Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 8
Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit. Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich vielleicht einer davon versehen hätte.
Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte, sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen, diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte. Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.
Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder:
»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem ~Secretario~ des morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!«
Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte.
Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. ~Julii~ Leib- und Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß, daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war, versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will dir hundert Dukaten geben!« -- »Bist du ein rechter Narr und scherzest in unserer äußersten Trübseligkeit?«
Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem kranken Vater aufwarten.«
Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß sie mich um diese ~Summam~ samt dem Interesse hinwiederum mit großem Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in ihre beständige Freundschaft befahl.
Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu rächen oder darum zu sterben. Aber sein Vater verbot ihm solches und versicherte ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüge, wiederum vom ~Simplicio~ den Rest kriegen werde. »Doch,« sagte er, »ich bin dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.«
Der junge Herzbruder entledigte sich mit dreißig Talern, daß ihm sein Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zwei Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter gebrauchen.
Das elfte Kapitel
Keiner schickte sich besser, dem alten Herzbruder abzuwarten, als ich, so ward mir auch solches Amt von dem Obristen aufgetragen. Es besserte sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. ~Julii~ fast wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte. Doch wollte er sich noch inhalten und krank stellen, bis vermeldter Tag, vor welchem er sich merklich entsatzte, vorbei wäre.
Indessen besuchten ihn allerhand Offizierer von beiden Armeen, die ihr künftig Glück von ihm wissen wollten, dann weil er ein guter ~Mathematicus~ und Nativitätensteller, benebens auch ein vortrefflicher ~Physiognomist~ und ~Chiromanticus~ war, ging seine Aussag selten fehl. Er nannte sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschahe, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige Zeit, einen gewalttätigen Tod zu erleiden, angedroht war.
Dem falschen Olivier, der sich gar däppisch bei ihm zu machen wußte, sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müsse, und daß ich seinen Tod rächen werde, weswegen mich Olivier folgender Zeit hochhielt. Auch mein zukünftiges Leben erzählete er mir, welches ich aber wenig achtete.
Als nun der 26. ~Julii~ eingetreten war, vermahnete er mich und einen Fourierschützen, den mir der Obrist auf sein Begehren denselben Tag zugegeben hatte, ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt lassen. Er lag allein darin und betete. Da es aber Nachmittag ward, kam ein Leutenant aus dem Reuterläger dahergeritten, welcher nach des Obristen Stallmeister fragte. Er ward zu uns und gleich darauf wieder von uns abgewiesen. Er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig reden müßte. Weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an zu fluchen, mit Donner und Hagel dreinzukollern und zu sagen, er sei schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten und hätte ihn noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei, so sollte er abermal die Ehre nicht haben, nur ein einzig Wort mit ihm zu reden? Stieg darauf ab, ließ sich nicht verwehren, das Zelt selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihm in die Hand biß und eine dichte Maulschelle davor bekam.
Sobald er meinen Alten sahe, sagte er:
»Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit gebrauche, ein Wort mit ihm zu reden.«
»Wohl,« antwortete der Stallmeister, »was beliebt dann dem Herrn?«
»Nichts anders,« sagte der Leutenant, »als daß ich den Herrn bitten wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen.«
Der Stallmeister entgegnete: »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter Herr werde mir vergeben, daß ich demselben vor diesmal meiner Krankheit halber nicht willfahren kann. Weil diese Arbeit viel Rechnens brauchet, wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können. Wann er sich aber bis morgen zu gedulden beliebet, will ich ihm verhoffentlich genugsame ~Satisfaction~ tun.«
»Herr,« sagte hierauf der Leutenant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus der Hand.«
»Mein Herr,« antwortete der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gern tun, was der Herr von mir begehret.«
Der Leutenant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat meinem Vater vors Bette, streckte ihm die Hand dar und sagte:
»Herr, ich bitte nur um ein paar Worte, meines Lebens Ende betreffend mit Versicherung, wann solches etwas Böses sein sollte, daß ich des Herren Rede als eine Warnung von Gott annehmen will, um mich desto besser vorzusehen. Darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir die Wahrheit nicht verschweigen!«
Der redliche Alte antwortete ihm hierauf kurz und sagte: »Nun wohlan, so sehe sich der Herr dann wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde noch aufgehängt werde.«
»Was, du alter Schelm,« schrie der Leutenant, »solltest du einen Kavalier solche Worte vorhalten dörfen!« Zog damit vom Leder und stach meinen lieben alten Herzbruder im Bette zu Tode.
Ich und der Fourierschütz riefen alsbald Lärmen und Mordio, also daß alles dem Gewehr zulief. Der Leutenant aber machte sich unverweilet auf seinen Schnellfuß und wäre auch ohn Zweifel entritten, wann nicht eben persönlich der Kurfürst von Sachsen mit vielen Pferden vorbei gekommen wäre und ihn hätte einholen lassen. Als derselbe den Handel vernahm, wandte er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte nichts andres als dieses:
»Das wäre eine schlechte ~Disciplin~ in einem kaiserlichen Läger, wann auch ein Kranker im Bette vor den Mördern seines Lebens nicht sicher sein sollte!«
Das war ein scharfer Sentenz und genugsam, den Leutenant um das Leben zu bringen, gestalt ihn unser General alsbald an seinem allerbesten Hals aufhängen ließ.
Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu sehen, daß nicht sogleich alle Wahrsagungen zu verwerfen sein, wie etliche Gecken tun, die gar nichts glauben können. Allein ich habe oft gewünscht und wünsche es noch, daß mein lieber alter Herzbruder zu mir geschwiegen hätte. Dann der Mensch kann sein vorausgesetztes Ziel schwerlich überschreiten, also auch ich die unglücklichen Fälle, so er mir angezeiget, habe niemals umgehen können. Was half mir, daß der alte Herzbruder hoch und teuer schwur, ich wäre von edlen Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von niemand anders wußte, als von meinen Knän und meiner Meuder! ~Item~ was halfs dem Wallenstein, Herzog von Friedland, daß ihm profezeit ward, er werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönt werden. Weiß man nicht, wie er zu Eger ist eingewieget worden?
Das zwölfte Kapitel
Meine beiden Herzbrüder hatte ich verloren, das ganze Läger vor Magdeburg war mir verleidet, ich ward meines Standes so müd und satt, als wann ich's mit lauter eisernen Kochkesseln gefressen hätte.
Olivier, der ~Secretarius~, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein Hofmeister geworden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage zu reuten. Als wir nun einsmals in ein großes Dorf kamen, darin etliche den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wider in die Häuser ging, zu suchen, was etwan mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch hinweg und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte. Aber ich mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen, zog es an und warf den Narrenhabit in ein ~Secret~. In diesem Aufzuge ging ich über die Gasse etlichen Offiziersweibern entgegen und machte enge Schrittlein. Ich war aber kaum außer Dach, da mich etliche Fouragierer sahen und besser springen lehrten. Sie schrieen: Halt! Halt! -- ich lief zu den obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie und bat, meine Jungfernschaft vor diesen geilen Buben zu schützen. Da ward ich von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen, bei welcher ich mich auch beholfen, bis Magdeburg von den unseren eingenommen ward.
Die Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war, und vernarrete sich dermaßen in meinen glatten Spiegel und geraden Leib, daß sie mir endlich nach lang gehabter Mühe und vergeblicher, umschweifender Weitläufigkeit nur allzu deutsch zu verstehen gab, wo sie der Schuh am meisten drucke. Ich aber, damals noch viel zu gewissenhaft, tät, als wann ichs nicht merkte und ließ keine anderen Anreizungen erscheinen, als solche daraus man eine fromme Jungfer urteilen mochte. Der Rittmeister und sein Knecht lagen an derselben Kränke wie die Rittmeisterin, dahero befahl er seinem Weibe, sie sollte mich besser kleiden, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels nicht schämen dörfte. Sie tät mehr, als ihr befohlen war, und putzte mich heraus wie eine franzsche Poppe, welches das Feuer bei allen dreien noch mehr schürete. Ja, es ward endlich bei ihnen so groß, daß Herr und Knecht eifrigst von mir begehreten, was ich ihnen nit leisten konnte und der Frau selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Und weil die Rittmeisterin mich noch endlich zu überwinden verhoffte, verlegte sie dem Manne alle Pässe und liefe ihm alle Ränke ab, also daß er vermeinete, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals stund der Knecht vor dem Wagen, darin ich alle Nacht schlafen mußte, klagte mir seine Liebe mit heißen Tränen und bat andächtig um Gnade und Barmherzigkeit. Ich aber erzeigte mich härter als Stein und gab ihm zu verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehstand bewahren wollte. Da er mir die Ehe wohl tausendmal anbot, und ich ihm stets versicherte, daß es unmöglich sei, verzweifelte er endlich gar, dann er zog den Degen aus, satzte die Spitze an die Brust, den Knopf an den Wagen und tät nicht anders, als wann er sich jetzt erstechen wollte. Ich sprach ihm zu und gab ihm Vertröstung auf morgen frühe. So ward er ~content~ und ging schlafen, ich aber wachte desto länger. Und ich befand, daß meine Sache mit der Zeit nicht gut tun würde. Die Rittmeisterin ward je länger, je ~importuner~ mit ihren Reizungen, der Rittmeister verwegener mit seinen Zumutungen, der Knecht verzweifelter in seiner Liebe. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tage Flöhe fangen, nur darum, daß ich ihre Alabasterbrüstlein sehen und ihren zarten Leib genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut hatte, zu ertragen stets schwerer fallen wollte. Ließ mich die Frau zufrieden, so quälete mich der Rittmeister, und wann ich von diesen beiden Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht. Also kam mich das Weiberkleid zu tragen viel sauerer an, als meine Narrenkappe. Ich steckte würklich in derjenigen Gefängnus, auch Leib- und Lebensgefahr, als mein alter Herzbruder wahrgesaget hatte. Was sollte ich tun? Ich beschloß endlich, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde, dann ich dachte, seine Liebesregungen werden sich alsdann legen.
Mein Hans ließ es gleich nach Mitternacht tagen, sein Jawort zu holen, und fing an am Wagen zu rappeln, als ich eben am allerstärksten schlief. Er rief etwas zu laut: »Sabina, Sabina, ah, mein Schatz, stehet auf und haltet mir Euer Versprechen!« Also weckte er den Rittmeister eher als mich, weil der sein Zelt am Wagen stehen hatte. Ihm ward vor Eifersucht grün und gelb vor den Augen, doch kam er nicht heraus, sondern stund nur auf zu sehen, wie der Handel liefe. Zuletzt weckte mich der Knecht. Ich schalt ihn, er aber nötigte mich mit seiner Importunität, aus dem Wagen zu kommen, oder ihn einzulassen. Wie ich nun mit meinen aufgestreiften Ärmeln herabstieg, ward mein Hans durch meine weißen Arme so heftig ~inflammieret~, daß er mich mit Küssen anfiel. Solches vermochte der Rittmeister nicht zu erdulden, sondern sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber den Fang zu geben, aber der ging durch und vergaß das Wiederkommen.
»Du Bluthur, ich will dich lernen ...« mehrers konnte der Rittmeister vor Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wann er unsinnig wäre. Ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen Alarm erregte, dann beide Armeen, die sächsische und die kaiserliche, lagen damals gegeneinander, weil sich die schwedische unter dem Panier näherte.
Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben als beide Armeen aufbrachen. Das war nun ein Schwarm von Lumpengesind, und dahero die Hatz desto größer und erschröcklicher. Sie eileten mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden zu sättigen, wie dann diese Teufelskinder im Brauch haben, wann ihnen ein Weibsbild dergestalt übergeben wird. So folgten ihnen auch sonst viel Bursche nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen auch mein Hans war. Der ließ mich nicht aus den Augen. Er wollte mich mit Gewalt erretten, und sollte es seinen Kopf kosten. Er bekam Beiständer, weil er sagte, ich sei seine versprochene Braut. Solches war den Reuterjungen, die ein besser Recht auf mich zu haben vermeineten, allerdings ungelegen. Da fing man an Stöße auszuteilen, der Zulauf ward je länger, je größer, ihr Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als sie mir die Kleider vom Leibe gerissen und gesehen hatten, daß ich kein Weibsbild war. Seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er mehr geförchtet ward als der Teufel selbst. Er informierte sich der Sache kurz und nahm mich gefangen, weil es ein ungewöhnlich und fast argwöhnisch Ding war, daß sich ein Mannsbild in Weiberkleidern sollte finden lassen.
Ich ward zum General-Auditor geführt, der fing an mich zu examinieren. Da erzählete ich meine Händel, wie sie waren, es ward mir aber nicht geglaubt. Auch konnte der General-Auditor nicht wissen, ob er einen Narren oder einen ausgestochenen Bösewicht vor sich hatte. Frage und Antwort fiel so artlich und der Handel an sich selbst war seltsam.
Er hieß mich, eine Feder nehmen und schreiben, ob etwa meine Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus abnehmen möchte. Ich ergriff Papier und Feder geschicklich und fragte, was ich schreiben sollte. Der General-Auditor, der vielleicht unwillig war, weil das Examen sich verzog, antwortete.
»Hei, schreib: deine Mutter, die Hur!«
Ich satzte ihm diese Worte hin, und sie machten meinen Handel nur desto schlimmer, dann der General-Auditor glaubte jetzt erst, daß ich ein rechter Vogel sei. Er fragte den Profosen, ob man mich visitiert, der Profos antwortete: nein, dann mich der Rumormeister gleichsam nackend eingebracht hätte. Aber ach, das half nichts, der Profos mußte mich besuchen und fand meine beiden Eselsohren mit den Dukaten.
Da hieß es: was bedörfen wir ferner Zeugnus; dieser Verräter hat ohn Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten. Warum sollte sich sonst ein Gescheiter in ein Narrenkleid oder ein Mannsbild in Weiberkittel verstellen, zu was End wäre er sonst mit einem so ansehnlichen Stück Geld versehen? Saget er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der Lauten schlagen? Was mag er sonst bei denselben Spitzköpfen vor listige Praktiken gesehen haben! Der nächste Weg ist, daß man ihn auf die Folter bringe!
Wie mir damals zu Mut gewesen, kann sich ein jeder leicht einbilden.
Aber eh man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk satzte, gerieten die Schweden den Unsrigen in die Haare. Gleich anfänglich kämpften die Armeen um den Vortel und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen die Unsrigen stracks verlustig wurden.
Unser Profos hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den Gefangenen hinter der Battaglia, gleichwohl waren wir unserer Brigade so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen konnten. Und als eine schwedische Eskadron auf die unsrige traf, waren wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todesgefahr, dann in einem Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen wäre gegeben worden. Davon duckten sich die Forchtsamen, als ob sie sich in sich selbst hätten verbergen wollen, diejenigen aber, so Courage hatten und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche unverblichen über sich hinstreichen. Im Treffen selbst suchte jeder seinem Tode mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vor zu kommen. Das gräuliche Schießen, das Gekläpper der Harnische, das Krachen der Piken, das Geschrei beider: der Verwundeten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschröckliche Musik. Da sahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien, als wolle er die Abscheulichkeit der Verwundeten und Toten bedecken. In demselben hörete man ein jämmerliches Wehklagen der Sterbenden und ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken. Die Pferde selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zur Verteidigung ihrer Herren je länger, je frischer würden, so hitzig zeigten sie sich in dieser Schuldigkeit. Deren sahe man etliche unter ihren Herren tot darniederfallen, voller Wunden, die sie unverschuldet in getreuem Dienste empfangen hatten, andere fielen auf ihre Reuter und wurden so von ihnen getragen, die sie bei Lebzeiten hatten tragen müssen, wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften Last, die sie kommandiert hatte, entladen worden, ließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei, rissen aus und suchten im weiten Feld ihre einstige Freiheit.
Die Erde, die sonst alle Toten deckt, war damals selbst mit Toten überstreut. Köpfe und Leiber lagen getrennt, etlichen hing in grausamer und jämmerlicher Weise das Ingeweid heraus, andern war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt. Da sahe man die entseelten Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet und hingegen Lebendige mit fremdem Blute begossen. Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder in das Gedräng wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut vergossen hatten. Dort lagen abgelöste Schenkel, die, obwohl der Bürde ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer geworden waren. Da sahe man verstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Todes, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. ~Summa summarum~ da war nichts anderes als ein elender, jämmerlicher Anblick.
Die schwedischen Sieger trieben die Unsrigen, um sie mit ihrer schnellen Verfolgung vollends zu zerstreuen. Mein Herr Profos ergriff die Flucht und nötigte uns, samt ihm durchzugehen. Da jagte der junge Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüßte ihn mit einer Pistole:
»Siehe da, du alter Hund, ist es noch Zeit junge Hündlein zu machen? Ich will dir deine Mühe bezahlen!«
Aber der Schuß beschädigte den Profosen so wenig wie einen stählernen Ambos.
»Oho, bist du der Haare,« rief mein Herzbruder, »ich will nicht vergeblich dir zu Gefallen herkommen sein. Du mußt sterben und wäre dir deine Seele angewachsen!«
Er befahl darauf einen Musketierer von des Profosen eigener Wacht, ihn mit der Axt niederzuschlagen.
Ich aber ward erkannt, meiner Ketten und Bande entlediget und auf ein Pferd gesatzt, das mein Herzbruder durch einen Knecht in Sicherheit führen ließ.
Das dreizehnte Kapitel
Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte gebrauchen lassen.