Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 7

Chapter 73,755 wordsPublic domain

Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor. Die hanauischen Schleckerbissen hatten sich in schwarzes Brot und mager Rindfleisch verändert, Wein und Bier war mir zu Wasser geworden, so schlief ich bei den Pferden. Anstatt Lautenschlagen mußte ich zu Zeiten gleich andern Jungen untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und mich von Sporen stechen lassen. Vor das hanauische Herumterminieren mußte ich Pferde striegeln. Mein Herr hatte kein Weib, keinen Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen Reutknechte und Jungen. Er schämete sich nicht, sein Roß zu satteln und ihm Futter fürzuschütten. Er schlief auf der bloßen Erde und bedeckte sich mit seinem Pelzrock, daher sahe man oft die Müllerflöhe auf seinen Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämete, sondern noch darzu lachte, wann ihm jemand einen herablas. Er trug kurze Haupthaar und einen Schweizerbart, welcher ihm wohl zustatten kam, weil er zuweilen selbst auf Kundschaft ging. Von den Seinen und andern, die ihn kannten, ward er geliebt, geehrt und geförchtet.

Dies Leben schmäckte mir ganz nicht, dann wir waren niemals ruhig. Mit den Burschen konnte ich nicht reden, mußte mich stoßen, plagen, schlagen und jagen lassen. Die größte Kurzweil, die mein Obrister mit mir hatte, war, daß ich ihm auf deutsch singen und eins vorblasen mußte. Ich kriegte alsdann so dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft hernach ging. Zuletzt lernte ich das Kochen und meines Herrn Gewehr sauber halten, darauf er viel hielt. Das schlug mir so vortrefflich zu, daß ich endlich seine Gunst erwarb, maßen er mir ein neues Narrenkleid aus Kalbsfellen mit viel größeren Eselsohren machen ließ. Ich trachtete Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier wieder ausreißen möchte, vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlanget hatte.

Derhalben nahm ich mich an, die Schaf- und Kühkutteln, deren es voll um unser Quartier lag, fern hinweg zu schleifen, damit sie keinen so üblen Geruch machten. Solches ließ sich der Obrist gefallen. Zuletzt aber blieb ich gar aus und entwischte in den nächsten Wald.

Das achte Kapitel

Allein ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, so erhascheten mich etliche Schnapphahnen, die mein närrisch Kleid in der finstern Nacht nicht sahen und mich durch zween von ihnen an einen gewissen Ort im Walde führen ließen. Als wir dort waren, wollte der eine Kerl kurzum Geld von mir und legte Handschuh und Feuerrohr nieder, um mich zu visitieren. Sobald er aber mein haarigs Kleid und die langen Eselsohren an meiner Kappe begriff, davon helle Funken stoben, fuhr er vor Schröck ineinander. Solches merkte ich gleich, derowegen striegelte ich mein Kleid, daß es schimmerte, als wann ich inwendig voller brennenden Schwefels gestocken wäre. Ich schrie ihn mit schröcklicher Stimme an: »Ich bin der Teufel und will dir und deinem Gesellen die Hälse abdrähen!«

Da rannten alle beide durch Stöcke und Stauden, als wann sie das höllische Feuer gejaget hätte. Ich aber lachte unterdessen förchterlich, daß es im ganzen Wald erschallete.

Als ich mich abwegs machen wollte, strauchelte ich über das Feuerrohr und da ich weiterschritte, stieß ich auch an einen Knappsack, daran unten eine Patronentasche, mit Pulver, Blei und Zugehör wohlversehen, hing. Das nahm ich alles an mich, weil ich mit dem Geschoß umzugehen bei den Kroaten wohl gelernet hatte, und verbarg mich unweit davon in einem dicken Busch.

Sobald der Tag anbrach kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz und suchte das verloren Feuerrohr samt Knappsack. Ich aber hielt mich stiller als eine Maus.

»Pfui, ihr feige Tropfen,« sagte einer, »daß ihr euch von einem einigen Kerl erschröcken, verjagen und das Gewehr abnehmen lasset!«

Jedoch der eine schwur, der Teufel solle ihn holen, wann es nicht der Teufel selbst gewesen sei, er hätte die Hörner und seine rauhe Haut wohl begriffen. Der Anführer antwortete: »Was meinest du wohl, daß der Teufel mit deinem Ranzen und Feuerrohr machen wollte. Ich dörfte meinen Hals verwetten, wo nicht der Kerl beide Stücke mit sich genommen!«

Diesem hielt ein andrer Widerpart und sagte: es könne wohl auch sein, daß seither etlich Bauren dagewesen wären.

Zuletzt glaubten sie den grausamen Flüchen der beiden, so meine funkelnde Haut gesehen hatten, daß es der Teufel gewesen sei, und nahmen ihren Weg weiters.

Ich aber machte den Ranzen auf zu frühstücken und langte mit dem ersten Griff einen Säckel heraus, in welchen dreihundert und etliche sechzig Dukaten waren. Viel mehr erfreuete mich aber, daß ich den Sack mit Proviant wohl gefüllet befand. Also zehrete ich bei einem lustigen Brünnlein fröhlich zu morgen.

Solang mein Proviant währete, blieb ich im Wald, als aber mein Ranzen leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser. Da kroch ich bei Nacht in Keller und Küchen, nahm, was ich fand, und schleppte es mit mir dahin, wo es am allerwildesten war. Noch stund der Sommer im Anfang und ich konnte mit meinem Rohr Feuer machen.

Unter währendem diesem Herumschweifen haben mich unterschiedliche Baursleute angetroffen, die seind aber allezeit vor mir geflohen. Also ward ruchbar, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend umher. Derowegen mußte ich sorgen, der Proviant möchte mir ausgehen. Ich wollte wieder Wurzeln und Kreuter essen, deren war ich aber nicht mehr gewohnt.

Einsmals hörete ich zween Holzheuer. Ich ging dem Schlag nach, und als ich sie sahe, nahm ich eine Handvoll Dukaten, schlich nahe zu ihnen, zeigte ihnen das anziehende Geld und sagte: »Ihr Herren, wann ihr meiner wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken.«

Aber sobald sie mich und das Gold sahen, gaben sie Fersengeld und ließen Schlegel und Keil samt ihrem Käs- und Brotsack liegen. Den nahm ich, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, wieder einmal unter Menschen zu kommen.

Nach langem Hin- und Hersinnen gedachte ich meinen Schatz zu sichern, derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren zwei Armbinden, gesellete darein meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten und arrestieret die Armbänder oberhalb den Ellbogen um meine Arme. Sodann fuhr ich den Bauren wieder ein und holte von ihrem Vorrat, was ich bedurfte und erschnappen konnte, jedoch so, daß ich niemals wieder an denselbigen Ort kam.

Als ich zu Ende Mai wieder in einen Baurenhof geschlichen war, kam ich in die Küche, merkte aber bald, daß noch Leute auf waren. Blieb demnach mausstill sitzen und wartete. Unterdessen nahm ich einen Spalt gewahr, den das Küchenschälterlein hatte. Ich schlich hinzu und sahe anstatt des Lichts eine schweflichte, blaue Flamme auf der Bank stehen, bei welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänke schmierten und nach einander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich wunderte mich schröcklich und empfand großes Grauen, weil ich aber größerer Schröcklichkeiten gewohnt war, verfügte ich mich, nachdem sie alle abgefahren, in die Stube und bedachte, wo ich etwas finden sollte. Satzte mich in solchen Gedanken auf eine Bank rittlings nieder. Ich war aber kaum aufgesessen, da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus und ließ meinen Ranzen und Feuerrohr vor den Schmierlohn und die künstliche Salben dahinter.

Ich kam in einem Nu zu einer großen Schar Volkes, diese tanzten einen wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen. Sie hatten sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht mit zusammengekehrten Rücken, also, daß sie die Angesichter hinauswarts kehrten. Ein Ring tanzte um den andern links, der ander rechts herum und würblete dermaßen, daß ich nicht sehen konnte, was sie in der Mitte stehen hatten. Gleich seltsam war die Musik, welche eine wunderliche ~Harmoniam~ abgab. Meine Bank hatte mich bei den Spielleuten niedergelassen. Die hatten anstatt Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien nichts anderes als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie lustig daherpfiffen. Etliche geigten auf Roßköpfen, andere schlugen Harfe auf einem Kühgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen. Einer hatte eine Hündin am Arm, deren leierte er am Schwanz und fingerte an den Dütten. Darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im ganzen Wald erschallete. Wie der Tanz bald aus war, fing die ganze höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen, zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll wären.

In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar und hatte eine ungeheuere Krote unterm Arm, der waren die Därme ausgezogen und wieder zum Maul hineingeschoppt.

»Sieh hin, ~Simplici~, ich weiß du bist ein guter Lautenist, laß doch ein Stückgen hören!«

Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit meinem Namen nannte. Ich sahe ihn mit seiner Krot steif an und er zog seinen Nase aus und ein. Endlich stieß er mir vor die Brust, daß ich bald davon erstickte, derowegen rief ich überlaut zu Gott. Im Hui war es stockfinster und mir so förchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel und wohl hundert Kreuz vor mich machte.

Das neunte Kapitel

Demnach es etliche, und zwar vornehme, gelehrte Leute gibt, die nicht glauben, daß Hexen und Unholden sein, als zweifele ich nicht, es werden sich etliche finden, die sagen, ~Simplicius~ schneide hier mit dem großen Messer auf. Mit denen begehre ich nicht zu fechten, dann weil Aufschneiden jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte.

Welche aber der Hexen Ausfahren leugnen, die sollen sich erinnern, daß Simon, der Zauberer, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben ward, auf ~St. Petri~ Gebet wieder heruntergefallen. Weiters ~Nicolaus Remigius~, ein gelehrter und verständiger Mann, so im Herzogtum Lothringen nicht nur ein halbes Dutzend Hexen hat verbrennen lassen, erzählet von Johann von Hembach, daß ihn seine Mutter, die Hexe war, im sechzehnten Jahr seines Alters mit auf ihre Versammlung genommen. ~Majolus~ setzet zwei Exempel: von einem Knecht, so sich an seine Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen genommen, sich mit deren Salbe geschmiert und also beide zu der Zauberer Zusammenkunft kommen sein. So ist auch mehr als genugsam bekannt, was Gestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen lassen. Was ~Torquemadus~ in seinem ~Hexamerone~ erzählet, mag bei ihm gelesen werden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl keine Zauberer waren, durch die Luft gefahren, ist aus seiner Histori genugsam bekannt.

Mag einer nun meine Geschicht glauben oder nicht, es gilt mir gleich, doch wer's nicht glauben will, der mag einen andern Weg erfinden, auf welchen ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda in so kurzer Zeit ins Erzstift Magdeburg marschiert sei.

Ich fange meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz hatte, mich aufzurichten. Etliche Fouragierer weckten mich auf und nahmen mich in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem Obristen zu Fuß zu teil ward. Dem erzählte ich alles haarklein und wie ich von denen Kroaten entloffen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich still. Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich, dann ein Narr macht tausend Narren. Unter denselben war einer, so das vorige Jahr zu Hanau gefangen gewesen. »Hoho,« rief er, »dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn, der Kerl aber wußte nichts, als daß ich wohl auf der Laute schlagen könnte, ~item~ daß mich die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment hinweggenommen hätten. Hierauf schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die auf der Lauten spielen konnte, und ließ um ihre Lauten bitten. Solche ward mir präsentiert mit Befehl, ich solle mich hören lassen. Ich aber meinte, daß mein leerer Bauch nicht wohl mit dem dicken, wie die Laute einen hatte, zusammenstimmen würde. Also bekam ich ziemlich zu kröpfen und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier. Sodann ließ ich beides, die Lauten und meine Stimme hören. Darunter redete ich allerlei, so daß ich mit geringer Mühe die Leute dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellete. Der Obrist fragte mich, wo ich weiters hinwollte, und da ich antwortete, daß es mir gleich sei, so machte er mich zu seinem Hofjunker. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren wären.

»Ja, wann du wüßtest, wo sie wären,« sagte ich, »so würden sie dir nicht übel anstehen.«

Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizierern sowohl im kur-sächsischen als im kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei den Frauenzimmern, welche meine Kappe, Ärmel und gestutzten Ohren überall mit seidenen Banden zierten. Was mir aber an Geld geschenkt ward, das verspendierte ich in Hamburger und Zerbster Bier an gute Gesellen. Überall, wo ich nur hinkam, hatte ich genug zu schmarotzen.

Als meinem Obristen aber eine eigene Laute vor mich überkam, dann er gedachte ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden Lägern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen sollte. Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, still, verständig, wohlgelehrt, von guter Konversation und was das gröbste gewesen, überaus gottesförchtig. Er war vordem eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden. Er ließ sich bei diesem Obristen vor einen Stallmeister gebrauchen, indem sein einziger Sohn unter der kur-sächsischen Armee vor einen Musterschreiber dienete.

In der ersten Woche schon kam er mir hinter die Briefe und erkannte, daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete, wie er dann vom ersten Tag an aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er sich wohl auf ~Physiognomiam~ verstund.

Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein Leben und seltsame Begegnüssen allerlei Gedanken, knieet neben den Bette nieder und erzählete danksagungsweise alle Guttaten, die mir mein lieber Gott erwiesen, und alle Gefahren, daraus er mich errettet. Weil mein Hofmeister mehr alt als jung war und die ganze Nacht nicht durchgehend schlafen konnte, hörete er alles, tät aber, als wenn er schliefe und redete nicht mit mir im Zelt hievon, weil es zu dünne Wände hatte; wollte auch meiner Unschuld versichert sein.

Bei einer Gelegenheit fand er mich einsmals nach Wunsch an einem einsamen Ort und sagte:

»Lieber, guter Freund, ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du dich stellest, zumalen auch in diesem elenden Stand nicht zu leben begehrest. Ich will womüglich mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir etwan zu helfen sein möchte, so du zu mir, als einem ehrlichen Mann, dein Vertrauen setzen willst.«

Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeugete mich vor übriger Freude nicht anders, als wann er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner Narrenkappe zu erlösen. Nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete ich ihm mein ganzes Leben. Er beschauete meine Hände und verwunderte sich über beides: die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle, so er aus meinen Händen las. Widerriet mir durchaus, daß ich mein Narrenkleid ablegen sollte, dann er vermittelst ~Chiromantia~ sehe, daß mir mein Fatum ein Gefängnis androhe unter Leibes- und Lebensgefahr. Er wollte mein treuer Freund und Vater bleiben.

Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit Würfeln turnieret und alle Schwüre mit hundert und tausend Galeeren, Rennschifflein, Tonnen und Städtgräben voll herausfluchte. Der Platz war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln überstreut und mit Tischen bestellt, die alle von Spielern umgeben waren. Jede Gesellschaft hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen sie ihr Glück vertraueten. So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer, dessen Amt war zu sehen, daß kein Unrecht geschähe. Die liehen auch Mäntel, Tische und Würfel her und erschnappten gewöhnlich das meiste Geld, doch blieb es ihnen nicht, dann sie verspieltens gemeiniglich wieder oder bekams der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe oft gewaltig geflickt wurden.

Alle vermeineten zu gewinnen, als hätten sie aus einer fremden Tasche gesetzt, weil aber etlich trafen, etlich fehlten, so donnerten und flucheten auch etlich und betrogen und wurden gesäbelt; war ein Gelächter und Zähneaufeinanderbeißen. Etliche begehrten redliche Würfel, andere führten unvermerkt falsche ein, die wieder andere hinwegwurfen, mit den Zähnen zerbissen und darüber aus Zorn den Schunderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden sich Niederländer, die man schleifend rollen mußte, sie hatten spitze Rücken, drauf sie Fünfer und Sechser trugen. Andere waren oberländisch, denen mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man sie werfen wollte. Etliche waren aus Hirschhorn, oben leicht und unten schwer, andre mit Quecksilber oder Blei, aber andere mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert. Etliche hatten spitze Ecken, andern waren solche glatt hinweggeschliffen. Teils waren lange Kolben, teils sahen sie aus wie Schildkrotten. Mit solchen Schelmbeinern zwackten, laureten, stahlen sie einander ihr Geld ab.

Mein Hofmeister sagte: »Dieses ist der allerärgste und abscheulichste Ort im ganzen Läger. Wann einer nur den Fuß hierher setzet, so hat er das zehende Gebot übertreten: du sollst deines nächsten Gut nicht begehren. So du aber spielest und gewinnst, sonderlich durch Betrug und falsche Würfel, so übertrittst du das siebend und achte Gebot. Ja, es kann kommen, daß du auch zum Mörder wirst aus äußerster Not und Desperation. Ein jeder auf diesem Platze ist in Gefahr, sein Geld und auch sein Leib, Leben und gar seiner Seelen Seligkeit zu verlieren.«

Ich fragte: »Liebster Herr, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?«

Er antwortete: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizierer selbst mitmachen, sondern es geschiehet, weils die Soldaten nicht mehr lassen wollen, ja, auch nicht lassen können. Dann wer sich dem Spielen einmal ergeben, der wird nach und nach, er gewinne oder verspiele, so verpicht darauf, daß er's weniger lassen kann als den natürlichen Schlaf. Man siehet etliche die ganze Nacht durch und durch raßlen und vor das beste Essen und Trinken hineinspielen und sollten sie auch ohn Hemd davongehen. Es ist zu unterschiedlichen Malen bei Leib- und Lebensstrafe verboten und auf Befehl der Generalität durch Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknechte mit gewaffneter Hand offentlich und mit Gewalt verwehret worden, aber das half alles nichts. Also daß man, der Heimlichkeit zu wehren, das Spielen wieder offentlich erlauben und gar diesen eigenen Platz darzu widmen mußte, damit die Hauptwacht bei der Hand wäre. Ich versichere dich, ~Simplici~, daß ich willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich wieder bei den Meinigen zur Ruhe komme. Da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben, die man mit Spielen unnütz verbringet, nicht weniger will ich die grausamen Flüche, mit welchen man Gott lästert, und die Scheltworte erzählen, mit denen einer den andern antastet, viel schröckliche Exempel und Historien einbringen, die sich bei, mit und in dem Spielen zutragen. Und will nicht vergessen der Duell und Totschläge, des Geizes, Zorns, Neides, Eifers, der Falschheit, des Betrugs und Diebstahls und beides: der Würfel- und Kartenspieler unsinnige Torheiten mit ihren lebendigen Farben abmalen und vor Augen stellen, daß jeder Leser ein solch Abscheuen vor dem Spielen gewinnen soll, als wann er Säumilch gesoffen hätte, welche man den Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit unwissend eingibt.«

Das zehent Kapitel

Mein Hofmeister ward mir je länger, je holder und ich hingegen wieder ihm, doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte zwar den Narren, brachte aber keine grobe Zotten und Büffelpossen vor, so daß meine Gaben zwar vielfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich als närrisch fielen.

So gab mir auch meines Herren Schreiber, ein arger Gast und durchtriebener Schalk, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem Wege, den die Narren zu wandeln pflegen, unterhalten ward, indem mich der Speivogel zu Torheiten überredete, die ich dann nicht allein vor mich selbsten glaubte, sondern auch anderen mitteilte.

Als ich ihn einsmals fragte, was unseres Regiments Kaplan vor einer sei, sagte er:

»Er ist der Herr ~Dicis-et-non-facis~, das ist auf deutsch soviel als ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibet und selbst keine nimmt. Er ist den Dieben spinnefeind, weil sie nicht sagen, was sie tun, er aber hingegen saget, was er nicht tut. Hingegen sein die Diebe ihm auch nicht gar so hold, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wann sie mit ihm in Umgang kommen.«

Da ich nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er ausgelacht, ich aber selber gebaumölt.

Ferner überredete er mich, es kämen von den Soldaten keine tapferen Helden in den Himmel, sondern bloß einfältige Tropfen, Bernheuter und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; auch keine politischen Alamode-Kavaliers und galante Dames, sondern nur geduldige Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen, Betschwestern und allerhand Auswürflinge, die der Welt weder zu sieden noch zu braten taugen. Er überredete mich auch, daß man zu Zeiten mit göldenen Kugeln schieße und je kostbarer solche wären, je größeren Schaden pflegten sie zu tun. Ja, man führet wohl eh ganze Kriegsheere mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage in göldenen Ketten gefangen daher. Weiters beschwatzete er mich von den Weibern, daß mehr als der halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht sähe, und daß vielen ihrer Männer Hörner auf den Köpfen gaukelten, als solche ehmals Aktäon getragen, obschon die Weiber keine Dianen wären. Welches ich ihm alles glaubte, so ein dummer Narr war ich.

Hingegen brachte mich mein Hofmeister in Kundschaft seines Sohns, der, wie hiebevor gemeldet, bei der kur-sächsischen Armee ein Musterschreiber war. Den mochte mein Obrister gern leiden und war bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem Regimentssekretär zu machen. Mit ihm, welcher wie sein Vater Ulrich Herzbruder hieß, machte ich Freundschaft, so daß wir ewige Brüderschaft zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in Liebe und Leid nimmermehr verlassen wollten. Nichts lag uns härter an, als wie wir meines Narrenkleides mit Ehren loswerden und einander rechtschaffen dienen könnten. Allein der alte Herzbruder verwarnte uns: Wann ich in kurzer Zeit meinen Stand ändere, daß mir solches ein schweres Gefängnis und Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und gleicherweise prognostizierte er sich selbst und seinem Sohn einen großen bevorstehenden Spott.

Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete, wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit, damit er sich vor dem Judas vorsehe. --

Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle, der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete.