Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 4

Chapter 43,630 wordsPublic domain

Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen geben?«

Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war, welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus dem ~Medico~ und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern, Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott gewesen.

Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als ein ~Ecce-Homo~ wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren. Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes ~Ecce-Homo~. Er aber sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher ~Ecce-Homo~ manglen. Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige, dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.« »Phantast,« rief er, »ich ~aestimiere~ die Rarität!«

So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs? Tun nicht die Zöllner also auch?’

Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.

Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.

Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und versatzte dem Täter eins vor den Kopf.

Ich sagte: »Ach Freund, was machst du!«

Er antwortete: »Da wäre einer ein Bernheuter! Ich will mich, schlag mich der Donner und hol mich der Teufel, selbst rächen oder das Leben nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so coujonieren ließe!«

Das Lärmen zwischen den zweien Duellanten vergrößerte sich, weilen beiderseits Beiständer auch in die Haare kamen. Da bliebs bei geringen Kinderschwüren nicht. Die heiligen Sakramente mußten nicht nur siebenfach, sondern auch mit hunderttausenden soviel Tonnen, Galeeren und Stadtgräben voll heraus, also daß mir alle Haare zu Berg stunden.

Zum allerschröcklichsten kam es mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Boßheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörte. Da vernahm ich zu unterschiedlichen Zeiten:

»Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen! Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und eben soviel Mal gekotzt!«

»Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!«

»Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!«

»Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!«

»Ich habe ihn darniedergehauen, als wenn ihn der Hagel hätte darnieder geschlagen.«

»Ich habe ihn geschossen, daß er das Weiße über sich kehrte.«

»Ich habe ihn so artlich über den Tölpel geworfen, daß ihn der Teufel hätte holen mögen. -- Ich habe ihm den Stein gestoßen, daß er den Hals hätte brechen mögen.«

In Gottes Namen sündigten sie, was wohl zu erbarmen ist: »Wir wollen in Gottesnamen auf Partei, plündern, niedermachen, in Brand stecken.«

Wann ich so etwas hörete und sahe und, wie meine Gewohnheit war, mit der Hl. Schrift hervorwischte, so hielten mich die Leute vor einen Narren und ich ward ausgelachet, daß ich endlich auch unwillig wurde und mir vorsatzte, gar zu schweigen.

Als ich demnach vermeinete, ich hätte Ursach zu zweifeln, ob ich unter Christen wäre oder nicht, ging ich zu dem Pfarrer mit der Bitte, er wolle mir doch aus dem Traum helfen. Der Pfarrer antwortete: »Freilich sind sie Christen und wollte ich dir nicht raten, daß du sie anderst nennen solltest. Dessen verwundere dich nicht. Wann die Apostel selbst anjetzo auferstehen und in die Welt kommen sollten, sie würden jeder männiglich vor Narren gehalten sein. Was du siehest und hörest ist eine allgemeine Sache und nur Kinderspiel dagegen, was sonsten so heimlich, als offentlich und mit Gewalt wider Gott und den Menschen vorgeht. Laß dich das nicht ärgern. Du wirst wenig Christen finden, wie dein Einsiedel einer gewesen ist.«

Indem führet man etliche Gefangene über den Platz und wir beschaueten sie auch. Da vernahm ich eine neue Mode einander zu grüßen und zu bewillkommnen, dann einer unserer Guarnison kannte einen Gefangenen. Zu dem ging er, gab ihm die Hand und druckete sie vor lauter Freude und Treuherzigkeit, dabei er sagte: »Daß dich der Hagel erschlage, lebst du noch, Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen! Ich habe, schlag mich der Donner vorlängst gemeinet, du wärest gehängt worden!«

Darauf antwortete der andere: »Potz Blitz Bruder, bist dus oder bist dus nicht? Daß dich der Teufel hole, wie bist du hierher gekommen? Ich hätte mein Lebtag nicht vermeinet, daß ich dich wieder antreffen würde, sondern habe gedacht, der Teufel hätte dich vorlängst hingeführet!«

Und als sie von einander gingen, sagte einer zum andern:

»Strick zu, Strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann wollen wir brav mit einander saufen!«

Ich verwunderte mich und ging, dem Gubernator aufzuwarten, dann ich hatte gewisse Zeiten Erlaubnus, die Stadt zu beschauen, weil mein Herr von meiner Einfalt Wind hatte und gedachte, solche würde sich legen, wann ich herumterminierte und von andern gehobelt und gerülpt würde.

Das dreizehnte Kapitel

Meines Herren Gunst mehrete sich täglich, weil ich nicht allein seiner Schwester je länger, je gleicher sahe, sondern auch ihm selbsten, indem die guten Speisen und faulen Täge mich glatthärig machten. Wer etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, erzeigte sich mir günstig, und sonderlich mochte mich der ~Secretarius~ wohl leiden, indem mir derselbe rechnen lernen mußte.

Er war erst von den Studien gekommen und stak noch voller Schulpossen, die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben, als wann er einen Sparren zu viel oder zu wenig gehabt hätte. Er überredete mich oft, schwarz sei weiß und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der Erste alles und aufs letzte gar nichts mehr glaubte.

Einsmals tadelte ich sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortete solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, dann daraus lange er hervor, was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider und ~in summa~, was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt. Ich wollte das von einem so kleinen, verächtlichen Ding nicht glauben. Hingegen sagte er, solches Vermöge der ~spiritus papyri~ (also nannte er die Tinte) und das Tintenfaß würde darum Faß genannt, weil es große Dinge fasse.

»Wie soll mans herausbringen, sintemal man kaum zween Finger hineinstecken kann?«

Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten müsse und verhoffe sich bald auch eine schöne, reiche Jungfrau herauszulangen. Wann er Glück hätte, so getraue er auch ein eigen Land und Leute heraus zu bringen.

Ich mußte mich über diese künstlichen Griffe verwundern und fragte, ob noch mehr Leute solche Kunst könnten.

»Freilich, alle Kanzler, Doktoren, ~Secretarii~, Prokuratoren oder Advokaten, ~Commissarii~, ~Notarii~, Kauf- und Handelsherren, so, wann sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.«

Ich meinte so seien die Bauren und andere arbeitsame Leute nicht witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot essen und diese Kunst nicht auch lernen. Er aber sagte: »Etliche wissen der Kunst Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche wolltens gern, mangeln aber des Arms im Kopfe oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunst und haben Arms genug, wissen aber die Griffe nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden; andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie wohnen aber in der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst zu üben.«

Als wir dergestalt vom Tintenfaß diskurierten, kam mir das Titularbuch ungefähr in die Hände, darin fand ich mehr Torheiten, als mir bisher noch nie vor Augen gekommen.

Ich rief: »Alles sind ja Adamskinder und eines Gemächts miteinander, Staub und Aschen, woher kommt ein so großer Unterschied? Allerheiligst, Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche Eigenschaften? _Der_ ist gnädig, der ander gestreng und was tut das Geboren dabei? _Die_ heißen Hoch-, Wohl-, Vor-Großgeachte! Was ist das vor ein närrisch Wort: Vorsichtig! Wem stehen dann die Augen hinten im Kopf? Es ist viel rühmlicher, wann einer freundlich tituliert wird. ~Item~ wann das Wort Edel an sich selbsten hochschätzbare Tugenden bedeutet, warum es bei Fürsten und Grafen zwischen hoch und geboren setzen? Und Wohlgeboren ist eine Lüge, solches möchte eines jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es ihr bei der Entbindung ergangen sei.«

Der ~Secretarius~ und ich lacheten gar sehr. Indem entrann mir ein so grausamer Leibsdunst, daß beide ich und der ~Secretarius~ darüber erschraken.

»Trolle dich, du Sau,« sagte er, »zu den andern Säuen im Stall, mit denen, du Rülp, besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren kannst!«

Und also hatte ich den guten Handel in der Schreibstube, dem gemeinen Sprüchwort nach, auf einmal verkerbt.

Ich kam unschuldig in das Unglück, dann die ungewöhnlichen Speisen und Arzneien, die mein eingeschnurrtes Gedärm zurecht bringen sollten, erregten viel garstige Wetter und Stürm in mir, maßen weder mein Einsiedel noch mein Knän mich unterrichtet, daß es übel getan sei, wann man dies Orts der Natur willfahre.

Mein Herr hatte nun einen ausgestochenen Essig zum Pagen neben mir, dem schenkte ich mein Herz. Aber er eiferte mit mir, wegen der großen Gunst, die mein Herr zu mir trug. Er besorgte, ich möchte ihm vielleicht die Schuhe gar austreten und sahe mich heimlich mit Mißgunst an. Er sann auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen möge und mich zu Fall brächte. Ich aber vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, so alle auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestunden.

Einsmals schwätzten wir im Bett vom Wahrsagen, und er versprach mir solches umsonst zu lernen. Hieße mich darauf den Kopf unter die Decke tun. Ich gehorchte fleißig und gab auf die Ankunft des Wahrsagegeistes genaue Achtung. Potz Glück! Desselben Einzug in meine Nase war so stark, daß ich eilends unter der Decke herfürwischte.

»Was hast du,« fragte der Lehrmeister. Ich antwortete ihm. Da meinte er: »Du kannst also die Kunst des Wahrsagens am besten.«

Ich nahms vor keinen Schimpf, dann ich hatte damals noch keine Galle und begehrte allein zu wissen, wie ihm dies so stillschweigend gelungen sei. Er antwortete: »Du darfst nur das linke Bein lupfen und darneben heimlich sagen: ~je pete, je pete, je pete~ und mithin so stark gedruckt, als du kannst.«

»Es ist gut,« sagte ich, »man meinet sodann, die Hunde haben die Luft verfälscht. Ach, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstube gewußt!«

Das vierzehnte Kapitel

Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil die Unsrigen das feste Haus Braunfels ohn Verlust eines einzigen Mannes genommen. Da mußte ich helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller aufwarten.

Den ersten Tag ward mir ein großer, fetter Kalbskopf (von welchen man saget, daß sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändigt. Weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer Anblick war. Und da mich der frische Geruch von der Speckbrühe und aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser ward: ~in summa~ das Aug lachte meine Augen, meine Nase und meine Zunge zugleich an und bat gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungrigen Magen einverleiben. Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte den Begierden. Im Gang hub ich das Aug mit einem Löffel so meisterlich heraus und schickte es ohn Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß es auch niemand inne ward, bis das Essen auf den Tisch kam und mich verriet. So mangelte eins von den allerbesten Gliedmaßen dem Kalbskopf. Mein Herr wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen einäugigen Kalbskopf aufzustellen wagte. Der Koch mußte vor die Tafel und zuletzt kam das ~facit~ über den armen ~Simplicium~ heraus. Mein Herr fragte mit einer schröcklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug gekommen wäre. Geschwind zuckte ich mit meinem Löffel aus dem Sack, gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man wissen wollte, maßen ich das ander Aug in einem Hui verschlang.

»~Par dieu~,« sagte mein Herr, »dieser Akt schmäckt mir besser als zehn Kälber!«

Etliche Possenreißer, Fuchsschwänzer und Tischräte lobten meine kluge Erfindung, da ich beide Kalbsaugen zusammenlogiert, als eine Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockener Resolution. Also ich vor diesmal meiner verdieneten Strafe entging. Mein Herr aber sagte, ich sollte ihm nicht wieder so kommen.

Bei dieser Mahlzeit trat man ganz christlich zur Tafel und sprach das Tischgebet sehr still und andächtig. Solche Andacht kontinuierte, solang als man mit den ersten Speisen zu tun hatte, als wann man in einem Kapuziner-~Convent~ gesessen hätte. Aber kaum hatte jeder drei- oder viermal »gesegnet Gott« gesagt, ward schon alles lauter. Je länger, je höher erhub sich nach und nach eines jeden Stimme ohnbeschreiblich.

Man brachte Gerichte, deswegen »Voressen« genannt, weil sie gewürzt und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren, ~item~ Beiessen, weil sie bei dem Trunk nicht übel schmeckten, allerhand französischer ~Potagen~ und spanischer ~Ollapotriden~ zu geschweigen, welche durch tausendfältige Zubereitung und unzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert, verdümmelt, vermummet, mixiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie nach ihrer natürlichen Substanz unerkenntlich blieben. Wer weiß, ob die Zauberin ~Circe~ andere Mittel gebraucht hat, des Ulisses Gefährten in Schweine zu verwandeln? Dann die Gäste fraßen die Gerichte wie Säue, darauf soffen sie wie Kühe, stellten sich dabei wie Esel und spien wie die Gerberhunde.

Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie in kübelmäßigen Gläsern hinunter und brachten einander Trünke zu, die je länger, je größer wurden, als ob sie um die Wette miteinander stritten.

Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, nachdem aber Mägen und Köpfe voll und toll wurden, mußten bei einem Courage, beim andern Treuherzigkeit, seinem Freunde eins zuzubringen, beim dritten die deutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun, den Trunk fördern. Maßen aber solches der Länge nach auch nicht bestehen konnte, beschwur je einer den andern bei großer Herren, lieber Freunde oder bei der Liebsten Gesundheit den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach, doch mußte es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und Saitenspiel ein Lärmen und schoß mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum, dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte.

Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei. Ich trat zu ihm und sagte: »Warum tun die Leute so seltsam? Woher kommt es doch, daß sie so hin und her dorkeln? Mich dünkt schier, sie sein nicht recht witzig, sie haben sich alle sattgegessen und getrunken, daß sie schwören bei Teufelholen, wann sie mehr saufen könnten, und dannoch hören sie nicht auf sich auszuschoppen! Müssen sie es tun?«

Der Pfarrer flüsterte mir zu: »Liebes Kind, Wein ein, Witz aus. Das ist noch nichts demgegenüber, was noch kommen soll.«

»Zerbersten dann ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmäßig einschieben? Können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in solchen Mastschweinkörpern verharren?«

»Halts Maul,« antwortete der Pfarrer, »du dörftest sonst greulich Pumpes kriegen. Hier ist keine Zeit zu predigen, ich wollt's sonst besser als du verrichten.«

Ich sahe ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig verderbte, unangesehen des armen Lazarus, den man damit hätte laben können in Gestalt vieler vertriebener Flüchtlinge, denen der Hunger aus den Augen heraus guckte und die vor unsern Türen verschmachteten.

Das fünfzehnte Kapitel

Als ich dergestalt mit einem Teller vor der Tafel aufwartete, und mein Gemüt von merklichen Gedanken geplagt ward, ließ mich auch mein Bauch nicht zufrieden. Er knurrte und murrte ohn Unterlaß. Ich gedachte dem ungeheuern Gerümpel abzuhelfen und mich dabei meiner neuerlernten Kunst zu bedienen. Lupfete also das Bein, druckte von allen Kräften, was ich konnte, und wollte heimlich meinen Spruch: ~je pete~ -- sagen, aber das ungeheuere Gespann entwischte wider mein Verhoffen mit greulichem Bellen. Mir wars einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am Galgen gestanden wäre und mir der Henker bereits den Strick hätte anlegen wollen. In solcher gählingen Angst verwirrt, wurde mein Maul in diesem urplötzlichen Lärmen rebellisch, und wo es heimlich brummeln sollte, entfuhr ihm desto grausamer mit erschröcklicher Stimme sein: ~je pete~.

Hiedurch bekam ich Linderung, dagegen einen ungnädigen Herrn an meinem Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem unversehenen Knall fast wieder alle nüchtern, ich aber über die Futtertruhe gespannt und also gepeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches waren die ersten Pastonaden, die ich kriegte.

Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor, aber die besten ~Aromata~ wollten schier nichts erklecken.

Wie dies nun überstanden, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein Pfarrer war auch noch vorhanden und ward zum Trunk genötiget. Er aber wollte nicht recht daran und sagte, er möchte so viehisch nicht saufen. Hingegen erwiese ihm ein guter Zechbruder, daß er wie ein Viehe, sie aber, die andern, wie Menschen söffen.

»Dann eine Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmäcket und den Durst löschet, weil es nicht weiß, was gut ist. Uns Menschen aber beliebt, daß wir uns den Trunk zu Nutz machen und den edlen Rebensaft einschleichen lassen.«

»Sehr wohl,« sagte der Pfarrer, »es gebühret mir aber das rechte Maß zu halten.«

»Wohl,« antwortete jener, »ein ehrlicher Mann hält Wort,« und ließ einen mäßigen Becher einschenken, denselben den Pfarrer zuzuzotteln. Der hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.

Als der Pfarrer abgeschafft war, ging es drunter und drüber. Es ließe sich an, als wenn die Gasterei einzig Gelegenheit sein sollte, sich gegen einander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu bringen oder sonst einen Possen zu reißen. Wann dergestalt einer expediert ward, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es: »Nun ist es wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht. Jetzt ist dirs eingetränkt!« Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte, wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl zu sein. Zuletzt dürmelten sie alle herum, als wann sie Bilsensamen genossen hätten. Einer sang, der ander weinete, einer lachte, der ander traurete, einer fluchte, der ander betete. Der schrie überlaut: Courage! -- jener saß stille und friedlich. Einer wollte den Teufel mit Raufhändeln bannen, ein anderer schlief, der dritte plauderte, daß keiner ihm zuvorkommen konnte. Da erzählte einer von seiner lieblichen Buhlerei, der ander von seinen erschröcklichen Kriegstaten. Etliche redeten von der Kirchen und geistlichen Sachen, andere von Politik und Reichshändeln. Teils liefen hin und wieder und konnten nirgends bleiben, teils lagen und vermochten nicht den kleinsten Finger zu regen. Etliche fraßen wie die Trescher, als hätten sie acht Tage Hunger gelitten, andere wußten sich dessen zu entledigen, was sie den Tag eingeschlungen hatten. ~In summa~ meine Kunst, darum ich so greulich zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu rechnen war.

Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streithändel. Da warf man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und schlug mit Fäusten, Stühlen, Stuhlbeinen und Degen, daß endlich der rote Saft über die Ohren lief. Aber mein Herr stillet den Handel.

Da nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute samt den Frauenzimmern und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal auch einer andern Torheit gewidmet war. Mein Herr ging ihnen nach und ich folget ihm.