Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 3
Wann ein ~Commissarius~ daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen, so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden.
Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu schmälen. Aber Adelhold sagte:
»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen? Ein rechtschaffener Edelmann, eh er seinem Geschlecht durch Untreue, Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht fein:
Es ist kein Schwert, das schärfer schiert, Als wann der Baur zum Herren wird.
Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein alter Löw.«
Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch Wohlverhalten ein General zu werden.
Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch laben Mit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt. Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt. Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.
Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancher ~Nobilist~, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet manch wackerer Soldat unter seiner Muskete, der billiger ein Regiment meritierte.«
Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen Soldaten prügelte wie die Hunde.
Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der Kriegsgott ~Mars~ und bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam.
Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme:
Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet, Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet: Durch innerlichen Krieg und brüderlichen Streit Wird alles umgekehrt und folget lauter Leid.
Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner Hütte.
Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte.
‚Lieber ~Simplici~, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten. Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du bestehen mögen. ~Vale~!’
Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben, welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen.
Das zehent Kapitel
Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt. Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir ein erschröcklich ~Spectacul~. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht gleich zween Musketierer, die mich in ihre ~Corps de Garde~ führten.
Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt, noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten und vorn, fein kreuzweis, wie man ~St. Wilhelmum~ zu malen pfleget, umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte. Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte, der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht, ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch: zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib zugleich.
Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so er mir zum ~Valete~ hinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte:
»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!«
»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann heiß!«
Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu, als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde.
Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine Antwort war: »Ich weiß es nicht.« -- »Was Teufel weißt du dann? Was ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« -- »Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte, hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben.
»Warum eben auf birkenen Rinden?«
»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.«
»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.«
»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.«
»Wo, in welchem Wald?«
Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht. Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben, ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.«
So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor.
»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst niemand verstehet. Wie heißt du?«
»~Simplicius~.«
»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an Hand und Fuß in Eisen schließe!«
Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge, dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug an mir getragen.
Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen elenden Zustand allererst grausam machten.
»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du unglückseliger ~Simplici~! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit: Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch, du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«
Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet, wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen, was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O ~Simplici~, bist du es!«
Da hub ich beide Hände auf und schrie: »O Vater! O Vater!«
Er fragte mich, was ich getan hätte. Ich antwortete, ich wüßte es nicht. Als er aber den Umstand vernahm, bat er, man wollte mit mir inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gubernator berichtet hätte, dann solches würde verhüten, daß er sich an uns beiden vergreife.
Das elfte Kapitel
Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider, ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock, auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen hatte, wie ~Simplicius~ eins war. Alsdann dorfte allererst der Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungerten Leib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig, da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein Herr ~Simplicius~ wie ein junger Graf zum besten ~accommodiert~. Ich glaube schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan, daneben mein Bildnus.
Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch, daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte. Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete.
Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu meinem Pfarrer brachte. In dessen ~Museo~ satzten wir uns und er ließ mich vernehmen:
»Lieber ~Simplici~, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welche beiden Tugenden man zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. -- Ich will dir aber auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben gekommen sei.
Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten. Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte, er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines Trostes bedurfte. Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh.
Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau, Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd, geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden, und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten Conterfait trug vertauschen.
Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf und erzählte, wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich, indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden. Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.«
Ich antwortete, es gälte mir gleich.
Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine Beständigkeit und unveränderlichen Willen. ~In summa~ er konnte nicht genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicher Inbrünstigkeit kurz vor seinem Tod ~rekommendieret~.
Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,« antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und festen Vorsatz verwundern muß.«
Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden die Augen voll Wasser, da er sagte:
»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern können. Als will ich anstatt seiner seinen ~Simplicium~ versorgen. Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren, als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.«
Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute, sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten.
Das zwölfte Kapitel
Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher, der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm rächen möchte.«
»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers überkommt!«
»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter, »ich bin darum kein Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der Eigentumsherr.«
Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet.
Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?«