Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 23

Chapter 232,324 wordsPublic domain

Am andern Tag kamen vom Zar zween Knesen und ein Dolmetsch, die ein endlichs mit mir beschlossen und von wegen des Zaren mir ein köstlich reußisch Kleid verehreten. Also fing ich gleich etliche Tage hernach an, Salpetererde zu suchen und meinen Leuten zu lernen, wie sie dieselbe von der Erde separieren und läutern sollten. Mithin verfertigte ich die Abrisse zu einer Pulvermühle und lehrete andere die Kohlen brennen, daß wir also in ganz kurzer Zeit sowohl des besten Pirsch- als des groben Stückpulvers eine ziemliche Quantität verfertigten, dann ich hatte Leute genug und darneben auch meine sonderbaren Diener, die mir aufwarteten, oder besser zu sagen, die mich hüten und verwahren sollten.

Ich war einsmals geschäftig auf den Pulvermühlen, die ich hatte außerhalb Moskaus an den Fluß bauen lassen, da ward unversehens Alarm, weilen sich die Tataren bereits vier Meilen weit auf hunderttausend Pferde stark befanden, das Land plünderten und also immerhin fortavancierten. Wir mußten uns an Hof begeben, allwo wir aus des Zars Rüstkammer und Marstall montiert wurden. Ich zwar ward anstatt des Kürasses mit einem gesteppten seidenen Panzer angetan, welcher jeden Pfeil aufhielt, aber vor keiner Kugel schußfrei sein konnte; Stiefeln, Sporen, und eine fürstliche Hauptzier mit einem Reiherbusch, samt einem Säbel, der Haar schur, mit lauter Gold beschlagen und Edelsteinen versetzt, wurden mir dargegeben. Von des Zaren Pferden ward mir ein solches unterzogen, dergleichen ich zuvor mein Lebtag keines gesehen, geschweige geritten. Ich und das Pferdzeug glänzten von Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen. Ich hatte eine stählerne Streitkolbe angehangen. Mir folgte eine weiße Fahne mit einem doppelten Adler, welcher von allen Orten und Winkeln gleichsam Volk zuschneiete, also daß wir eh zwei Stunden verzogen bei vierzig und nach vier Stunden bei sechzigtausend Pferde stark waren.

Es ist meiner Histori an diesem Treffen nicht viel gelegen, ich will allein dies sagen, daß wir die Tataren, so mit müden Pferden und vielen Beuten beladen anzogen, urplötzlich in einem ziemlich tiefen Gelände antrafen, als sie sich dessen am allerwenigsten versahen. Im ersten Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern in reußischer Sprache: »Nun wohlan, es tue jeder wie ich!«

Solches schrieen sie einander zu. Dem ersten, welcher ein ~Mirsa~ war, schlug ich den Kopf entzwei. Die Reußen folgten meinem heroischen Exempel, so daß die Tataren sich in allgemeine Flucht wandten. Ich tät wie ein Rasender oder wie einer, der aus Desperation den Tod sucht und nicht finden kann. Was mir vorkam, schlug ich nieder, es wäre gleich Tatar oder Reuße gewesen. Und die, so vom Zar auf mich bestellet waren, drangen mir so fleißig nach, daß ich allezeit einen sichern Rücken behielt. Die Luft flog voller Pfeile, als wann Immen geschwärmt hätten, wovon mir dann einer in Arm zu teil wird. Eh ich den Pfeil auffing, lachte mein Herz in meinem Leib an solcher Blutvergießung, da ich aber meine eigen Blut fließen sahe, verkehrete sich das Lachen in unsinnige Wut. Demnach sich aber diese grimmigen Feinde in eine hauptsächliche Flucht wandten, ward mir von etlichen Knesen im Namen des Zaren befohlen, ihrem Kaiser die Botschaft zu bringen, ich hatte hundert Pferde zur Nachfolge. Da ritt ich durch die Stadt der zarischen Wohnung zu und ward von allen Menschen mit Frohlocken und Glückwünschung empfangen. Sobald ich aber von dem Treffen Bericht erstattet, mußte ich meine festlichen Kleider wieder ablegen, welche wiederum in des Zaren Kleiderbehaltnus aufgehoben wurden, wiewohl sie samt dem Pferdgezeug über und über mit Blut besprengt und besudelt waren und also fast gar zunicht gemachet waren. Sie sollten mir zum wenigsten samt dem Pferd als Ehrengabe überlassen worden sein.

Solang meine Wunde zu heilen hatte, ward ich allerdings fürstlich traktieret. Ich ging in einem Schlafpelz von göldenem Stück mit Zobel gefüttert, wiewohl der Schade weder tötlich noch gefährlich war, und ich habe die Tage meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen genossen als eben damals. Solches aber war alle meine Beute, die ich von meiner Arbeit hatte, ohn das Lob, so mir der Zar verliehe.

Als ich gänzlich heil war, ward ich mit einem Schiff die Wolga hinunter nach Astrachan geschickt, daselbsten wie in Moskau eine Pulvermacherei anzuordnen, weil dem Zar unmöglich war, diese Grenzfestungen allezeit von Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver zu versehen. Ich ließ mich gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach Verrichtung solchen Geschäftes wiederum in Holland fertigen und mir, meinen Verdiensten gemäß, ein namhaftes Stück Geld mitgeben.

Als ich aber im besten Tun war und mich außerhalb der Festung über Nacht in einer Pulvermühle befand, ward ich von einer Schar Tataren diebischenweise gestohlen und aufgehoben, weit ins Land hinein verschleppt und endlich um etliche chinesisch Kaufmannswaren den niuchischen Tataren vertauscht, welche mich nachher dem König von Korea als ein sonderbares Präsent verehreten. Daselbst ward ich wert gehalten, und weil ich dem König lehrete, wie er mit dem Rohr, auf der Achsel liegend und mit dem Rücken gegen die Scheibe gekehrt, dannoch ins Schwarze treffen könnte, schenkte er mir die Freiheit und fertigte mich durch ~Japonia~ nach ~Makao~ zu den Portugesen. Etlich Kaufleute nahmen mich mit ihren Waren nach Alexandria in Egypten, und von dort kam ich nach Konstantinopel. Weil aber der türkische Kaiser eben damalen etliche Galeeren wider die Venediger ausrüstete, mußten viel türkische Kaufleute ihre christlichen Sklaven um bare Bezahlung hergeben, worunter ich mich dann als ein junger, starker Kerl auch befand. Also mußte ich lernen rudern. Aber solche schwere Dienstbarkeit währete nicht über zween Monat, dann unsere Galeere ward in ~Levante~ von denen Venetianern ritterlich übermannet und ich aus der türkischen Gewalt erlediget.

Ich bekam leichtlich einen Paß, weil ich nach Rom und Loretto pilgerweis wollte, um Gott vor meine Erledigung zu danken.

Von dannen kam ich über den Gotthart durchs Schweizerland wieder auf den Schwarzwald zu meinem Knän, welcher meinen Hof treu bewahret. Ich brachte nichts besonders heim als einen Bart, der mir in der Fremde gewachsen war.

Indessen war der deutsche Friede geschlossen worden, also daß ich bei meinem Knän in sicherer Ruh leben konnte. Ich ließ ihn sorgen und hausen und satzte mich hinter die Bücher, welches dann beides: meine Arbeit und Ergetzung war.

Das elfte Kapitel

Ich lase einsmals, was das Orakel den römischen Abgesandten, als sie es fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regiert würden, zur Antwort gabe: »~Nosce te ipsum~«, das ist: Es soll sich jeder selbst erkennen. Solches machte, daß ich mich hintersann und Rechnung über mein geführtes Leben begehrete. Da sagte ich alsdann zu mir selbst:

Dein Leben ist kein Leben gewesen sondern ein Tod, deine Tage ein schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, deine Wohlfahrt ein Alchimistenschatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt, eh du dich dessen versiehst. Du hast im Krieg viel Glück und Unglück eingenommen, bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, beliebt und verhaßt, geehrt und veracht gewesen -- aber nun du, meine arme Seele, was hast du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht?

Arm bin ich an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem Guten bin ich faul, träg und verderbt. Mein Gewissen ist ängstlich und beladen, ich bin mit Sünden überhäuft und abscheulich besudelt. Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren. Nichts ist, das mich erfreuet, ich bin mir selber feind.

Mit solchen Gedanken quälte ich mich täglich und eben damals kamen mir etliche Schriften des Antonio de Guevara unter die Hände, davon ich etwas zum Beschluß hierher setze, weil sie kräftig waren, mir die Welt vollends zu verleiten.

Diese lauten also:

~Adieu~ Welt, dann auf dich ist nicht zu trauen. In deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, also daß du ein Toter bist unter den Toten und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine Stunde leben.

~Adieu~ Welt, dann du nimmst uns gefangen und läßt uns nicht wieder ledig, du bindest uns und lösest uns nicht wieder auf, du tötest ohne Urteil, begräbst ohne Sterben. Bei dir ist keine Freude ohne Kummer, kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Ruhe ohne Forcht, keine Fülle ohne Mängel, keine Ehre ohne Makel, kein Gut ohne bös Gewissen, keine Freundschaft ohne Falschheit.

~Adieu~ Welt, dann in deinem Palast dienet man ohn Entgelt, man liebkoset, um zu töten, man erhöhet, um zu stürzen, man hilft, um zu fällen, man ehrt, um zu schänden, man straft ohn Verzeihen.

Behüt dich Gott, Welt, dann in deinem Haus werden die großen Herren und Favoriten gestürzet, die Unwürdigen herfürgezogen, Verräter mit Gnaden angesehen, Getreue in Winkel gestellet, Unschuldige verurteilet, den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub, den Ungeschickten große Besoldung, den Hinterlistigen wird geglaubet, und Aufrichtige und Redliche haben keinen Kredit. Ein jeder tut, was er will, und keiner, was er soll.

~Adieu~ Welt, dann in dir wird niemand mit seinem rechten Namen genennet, den Vermessenen nennt man kühn, den Verzagten fürsichtig, den Ungestümen emsig, den Nachlässigen friedsam, ein Verschwender wird herrlich genannt, ein Karger eingezogen. Einen hinterlistigen Schwätzer und Plauderer nennet man beredt, den Stillen einen Narren oder Phantasten, einen Ehebrecher und Jungfrauenschänder nennt man einen Buhler, einen Unflat nennt man Hofmann, einen Rachgierigen eifrig, einen Sanftmütigen einen Phantasten.

~Adieu~ Welt, dann du verführest jedermann: den Ehrgeizigen verheißest du Ehre, dem Unruhigen Veränderung, dem Hochtragenden Fürstengnade, dem Nachlässigen Ämter, Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust, Feinden Rache, Dieben Heimlichkeit.

~Adieu~ Welt, dann in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treue Herberge! Wer mit dir redet, wird verschamt, wer dir trauet, betrogen, wer dir folget, verführt. Du betreugst, stürzest, schändest, besudelst, drohest, vergissest jedermann; dannenhero weinet, seufzet, jammert, klaget und verderbt jedermann und jedermann nimmt ein Ende. Bei dir siehet und lernet man nichts, als einander hassen bis zum Würgen, reden bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handeln bis zum Stehlen, bitten bis zum Betrügen, sündigen bis zum Sterben.

Behüt dich Gott, Welt, dann dieweil man dir nachgehet verzehret man die Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen, Spielen, die Mannheit mit Pflanzen und Bauen, Sorgen und Klagen, Kaufen und Verkaufen, Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen, das Alter in Jammer und Elend, ~in summa~ nichts als Mühe und Arbeit bis in den Tod.

~Adieu~ Welt, dann niemand ist mit dir content oder zufrieden. Ist er arm, so will er haben, ist er reich, so will er gelten, ist er veracht, so will er hoch steigen, ist er beleidigt, so will er sich rächen, ist er in Gnaden, so will er viel gebieten, ist er lasterhaftig, so will er nur bei gutem Mut sein.

~Adieu~ Welt, dann bei dir ist nichts beständig. Die hohen Türme werden vom Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser hinweggeführet, das Holz wird von Würmern, das Korn von Mäusen, die Frucht von Raupen, die Kleider von Schaben gefressen. Das Viehe verdirbt vor Alter, der Mensch vor Krankheit.

O Welt, behüt dich Gott, dann in deinem Haus führet man weder ein heilig Leben noch einen gleichmäßigen Tod, der eine stirbt in der Wiege, der ander in der Jugend auf dem Bette, der dritt am Strick, der viert am Schwert, der fünft am Rad, der sechst auf dem Scheiterhaufen, der siebend im Weinglas, der acht in Freßhafen, der neunt verworgt am Gift, der zehnt durch Zauberei, der elft stirbt in der Schlacht, der zwölft ertränkt seine arme Seel im Tintenfaß.

Behüt dich Gott, Welt, dann mich verdreußt deine ~Conversation~! Das Leben, das du uns gibst, ist eine elende Pilgerfahrt, ein unbeständiges, ungewisses, hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines Leben voll Armseligkeit und Irrtum. Du lässest dich der Bitterkeit des Todes, mit deren du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen, sondern betreugst noch darzu die meisten mit deinem Schmeicheln. Du gibst aus dem goldenen Kelch Lüge und Falschheit zu trinken und machest blind, taub, toll, voll und sinnlos. Du machst aus uns einen finsteren Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein stinkend Aas, ein unreines Geschirr in der Mistgrube voller Gestank und Greuel. Darum, o Welt, behüt dich Gott!

~Adieu~, o Welt, o schnöde, arge Welt! Anstatt deiner Freuden und Wollüste werden die bösen Geister an die unbußfertigen, verdammten Seelen Hand anlegen und sie in einem Augenblick in den Abgrund der Hölle reißen. Alsdann ist alle Hoffnung der Gnade und Milderung aus! Und je mehr einer sich bei dir, o arge, schnöde Welt, hat herrlich gemachet, je mehr schenket man ihm Qual und Leiden ein, dann so erforderts die göttliche Gerechtigkeit! Alsdann wird die arme Seele ächzen: Verflucht seist du, Welt, weil ich durch dein Anstiften Gottes und meiner selbst vergessen! Verflucht sei die Stunde, in deren Schoß mich Gott erschuf! Verflucht der Tag, darin ich geboren bin! O ihr Berge, Hügel und Felsen, fallet auf mich und verberget mich vor dem grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl sitzet! Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit!

O Welt, du unreine Welt, derhalben beschwöre ich dich, ich bitte, ich versuche, ich ermahne dich und protestiere wider dich, du wollest keinen Teil mehr an mir haben!

Ich habe das Ende gesetzt der Sorge. Lebet wohl, Hoffnung und Glück!

* * * * *

Diese Worte erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken. Endlich verließ ich die Welt und wurde wieder Einsiedel. Ich hätte gern bei meinem Sauerbrunn im Muckenloch gewohnet, aber die Bauren in der Nachbarschaft wollten es nicht leiden. Sie besorgten, ich würde den Brunn verraten.

Ich begab mich deshalb in eine andere Wildnus und fing mein spessarter Leben wieder an.

Gott verleihe uns allen seine Gnade, das wir allesamt das von ihm erlangen, woran uns am meisten gelegen: nämlich ein seliges

_Ende_!

Dieses Buch wurde als zweiter Band der Jahresreihe 1919/1920 für den Volksverband der Bücherfreunde hergestellt. Herausgegeben von E. G. Kolbenheyer. Gedruckt wurde der Band von der Druckerei Poeschel & Trepte, Leipzig, in der altschwabacher Drucktype. Der Entwurf zum Einband, der vom Kunstmaler Willy Belling stammt, wurde in der Spamer'schen Buchdruckerei, Leipzig, in Offsetdruck hergestellt.

Ausschließlich für die Mitglieder des Volksverbands der Bücherfreunde.