Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 22

Chapter 223,640 wordsPublic domain

Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee wieder in sein Geleit. Diese Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also daß ich auf dritthalbtausend wohlgemessener deutscher Meilen rechnete. Auch redete ich mit meinen Begleitern nichts. Im übrigen war ich in meiner Phantasie mit meinem Sauerbrunn so reich, daß alle meine Gedanken und Witz genug zu tun hatten zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen und wie ich mir ihn zu Nutz machen wollte. Da hatte ich allbereits meine Anschläge wegen der ansehnlichen Gebäude, die ich dazusetzen mußte, damit die Badegäste auch rechtschaffen accomodiert seien und ich ein großes Losamentgeld aufheben möchte. Ich ersann schon, durch was vor Schmiralia ich die ~Medicos~ dahinbringen wollte, daß sie meinen neuen Wundersauerbrunn allen andern, ja gar den Schwalbacher vorziehen und mir einen Haufen neuer Badegäste zuschaffen sollten. Ich machte schon ganze Berge eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen mühsamen Weg beschwereten. Ich dingete schon verschmitzte Hausknechte, geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägde, wachsame Stallknechte, saubere Bad- und Brunnenverwalter und sann auch allbereits einen Platz aus, auf welchem ich mitten im wilden Gebürge, bei meinem Hof einen schönen, ebenen Lustgarten pflanzen und allerlei rare Gewächse darin ziehen wollte, damit die fremden Herren Badegäste mit ihren Frauen darin spazieren, sich die Kranken erfrischen, die Gesunden mit allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammlen können. Da mußten mir die ~Medici~, doch um die Gebühr, einen herrliche Tractat von meinem Brunn und dessen köstliche Qualität zu Papier bringen, welchen ich alsdann neben einem schönen Kupferstich, darin mein Baurenhof im Grundriß entworfen, wohl drucken lassen konnte, aus welchem ein jeder abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte. Ich ließ bereits meinen Sohn von L. holen, doch dorfte er mir kein Bader werden, dann ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen obzwar nicht den Rücken, so doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen.

Mit solchen reichen Gedanken und überseligem Phantasiehandel erreichte ich wiederum die Luft, maßen mich mein Prinz allerdings mit trockenen Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land satzte. Doch mußte ich das Kleinod, so er mir anfänglich gegeben, stacks von mir tun, dann ich hätte sonst in der Luft ersaufen oder Atem zu holen den Kopf wieder in das Wasser stecken müssen. Da er den Stein wieder zu sich genommen, beschirmten wir einander als Leute, die einander nimmer wieder zu sehen würden bekommen. Er duckte sich und fuhr wieder mit den seinigen in den Abgrund. Ich aber ging mit meinem Quellenstein voll Freuden davon.

Aber ach, meine Freude währete nicht lang! Indem ich noch immerfort Kalender machte, wie ich den köstlichen Wunderbrunn auf meinen Hof setzen und mir darbei einen geruhigen Herrenhandel schaffen möchte, stund ich, eh ich meiner Verirrung gewahr ward, mitten in einer Wildnus wie Matz von Dresden beides: ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wohl bedörftig gewesen wäre. Geduld, Geduld, dein Stein wird dich aller überstandenen Not wiederum ergetzen! Gut Ding will Weile haben! Vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohn Schnaufens und Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunn zuwege bringen.

Ich trat tapferer auf die Sohlen. Der Vollmond leuchtete mir zwar fein, aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen, doch kam ich soweit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr ward. Etliche Waldbauren saßen darbei, die mit Harz zu tun hatten.

Wiewohl nun solchen Gesellen nicht allezeit zu trauen, so zwang mich doch die Not zu ihnen. Ich hinterschlich sie unversehens und sagte: »Guten Abend, ihr Herrn!«

Da stunden und saßen sie alle sechse vor Schröcken zitternd. Dann weil ich einer von den Längsten bin, noch schwarze Trauerkleider anhatte, zumalen einen schröcklichen Prügel in den Händen trug, auf welchem ich mich wie ein wilder Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich vor. Endlich erholete sich einer.

»Wer ischt dann der Hair?«

Da hörete ich, daß er schwäbischer Nation sein müßte, die man zwar (aber vergeblich) vor einfältig schätzet, sagte derowegen, ich sei ein fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme.

»Oho,« antwortete einer, »jetzt glaube ich, Gottlob, daß ich den Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder anfangen zu reisen.«

Das achte Kapitel

Also kamen wir ins Gespräch und ich genoß so vieler Höflichkeit von ihnen, daß sie mich hießen zu Feuer niedersitzen und mir ein Stück schwarz Brot und magern Kühkäs anboten, welches ich gern annahm. Endlich wurden sie so verträulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte ihnen als fahrender Schüler gute Wahrheit sagen. Da fing ich an einem nach dem andern auf seine Hand hin aufzuschneiden, was ich meinete, daß es ihnen wohl gelegen sei. Sie begehreten weiterhin allerhand fürwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstete sie auf den künftigen Tag, und begehrete, daß sie mich ein wenig ruhen wollten lassen. Legte mich also beiseits, mehr zu horchen als zu schlafen. Je mehr ich nun schnarchte, je wachsamer sie sich erzeigeten. Sie stießen die Köpfe zusammen und fingen an zu beraten, wer ich sein möchte. Vor keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid antrug, und vor keinen Bürgerskerl konnten sie mich schätzen, weil ich zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mückenloch (so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie, ich müßte dannoch ein lateinischer Handwerksgeselle sein, der verirrt wäre, oder ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich wahrsagen konnte.

»Ja,« fing einer an, »er hat darum doch nicht alles gewußt. Etwan ist er ein loser Krieger und hat sich so verkleidet, unser Viehe und die Schliche im Wald auszukunden. Ach, daß wir es wüßten, wir wollten ihn schlafen legen, daß er das Aufstehen vergessen sollte!«

Indessen lag ich dort und spitzte die Ohren. Ich gedachte: werden mich diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras beißen.

Demnach nun diese ratschlagten und ich mich mit Sorgen ängstigte, ward mir gähling, als ob ein Bettnässer bei mir läge, dann ich lag unversehens ganz naß. ~O mirum!~ Da war Troja verloren! Alle meine trefflichen Anschläge waren dahin, dann ich merkte am Geruch, daß es mein Sauerbrunn war. Da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserei, daß ich mich beinahe mit den sechs Bauren eingelassen und herumgeschlagen hätte.

»Ihr gottlosen Flegel! An diesem Sauerbrunn, der auf meiner Lagerstätte hervorquillet, könnet ihr merken, wer ich sei! Es wäre kein Wunder, ich strafe Euch alle, daß euch der Teufel holen möchte, weil ihr so böse Gedanken traget.«

Machte darauf so bedrohliche und erschröckliche Mienen, daß sie sich alle vor mir entsatzten. Doch kam ich wieder zu mir selber und dachte, besser den Sauerbrunn als das Leben verloren, gab ihnen derhalben gute Worte und sagte: »Stehet auf und versuchet den herrlichen Sauerbrunn, den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnus meinetwegen zu genießen haben werdet.«

Sie sahen einander an wie lebendige Stockfische, bis sie merkten, daß ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tät. Da stunden sie nacheinander vom Feuer auf, besahen das Wunder, versuchten das Wasser und begannen zu lästern: Sie wollten, daß ich mit meinem Sauerbrunn an einen andern Ort geraten wäre, dann sollte ihre Herrschaft dessen inne werden, so müßte das ganze Amt Dornstädt fröhnen und Wege darzu machen.

»Dahingegen«, sagte ich, »habet ihr dessen alle zu genießen. Eure Hühner, Eier, Butter, Viehe und alles könnet ihr besser ans Geld bringen.«

»Nein, nein,« riefen sie, »nein! Die Herrschaft setzt einen Wirt hin, der wird allein reich und wir müssen seine Narren sein, ihm Wege und Stege erhalten und werden keinen Dank darzu haben!«

Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunn behalten, vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen. Weil aber nunmehr Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte, sagte ich, wann sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen bayersbrunner Tal rote Milch geben sollten, solang der Brunn liefe, so sollten sie mir alsobald den Weg in Seebach weisen. Sie gaben mir zwei mit, maßen sich einer allein bei mir forchtete.

Also schied ich von dannen und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung daselbst verloren. -- Nach vieler Mühe und Arbeit kam ich gegen Abend wieder heim auf meinen Baurenhof und sahe, daß mein Knän mir wahrgesagt hatte: nichts als müde Beine und den Hergang vor den Hingang würde ich von dieser Wallfahrt haben.

Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen, meine größte Freude und Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir dann viel beischaffte, so von allerhand Sachen handelten, sonderlich die eines großen Nachsinnens bedörfen. Aber ~Grammaticam~ und ~Arithmeticam~, ~Mathematicam~ und ~Geometriam~ auch ~Astronomiam~ warf ich bald von mir, teils sie mir gar bald erleidet und ich ihrer überdrüssig ward, teils sie mich zwar trefflich erlustigten aber mir endlich auch falsch und ungewiß vorkamen, also, daß ich mich auch nicht länger mit ihnen schleppen mochte. Bei der Lullischen Kunst befand ich viel Geschrei und wenig Wolle. Ich machte mich hinter die ~Kabbala~ der Hebräer und ~Hieroglyphicas~ der Egypter, fand aber als Allerletztes von allen meinen Künsten und Wissenschaften, daß keine bessere sei als ~Theologia~.

Nach derselben Richtschnure erfand ich vor die Menschen eine Art zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte. Es sollte sich meines Davorhaltens eine Gesellschaft zusammen tun beides: von verehelichten als ledigen so Manns- als Weibspersonen, die auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter einem verständigen Vorsteher durch ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt zu gewinnen und sich die übrige Zeit mit dem Lob und Dienst Gottes und um ihrer Seelen Seligkeit zu bemühen. Ich hatte hiebevor in Ungarn auf den wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen und vor das seligste in der ganzen Welt geschätzet, dann sie kamen mir in ihrem Tun und Leben allerdings für wie die jüdischen Essäer. Sie hatten erstlich große Schätze und überflüssige Nahrung, die sie aber keineswegs verschwendeten. Kein Fluch, Murmelung, noch Ungeduld ward bei ihnen gespüret, ja, man hörete kein unnützes Wort. Da sahe ich Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wann sie es verdingt hätten. Ihr Schulmeister unterrichtete die Jugend, als wann sie alle seine leiblichen Kinder gewesen wären. Nirgends sahe ich Manns- und Weibsbilder untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort auch jedes Geschlecht absonderlich seine obliegend Arbeit verrichten. Ich fand Zimmer, in welchen nur Kindbetterinnen waren, die ohne Obsorge ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller notwendigen Pflege samt ihren Kindern reichlich versehen wurden. Andere sonderbare Säle standen voll Wiegen mit Säuglingen, die von andern Weibern, das waren Witwen, beobachtet wurden, daß sich deren Mütter ferners nicht um sie bekümmern durften, als wann sie täglich zu dreien gewissen Zeiten kamen, ihnen ihre mildreichen Brüste zu bieten. Anderswo sahe ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun als spinnen, also daß man über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem Zimmer beieinander antraf. Da war eine die Wäscherin, die andere die Bettmacherin, die dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte Kellerin, die sechste hatte das weiße Zeug zu verwalten und also auch die übrigen alle wußten eine jede, was sie tun sollten. Und gleichwie die Ämter unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also wußte auch unter den Männern und Jünglingen ein jeder sein Geschäft. Die Kranken hatten Wärter und Wärterin und stund ihnen ein allgemeiner ~Medicus~ und Apotheker bei, wiewohl sie wegen löblicher Diät und guter Ordnung selten erkrankten. Sie hatten ihre gewissen Stunden zum Essen und Schlafen, aber keine einzige Minute zum Spielen noch Spazieren, außerhalb die Jugend, welche mit ihrem Präceptor jedesmal nach dem Essen der Gesundheit halber eine Stunde spazierte. Da war kein Zorn, kein Eifer, keine Rachgier, kein Neid, keine Feindschaft, keine Sorge um Zeitliches, keine Hoffart, keine Reue. Kein Mann sahe sein Weib, als wann er auf die bestimmte Zeit sich mit derselben in seiner Schlafkammer befand, in welcher er sein zugerichtetes Bette und sonst nichts darbei als einen Wasserkrug und weißen Handzwilch fand, damit sie mit gewaschenen Händen schlafen gehen und des Morgens an die Arbeit aufstehen möchten. Und alle hießen einander Schwester und Bruder, und war doch solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursache unkeusch zu sein. Ein solches seliges Leben, wie diese Wiedertäuferischen Ketzer führten, hätte ich gern auch aufgebracht. Und hätte als ein anderer ~Dominicus~ oder ~Franciscus~ einer solchen vereinigten Christengesellschaft meinen Hof und ganzes Vermögen zum besten gegeben, unter denselben ein Mitglied zu sein. Aber mein Knän profezeite mir stracks, daß ich wohl nimmermehr solche Bursche zusammenbringen würde.

Das neunte Kapitel

Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen, deswegen dann jedermann sich selbst samt seinem Viehe und besten Sachen in die hohen Wälder flüchtete. Ich machte es wie meine Nachbarn und ließ das Haus ziemlich leer stehen, in welches ein reformierter schwedischer Obrister logieret ward. Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, dann ich in der Eil nicht alles hinwegbringen konnte, und unter andern einzige mathematische und geometrische Abrisse, auch etwas vom Fortifikationswesen. Er schloß deshalben, daß sein Quartier keinem gemeinen Bauren zuständig sein müßte, fing derowegen an, sich um meine Person zu erkundigen und ihr nach zu trachten, maßen er selbsten durch courtoise Zuentbietungen und untermischte Drohworte mich dahin brachte, daß ich mich zu ihm auf meinem Hof begab. Mit großer Freundlichkeit brachte er zu Wege, daß ich ihm mein Geschlecht und Herkommen und alle meine Beschaffenheit vertraute. Er verwunderte sich, daß ich mitten im Kriege meine Gaben, die mir Gott verliehen, hinter dem Ofen und beim Pflug verschimmeln lasse. Wenn ich schwedische Dienste annehmen würde, so wüßte er, daß mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald hoch bringen würden. Ich ließ mich hiezu kaltsinnig an. Aber er drang weiter in mich, maßen ihm von Torstensohn ein Regiment versprochen sei, wann er ein solches erhalten würde, woran er dann gar nicht zweifle, so wolle er mich alsbald zu seinem Obrist-Leutnant machen. Mit dergleichen Worten machte er mir das Maul ganz wässerig und weilen noch schlechte Hoffnung auf den Frieden war und ich deswegen sowohl fernerer Einquartierung als gänzlichen Ruins unterworfen, resolvierete ich mich wieder um mitzumachen, sofern er mir seine Parola halten und die Obrist-Leutnantstelle geben wollte.

Also ward die Glocke gegossen, ich ließ meinen Knän holen, derselbe war noch mit meinem Viehe zu Bayrischbrunn, verschrieb ihm meinen Hof vor Eigentum, doch daß ihn nach seinem Tod der Magdsohn erben sollte, weil kein ehelicher Erbe vorhanden. Folgends holete ich mein Pferd und was ich noch an Geld und Kleinodien hatte. Da ward die Einquartierung plötzlich aufgehoben und wir mußten, ehe wir uns dessen versahen zur Hauptarmee marschieren.

Die torstensohnischen Promessen, mit denen sich der Obrist auf meinem Hof breit gemachet, waren bei weitem nicht so groß, als er vorgeben, er ward vielmehr nur über die Achsel angesehen. Und demnach er argwöhnete, daß ich mich bei ihm in die Länge nicht gedulden würde, dichtete er Briefe, als wenn er in Livland, allwo er zu Haus war, ein frisch Regiment zu werben hätte, und überredete mich, daß ich gleich ihm zu Wismar aufsaß und mit nach Livland fuhr. Allein er hatte kein Regiment zu werben und war auch sonsten ein blutarmer Edelmann.

Obzwar nun ich mich hatte zweimal betrügen und so weit hinweg führen lassen, so ging ich doch auch das dritte Mal an, dann er wiese mir Schreiben vor, die er aus Moskau bekommen, in welchen ihm hohe Kriegschargen angetragen wurden. Und weil er gleich mit Weib und Kindern aufbrach, dachte ich, er wird ja um der Gänse willen nicht hinziehen. -- An der reußischen Grenze begegneten uns aber unterschiedliche abgedankte deutsche Soldaten, vornehmlich Offizierer, also daß mir anfing zu graueln.

»Was Teufels machen wir! Wo Krieg ist ziehen wir hinweg, und wo es Friede und die Soldaten abgedankt werden, da kommen wir hin?«

Er gab mir immer gute Worte, ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wüßte besser, was zu tun sei.

Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau angekommen, konferierte mein Obrist täglich mit den Magnaten und vielmehr noch mit dem Metropoliten. Endlich gab er mir bekannt, daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre, und daß ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen. Sein treuherziger Rat wäre, weil er mir ohndas nunmehr nicht helfen könnte, wie er versprochen, ich sollte ihm nachfolgen. Des Zaren Majestät hätte bereits gute Nachricht von meiner Person und vortrefflichen Qualitäten, die würden gnädigst belieben, sofern ich mich fügen wollte, mich als einen Kavalier mit einem stattlichen Gut und vielen Untertanen zu begnadigen.

Ich ward hierüber ganz bestürzt, deswegen ich dann, eh ich mich auf eine Antwort resolvieren konnte, lange stillschwieg. Endlich brachte ich vor, ich wäre gekommen ihrer zarischen Majestät als ein Soldat zu dienen, seien nun dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörftig, so könnte ich nichts ändern, daß aber dieselbe mir eine so hohe zarische Gnade allergnädigst widerfahren zu lassen geruhten, wäre mir mehr Pflicht zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu acceptieren, weil ich mich meine Religion zu ändern noch zurzeit nicht entschließen könnte, wünschete vielmehr, daß ich wiederum im Schwarzwald auf meinem Baurenhof säße.

Hierauf antwortete er: »Der Herr tue nach seinem Belieben, allein ich hätte vermeinet, wann Ihn Gott und das Glück grüßeten, so sollte Er beiden billig danken. Wann Er sich ja nicht helfen lassen und Er gleichsam wie ein Prinz leben will, so verhoffe ich gleichwohl, Er werde davor halten, ich habe an Ihm das Meinige nach äußersten Vermögen zu tun keinen Fleiß gesparet.«

Daraufhin machte er einen tiefen Bückling, ging seines Wegs und ließ mich dort sitzen, ohn daß er zulassen wollte, ihm nur bis zur Tür das Geleite zu geben.

Als ich nun ganz perplex dasaß und meinen damaligen Zustand betrachtete, hörete ich zween reußische Wägen vor unserm Losament. Sahe darauf zum Fenster hinaus und wie mein guter Herr Obrister mit seinen Söhnen in dem einen und die Frau Obristin mit ihren Töchtern in den andern einstieg. Es waren großfürstliche Fuhren und Livrei zumalen etliche Geistliche dabei, so diesem Ehevolk gleichsam aufwarteten und allen guten, geneigten Willen erzeugeten.

Das zehent Kapitel

Von dieser Zeit an ward ich zwar nicht offentlich, sondern heimlich durch etliche Strelitzen verwachet und mein Obrister oder die Seinigen kamen mir nicht ein Mal mehr zu Gesicht. Damals satzte es seltsame Grillen und viele graue Haare auf meinem Kopf. Ich machte Kundschaft mit den Deutschen, die sich von Kauf- und Handwerksleuten in Moskau ~ordinari~ aufhalten, und klagte ihnen mein Anliegen. Sie gaben mir Trost und Anleitung, wie ich wieder mit guter Gelegenheit nach Deutschland kommen könne. Sobald sie aber Wind bekamen, daß der Zar mich im Land zu behalten entschlossen sei und mich dazu drängen wollte, wurden sie alle zu Stummen an mir, ja sie entäußerten sich meiner und es ward mir schwer, auch nur vor meinen Leib Herberge zu bekommen; Pferd und Sattelzeug war bereits verzehret. Als ich dann alle Dukaten aus meinen Kleidern getrennt, fing ich an, meine Ringe und Kleinodien zu versilbern. Indessen lief ein Vierteljahr herum, nach welchem oftgemeldter Obrister samt seinem Hausgesind umgetauft und mit einem ansehnlichen Gut und vielen Untertanen versehen ward.

Damals ging ein Mandat aus, daß man wie unter den Einheimischen so auch unter den Fremden keine Müßiggänger bei hoher unausbleiblicher Strafe leiden sollte, als die den Arbeitenden nur das Brot vor dem Maul wegfressen. Was von Fremdem nicht arbeiten wollte, das sollte in einem Monat das Land verlassen. Also schlugen sich unserer bei fünfzig zusammen, der Meinung den Weg nach Deutschland miteinander zu machen. Wir wurden aber nicht zwei Stunden weit von der Stadt von reußischen Reutern eingeholet mit Vorwand, daß ihre zarische Majestät ein groß Mißfallen hätte, daß wir uns frevelhafter Weise unterstanden, in so starker Anzahl zusammen zu rotten und ohn Paß dero Land durchzögen. Auf unserm Rückwege erfuhr ich, wie mein Handel beschaffen war, dann der Führer sagte mir ausdrücklich, daß die zarische Majestät mich nicht aus dem Land lassen würden, sein treuherziger Rat wäre, ich sollte mich in dero allergnädigsten Willen fügen, zu ihrer Religion übertreten, sonst ich wider Willen als ein Knecht dienen müßte. Einen so wohlerfahrenen Mann wolle ihre zarische Majestät nicht aus dem Lande lassen.

Ich verringerte mich bescheidentlich ob meiner Tugend und Wissenschaften mit Versicherung, daß ich an meinem äußersten Vermögen nichts verwinden lassen würde, sofern ich in einzigerlei Wege ihrer zarischen Majestät ohn Beschwerung meines Gewissens und ohne meine Religion zu ändern, dienen könnte.

Ich ward von den andern abgesondert und zu einem Kaufherrn logiert, allwo ich nunmehr offentlich verwachet, hingegen aber täglich mit herrlichen Speisen und köstlichem Getränk vom Hof aus versehen wurde. Hatte auch täglich Leute, die mir zusprachen und mich hin und wieder zu Gast luden, sonderlich einer. Dieser diskurierte mehrenteils mit mir von allerhand mechanischen Künsten, ~item~ Kriegs- und anderen Maschinen, vom Fortifikationswesen und der Artollerei mit freundlichen Gesprächen, dann ich konnte schon ziemlich reußisch reden. Als er unterschiedliche Mal auf den Busch geklopft und keine Hoffnung fassen konnte, daß ich mich im geringsten ändern würde, so bat er mich, ich sollte doch dem großen Zar zu Ehren ihrer Nation etwas von meinen Wissenschaften mitteilen, ihr Zar würde meine Willfährigkeit mit hohen kaiserlichen Gnaden erkennen. Darauf antwortete ich, meine ~Affection~ wäre jederzeit dahin gestanden.

Als er nun solche Offerten verstund, sagte er, daß ihre zarische Majestät allergnädigst bedacht wären, in dero Landen selber Salpeter zu graben und Pulver zurichten zu lassen, weil aber niemand unter ihnen wäre, der damit umgehen könnte, würde ich der zarischen Majestät einen angenehmen Dienst erweisen, wann ich mich des Werks unterfinge, sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an die Hand schaffen. Er vor seine Person wolle mich aufs aufrichtigste gebeten haben, ich sollte solches allergnädigstes Ansinnen nicht abschlagen, dieweilen sie bereits genugsam Nachricht hätten, daß ich mich auf diese Sachen trefflich wohl verstünde. Darauf sagte ich mit courtoisen Worten zu, soferne ihre zarische Majestät gnädigst geruhten, mich in meiner Religion passieren zu lassen. So ward dieser Reuße trefflich lustig, also daß er mir mit dem Trunk mehr zusprach als ein Deutscher.