Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Part 2

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Lischen. Von allen dem weiß ich keine Silbe, gnädige Frau, ich weiß gar nichts, als daß der Mädchen verfolgende Alpenkönig eine Jagd gegeben hat, daß mich an dem Ort des Rendezvous eine Angst befallen hat und daß ich über Hals und Kopf zurückgelaufen bin.

Sopie. Und Malchen?

Lischen. Wollte ihren Liebhaber erwarten und war nicht zu bewegen, mit zurückzugehen.

Sopie. Aber wie kann Sie sich unterstehen, meine Tochter allein zu lassen? Sie leichtsinnige Person, der ich mein Kind anvertraut habe! Ich muß nur gleich Leute hinaussenden. Wenn ihr ein Unglück widerführe! O Himmel, was bin ich für ein gequältes Geschöpf!

Lischen. Aber gnädge Frau--

Sopie. Geh Sie mir aus den Augen. (Eilig ab.)

Zehnter Auftritt

Lischen. Habakuk.

Lischen (äußerst zornig). Nein, das ist nicht zum Aushalten, das Haus ist ja eine wahre Folterbank. Wie man nur die Dienstleute so herabsetzen kann?

Habakuk. Es ist aber auch ein Volk. Ich bin ein Bedienter, aber wenn ich mein eigner Herr wär, ich jaget mich selber fort.

Lischen. Mich eine Person zu heißen!

Habakuk. Solche Personalitäten!

Lischen. Halt Er Sein Maul! Wenn ich nur diesen langweiligen Menschen nicht mehr vor mir sehen dürfte!

Habakuk. Ich bin kein Menschenfeind, aber ich habe einen Stubenmädelhaß. Was mir diese Person zuwider ist, bloß weil sies nicht glauben will, daß ich in Paris gewesen bin. (Boshaft.) Gschieht Ihr schon recht, Mamsell Liserl!

Lischen. O Er erbärmlicher Wicht! Er verdient gar nicht, daß sich ein Stubenmädchen von meiner Qualität mit Ihm unter einem Dache befindet.

Habakuk. Oh, prahlen Sie nicht so mit Ihrer Stubenmädelschaft, Sie haben auch die Stubenmädlerei nicht erfunden. Ich versichere Sie, ich war zwei Jahr in Paris, da gibt es Stubenmädel--wenn man die ins Deutsche übersetzen könnt, das gäbet eine Stubenmädliade, wo sich die ganze hiesige Kammerjungferschaft verstecken müßt. Und Sie schon gar, meine liebe Exkammerjungfer.

Lischen. Er zwei Jahre in Paris gewesener Einfaltspinsel, Er kommt mir gerade recht, wenn Er sich noch einmal untersteht, seine unverschämte Zunge zu meinem Nachteil zu bewegen, so werd ich Seinen Backen einen Krieg erklären und Ihm den auffallendsten Beweis liefern, auf was für eine kräftige Art ein deutsches Kammermädchen die Ehre ihres Standes zu rächen weiß. (Gibt ihm eine Ohrfeige und geht schnell ab.)

Habakuk (hält sich die Wange). Nein, was man in dem Haus alles erlebt--ich war zwei Jahre in Paris, aber so etwas ist mir nicht vors Gesicht gekommen. (Geht ab, indem er sich den Backen hält.)

Elfter Auftritt

Verwandlung Kürzeres Zimmer. Rechts die Eingangstür, links führt eine Glastür nach dem Garten. Auf dieser Seite befindet sich ein massiver altmodischer Tisch und ein Stuhl. Rechts an der Wand neben der Tür ein hoher Spiegel. Neben der Gartentür ein Sekretär.

Rappelkopf kömmt in heftiger Bewegung zur Glastür herein. Sein ganzes Wesen ist sehr auffahrend. Er sieht die Menschen nur auf Augenblicke oder mit Seitenblicken an und wendet sich schnell, entweder erzürnt oder verächtlich, von ihnen ab.

Rappelkopf. Ha! Ja!

Lied Ja, das kann nicht mehr so bleiben, 's ist entsetzlich, was sie treiben. Ins Gesicht werd ich belogen, Hinterm Rücken frech betrogen, 's Geld muß ich am End vergraben, Denn sie stehln als wie die Raben. Ich hab keinen Kreuzer Schulden, Bare hunderttausend Gulden, Und doch wirds mir noch zu wenig, Es tät not, ich wurd ein König. Meine Felder sind zerhagelt, Meine Schimmel sind vernagelt, Meine Tochter, wie betrübt, Ist das ganze Jahr verliebt. Alle Tag ist das ein Gwinsel Um den Maler, um den Pinsel, Der kaum hat ein Renommee, Und vom Geld ist kein Idee. Und mein Weib, bei allen Blitzen, Will die Frechheit unterstützen, Sagt, er wär ein Mann zum Küssen, Wie die Weiber das gleich wissen! Und das soll mich nicht verdrüßen? Ja, da möcht man sich erschießen. Und statt daß man mich bedauert, Wird auf meinen Tod gelauert, Und so sind sie alle, alle, Ich zerberste noch vor Galle. Drum hab ich beschlossen und werd es vollstrecken, Ich laß von den Menschen nicht länger mich necken. Ich lasse mich scheiden, ich dringe darauf. Der ganzen Welt künd auf Michäli ich auf. Die Liebe, die Sehnsucht, die Freundschaft, die Treue, Mir falln s' nur nicht alle gschwind ein nach der Reihe, Die lockenden, falschen, gewandten Mamsellen, Die mich fast ein halbes Jahrhundert schon prellen, Die lad ich noch einmal zum Frühstück ins Haus Und peitsch sie, wie Timon, zum Tempel hinaus.

Es ist aus! Die Welt ist nichts als eine giftge Belladonna, ich habe sie gekostet und bin toll davon geworden. Ich brauch nichts von den Leuten, und sie kriegen auch nichts von mir, nichts Gutes, nichts Übles, nichts Süßes und nichts Saures. Nicht einmal meinen sauren Wein will ich ihnen mehr verkaufen. Ich habe Aufrichtigkeit angebaut, und es ist Falschheit herausgewachsen. Es ist schändlich, ich bin auf dem Punkte durch meinen eignen Schwager zum Bettler zu werden. Er hat mich überredet, mein Vermögen einem Handlungshause in Venedig anzuvertrauen, das jetzt dem Sturze nah sein muß. Ich erhalte keine Interessen, keinen Brief von meinem heuchlerischen Schwager, den ich verkannt und der vielleicht im Bunde steht mit dem betrügerischen Volk. Und so täuscht mich alles! alles! Darum will ich keinen Kameraden mehr haben als die zanksüchtige Erfahrung.

Das ist der vorsichtge, weltghetzte Hase Mit der vom Unglück zerstoßenen Nase, Mit dem millionmal verwundeten Schädel, Das ist mein Mann, den behandle ich edel.

Ich hab zu viel ausgestanden in der Welt. Mich hat die Freundschaft getäuscht, die Liebe betrogen und die Ehe gefoltert. Ich kanns beweisen, ich hab vier Attestaten, denn ich hab das vierte Weib. Und was für Weiber! Eine jede hat eine andere Untugend ghabt. Die erste war herrschsüchtig. Die hat wollen eine Königin spielen. Bis ich als Treffkönig aufgetreten bin. Die zweite war eifersüchtig bis zum Wahnsinn. Wie sich nur eine Fliegen auf meinem Gsicht hat blicken lassen, pums, hat sie s' erschlagen. Das waren zwei Ehen--da kann man sagen, Schlag auf Schlag. Die dritte war mondsüchtig. Wenn ich in der Nacht hab etwas auf sie sprechen wollen, ist sie auf dem Dach oben gsessen. Jetzt frag ich einen Menschen, ob das zum Aushalten war? Aber sie haben doch behauptet, sie könnten mit mir nicht leben, und sind aus lauter Bosheit gestorben. Bin aber nicht gscheid geworden, hat mich die Höllenlust angewandelt, eine vierte zu nehmen. Eine vierte, die viermal so falsch ist als die andern drei. Die mein Kind in ihrem Ungehorsam unterstützt. Den Maler protegiert, den Maler, der vor Hunger alle Farben spielt. Nichts als immer wispert mit der Dienstbotenbrut, Komplotte macht gegen ihren Herrn und Meister. (Sieht zur halboffnen Eingangstür hinaus.) Aha! Da schleicht das Stubenmädel herum. Die hat schon wieder eine Betrügerei im Kopf. Die wär nicht so übel, das Stubenmädel, das ist noch die sauberste--aber ich hab einen Haß auf sie, einen unendlichen--ich werd sie aber doch hereinrufen, bloß um sie auf eine feine Art auszuforschen. He! Lischen! (Schreit.) Herein mit ihr!

Zwölfter Auftritt

Voriger. Lischen tritt furchtsam ein.

Lischen. Was befehlen Euer Gnaden?

Rappelkopf (immer barsch). Ich hab etwas zu reden mit ihr.

Lischen (erschrickt). Mit mir? (Beiseite.) Nun das wird eine schöne Konversation werden. Was er schon für Augen macht!

Rappelkopf (beiseite). Ich werd alle möglichen Feinheiten gebrauchen. (Roh.) Da geh Sie her! (Lischen nähert sich verzagt. Rappelkopf betrachtet sie verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen.) Infame Person!

Lischen. Aber Euer Gnaden--

Rappelkopf. Was Gnaden--nichts Gnaden--schweig Sie still und antwort Sie.

Lischen. Das kann ich ja nicht zugleich.

Rappelkopf. Sie kann alles. Es gibt keinen Betrug, der Ihr nicht möglich wäre. Sie ist eine Mosaik aus allen Falschheiten zusammengesetzt. (Beiseite.) Ich muß mich zurückhalten, damit ich nur nicht unhöflich mit ihr bin.

Lischen (empört). Aber wer wird sich denn solche Impertinenzen sagen lassen?

Rappelkopf (heftig). Sie, Sie wird 's sich sagen lassen. Und wird keinen Laut von sich geben. Was hat Sie für eine Betrügerei vorgehabt? Sie will mich bestehlen?

Lischen. Nein!

Rappelkopf. Was denn?

Lischen. Ich will mich empfehlen. (Will fort.)

Rappelkopf (nimmt ein ungeladenes Jagdgewehr). Nicht von der Stelle, oder ich schieß Sie nieder!

Lischen (schreit). Hülfe, Hülfe!

Rappelkopf. Nicht mucksen! Antwort! Warum hat Sie so verdächtig herumgesehen? Was ist im Werk?

Lischen. Himmel, wenn es losgeht!

Rappelkopf. Nutzt nichts! losgehn muß etwas, entweder Ihr Maul oder die Flinten.

Lischen. Ach, was soll ich denn mein Leben riskieren! (Kniet nieder.) Lieber gnädiger Herr, ich will alles bekennen.

Rappelkopf. Endlich kommts an den Tag. Himmel, tu dich auf!

Lischen. Ich habe gelauscht, ob das Fräulein nicht aus dem Alpental zurückkömmt, die gnädge Frau hat mich ausgezankt, weil ich nicht bei ihr geblieben bin, da sie ihren Liebhaber erwartet, der heute ankommt. Die gnädige Frau ist mit ihr einverstanden, doch weil sie mich so mißhandelt hat, so verrate ich sie.

Rappelkopf. Entsetzlicher Betrug! O falsche Niobe! Und Sie niedrigdenkende Person, Sie wagt es, Ihre Frau zu verraten--der Sie so viel Dank schuldig ist? O Menschen, Menschen! Ausgeartetes Geschlecht! Aus meinen Augen geh Sie mir, Sie undankbare Kreatur, ich will nie mehr etwas von Ihr wissen.

Lischen. Aber was hätt ich denn tun sollen?

Rappelkopf. Schweigen hätt Sie sollen.

Lischen. Aber Euer Gnaden hätten mich ja erschossen.

Rappelkopf. Ist nicht wahr, es ist nicht geladen. Betrug für Betrug.

Lischen. So, also hätt ich diese Angst umsonst ausgestanden? Das ist abscheulich.

Rappelkopf. Nein, nicht umsonst. Du Krokodil von einem Stubenmädel--du sollst eine Menge dafür haben: meine Verachtung, meinen Haß, meinen Schimpf, meine Verfolgung und deinen Lohn. (Wirft ihr einen Beutel vor die Füße.) Nimms und geh aus meinem Haus. Mach dich zahlhaft, oder ich zahl dich auf eine andre Art aus. So nimms, warum nimmst du es denn nicht?

Lischen. Oh, ich werds schon nehmen. (Denkt nach.) Gnädger Herr!

Rappelkopf. Was denkst denn nach, du Viper? Nimms und ruf mir deine Frau.

Lischen (schnell auf die Gartentür deutend). Dort ist sie ja!

Rappelkopf (schießt schnell gegen die Gartentür). Wo ist sie? Wo? Her mit ihr.

Lischen (hebt schnell den Beutel auf). Das ist ein alter Narr! (Läuft schnell ab.)

Rappelkopf (sieht ihr nach). Hat ihn schon! O ihr Welten, stürzt zusammen, dieses weibliche Insekt wagt es, mich zum besten zu halten! O Rappelkopf! Wie falsch diese Menschen mit mir sind, und ich bin so gut mit ihnen! Ha! Dort kommt mein Weib, entsetzlicher Anblick--meine Haar sträuben sich empor, ich muß aussehen wie ein Stachelschwein.

Dreizehnter Auftritt

Voriger. Sophie.

Sopie (gelassen). Was willst du denn, lieber Mann?

Rappelkopf. Dich will ich, aus der gesamten Menschheit dich! und von dir mein Fleisch und Blut, mein Kind! Wo ist sie?

Sopie (verlegen). Sie ist nicht zu Hause--

Rappelkopf (sehr heftig). Nun also, wo ist sie--? Wo?--

Sopie. So sei nur nicht so heftig.

Rappelkopf. Jetzt bin ich heftig, und ich bin ganz erstaunt über meine Gelassenheit. Im Wald ist sie draußen. Also auch mein Kind ist verloren für mich?

Sopie. Nu, nu, in dem Wald ist ja kein Bär.

Rappelkopf. Aber ein junger Herr--Also die Gschicht ist noch nicht aus, mit diesem Maler?

Sopie. Und darf nicht aus sein, denn das Glück und die Ruhe deiner Tochter stehen auf dem Spiele. Sie wird ihn ewig lieben.

Rappelkopf. Und ich werd ihn ewig hassen.

Sopie. Was hast du als Mensch an ihm auszusetzen?

Rappelkopf. Nichts, als daß er einer ist.

Sopie. Was hast du gegen seine Kunst einzuwenden?

Rappelkopf. Alles! Ich hasse die Malerei, sie ist eine Verleumderin der Natur, weil sie s' verkleinert. Die Natur ist unerreichbar. Sie ist ein ewig blühender Jüngling, doch Gemälde sind geschminkte Leichen.

Sopie. Ich kann deine Ansichten nicht billigen und darf es nicht. Meine Pflicht verbietet es.

Rappelkopf. Weil du dir die Pflicht aufgelegt hast, mich zu hassen, zu betrügen, zu belügen et cetera. (Wendet sich von ihr ab.)

Sopie. So laß dir doch nur sagen--

Rappelkopf. Ist nicht wahr.

Sopie. Ich habe ja nichts gesagt noch--

Rappelkopf. Du darfst nur das Maul aufmachen, so ist es schon erlogen.

Sopie. So blick mich doch nur an--

Rappelkopf. Nein, ich hab meinen Augen jedes Rendezvous mit den deinigen untersagt. Lieber Kronäugeln als Liebäugeln. Aus meinem Zimmer! (Setzt sich und dreht ihr den Rücken zu.)

Sopie (empört). Du wendest mir den Rücken zu?

Rappelkopf. In jeder Hinsicht. Weil du alles hinter meinem Rücken tust, so red auch mit mir hinter meinem Rücken. Ich bin kein Janushaupt, ich hab nur ein Antlitz, und da ist nicht viel daran, aber wenn ich hundert hätt, so würd ich sie alle von euch abwenden. Darum befrei mich von deiner Gegenwart! Hinaus, Ungeheuer!

Sopie. Mann, ich warne dich zum letzten Male. Diese Behandlung hab ich weder verdient, noch darf ich sie länger erdulden, wenn ich nicht die Achtung vor mir selbst verlieren soll. Niemand ist deines Hasses würdiger als dein Betragen. Es ist ein Feind, der sich in seinem eignen Haus bekriegt. Und es ist wirklich hohe Zeit, daß ich mich entferne, damit ich mich nicht durch den Wunsch versündige, der Himmel möchte dich von einer Welt befreien, die deinem liebeleeren Herzen zur Last geworden ist und in der du keine Freude mehr kennst als die Qual deiner Angehörigen. (Geht erzürnt ab.)

Rappelkopf (allein). Das ist eine schreckliche Person. Alles ist gegen mich, und ich tu niemand etwas. Wenn ich auch manchmal in die Hitz komm, es ist eine seltene Sach, wenn ich ausgeredt hab, ich weiß kein Wort mehr, was ich gsagt hab. Aber die Menschen sind boshaft, sie könnten mich vergiften. Und dieses Weib, gegen die ich eine so auspeitschenswerte Liebe ghabt hab, ist imstande, mich so zu hintergehen. Und doch fordert sie Vertrauen. Woher nehmen? Wenn ich nur einen wüßt, der mir eines leihte! Ich wollte ihm dafür den ganzen Reichtum meiner Erfahrung einsetzen. (Stellt sich an die Gartentür.) Dieser Garten ist noch meine einzige Freud. Die Natur ist doch etwas Herrliches. Es ist alles so gut eingerichtet. Aber wie diese Raupen dort wieder den Baum abfressen. Dieses kriechende Schmarotzergesindel. (Sich höhnisch freuend.) Freßts nur zu. Nur zu. Bis nichts mehr da ist, nachher wieder weiter um ein Haus. O bravissimo! (Bleibt in den Anblick versunken mit verschlungenen Armen stehen.)

Vierzehnter Auftritt

Voriger. Habakuk tritt zur Eingangtür herein, ein Kuchelmesser in der Hand.

Habakuk. Jetzt wollen wirs probieren. (Sieht Rappelkopf, erschrickt.) Sapperment, da steht er just vor der Gartentür! Wie komm ich denn jetzt hinaus? Ich trau mich nicht vorbei. Er fahret auf mich los als wie ein Kettenhund. Ach, was kann denn mir geschehen! Ich war zwei Jahr in Paris. Euer Gnaden erlauben, daß ich (Rappelkopf kehrt sich schnell um und erschrickt. Habakuk erschrickt ebenfalls.)

Rappelkopf. Was ists--? Was will Er?

Habakuk (für sich). Bellt mich schon an. (Versteckt das Messer unwillkürlich.)

Rappelkopf (packt ihn an der Brust). Was willst du da herin, warum erschrickst?

Habakuk (für sich). Hat mich schon. (Laut.) Euer Gnaden verzeihen, ich hab--

Rappelkopf. Was hast? Ein schlechtes Gewissen hast. Was versteckst denn da? Ans Licht damit!

Habakuk (zeigt es vor). Ich versteck gar nichts, Euer Gnaden. Es ist ein Kuchelmesser--

Rappelkopf (prallt entsetzt zurück). Himmel und Hölle! Der Kerl hat mich umbringen wollen.

Habakuk. Warum nicht gar--

Rappelkopf. Den Augenblick gesteh! (Packt ihn und entreißt ihm das Messer.) Ist dieses Messer für mich geschliffen?

Habakuk. Ah, das wär ja rasend, wenn Euer Gnaden so was glauben könnten-- Ich hab ja Euer Gnaden nur fragen wollen--

Rappelkopf. Ob du mich umbringen darfst?

Habakuk. Warum nicht gar, da würd man ja Euer Gnaden lang fragen--

Rappelkopf. O du schändlicher Verräter!

Habakuk. So lassen sich Euer Gnaden nur berichten--

Rappelkopf. Keine Entschuldigung, hinaus mit dir!

Habakuk (beiseite). Er laßt einem nicht zu Wort kommen. (Laut.) Euer Gnaden müssen mich hören. (Will auf ihn zu.)

Rappelkopf (hält einen Stuhl vor). Untersteh dich und komm mir auf den Leib. Ich glaub, er hat noch ein paar Messer bei sich. Der Kerl ist ein völliger Messerschmied.

Habakuk. So untersuchen mich Euer Gnaden ins Teufels Namen--

Rappelkopf (packt ihn wieder). Das will ich auch. Gesteh, Bandit von Treviso, wer hat dich gedungen?

Habakuk. Ich versteh Euer Gnaden gar nicht.

Rappelkopf. Ich will wissen, wer diese Schreckenstat veranlaßt hat.

Habakuk. Mein Himmel, die gnädige Frau hat gschafft--

Rappelkopf. Genug, ich brauch nicht mehr zu wissen. Entsetzlich! (Habakuk will reden. Rappelkopf schreit.) Nichts mehr! Mein Weib will mich ermorden lassen! (Sinkt in einen Stuhl und verhüllt sein Gesicht.)

Habakuk (für sich). Ah, das ist schrecklich! ich hätt sollen einen Zichori ausstechen (ringt die Hände), und er glaubt, ich will ihn umbringen. Ah, das ist schrecklich, das ist schrecklich!

Rappelkopf. Ja, es ist schrecklich--es ist entsetzlich, es ist das Unmenschlichste, was die Weltgeschichte aufzuweisen hat. (Nimmt den Stuhl.) Hinaus, du Mörder! du Abällino! du Ungeheuer in der Livree!

Habakuk. Aber Euer Gnaden--

Rappelkopf. Hinaus mit dir--

Habakuk. Nein, ich war--

Rappelkopf (wütend). Hinaus, sag ich, oder--(jagt ihn hinaus.)

Habakuk (schon vor der Tür, schreit). Ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich noch nicht erlebt. (Ab.)

Rappelkopf (allein). Es ist vorbei, ich bin unter meinem eignen Dache nicht mehr sicher. Drum hinaus, nur hinaus Aus dem mörderischen Haus! Doch vorher will ich mich rächen, Alle Möbel hier zerbrechen. Gleich zuerst nehm ich beim Schößel Diesen vierzigjährgen Sessel, Auf dem meine Weiber saßen, Die mein Lebensglück mir fraßen. Ha! Dich tret ich ganz zuschanden. (Zertritt den Stuhl.) So--der hat es überstanden. Auch den Tisch, an dem ich Briefe, Voll Gemüt und treuer Tiefe, Einst an falsche Freunde schrieb, Spalte ich auf einen Hieb. (Schlägt in den Tisch.) Und der weltverführnde Spiegel, Der Verderbtheit blankes Siegel, Dieser Abgott aller Schönen, Dem die eitlen Narren frönen, Wo sie stehen, wo sie gaffen Und sich putzen wie die Affen, Gsichter schneiden, Buckerl machen, Weißer Zähne willen lachen: O du truggeschliffner Räuber! Du Verführer eitler Weiber! O du niedrige Lappalie! Wart, dir liefr ich jetzt Bataille. (Erblickt sich in dem Spiegel.) Pfui! das häßliche Gesicht, Ich ertrag es länger nicht. (Zerschlägt den Spiegel mit geballter Faust.) So! da liegt er jetzt, der Held, Und sein Harnisch ist zerschellt. (Besieht die Hand.) Ha! der glänzende Betrüger Hat verwundet seinen Sieger, Doch ich mach mir nichts daraus, Flöß ein Eimer Blut heraus. (Öffnet den Schreibtisch und nimmt Briefe aus demselben.) Auch die Briefe voll von Lieb, Die im Wahnsinn ich einst schrieb, Die zerreiß ich alle hier. 's ist nur schad um das Papier. (Zerreißt sie und streut sie auf den Boden. Nimmt Geldrollen und Geldbeutel aus einer Schatulle.) Nur das tiefgehaßte Geld, Die Mätresse dieser Welt, Das bewahr ich mir allein, Das muß mit, das steck ich ein. (Steckt es schnell in die Taschen.) Nun? Ihr Esel, ihr vier Wände, Die ich hasse ohne Ende, Warum schaut ihr mich so an? Bin ich nicht ein ganzer Mann? Euch kann ich zwar nicht zerschlagen, Doch ich will euch etwas sagen: Ich geh jetzt in Wald hinaus Und komm nimmermehr nach Haus.

(Läuft wütend ab.)

Fünfzehnter Auftritt

Verwandlung Das Innere einer Köhlerhütte. Rußige Wände.

Salchen am Spinnrocken. Hänschen, Christopherl, Andresel sitzen am Tisch. Marthe an einer Wiege, in der ihr Kind liegt. Unterm Tisch ein großer schwarzer Hund. Auf dem Tisch eine Katze, mit welcher die Knaben spielen. Im Hintergrunde zwei schlechte Betten. In einem liegt die kranke Großmutter, in dem andern der betrunkene Christian.

Quintett

Salchen (fröhlich). Wenn ich an mein Franzel denk, Wird mir halt so gut. 's Herzel, das ich ihm nur schenk, Kriegt gleich frohen Mut.

Die drei Kinder. He, Mutter, gib was z' essen her, Der Magen tut uns weh!

Salchen. Das Hungern fällt mir gar nicht schwer, Wenn ich mein Bürschel seh. Wenn ich an mein Franzel denk, Wird mir halt so gut. 's Herzel, das ich ihm nur schenk, Kriegt gleich frohen Mut.

Die drei Kinder. Mutter, gib uns Brot!

Christian (mit lallender Stimme). Ihr Bagage, seids nicht still? Tausendschwerenot!

Marthe (ruft). Still!

Das Kind. Qua qua!

Die Katze. Miau!

Der Hund. Hau hau!

(Die erste Melodie fällt ein.)

Salchen. Mein Franzel ist ein wiffer Bua, Singt den ganzen Tag: Daß er mich alleinig nur Und kein andre mag.

Die drei Kinder. Wenn wir nicht was z' essen kriegn, So gehn wir ja zugrund!

Salchen. So weckts das Kind nicht in der Wiegn, Und spielts euch mit den Hund! Mein Franzel ist ein wiffer Bua, Singt den ganzen Tag: Daß er mich alleinig nur Und kein andre mag.

Die drei Kinder. Sapperment, ein Brot!

Christian. Wanns nicht euern Schnabel halts, Schlag ich euch noch tot!

Marthe. Still!

Das Kind. Qua qua!

Die Katze. Miau!

Der Hund. Hau hau!

Marthe. Still seids, ihr ausgelassenen Buben!

Hänschen (weinerlich). Mutter, a Brot!

Salchen. Ist keins da, Holzbirn eßts!

Marthe. Und machts keinen solchen Lärm. Euern Vater ist nicht gut.

Andresel. Was fehlt ihm denn?

Marthe. Den Schwindel hat er. (Für sich.) Man darfs den Kindern nicht einmal sagen.

Christoph. Jetzt hat der Vater so viel Kohlen verkauft--

Andresel. Und hat kein Geld z' Haus bracht, nichts als ein Schwindel.

Salchen. Was geht das euch an?

Andresel. Weil wir hungrig sein. Ich weiß schon, warum wir so wenig z' essen kriegen, weil der Vater so viel trinkt.

Salchen. Jetzt schaut d' Mutter einmal die Spitzbuben an. Sie haben gar kein Respekt vor ihren Vatern.

Christian. Ich massakrier die Buben alle drei. (Er will auf und taumelt.)

Marthe. Liegen bleib! (Sie drängt ihn ins Bette.)

Andresel. Er kriegt schon wieder den Schwindel.

Alle drei Buben (lachen). Haha! Der Vater kann nicht grad stehn!

Marthe. Ob ihr aufhört! Nein, wie hat mich der Himmel gstraft!

Das Kind (schreit). Qua qua!

Marthe (zu Salchen). Aufs Kind schau! (Salchen wiegt.) Eine Butten voll Kinder und so einen liederlichen Mann. Kein Pfennig Geld im Haus. (Die Großmutter niest im Bett.) Hört d' Mutter zum niesen auf. Man hört sein eignes Wort nicht.

Die drei Buben. Ah, das ist a Spaß.

Andresel. D' Mutter ist zornig. Haha!

Marthe. Nein, die Gall bringt mich um. Du verdammter Bub du, wart, ich will dir deine Mutter ausspotten lernen! (Nimmt ihn beim Kopf und schlägt ihn.)

Andresel (schreit). Au weh! (Weint.)

Salchen (springt herzu und hält sie ab). So hört d' Mutter auf!--

(Die zwei andern Buben verkriechen sich hinter den Tisch und hinters Bett.)

Alles zugleich: Das Kind (in der Wiege). Qua qua! Die Großmutter (streckt im Bett die Arme heraus und niest). Hehe! Der Hund (bellt). Hau hau!

(Die Katze springt davon.)

Sechszehnter Auftritt

Vorige. Rappelkopf öffnet die Tür und bleibt stehen.

Rappelkopf. Holla, da gehts zu, nur hinauf auf die Köpf! Das ist ein Gesindel. (Geht in die Mitte des Zimmers und klatscht in die Hände. Schadenfroh.) Bravo! Bravissimo!

Salchen. Jetzt schauts den an. Was will denn der da?

Marthe. Nu was will Er? Was schaut Er?

Rappelkopf. Sie will ich nicht. Sie Altertum! Was kost die Hütten da? Was muß ich zahlen, wenn ich euch alle hinauswerfen darf?

Salchen. Ah, der hat einen kuriosen Gusto.

Marthe. Er impertinenter Mensch, was untersteht Er sich denn, da hereinzukommen--

Salchen. Und uns Grobheiten anzutun.

Christian (halb schlaftrunken). Werfts ihn aussi!

Marthe (verdrüßlich). Halt's Maul! (Zu Rappelkopf) Was hat denn Er zu befehlen, ich kann meine Kinder schlagen, wie ich will.