Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 6

Chapter 63,788 wordsPublic domain

Gleichwie meine beiden Schmarotzer mit mir zehreten, also mußten sie auch mit mir zu Bette, wann mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß ich im Kühestall schliefe. Der grundgütige Gott gab mir so viel Witz vor meinen Stand, als er einem jeden Menschen zu seiner Selbsterhaltung verleihet, dannenhero ich erkannte: Doktor hin, Doktor her, was bildet ihr euch ein, allein witzig zu sein und Hans in allen Gassen. Hinter den Bergen, da wohnen auch noch Leute.

Gegen Mittag so mußte ich auch in die Stube, weil adelig Frauenzimmer bei meinem Herren war, den neuen Narren zu hören und zu sehen. Ich erschiene und stund da wie ein Stummer. Dahero diejenige, so ich hiebevor beim Tanze erdappet hatte, Ursach nahm zu sagen, sie hätte gehört, daß dieses Kalb könne reden, nunmehr verspüre sie aber, daß es nicht wahr sei.

Ich antwortete: »So habe ich vermeint, die Affen können nicht reden, höre aber wohl, das dem auch nicht so sei.«

»Wie,« sagte mein Herr, »vermeinst du dann, diese Damen seien Affen?«

»Sein sie es nicht,« gab ich entgegen, »so werden sie es bald werden. Wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen, ein Kalb zu werden, und bins doch.«

Da fragte mein Herr, woran ich sehe, daß diese Damen Affen werden sollten.

Ich antwortete: »Der Affe trägt seinen Hintern bloß, diese Jungfer allbereits ihre Brüstlein, dann andre Mägde pflegen sonst solche zu bedecken.«

»Schlimmer Vogel,« sagte mein Herr, »so redest du? Diese lassen billig sehen, was sehenswert ist, der Affe aber gehet aus Armut nackend. Geschwind bringe ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich mit Hunden in den Gänsstall hetzen!«

Hierauf betrachtete ich die Dame so steif und lieblich, als hätte ich sie heuraten wollen. Endlich sagte ich: »Herr, ich sehe wohl der Diebsschneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um den Hals gehört, unten am Rock stehen lassen, darum schleift es so weit hinten nach. Man soll dem Hudler die Hand abhauen. Jungfer, schafft ihn ab, wann er Euch nicht so verschänden soll und sehet, daß ihr meiner Meuder, des Ursele und der Ann Schneider bekommt, die haben Röck gehabt, so nicht im Dreck geschlappt wie Eurer.«

Mein Herr fragte, ob dann meines Knäns Ann und Ursele schöner gewesen als diese Jungfer.

»Ach wohl nein,« sagte ich, »diese Jungfer hat ja Haare so gelb, als kleine Kindlein die Windlen zeichnen, und sie sein so hübsch zusammengerollt, als hätte sie auf jeder Seite ein paar Pfund Lichter oder ein Dutzend Bratwürst hangen. Wie hat sie so eine schöne glatte Stirn, weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen. Jammerschad ist, daß ihre zarte Haut durch den Puder bemackelt wird, als habe die Jungfer den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe. Wie zwitzern doch ihre funkelnden Augen, vor Schwärze klärer als meines Knäns Ofenloch. Und die zwei Reihen Zähne, so in ihrem Maul stehen, schimmern so schön, als wann sie aus einem Stück von einer weißen Rübe geschnitzelt wären worden. O Wunderbild, ich glaube nicht, daß es einem wehe tut, so du einen damit beißest! Wie ist ihr Hals schier so weiß, als eine gestandene Sauermilch und ihre Brüstlein sein von gleicher Farbe und ohn Zweifel so hart, als eine Geißmämm, die von übriger Milch strotzet. Ach Herr, sehet ihre Hände und Finger so subtil, so lang, so gelenk, so geschmeidig und so geschickt, damit sie einem in den Sack greifen können, wann sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihren ganzen Leib, den ich zwar nicht sehen kann. Ist er nicht so zart, so schmal und anmutig, als wann sie acht ganzer Wochen die schnelle Katharina gehabt hätte?«

Hierüber erhub sich eine solch Gelächter, daß man mich nicht mehr hören, noch ich mehr reden konnte. Ging hiemit durch wie ein Holländer und ließ mich, solang mirs gefiel, von andern vexieren.

Das fünfte Kapitel

Bei allen Mahlzeiten ließ ich mich tapfer gebrauchen, dann ich hatte mir vorgesatzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu bestrafen. Ich rupfte ihre Laster, und wer sichs nicht gefallen ließe, ward noch darzu ausgelacht.

Der erste, der mir mit Vernunft begegnen wollte, war der ~Secretarius~, dann ich denselben einen Titulschmied nannte und ihn fragte, wie man der Menschen ersten Vater titulieret hätte.

»Du redest wie ein Kalb, maßen nach unseren ersten Eltern Leute gelebt, die durch seltene Tugenden und gute Künste sich und ihr Geschlecht dergestalt geadelt haben, daß sie übers Gestirn zu den Göttern erhoben worden. Wärest du ein Mensch, so hättest du die Historien gelesen und verstündest auch den Unterscheid, sintemalen du aber ein Kalb und keiner menschlichen Ehre würdig noch fähig, so redest du wie ein dummes Kalb und gönnest ihnen den Ehrentitul nicht.«

»Ich bin«, antwortete ich, »sowohl ein Mensch gewesen als du und habe bei meinem Einsiedel auch ziemlich viel gelesen. Sage mir, was sein vor herrliche Taten begangen und Künst erfunden, die genugsam seien, ein ganzes Geschlecht von etlich hundert Jahr nach Absterben des Helden und Künstlers zu adlen? Ist nicht beides: des Helden Stärke und des Künstlers Weisheit mit hinweggestorben? So aber der Eltern Qualitäten auf die Kinder überkommen, halt ich davor, daß dein Vater ein Stockfisch und deine Mutter eine Schneegans gewesen.«

»Ha,« rief der ~Secretarius~, »wann es damit wohl ausgericht sein wird, wann wir einander schänden, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein Knän ein grober spessarter Bauer gewesen, und daß du dich noch mehr verringert habest, indem du zum unvernünftigen Kalb geworden bist.«

»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre habe.«

»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch Tugend edel machen. Wann aber -- so folget, daß man die Kinder der Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wer wollte in ~Alexandri Magni~ Nachkömmlingen, wann anders noch einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen, hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht ~Quintus Curtius~, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem, sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? -- Da könnte ich auch den ~Julium Cäsarem~ und ~Pompeium~ anführen, deren der eine fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien 876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem ~Lucio Siccio Dentato~, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre, deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich.

Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden. Was findet sich für Geschicklichkeit am ~Zeuxis~, welcher mit seinen Schildereien die Vögel in der Luft betrog, ~item~ am ~Apelles~, der eine ~Venus~ so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein verliebten. ~Plutarchus~ schreibet, daß ~Archimedes~ ein großes Schiff mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches 200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen, ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht genießen konnte.«

Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die göttliche Allmacht zu erkennen.«

Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.« Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte. »Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.« Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.«

»Wieso, wieso, du Kalb!«

»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld, Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, ~in summa~ fast alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.«

»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?«

»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist? Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an ihrem ~Lycurgo~, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer verargeten dem ~Scipioni~ das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich ~Pompeius~ nur mit einem Finger kratzte. Des ~Julii Cäsaris~ spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren ~Catonem~, weil es zu gierig auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem ~Hannibali~ übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen ~Demosthenes~ sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend gejagt haben. Dem ~Sokrati~ ist mit Gift vergeben worden. ~Hannibal~ hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen. ~Lykurg~ ward gesteiniget. ~Solo~ wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn. Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein böses Gewissen davon.«

Das sechste Kapitel

Und währendem meinem Diskurs sahe mich jedermann verwundert an. Mein Herr aber sagte:

»Ich weiß nicht, was ich an dir habe. Du bedünkest mich vor ein Kalb viel zu verständig zu sein. Ich vermeine schier, du seiest unter deiner Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.«

Ich stellete mich zornig und rief: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl, wir Tiere seien gar Narren? Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden. Ältere Tiere möchten euch anderst aufschneiden, so sie reden könnten als ich. Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher, Amseln und Rebhühner gelehret hat sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer den angeschossenen Hirsch seine Zuflucht zur wilden Poley nehmen? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Raute gebrauchen solle, wann es mit der Feldmaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will? Wer gibt den wilden Schweinen Efeu und den Bären Alraun vor Arznei zu erkennen? Wer unterweiset die Schwalbe, daß sie ihrer Jungen blöde Augen mit dem Chelidonio arzneien soll? Wer instruieret die Schlange, daß sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier dorfte ich sagen, daß ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren erlernet habt. Aber ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir Tiere nicht. Ein Löw oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet er, bis er frisch und gesund wird. Wer aber sagt den Sommervögeln, wann sie im Frühjahr zu uns kommen, Junge hecken und im Herbste wieder von dannen in warme Länder ziehen sollen? Leihet ihr Menschen ihnen vielleicht eueren Kalender oder Seekompaß? Beschauet die mühsame Spinne, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist. Sehet ob ihr auch einen einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget. Welcher Jäger hat sie gelehrt, das Wildpret zu belaustern? Die alten Philosophi haben solches ernstlich erwogen und sich nicht geschämet zu fragen und zu disputieren, ob die Tiere nicht auch Verstand hätten. Gehet hin zu den Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann saget mir euer Meinung wieder.«

Hierauf fielen unterschiedliche Urteile über mich. Der ~Secretarius~ hielt davor, ich sei närrisch, weil ich mich selbsten vor ein unvernünftig Tier schätze, maßen diejenigen, so einen Sparen zu viel oder zu wenig hätten und sich jedoch weise zu sein dünkten, die aller artlichsten und visierlichsten Narren wären. Andere sagten, wann man mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, so würde ich vor vernünftig und witzig gelten müssen.

Mein Herr sagte: »Er ist ein Narr, weil er jedem ungescheut die Wahrheit sagt, hingegen stehen seine klugen Diskursen keinem Narren zu.«

Solches redeten sie auf latein, damit ich's nicht verstehen sollte.

Der tolle Fähnrich aber schloß: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten. De Tüfel, de kühret ut jehme!«

Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue.

»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.«

»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen. Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen. »Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?«

Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte, konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren selbst stunden die Augen voll Wasser.

Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet, so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt, der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich, als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten ~Simplicio~ auch wieder geholfen werden.«

»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«

»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein, doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins Gehirn gefaßt hat.«

Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung, das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte.

Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte.

Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit.

Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen, in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte. Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer, was er mit meinem Herrn abgeredet hätte.

Aber das neidische Glück wollte mich so leichtlich nicht meines Narrenkleides erledigen. Indem die Komödia noch in Händen der Schneider und Gerber lag, terminierte ich mit etlichen andern Knaben vor der Festung auf dem Eise herum, da überfiel uns eine Partei Kroaten; die satzten uns auf gestohlene Baurenpferd und führeten uns davon.

Das siebente Kapitel

Obzwar nun die Hanauer gleich Lärm schlugen, sich zu Pferd heraus ließen, so mochten sie doch denen Kroaten nichts abgewinnen. Diese leichte Ware ging sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie fütterten und den Bürgern daselbst die gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch ihre gestohlenen Pferde und andere Beute verkauften. Von dannen brachen sie wieder auf und gingen schnell durch den Büdinger Wald auf Stift Fulda zu. Sie nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im geringsten nichts, dann sie konntens machen wie der Teufel, maßen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer großen Beute ankamen. Das ward alles partiert, ich aber fiel dem Obristen Corpes zu.