihn erkranken auch, wenn es der Zufall fügt, daß ihm ein bös Geschick Gesundheit raubt.
Rappelkopf. Zwei Menschen und nur ein Leben! Jetzt fangt sogar die Natur zum ökonomisiern an. Da hats der Tod kommod, der nimmt s' gleich Paar und Paar. Nun gut, so laß denn sehen, was deine Taschenspielerei vermag. Der Prozeß ist eingeleitet. Ein unendlich verwickelter Fall, der wird in hundert Jahren nicht aus. Also was gschieht denn jetzt? Hab ich noch meinen Geist, oder hat ihn schon ein anderer? Bin ich schon mein Schwager, oder bin ich noch der Schwager meines Schwagers?
Astragalus. Es wird dich jeder für den Bruder deines Weibs erkennen. Darum hab ich in deinem Äußern dich gestaltet so wie ihn. Ihr Alpengeister, führt ihn fort und bringt ihn an des Berges Fuß. Dort werdet ihr ein leichtberädert Fahrwerk finden, zwei rüstge Maultier vorgespannt, mit Staub bedeckt, als kämen sie von weiter Reise aus dem Land der welschen Glut. Sie bringen schnell ihn vor sein Schloß, dort werde seinem Übermut Beschämung, Überzeugung, Strafe.
Rappelkopf. Nun gut, so will ich dies Asyl der Falschheit noch einmal betreten. Ich geh und übergeb dir meinen Geist, von dem ich weiß, daß er so wenig Fehler hat, als die Donau Linienschiffe trägt, als Eicheln auf dem Kirschbaum wachsen und blondes Haar in deinem grauen Bart. (Ab mit den Alpengeistern, nur Alpanor bleibt zurück.)
Astragalus. Sein Starrsinn ists, der mich zu festen Hoffnungen berechtigt, denn hat er sich erkannt, wird ihn mit gleicher Heftigkeit der Trieb zur Besserung erfassen, als seine kräftge Phantasie den Wahn des Hasses jetzt umklammert hält. Alpanor! Hast du den Bruder seines Weibs zurückgehalten, daß er nicht heute morgens schon von seiner Reise in des Menschenfeindes Schloß eintrifft?
Alpanor. Es geschieht in diesem Augenblick. Der Alpengeist Linarius leitet seiner Pferde Zügel und setzt ihn aus in einer wüsten Felsengegend, so lang, bis, großer Alpenkönig, du die Ankunft ihm erlaubst.
Astragalus. Und ich will scheinbar mich in ihn verwandeln (er verwandelt sich in Rappelkopfs Gestalt in seiner ersten Kleidung) Und so durch Trug zu seinem Besten handeln. Wie auf des Schlosses Dache die metallne Spitze Das Haus bewahret vor der Wut der Blitze, Will ich den Haß, den er sich gen die Welt erlaubt, Herniederleiten auf sein eignes Haupt. Dort mag die Donnerwolke sich entleeren Und Glut durch Glut hellflammend sich verzehren, Bis aus der Asche wird zum neuen Leben Die Liebe gleich dem Phönix sich erheben.
(Beide ab.)
Zweiter Auftritt
Verwandlung Wilde Felsengegend. Im Hintergrunde ein hoher praktikabler Fels, welcher von der rechten Kulisse aber zwei Dritteil der Bühne bis ohngefähr zwei Schuh weit von der linken sich erstreckt und in einem steilen Abhang endigt. Auf ihm ist eine gedeckte Reisekalesche mit zwei Schimmeln sichtbar. Die Pferde stehen schon ganz an dem Abhange des Felsens.
Auf dem Sattelpferde sitzt der Alpengeist Linarius, als Postillion gekleidet. Im Wagen Herr von Silberkern, so gekleidet wie Herr von Rappelkopf zu Anfange des zweiten Aktes. Er droht mit einem Stock dem Postillion und schreit heftig.
Silberkern. Halt! Halt! Was treibt Er denn, Er verwünschter Kerl, ich bin ja des Todes, wo führt Er mich denn hin?
Linarius. Geduld, mein Herr, wir werden gleich am Ziele sein.
Silberkern. Das ist ja keine Möglichkeit, der Kerl ist besoffen wie eine Kanone, er muß glauben, da unten ist ein Weinkeller. Ich massakrier Ihn, Er verflixter Lumpenhund. Was treibt Er denn mit Seinen gottverdammten Schimmeln?
Linarius. Ich habe meine Pferde ausgespannt.
Silberkern. Untersteh Er sich, Er infamer Mensch! wir stürzen ja hinab.
Linarius. Wer wird denn da viel Sprünge machen? das Trinkgeld ist mir ein für allemal zu schlecht. Adieu, mein Herr!
Silberkern. Wo will Er denn hin?
Linarius. Ich reite durch die Luft--
(Die Pferde bekommen Flügel. Linarius erhebt sich mit ihnen bis in die halbe Höhe des Theaters. Der Wagen bleibt stehen, zugleich fällt der hintere Teil des Felsens herab, und nur das Stück, worauf die Kutsche ist, bleibt stehen.)
Du bleibst zurück auf diesem Fels und genießest hier die Luft. Zur rechten Zeit spann ich die Pferde wieder vor. Dann bitt ich mir ein tüchtig Trinkgeld aus. Bis dahin lebe wohl und unterhalt dich gut. Juhe! Zum Alpenkönig heißt das Posthaus hier. Ihr Schimmel, hi! stoßt euch an keinen Stein! Lebt wohl, Herr Passagier, und bleibt mir fein gesund! (Fliegt fort und blast das Posthorn dabei.)
Silberkern. Verdammter Hexenspuk! Der Kerl fliegt herum wie eine Fledermaus. Flieg zum Geier, falscher Rabe! Ich brauche deine Pferde nicht. (Er will heraussteigen.) I potz Hagel, was ist das? Ich kann ja nicht heraus. Der Wagen hängt ja in der Luft. Das ist ja aufs Verhungern abgesehen. Verflixter Kerl, komm zurück! Es rührt sich nichts, ich sehe keinen Menschen, nicht einmal Ochsen weiden hier. Ich bin der einzge in der ganzen Gegend. (Schreit.) Hört mich denn niemand?
Echo. Niemand--(Entfernter.) Niemand--Niemand--Nieman--
Silberkern (stampft mit dem Fuße). Ich ersticke noch vor Zorn--
(Der Fels, auf dem der Wagen steht, öffnet sich wie eine Höhle und in ihr sind eine Menge kleine Alpengeister aufeinanderkauernd gruppiert, welche mit schadenfroher Miene aus vollem Halse lachen. Auch aus den Gebüschen, welche um den Fels angebracht sind, sehen einige schelmisch hervor.)
Alpengeister. Hahahahaha!
Silberkern (schnell, räsonierend, mit dem Stock herumfechtend). O du Geistergesindel, du unsichtbares Lumpengepack, komm herauf zu mir, ich schlag dich tot. Das ist eine verflixte Geschichte.
(Neues Lachen und schnelles Vorfallen der Kurtine, welche ein Zimmer in Rappelkopfs Hause vorstellt.)
Dritter Auftritt
Mehrere Dienstleute stürzen auf die Bühne. Sophie von der Seite.
Sopie. Wo, wo ist mein Bruder?
Dienstleute. Er kömmt soeben die Treppe herauf. Hier ist er schon.
Sopie. Holt Herrn von Dorn und meine Tochter. Das Gepäcke in das grüne Zimmer.
Vierter Auftritt
Vorige. Rappelkopf stürzt herein.
Sopie (fällt ihm um den Hals). O mein Bruder, mein geliebter Bruder! (Bleibt an seiner Brust.)
Rappelkopf (für sich). Entsetzlich! Diese Natter liegt an meiner Brust. Sie kennt mich wirklich nicht. Nimm dich zusammen, Rappelkopf! (Freundlich.) Endlich seh ich dich wieder, liebe Schwester. (Beiseite.) Ich kann s' nicht anschaun. (Wieder freundlich.) Wie gehts dir denn, du liebe Schwester du?
Sopie. Ach Bruder, mir geht es sehr übel.
Rappelkopf (beiseite). So? Da gschieht dir recht.
Sopie. Was sagst du, lieber Bruder?
Rappelkopf. Daß ich dich recht bedaure, und zwar auf eine ganz besondere Art. Denn ich weiß alles, liebe Schwester, dein Mann ist ein schändlicher Mensch.
Sopie. Das ist er nicht, lieber Bruder, aber ein unglücklicher Mensch.
Rappelkopf (beiseite). Viper!
Sopie. Wenn du wüßtest, wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe, um mein Herz vor dir auszuschütten!
Rappelkopf. So schütt es aus, liebe Schwester! (Beiseite.) Da erfahr ich etwas. Schütts aus!
Sopie. Aber du wirst ermüdet sein von der Reise?
Rappelkopf. Nur meine Füß sind müde, meine Ohren nicht.
Sopie. So setz dich, lieber Bruder. (Sie setzt Stühle.)
Rappelkopf. Ich dank dir, liebe Schwester. (Setzt sich.) Fatale Situation!
Sopie. Meine Tochter und ihr künftiger Bräutigam werden sogleich erscheinen.
Rappelkopf (fährt wild auf). So? (Faßt sich und sagt plötzlich mit freundlichem Lächeln.) Wird mir eine unendliche Ehr sein.
Sopie. Du bist so sonderbar, lieber Bruder. Was ist dir denn?
Rappelkopf. Verschiedenes. Die Reise, dein Anblick, es ist alles so ergreifend für mich.
Sopie. Ich danke dir. Du bist ein Bruder, wie man keinen mehr finden wird.
Rappelkopf (beiseite). Der Meinung bin ich selbst.
Sopie. Fünf Jahre bist du abwesend. Die Ursache meines Unglücks wird dir schon aus meinen Briefen bekannt sein.
Rappelkopf. Ich weiß, du hassest deinen Mann.
Sopie. Was fällt dir ein! Wo gäb es eine Frau, die ihrem Manne mehr zugetan wäre, als ich dem meinigen!
Rappelkopf. Wirklich? (Beiseite.) Was man für Neuigkeiten erfährt!
Sopie. Wenn du nur die Geduld hättest sehen können, mit welcher ich seine Launen ertrug, die Sanftmut, mit der ich ihn behandelte.
Rappelkopf. Ja, das hätt ich sehen mögen. (Beiseite.) Es ist zum Durchgehn, wie sie lügt, ich bin schon völlig blau auf dieser Seite.
Sopie. Und alles dies hat seinen ungerechten Menschenhaß nur noch vermehrt.
Rappelkopf. Aber warum haßt er denn die Menschen, er muß doch eine Ursache haben?
Sopie. Weil er ein Narr ist, der sie verkennt.
Rappelkopf (beiseite). Ich bedank mich aufs allerschönste.
Sopie. Und doch lieb ich ihn so zärtlich--
Rappelkopf. Diesen Narren? o närrische Lieb! (Beiseite.) Es ist zum Teufelholen!
Sopie. Und muß die Angst ausstehen, ihn seit gestern zu vermissen.
Rappelkopf. Ja wo ist er denn?
Sopie. In einem Anfall von Wahnsinn zerschlug er alle Möbel, glaubte, der Bediente wolle ihn ermorden, und rannte wütend aus dem Hause.
Rappelkopf. Nun er wird schon wieder zurückkommen.
Sopie. Nein, das wird er nicht. Was er beschließt, vollführt er auch.
Rappelkopf (beiseite). Sie kennt mich doch. (Laut.) Aber wie ist er denn auf den Gedanken gekommen, daß man ihn ermorden will?
Sopie. Auf die unsinnigste Weise von der Welt. Ich befahl meinem einfältigen Bedienten, er sollte nach dem Garten gehen und Zichorien ausstechen, und das Messer in seiner Hand läßt meinen unglückselgen Mann glauben, er wolle ihn ermorden.
Rappelkopf. Zichorien hat er ausstechen wollen?
Sopie. Ei freilich.
Rappelkopf (beiseite). Das ist nicht möglich, oder ich wär der einfältigste Mensch, den die Sonne noch beschienen hat. (In Nachdenken versunken.) Zichorien hat er ausstechen wollen?
Sopie. Warum ergreift dich das so?
Rappelkopf (gleichgültig). Weil mir der Kaffee einfällt, den ich im letzten Wirtshaus getrunken hab. Der war auch mit Zichorien vergiftet.
Sopie. Was soll ich nun beginnen, lieber Bruder?
Rappelkopf. Laß den Narren laufen!
Sopie. Das kann dein Ernst nicht sein. Er ist mein Mann, und ich werd ihn nie verlassen.
Rappelkopf (schnell). Ist das wahr?
Sopie. Gewiß.
Rappelkopf (unwillkürlich erfreut, beiseite). Sie ist doch nicht gar so schlecht. (Wieder verändert.) Aber schlecht ist sie doch.
Sopie. Ach Bruder! (Sinkt an seine Brust.) Wenn mein Mann imstande wäre, sich ein Leid anzutun! (Weinend.) Ich hätte mir nichts vorzuwerfen, aber ich könnte diesen Vorfall nicht überleben.
Rappelkopf. Das Weib martert mich, ich schwitz schon im ganzen Leib. Und sie weint wirklich, mein ganzes Schapodl ist naß. Aber ich glaub ihr nicht, die Weiber können alles. (Laut.) Beruhige dich nur, liebe Schwester, es kommt jemand.
Fünfter Auftritt
Vorige. August. Malchen.
Malchen. Ist es wahr, ist der Onkel angekommen? (Sieht ihn.) Ach liebster, bester Onkel! mit welcher Sehnsucht haben wir Sie erwartet.
Rappelkopf. Die ist so falsch wie ihre Mutter.
Malchen. August, komm doch her.
Rappelkopf (erschrickt). Wer?
August (hervortretend). Bester Herr von Silberkern--(will auf ihn zu.)
Rappelkopf (fährt zurück). Himmel, wer bringt dies Bild vor meine Augen?
Sopie. Was ist dir, lieber Bruder?
Malchen. Aber Onkel!
Rappelkopf (beiseite). Ich muß mich fassen, damit ich allen auf den Grund komme. (Laut, mit Zwang.) Verzeihen Sie mir, mein Herr, sein Sie mir willkommen.
August. Erlauben Sie, Herr von Silberkern--(Tritt näher.)
Rappelkopf (fährt wieder auf). Nein, es ist nicht möglich--Drei Schritt vom Leib! (Beiseite.) Vergiften könnt ich den Verführer!
August. Was soll ich davon denken?
Malchen. Onkel!
Sopie (gleichzeitig). Bruder!
Rappelkopf (faßt sich wieder). Verzeihen Sie, aber Sie haben eine Ähnlichkeit, eine Ähnlichkeit--
August. Mit wem?
Rappelkopf. Mit--mit einem Menschen
August. Mit was für einem?
Rappelkopf. Der mich bestohlen hat.
Sopie. Aber Bruder!
August (lacht). Herr von Silberkern--
Malchen. Ach Onkel, er hat nichts gestohlen als mein Herz.
Rappelkopf (auffahrend). Das ist es eben--(faßt sich) was mich nichts angeht. (Sehr freundlich.) Sind Sie nur nicht so kindisch, ich hab nur einen Spaß gemacht. (Für sich.) Verstellung, steh mir bei! (Laut.) Endlich sind wir alle recht froh beieinander, meine lieben Kinder. (Lacht boshaft.) Das ist ein freudiger Tag heute. (Für sich.) Ich möcht zur Decke hinauffahren.
Sopie. Wir wollen dich jetzt allein lassen, lieber Bruder. Damit du eine Stunde ausruhen kannst. Du bist zu angegriffen. In diesem Zimmer findest du ein Ruhebett, unterdessen werden wir die Nachforschungen nach meinem armen Mann verdoppeln, denn es gibt keinen ruhigen Augenblick für mich, solange ich in Ungewißheit über sein Schicksal leben muß. (Geht ab.)
Rappelkopf. Da werd ein anderer klug, ich nicht.
August. Herr von Silberkern, ich weiß, daß Sie alles über Herrn von Rappelkopf vermögen.
Rappelkopf. Da haben Sie recht, wenn ich nichts über ihn vermag, dann richtet niemand etwas mit ihm aus.
August. Oh, dann werden Sie mir Ihren Beistand nicht versagen.
Rappelkopf. Ihnen? hahaha! Nun, das will ich hoffen.
August. Wenn meines Malchens Vater sein Haus wieder betritt und es Ihnen gelingt, ihm mildere Gesinnungen gegen die Welt einzuflößen, so vergessen Sie auch meiner nicht! Versichern Sie ihm, daß es keinen jungen Mann auf Erde gäbe, der mit einer so unwandelbaren Treue an seiner liebenswürdigen Tochter und mit einer so innigen Dankbarkeit an ihrem edlen, aber unglücklichen Vater hinge als der von ihm so ungerecht verfolgte August Dorn. (Verbeugt sich und geht ab.)
Rappelkopf. Das ist mir unbegreiflich.
Malchen (weinend). Lieber Onkel, wenn Sie meinen Vater sprechen, was ich gewiß nicht darf, so sagen Sie ihm, daß er seine Amalie unendlich gekränkt hat, daß ihn niemand so sehr liebt wie seine Tochter, aber daß ihr auch gewiß das Herz brechen wird, wenn sie ihren August verlieren müßte. (Weint heftig.)
Rappelkopf (sein Vatergefühl bricht los, er schließt Malchen heftig in seine Arme). Du bist halt doch mein Kind, wenn ich auch jetzt nicht dein Vater bin. (Nimmt sie am Kopf.) Was nützt denn das, das läßt sich nicht verleugnen. Ich muß dich küssen, Malchen.
Malchen. Ach guter Onkel!
Rappelkopf. Sag du mir, ist das wahr, liebst du deinen Vater?
Malchen. Unendlich, lieber Onkel!
Rappelkopf. Und du lügst nicht?
Malchen. Bei Gott nicht.