Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 9
Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil, es mochte aber wenig erklecken.
Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses ~Rencontre~ zu Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte, wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant ~chargierten~, bis sie endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte.
Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte Tabakpfeife.
Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft, auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen, ward er aber auf ~Convoi~, Partei oder sonst einen Anschlag kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken.
Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte Paradeis, einem Frauenkloster, auf ~Salvaguardi~ zu legen. Dort sollte er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen frommen und stillen Kerl gebeten.
»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!« Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides.
Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch, daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen ~Salvaguardi~-Sold und montierte sich damit aufs beste.
Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter. Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm Bescheid zu tun, wann er wollte.
Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte. Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker sein.
Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam, daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen, hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben. Ich machte ihm die Grabschrift:
Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat, Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.
Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt, daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren.
Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen wollte. Er schickte nach mir und sagte:
»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.«
»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.«
»Dein Bart ist noch viel zu klein.«
»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist. Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ~aestimieret~ werden.«
»Wann die ~Courage~ so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich passieren lassen.«
»Das kann in der nächsten ~Occasion~ probiert werden,« gab ich zu verstehen. Und er ließ mich bleiben.
Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern suchte auch meine Freundschaft.
Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward.
Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche Guarnisonen übriggelassen zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen bald hier, bald dort schier täglich vor den Toren, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz.
Zuletzt kam es dahin: wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war, mußte ich solches verrichten, wodurch mein Beutel so groß ward als mein Name. Meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger, die vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich und den Landmann hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten, dann ich wußte meine Widerwärtigen zu strafen und die, so mir nur den geringsten Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte meiner Beuten verspendierte oder auf Kundschaft auslegte. Derhalben entging mir keine Partei, kein ~Convoi~, noch eine Reis' aus des Gegenteils Posten, alsdann ich ihr Vorhaben durchkreuzte und allen Anschlägen mit Glück begegnete. Darneben erzeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, sodaß sie mich oft mehr kosteten als die Beute wert war, sonderlich unterließ ichs nicht, denen Offizierern, obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und Herrendienste eine ~Courtoisie~ zu tun.
Durch solch ein Verhalten wäre ich zeitlich zum Offizier befördert worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte. Wer in solchem Alter ein Fähnlein wollte, mußte ein Guter von Adel sein, zudem mein Hauptmann an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte. Also brachte ichs allein zum Gefreiten. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen und konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen.
Das vierzehnte Kapitel
Ich muß ein Stücklein noch erzählen, das mir begegnet, eh ich wieder von meinen Dragonern kam.
Mein Hauptmann ward mit etlichen fünfzig Mann zu Fuß nach Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag auf eine reiche Karawane zu machen. Wir mußten uns in den Büschen heimlich halten, so nahm ein jeder auf acht Tag Proviant zu sich. Demnach aber die Kaufleut, denen wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankamen, ging uns das Brot aus, dahero uns der Hunger gewaltig preßte, dann wir dorften nichts rauben, wir hätten uns damit selbst verraten.
Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich der Schule entloffen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die ihm hiebevor seine Eltern zum besten verordnet, er aber verschmähet und verlassen hatte. Und als er solcher Speisen gedachte, erinnerte er sich auch seines Schulsacks: »Ach Bruder,« sagte er, »wärs nicht eine Schande, wann ich nicht so viel Künste erstudiert haben sollte, mich jetzund zu füttern? Wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen dürfte, es sollte ein treffliches ~Convivium~ bei ihm setzen!«
Ich überlief die Worte ein wenig, ermaß unsern Zustand und machte einen Anschlag auf unsern Studenten hin. Der Hauptmann willigte ein.
So wechselte ich meine Kleider mit einem andern und zottelte mit meinem Studenten in weitem Umschweif, wiewohl das Dorf eine halbe Stunde vor uns lag, auf die Kirche zu. Das nächste Haus bei ihr erkannten wir vor des Pfarrers Wohnung, es stund an einer Mauer, die um den ganzen Pfarrhof ging. Mein Kamerad hatte seine abgeschabten Studentenkleidlein noch an, ich gab mich vor einen Malergesellen aus, dann ich dachte diese Kunst im Dorf nicht üben zu müssen. Der geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell eine tiefe lateinische Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, was Gestalt ihn die Soldaten auf der Reise ausgeplündert. Er bot dem Studenten ein Stück Brot und Butter nebst einem Trunk Bier an, ich aber stellete mich, als ob ich im Wirtshaus essen wollte und ihn alsdann anrufen, damit wir noch ein Stück Weges hinter sich legen konnten. Also ging ich, mich im Dorf umzusehen und hatte auch Glück, daß ich einen Baur antraf, der seinen Backofen zukleibte, darin er große Pumpernickel hatte, die vier und zwanzig Stunden sitzen und ausbacken sollten. Demnach wußte ich genug und machte es beim Wirte kurz.
Da ich auf den Pfarrhof kam, hatte mein Kamerad schon gekröpft und dem Pfarrer gesagt, daß ich Maler sei, willens meine Kunst in Holland zu perfectionieren. Der Pfarrer hieße mich sehr willkommen und bat mich, mit ihm in die Kirche zu gehen, da er mir etliche schadhafte Stück weisen wolle. Ich mußte folgen, er führte mich durch die Küche, und während er das Nachtschloß an der starken Eichentür aufmachte, die auf den Kirchhof ging -- ~ominorum~! -- da sahe ich, daß der schwarze Himmel seiner Kuchelesse voller Lauten, Flöten und Geigen hing in Gestalt von Schinken, Knackwürsten und Speckseiten. Trostmütig blicket ich sie an, weil mich bedünkte, als lachten sie mir und ich erwog, wie ich sie dem obgemeldten Ofen voll Brot zugesellen möchte. Allein der Pfarrhof war ummauret, alle Fenster mit Eisengittern genugsam verwahrt und so lagen auch zween ungeheure Hunde im Hof, welche bei Nacht gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige stehlen wollte, daran auch ihnen zu nagen gebühret.
Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand diskurierten und mir der Pfarrer etliches auszubessern verdingen wollte, ich aber Ausflüchte suchte, meinte der Meßner: »Du Kerl, ich sehe dich eher vor einen verloffenen Soldatenjungen an, als vor einen Malergesellen!« Ich antwortete: »O du Kerl, gib mir geschwind Pensel und Farben, so will ich dir im Hui einen Narren gemalet haben, als du einer bist.«
Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und meinete, es gezieme sich nicht an einem so heiligen Ort, einander wahr zu sagen. Er ließ uns beiden noch einen Trunk langen und also dahin ziehen. Ich aber vergaß mein Herz bei den Knackwürsten.
Um Mitternacht kamen wir wieder ins Dorf und ich hatte sechs gute Kerle ausgelesen, darunter meinen munteren Knecht Spring-ins-Feld. In aller Stille huben wir das Brot aus dem Ofen, weil wir einen mithatten, der Hunde bannen konnte. Da wir nun bei dem Pfarrhof vorüberwollten, konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiter zu passieren. Ich wußte aber keinen andern Eingang als den Kamin, der sollte vor diesmal meine Tür sein. Wir brachten Leiter und Seil aus einer Scheuer zuwege, ich stieg selbander mit Spring-ins-Feld aufs Dach, welches von Hohlziegeln doppelt belegt und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebauet war. Meine langen Haar wicklete ich zu einem Büschel über dem Kopf zusammen und ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem geliebten Speck. Band also einen Schinken nach dem andern und eine Speckseite nach der andern an das Seil, was alles der andere fein ordentlich zum Dach hinaus fischete und weitergab.
Aber, potz Unstern, da ich allerdings Feierabend gemachet hatte, brach eine Stange, sodaß ~Simplicius~ hart hinunterfiele und das Seil riß, ehe mich meine Kameraden vom Boden brachten. Ich dachte, Jäger, nun mußt du eine Hatze ausstehen, in welcher dir selbst das Fell gewaltig zerrissen wird werden, dann der Pfarrer war erwacht und befahl seiner Köchin alsbald ein Licht anzuzünden. Sie kam im Hemd zu mir in die Kuchen, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben mir, daß sie mich damit rührete. Sie griff nach einem Brand und hielt das Licht daran und fing an zu blasen. Ich aber blies viel stärker zu, davon das gute Mensch erschrak, daß sie Feuer und Licht fallen ließ und sich zu ihrem Herrn retirierte.
Ich bedachte mich und wehrete meine Kameraden, die mir zu verstehen gaben, daß sie das Haus aufstoßen wollten. Allein Spring-ins-Feld sollte oben bleiben, die andern an das Gewehr. Inzwischen schlug der Geistliche sich selber ein Licht an, seine Köchin aber erzählete ihm, daß ein gräulich Gespenst mit zween Köpfen, davor sie meinen Haarbüschel angesehen, in der Kuchen wäre. Das hörete ich, rieb mir derowegen mein Angesicht mit Asche, Ruß und Kohlen, daß ich ohn Zweifel keinem Engel mehr -- wie hiebevor die Klosterfrauen sagten -- gleich sahe und der Meßner mich wohl vor einen geschwinden Maler hätte passieren lassen. Ich fing an in der Kuchen schröcklich zu poltern und das Geschirr untereinander zu werfen. Den Kesselring hing ich an den Hals, den Feuerhaken behielt ich auf den Notfall.
Solches ließ sich der fromme Pfaffe nicht irren, dann er kam mit seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten war mit dem Chorrock bewaffnet samt den Stollen und hatte den Sprengel in der einen und ein Buch in der andern Hand. Aus demselben fing er an, mich zu exorcisieren, fragende: »Wer bist du und was willst du?« -- »Ich bin der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrähen!«
Da fuhr er eifrig in seinem ~Exorcismo~ weiter fort und hielt mir vor, daß ich weder mit ihm noch mit seiner Köchin nichts zu schaffen hätte, hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo ich herkommen wäre. Ich aber antwortete mit ganz förchterlicher Stimme, daß solches unmöglich sei, wannschon ich gern wollte. Indessen hatte Spring-ins-Feld, der ein abgefäumter Erzvogel war und kein Latein verstund, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, dann er hörete, daß ich mich vor den Teufel ausgab, und mich auch der Geistliche also hielt. Er wixte wie eine Eule, bellte wie ein Hund, wieherte wie ein Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich bald durch den Kamin hinunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung rammeln, bald wie eine Henne, die legen wollte, dann dieser Kerl konnte aller Tiere Stimmen nachmachen. Solches ängstigte den Pfarrer und die Köchin auf das Höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich vor den Teufel beschwören ließe.
Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgaben, ward ich gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging, nicht eingeschlagen, sonder der Riegel nur vorgeschoben war. Ich schob ihn geschwind zurück und wischte hinaus.
Wir liefen in den Busch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten hatten. Dort erquickte sich die ganze Partei an dem, was von uns gestohlen worden, und bekam kein einziger den Klucksen darvon, so gesegnete Leute waren wir.
Also lagen wir noch zween Tage an selbigem Ort und erwarteten diejenigen, denen wir schon so lange aufgepaßt hatten. Wir verloren keinen einzigen Mann und bekamen dreißig Gefangene. Ich erhielt doppelt Part, das waren drei schöne Frießländer Hengst mit Kaufmannswaren beladen, was sie in Eil forttragen mochten. Wir retirierten uns mehrer Sicherheit halber auf Rehnen.
Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck gestohlen hatte, nahm einen Saphir, in einen göldenen Ring gefaßt, aus meiner Beute und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten mit einem Brieflein an den Geistlichen.
»Wohlehrwürdiger usw. Wann ich dieser Tagen im Wald noch etwas zu leben gehabt hätte, so wäre kein Ursache gewesen Euer Wohlehrwürden ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschröckt worden. Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen eingenommen, hoffe derowegen um Vergebung. Was den Speck anbelangt, schicke ich derohalben gegenwärtigen Ring mit Bitte, Euer Wohlehrwürden belieben damit Vorlieb zu nehmen. Versichere darneben, daß Dieselbe im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen Diener hat an dem, den dero Meßner vor keinen Maler hält, welcher sonst genannt wird
der Jäger.«
Dem Bauren aber schickte die Partei aus gemeiner Beute sechzehen Reichstaler.
Von Rehnen gingen wir auf Münster und von dar auf Ham und heim nach Soest in unser Quartier, allwo ich nach einigen Tagen eine Antwort von dem Pfarrer empfing.
»Edler Jäger usw. Wann derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen. Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt worden, also ist auch der eingenommene Schröcken desto leichter zu verschmerzen, weil er von einer so berühmten Person ist wider ihren Willen verursachet worden, deren hiemit allerdings verziehen wird, mit Bitte, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen bei dem, der sich nicht scheut, den Teufel zu beschwören.
~Vale~!«
Also machte ichs allerorten und überkam dadurch einen großen Ruf.
Das dritte Buch
Das erste Kapitel
In Soest suchte ich Ruhm und Gunst in Handlungen, die sonst strafwürdig gewesen wären. Ich war ehrgeizig geworden, und meine Torheit ließ mich Leib- und Lebensgefahr vor gering anschlagen. Wann andere schliefen, hielten mich meine wunderlichen Grillen wach, und ich sann auf neue Fündgen und Listen. So erfand ich eine Gattung Schuhe, die man den Absatz zuvorderst anziehen konnte, deren ließe ich dreißig unterschiedliche Paar machen. Wann ich solche unter meine Burschen austeilete, war es unmöglich, uns aufzuspüren, dann wir trugen bald diese, bald unsere rechten Schuhe an den Füßen, und es sahe am Ziele aus, als wann zwo Parteien allda zusammengekommen wären und mit einander verschwunden seien. Ohndas verwirrete ich unsere Spur, so daß mich niemand hätte auskünden können. Ich lag oft allernächst bei denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne suchten, und noch öfter etliche Meilwegs von dem Busch, den sie umstellten und durchstreiften. Also ließ ich auch an Scheid- und Kreuzwegen unversehens absteigen und den Pferden die Eisen das hinterst zu vörderst aufschlagen. Ganz zu geschweigen der gemeinen Vorteil, die man brauchet, wann man schwach auf Partei ist und doch vor stark aus der Spur judiziert werden will.