Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Part 1

Chapter 1 3,769 words Public domain Markdown

Produced by Delphine Lettau

Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Ferdinand Raimund

Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen

Personen:

Astragalus, der Alpenkönig Linarius und Alpanor, Alpengeister

Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer Sophie, seine Frau Malchen, seine Tochter dritter Ehe Herr von Silberkern, Sophiens Bruder, Kaufmann in Venedig August Dorn, ein junger Maler Lischen, Malchens Kammermädchen Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf Sebastian, Kutscher in Rappelkopfs Dienst Sabine, Köchin in Rappelkopfs Dienst

Christian Glühwurm, ein Kohlenbrenner Marthe, sein Weib Salchen, ihre Tochter Hänschen, Christoph und Andres, ihre Kinder Franzel, ein Holzhauer, Salchens Bräutigam Christians Großmutter

Rappelkopfs verstorbene Weiber: Victorinens Gestalt Wallburgas Gestalt Emerentias Gestalt

Alpengeister. Genien im Tempel der Erkenntnis. Dienerschaft in Rappelkopfs Hause.

Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landgut vor.

Erster Aufzug

Erster Auftritt

Die Ouvertüre beginnt sanft und drückt fröhlichen Vogelsang aus, dann geht sie in fremdartiges Jagdgetön über, begleitet von Büchsenknall. Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende Gegend am Fuß einer Alpe, welche sich im Hintergrunde majestätisch erhebt. Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebüsche von Alpenrosen, links ein abgebrochener Baumstamm und im Vordergrunde rechts ein hoher Fels aus.

Ein Chor von Alpengeistern, dabei Linarius, durchaus grau als Gemsenjäger gekleidet, jeder eine erlegte Gemse über den Rücken hängen, eilt von der Alpe herab und sammelt sich im Vordergrunde der Bühne.

Chor. Stellt die Jagd ein, luftge Schützen! Von den steilen Alpenspitzen Steigt herab ins blumge Tal. Zählt mit wilder Jägerfreude Schnell die frischgefällte Beute Hier im grünen Weidmannssaal.

Zweiter Auftritt

Astragalus, ganz grau gleich den übrigen Geistern als Alpenjäger gekleidet, ein Jagdgewehr über die Schulter.

Astragalus (im rauhen Tone). Holla ho, ihr Jägersleute! Seid genügsam in der Beute. Laßt, ihr jagdberauschten Schergen, Ruhn das Gemsvolk in den Bergen. Lang gedonnert haben wir Heut im steinigten Revier.

Linarius (erster Alpengeist). Großer Fürst, du magst nur winken, Und der Alpen Geister sinken Kraftberaubet in den Staub Wie vorm Sturmwind welkes Laub. Keiner ist hier, der es wagt, Fortzusetzen mehr die Jagd. Doch es kann nichts Schönres geben, Als auf Alpenspitzen schweben Und den Blitz vom Rohre senden, Der Gazelle Leben enden. Ha! wenn aus metallnem Lauf Krachend sich der Schuß entladet Und die goldne Kugel drauf In der Gemse Blut sich badet: Das ist echte Weidmannslust, Das erhebt des Jägers Brust.

Alle. Das ist echte Weidmannslust! Das erhebt des Jägers Brust!

Astragalus. Bei des Eismeers starren Wellen, Ihr seid wackre Jagdgesellen. Oft soll euch die Lust entzücken, Doch auch andre mags beglücken. Denn was wir dem Berg entwenden, Will ins dürftge Tal ich senden. An Bewohner niedrer Hütten, Die um karges Mahl oft bitten, Teilet eure Gemsen aus. Werft sie unsichtbar ins Haus.

Linarius. Edel ist stets dein Beginnen, Und wir eilen schnell von hinnen, Um den mächtgen Herrscherwillen Stolz zu ehren durch Erfüllen. Laßt die Hütten uns umrauschen Und leis dem Entzücken lauschen, Wenn sie in der Tiere Wunden Goldne Kugeln aufgefunden. Dankesperlen, die sie weinen, Wollen wir zu Kränzen einen, Daß sie zieren dann zum Lohn Lieblich deinen Alpenthron.

(Alle ab.)

Dritter Auftritt

Astragalus allein.

Astragalus. Wohl soll in der Geister Walten Lieb und Großmut mächtig schalten, Und ihr Wesen hoher Art, Wo sich Kraft mit Freiheit paart, Soll, befreit von irdschem Band, Schwingen sich an Äthers Rand. Doch, so wies im Menschenleben Bös und gut Gesinnte gibt, Jener haßt und dieser liebt: So ists auch in Geistersphären, Daß nicht all nach oben kehren Ihr entkörpert Schattenhaupt, Und, des liebten Sinns beraubt, Auch der Böse schaut nach unten, An die finstre Macht gebunden. Und so wird der Krieg bedinget, Der die Welt mit Leid umschlinget, Der die Wolken jagt durch Lüfte, Der auf Erden baut die Grüfte, Der den Geist gen Geist entzweiet, Der dem Hai die Kraft verleihet, In des Meeres Flut zu wüten, Der dem Nordhauch schenkt die Blüten, Der den Sturm peitscht gegen Schiffe, Daß zerschmettern sie am Riffe, Der die Menschen reiht in Heere, Daß sie zu des Hasses Ehre Über ihrer Brüder Leichen Sich des Sieges Lorbeer reichen-- Doch ich liebe Geisterfrieden, Bin dem Menschen gut hienieden, Hause nicht in Bergesschlünden, Laß in freier Luft mich finden. Hab auf Höhen, glänzend weiß, Auf des Gletschers kühnstem Eis, Mein kristallnes Schloß erbaut, Das der Sterne Antlitz schaut. Und dort blick aus klaren Räumen Auf der Menschheit eitles Träumen Mitleidsvoll ich oft herab. Doch wenn ich am Pilgerstab Manch Verirrten wandern sehe, Steig von meiner wolkgen Höhe Nieder ich zum Erdenrunde, Reich ihm schnell die Hand zum Bunde Und leit ihn mit Freundessinn Zum Erkenntnistempel hin. (Ab.)

Vierter Auftritt

Auf der entgegengesetzten Seite Malchen, Lischen. Erstere im lichtblauen Sommerkleide, einen Strohhut auf dem Haupte, läuft fröhlich voraus.

Malchen. Ach, das heiß ich gelaufen, wie pfeilschnell doch die Liebe macht! (Sieht sich um.) Hier ist mein teures Tal. Wie herrlich alles blüht, heut glänzt die Sonne doppelt schön, als wäre Festtag an dem Himmel und sie des Festes Königin. Ach, wie dank ich dir, du liebe Sonne, daß du mir meinen August bringst. Lischen, Lischen! (Ruft in die Kulisse.) Wo bleibst du denn? Wie ängstlich sie sich umsieht. Was hast du denn?

Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr geschwätzig). Aber Sie unglückseliges Fräulein, wie können Sie sich denn heute in diese berüchtigte, verrufene, bezauberte Gegend wagen? Haben Sie nicht die wilde Jagd gehört? heut ist der Alpenkönig los. Hätt ich das gewußt, Sie hätten mich nicht mit zwanzig Pferden aus dem Haus gezogen. Aber Sie weckten mich auf, sagten mir, ich sollte mich schnell anziehen, Sie wollten Ihrem August entgegeneilen, der heute von seiner Kunstreise aus Italien zurückkömmt.

Malchen. Nun, das tat ich ja. Hier erwart ich meinen August. Sein letzter Brief nennt mir den heutgen Morgen. Hier schieden wir in Gegenwart meiner Mutter vor drei Jahren mit betrübtem Herzen voneinander. Du weißt, daß mein Vater schon damals gegen unsere Liebe war, obwohl Augusts Onkel starb und ihm einiges Vermögen hinterließ, schlug er ihm doch meine Hand ab, geriet in den heftigsten Zorn und warf ihm Talentlosigkeit in seiner Malerkunst vor. August, auf das bitterste gekränkt, beschloß, nach Italien zu reisen, um seinen Kummer zu zerstreuen und sich an den großen Mustern zu bilden. Hier schwor er mir ewge Treue, meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand, doch du weißt, wie es um meinen armen Vater steht. Hier haben wir uns getrennt, hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu stürzen. Nach seinen Briefen hat er große Fortschritte in seiner Kunst gemacht.

Lischen. Was Italien, was Kunst, was helfen mir alle Maler von ganz Italien und Australien! In diesen Bergen haust der Alpenkönig. Und wenn uns der erblickt, so sind wir verloren.

Malchen. So sei nur ruhig, es wird ja den Hals nicht kosten.

Lischen. Aber die Schönheit kanns kosten, und der Verlust der Schönheit geht uns Mädchen an den Hals. Und wie innig ist die Schönheit mit dem Hals verbunden, wer halst uns denn, wenn wir nicht schön mehr sind? Wissen Sie denn nicht, daß jedes Mädchen, das den Alpenkönig erblickt, in dem Augenblick um vierzig Jahre älter wird? Ja sehen Sie mich nur an, keine Minute wird herabgehandelt. Vierzig Jahre, und unsere jetzigen auch noch dazu, da wird eine schöne Rechnung herauskommen. Stellen Sie sich die Folgen einer so entsetzlichen Verwandlung vor. Was würde ihr geliebter Maler dazu sagen, wenn er in Ihnen statt einer blühenden Frühlingslandschaft eine ehrwürdige Wintergegend aus der niederländischen Schule erblickte, was würden alle meine Anbeter dazu sagen, wenn der Anblick dieses Ungetüms meine Wangen in Falten legte wie eine hundertjährige Pergamentrolle?

Malchen. Aber wer hat dir denn solche Märchen aufgebunden? Beinahe könnt ich selbst in Angst geraten. Es gibt gar keinen Alpenkönig.

Lischen. Nicht? Nun gut--bald werd ich Sie wie meine Großmutter verehren. Folgen Sie mir, oder ich laufe allein davon. (Will fort.)

Malchen. So bleib nur, mein August wird bald hier sein, die Sonne steht schon hoch, du mußt mir Toilette machen helfen, der Wind hat meine Locken ganz zerrüttet. Du hast doch den kleinen Spiegel mitgenommen, wie ich dir befahl?

Lischen. Ei freilich, ach, hätt ich lieber meine Angst vergessen!

Malchen. So. (Setzt sich auf den Baumstamm und öffnet ihre Locken. Lischen steht mit dem Spiegel vor ihr.) Halt ihn nur! Weißt du, Lischen, ich muß mich doch ein wenig zusammenputzen, er kömmt aus Italien, und die Frauenzimmer sollen dort sehr schön sein.

Lischen. Hahaha, warum nicht gar! Ich kenne in der Welt nur ein schönes Frauenzimmer. Sie werden mich verstehen, Fräulein.

Malchen (nimmt es auf sich). Du bist zu galant, Lischen, das verdien ich nicht.

Lischen (beiseite). Die glaubt, ich mein sie, wie man nur so eitel sein kann--und ich meine mich.

Malchen. So, Lischen, jetzt sind die Locken alle offen--jetzt halt nur gut, der Alpenkönig tut uns nichts.

Lischen. Ach ums Himmels willen, nennen Sie doch den abscheulichen Alpenfürsten nicht--(erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebüsche, Himmel, ich laß den Spiegel fallen. (Ein Auerhahn fliegt aus dem Gebüsche auf. Sie schreit.) Ach der Alpenkönig! (Läuft mit dem Spiegel fort.)

Malchen (nachrufend). Lischen, Lischen, was schreiest du denn, es ist ja nur ein Vogel. Ach du lieber Himmel, sie hat ja den Spiegel mitgenommen, die läuft ganz sicher nach Hause. Lischen, so höre doch! Entsetzlich, meine Locken, wenn jetzt August kömmt und mich so erblickt. Das überleb ich nicht. Ach du lieber Himmel, wie hätt ich mir das vorstellen können, das ist doch das größte Unglück, das einem Menschen begegnen kann. (Besinnt sich.) Aber pfui, Malchen, was ist das für eine Eitelkeit, August wird dich doch nicht deiner Locken wegen lieben? (Ärgerlich.) Aber die Locken tragen dazu bei, wenn die Männer nun einmal so sind, was kann denn ich dafür? Und warum heißen sie denn Locken, wenn sie nicht bestimmt wären, die Männer anzulocken? (Sieht in die Szene.) Ach, dort eilt er schon den Hügel herauf. O welche Freude (hüpft), welche Freude! (Plötzlich stille.) Wenn nur die fatalen Locken nicht wären! Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken, vielleicht bring ich sie doch ein wenig zurechte. (Verbirgt sich hinter das Rosengebüsche.)

Fünfter Auftritt

August im einfachen Reiseanzug, eine Mappe unter dem Arme.

August. Von dem meerumwogten Strande, Aus dem wunderholden Lande, Wo die goldnen Ährenfelder Wechseln mit Orangenwälder, Wo die stolzen Apenninen Über alte Größe sinnen, Wo die Kunst mit Geisteswaffen Das Vollendetste erschaffen, Wo die ungeheuren Reste Der zerfallenen Paläste An die Kraft der Zeit uns mahnen Und wir bebend Hohes ahnen: Aus dem Tempel der Natur Kehr ich heim zur stillen Flur. Denn im biedern Vaterlande Ketten mich die teuern Bande Zarter Liebe, fester Treue, Und der Riesenbilder Reihe, Die wie Träume mich umwehen, Schließt ein frohes Wiedersehen.

Seid mir gegrüßt, ihr heimatlichen Berge! O Erinnerung, wie nah trittst du an mich und reichst mir einen schönen Kranz, geflochten aus vergangnen Freuden. Und doch muß ich bei all dem Schönen hier das Schönste noch vermissen, bei all dem Lieben fehlt mein Liebstes mir. Wo bist du, teures Malchen? Warum erwartest du mich nicht? Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben? Ist sie krank? Vielleicht kann sie so früh vom Haus nicht fort. Sie kömmt gewiß. Ich will indes die Gegend zeichnen hier, die sie so liebt, und zum Geschenk ihrs bieten, wenn sie naht. (Er setzt sich auf den Baumstamm und zeichnet.) Wie herrlich dort die Alpe glänzt im Sonnenstrahl, die heitre Luft, und hier--der dunkle Fels, der üppge Rosenstrauch--nur eins gefällt mir nicht, die bleichen Rosen machen sich nicht gut, ich wüßte schönere, die auf ihren Wangen blühn. Wär nur Malchen hier, sie sagte mir gewiß, was ich für Farben wählen soll.

Malchen (öffnet mit beiden Händen den Rosenstrauch und blickt liebevoll hervor, so daß sie mit halbem Leibe sichtbar ist und sagt zärtlich). Laß sie blau sein wie Beständigkeit.

August (höchst entzückt). Amalie!

(Sie stürzen sich in die Arme.)

Malchen. August, lieber August!

Astragalus (erscheint auf dem Fels im Vordergrunde und ruft). Heisa he! da gehts ja lustig zu im Alpentale. (Er stützt sich auf sein Gewehr und behorcht das folgende Gespräch.)

August. Liebes, schönes, gutes Malchen--(plötzlich scherzhaft) böses Malchen, warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt?

Malchen. Sei nicht böse, lieber August!

August. Dafür räch ich mich durch diesen Kuß. (Küßt sie.)

Malchen. O du rachsüchtiger Mensch!

August (sanft). Bist du ungehalten darüber?

Malchen (unschuldig). Gott bewahre, räche dich nur. Böse Leute sagen, die Rache sei süß, und auf diese Weise möcht ich es beinahe glauben.

August. Gutes Malchen! Wie glücklich fühl ich mich, dich wieder zu sehen, nichts soll uns trennen als der Tod

Malchen. Und mein Vater, August, der ist noch weit über den Tod. Wenn der gute Vater nur nicht gar so böse auf mich wäre!

August. Sorge nicht, Malchen, wenn er die Fortschritte meiner Kunst erfahren wird, wenn er sich von der Beständigkeit meiner Liebe überzeugt, so kann uns seine Einwilligung nicht entgehen. Ich will noch heute zu ihm.

Malchen. Ach, das ist vergebens. Mein Vater spricht niemand außer seiner Familie, nur selten die Dienerschaft. Er ist zum Menschenfeind geworden.

August. Unmöglich, und du rühmtest mir sein Herz, seine Rechtlichkeit.

Malchen. Er besitzt beides. Doch du weißt, daß mein Vater, als er in der Stadt noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte, um große Summen betrogen wurde, die er aus Gutmütigkeit an falsche Freunde verlieh. Undank und Niederträchtigkeit brachten ihn zu dem Entschluß, seinen Buchhandel aufzugeben, die Stadt zu fliehen und sich auf seinem gegenwärtigen Landsitz vor der Zudringlichkeit ähnlicher Menschen zu verbergen. Hier liest er nun unaufhörlich philosophische Bücher, die ihm den Kopf verrücken. Sein Mißtrauen hat keine Grenzen. Er hat die unglückliche Weise, gegen jeden Menschen so aufzufahren, daß er die gleichgültigsten Dinge mit einer Art von Wut verlangt. Niemand, selbst die Mutter, kann um ihn weilen. Alles flieht und fürchtet ihn, und darum hat er jeden im Verdacht der Untreue und gönnt doch keinem eine Verteidigung. Sein Menschenhaß steigt mit jedem Tage, und wir fürchten für sein Leben. Wie gerne würden wir alles dafür tun, ihn von unserer Liebe zu überzeugen; doch, wer lehrt ihn den Fehler seiner unbilligen Heftigkeit einsehen und ablegen, womit er sich alles zum Feinde macht und sich der Mittel beraubt, die Menschen aus einem bessern Gesichtspunkte zu betrachten. Deinen Namen dürfen wir gar nicht aussprechen, er weiß, daß meine Mutter unsre Liebe billiget, und haßt sie darum bis in den Tod.

August. O grausames Schicksal, warum vernichtest du all meine glücklichen Träume wieder? Also kann ich dich nie besitzen, Malchen?

Malchen. Wenn ich nur ein Mittel wüßte, dich zu erringen! Wär ich frei wie jener Vogel, der sich so fröhlich in der blauen Luft dort wiegt, ich zöge mit dir durch die ganze Welt. Glückliches beneidenswertes Tier! Wer darf dir deine Freiheit rauben? (Astragalus schießt den Vogel aus der Luft. Man sieht ihn aber nicht fallen. Malchen erschrickt.) Ha!

Astragalus (immer im rauhen Tone). Des Schützen Blei, weil du die Frage stellst.

Malchen (blickt hinauf). O August, sieh!

August. Wer bist du, grauer Wundermann?

Astragalus. Den Alpenkönig nennt man mich.

Malchen. Der Alpenkönig! wehe mir! (Sinkt ohnmächtig in Augusts Arme.)

August. Was ist dir, Malchen? Hülfe, Hülfe, steht ihr bei!

Astragalus (lachend). Da müssen Steine sich erbarmen selbst. Hab Mitleid, Fels, und öffne schnell dein Herz! (Er stoßt mit dem Kolben des Gewehrs an den Fels. Der Fels öffnet sich, man sieht einen kleinen Wasserfall, der über Rosen sprudelt, an dem zwei Genien lauschen, sie fangen mit goldnen Muscheln Wasser aus der Quelle und besprengen Malchen damit.) Erwache, Törin, die sich Flügel wünscht und so die Erde höhnt!

August. Sie schlägt das Auge auf. Wie ist dir, Malchen?

Malchen. Ach, wie kann mir sein! Ich habe den Alpenkönig erblickt. Jetzt bin ich gewiß um vierzig Jahre älter geworden. Erkennst du mich noch, August?

August. Bist du von Sinnen? Was hast du denn?

Malchen. Ach, Falten habe ich, lieber August, viele tausend Falten. Ich muß entsetzlich aussehen. Sieh mich nur nicht an!

August. Was fällt dir ein! Du bist so schön, als du es immer warst.

Malchen. Schön wär ich? Gewiß? Und hätte keine Falte, keine einzige?

August. Gewiß nicht.

Malchen. Ach du lieber Himmel, wie danke ich dir! Nein, eine solche Angst hab ich in meinem Leben noch nicht ausgestanden!

August. Was war dir denn?

Malchen. Nun, Lischen sagte mir, ein Mädchen, das den Alpenkönig sieht, würd um vierzig Jahre älter.

Astragalus (tritt vor). So sagte sie?

Malchen. Ach! da ist er schon wieder! (Verhüllt das Gesicht.)

Astragalus. Seid ohne Furcht und horcht, was Alpenkönig spricht. Schon zweimal sah ich eurer Herzen Brand Wie Morgenrot auf Lilienschnee erglühen Und Tränen, edler Sehnsucht nur verwandt, Leidkündend über eure Wangen ziehen. Und weil mich dies so inniglich erfreut, Daß ihr so seltsam treu noch denket, Hab ich euch meine Fürstengunst geweiht Und eure Lieb mit meinem Schutz beschenket. (Zu Malchen.) Ich weiß um deines Vaters Menschenhaß, Hab ihn belauscht, wenn er den Wald durchrannte Mit Ebersgrimm, auf Bergesgipfel saß Und seinen Fluch nach allen Winden sandte. Doch laßt darum den treuen Mut nicht sinken. Erkennen wird mit seinem Wahnsinn rechten. Die Sterne werden bald zur Brautnacht winken, (zu Malchen) Und Alpenkönig wird den Kranz dir flechten. (Ab.)

Sechster Auftritt

August. Malchen.

Malchen. Hast dus gehört, August, ists ein Traum, wir sollen glücklich werden?

August. Wir wollen seinem Worte glauben. Und obwohl ich seine Existenz für ein Märchen hielt, muß ich sie für wahr erkennen, wenn ich nicht ungerecht gegen meine Sinne handeln will.

Malchen. Komm, wir wollen meiner Mutter alles erzählen, ich werde schon sehen, daß du mit ihr sprechen kannst. Laß uns vertrauen auf den Alpenkönig. Er scheint nicht bös zu sein, ich hab ihm auch dreist ins Auge geblickt, und es hat mir nichts geschadet, nicht wahr, lieber August? Ich bin um gar nichts älter geworden?

August. Nein, liebes Malchen. Seit ich dich wiedersehe, kaum um eine Stunde.

Malchen. Um eine Stunde nur? (Ihm sanft ins Auge blickend.) Nun, eine Stunde kann ich schon verschmerzen und es war eine glückliche, denn ich habe sie mit dir verlebt.

August. O gutes Malchen, wie beglückst du mich!

(Beide Arm in Arm ab.)

Siebenter Auftritt

Verwandlung Zimmer auf Rappelkopfs Landgut.

Sophie. Sabine. Der Kutscher. Die sämtliche Dienerschaft.

Chor. Euer Gnaden sind so gütig, Doch wir haltens nimmer aus. Unser Herr ist gar zu wütig, Und das treibt uns aus dem Haus. Niemand kann bei ihm bestehn, Und wir wollen alle gehn.

Sopie. Seid nur ruhig, liebe Leute, verseht euren Dienst, nur kurze Zeit noch, es wird sich vielleicht bald alles ändern. Geht an eure Pflicht! Wenn mein Mann herüberkäme, ich bin in Todesangst.

Kutscher. Ei, was nutzt denn das, Euer Gnaden, er solls wissen, wir könnens nicht mehr länger aushalten mit ihm, wir tun unser Schuldigkeit, und er kann uns nicht leiden.

Sopie. Es wird sich alles ändern, ich habe an meinen Bruder nach Venedig geschrieben, ihm meines Mannes Seelenkrankheit und ihre üblen Folgen vorgestellt, er wird vielleicht noch heute ankommen, um alles zu versuchen, seinen Menschenhaß zu heilen--oder mich von meinem armen Mann zu trennen.

Kutscher. Na, das ist die höchste Zeit, Euer Gnaden schauen sich ja gar nimmer gleich. Drei Weiber hat er schon umbrachte er ist ja ein völliger blauer Bart.

Achter Auftritt

Vorige. Habakuk.

Sopie. Diese gemeinen Äußerungen hören zu müssen! Habakuk, ist mein Mann auf seinem Zimmer? Ist Malchen schon zu Hause?

Habakuk. Der gnädige Herr ist schon wieder im Gartenzimmer, er hat sich selbst seinen Schreibtisch und seinen Stuhl hinübergetragen und geht mit sieben Ellen langen Schritten auf und ab. Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein solcher Herr ist mir nicht vorgekommen.

Sabine (im schwäbischen Dialekt). Nu da habe wirs, jetzt trau ich mich nicht in den Garte hinaus, er hat den Schlüssel von der Hofgartetür abgezogen.--Ich kann nicht koche--

Sopie. Nun so geh Sie durch das Gartenzimmer.

Sabine. Ja wer traut sich denn hinein? Wenn der Herr drinne ist? Da geh ich ja eher zu einem Leopard in die Falle. Er jagt ja alles hinaus. Wenn er in die Kuchel kommt, so wärs notwendig, ich schliefet unter den Herd.

Habakuk. Nun ja, und da sind so schon so viel Schwaben unten.

Kutscher. Mich kann er gar nicht leiden, ich muß mich immer unters Heu verstecken.

Habakuk. Mich haßt er doch nur bis daher (zeigt den halben Leib). Er sagt, ich wär nur ein halbeter Mensch.

Sopie. Aber er beschenkt euch ja so oft.

Sabine. Ja aber wie? Er tut einem dabei alle Grobheiten an und wirft einem das Geld vor die Füß.

Habakuk. Oh, da ist er noch in seinem besten Humor, aber neulich nimmt er sein goldene Uhr, ich glaub, er macht mir ein Präsent, derweil wirft er mir s' an den Kopf. (Hochdeutsch.) Ja, das sind halt Berührungen, in die man nicht gern mit seiner Herrschaft kommt, ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich nicht erlebt. Zu was brauch ich zwei Uhren, ich hab meine Uhr im Kopf, aber am Kopf brauch ich keine.

Sabine. Kurz, in dem Haus ist nichts zu mache, wenn man nicht einmal in den Garten kann--

Habakuk. Wie soll man denn da auf ein grünes Zweig kommen!

Alle. Kurzum, wir wollen alle fort.

Sopie. Also wollt ihr eure Frau, die euch immer so menschenfreundlich gewogen war, so plötzlich verlassen, da ihr doch seht, daß sowohl ich als meine Tochter eine gleiche Behandlung zu erdulden haben? Ich kann euch nicht fortlassen, weil zwischen heut und morgen mein Bruder ankömmt, der vieles über meinen Mann vermag. So lange müßt ihr die Launen eures Herrn noch ertragen.

Alle. Es geht nicht, Euer Gnaden, es ist nicht zum existieren.

Sopie. Nun, so nehmt dieses kleine Geschenk (sie gibt jedem einige Silberstücke) und stärkt eure Geduld damit, vielleicht geht es doch.

Alle. Ach! Wir küssen die Hand, Euer Gnaden.

Kutscher. Wir werden halt sehen, ob wir auskommen können mit ihm.

Habakuk. Solang wir mit dem Geld auskommen, kommen wir schon mit ihm auch aus.

Sabine. Und wisse Euer Gnade, er wär nicht gar so übel, der gnädge Herr--

Kutscher. Ach gar nicht--wenn er nur anders wär.

Habakuk. Freilich, das ist der einzige Umstand.

Sopie. Doch jetzt geht beruhigt an eure Geschäfte.

Alle. Gleich, gnädige Frau. (Ab.)

Kutscher. Euer Gnaden sind halt eine gscheide Frau. Ich sag immer, Euer Gnaden sind einmal ein Kutscher gwesen, weil Euer Gnaden so gut wissen, daß man einen Wagen schmieren muß, wann er fahren soll. (Lacht dumm und geht ab.)

Sabine (küßt ihr die Hand). Das ist wahr, Euer Gnaden sind eine Frau, die man in der ganzen Welt suche darf. (Ab.)

Habakuk. Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein Herz, wie Euer Gnaden zu haben belieben, das ist wirklich, wie man auf französisch sagt, nouveau!

Neunter Auftritt

Lischen. Vorige.

Sopie. Nun endlich seid ihr zurück. Wo ist Malchen? Ist August angekommen? Haben sie sich getroffen?