Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 21

Chapter 213,576 wordsPublic domain

Er schmälete noch weiterhin zu mir herüber, ich verwandte aber die Augen nicht von der Tiefe und sahe weit untern gegen den Abgrund etliche Kreaturen im Wasser herumfladern, die mich der Gestalt nach an Frösche ermahneten und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer aufsteigenden Rakete in der Luft herumvagierten. Je näher sie kamen, desto größer und an Gestalt den Menschen ähnlicher schienen sie meinen Augen, weswegen mich dann erstlich eine große Verwunderung und endlich ein Grausen und Entsetzen ankam.

»Ach,« rief ich vor Schröcken so laut, daß es mein Knän wohl hören konnte, »wie seind die Wunderwerke des Schöpfers auch sogar im Bauch der Erden und in der Tiefe des Wassers so groß!«

Da war schon eins von den Sylphen oben auf dem Wasser und antwortete: »Das bekennst du, ehe du etwas davon gesehen hast, was würdest du wohl sagen, wann du erst selbsten im ~Centro~ der Erden wärest und unsere Wohnung, die dein Fürwitz beunruhiget, beschautest!«

Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wassermännlein, gleichsam wie Tauchentlein hervor. Sie brachten die Steine wieder herauf, worüber ich ganz erstaunete. Der Erste und Vornehmste unter ihnen, dessen Kleidung wie lauter Gold und Silber glänzete, warf mir einen leuchtenden Stein zu, so groß wie ein Taubenei und so grün und durchsichtig, wie ein Smaragd.

»Nimm das Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu sagen wissest.«

Ich hatte ihn aber kaum aufgehoben und zu mir gesteckt, da ward mir nicht anderst, als ob mich die Luft hätte ersticken und ersäufen wollen, derhalben ich mich dann nicht länger aufrecht behalten konnte, sondern herumtaumelte wie eine Garnwinde und endlich gar in den See hinunter fiel. Sobald ich aber ins Wasser kam, erholete ich mich wieder und atmete aus Kraft des Steins das Wasser anstatt der Luft. Ich konnte auch gleich sowohl als die Wassermännlein in dem See herumwebern, maßen ich mich mit ihnen in den Abgrund hinunter tät, als wann sich eine Schar Vögel mit Umschweifen gegen die Erde nieder lässet.

Da mein Knän dies Wunder, samt meiner gählingen Verzückung gesehen, trollete er sich von dem See hinweg und heim zu, als ob ihm der Kopf brennte. Daselbst erzählete er den Verlauf. Etliche glaubten ihm, die meisten aber hielten es vor eine Fabel.

Das sechste Kapitel

Der Fürst über den Mummelsee, so mich begleitete, sagte mir, daß wir durch die halbe Erde just neunhundert deutscher Meilen hätten, und wer zum ~Centro~ der Erde wolle, der müßte durch einen dergleichen Seen seinen Weg nehmen, deren hin und wieder so viel, als Tag im Jahr seien, in der Welt wären und alle bei ihres Königs Wohnung zusammen stießen. In solchem sanften Abfahren konnte ich mit dem Mummelseeprinzen allerhand diskurieren, dann ich bemerkte seine Freundlichkeit. So fragte ich, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen Weg mit sich nähmen. Er antwortete mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit und in einer Stunde spaziert, er sei nicht gefährlich, dieweil ich in seiner Gesellschaft mit dem überreichten Stein hinabführe, daß er mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei nicht zu verwundern. Darauf bat ich ihn ferner, mir zu berichten, weshalb der gütige Schöpfer so viel wunderbarliche Seen erschaffen.

»Du fragst billig um dasjenige, was du nicht verstehst, diese Seen sind um dreierlei Ursachen willen geschaffen. Erstlich werden durch sie alle Meere gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet, zweitens werden von uns durch diese Seen die Wasser aus den Tiefen des Ozeans in alle Quellen der Erde getrieben, wovon Flüsse und Ströme entstehen, der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquicket und beides: Mensch und Vieh getränket werden, drittens, daß wir als vernünftige Kreaturen Gottes darin leben und Gott loben. Wann wir aber aus einer andern Ursache unsere Geschäfte unterlassen müssen, so wird die Welt durchs Feuer untergehen, dann zu dieser Zeit, so alle Wasser verschwinden, wird die Erde von sich selbst durch die Sonnenhitze entzündet.«

Da ich ihn also gleichsam die heilige Schrift anziehen hörete, fragte ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, oder ob sie Geister seien. Darauf antwortete er, sie seien keine Geister sondern sterbliche Leutlein und gab mir folgends eine ~Genealogia~ oder Stammtafel aller Kreatur, indem er mir fürderst von der Erschaffung der Engel erzählete und den Sturz derer, so aus Hoffart gefallen, folgends wie Gott die Welt mit allen Kreaturen aus seinem göttlichen Willen hervorgehen ließe und also auch den irdischen Menschen zu solchem End geschaffen, daß er Gott loben und sich vermehren sollte, bis sein Geschlecht so groß sei, die Zahl der gefallenen Engel zu ersetzen. Dann die heilige, entleibte Seele eines zwar irdischen, doch himmlisch gesinnten Menschen hat alle guten Eigenschaften des Engels an sich, der entseelte Leib eines irdischen Menschen aber ist gleich dem andern Aas eines unvernünftigen Tieres. Kam demnach zum Beschluß auf das Geschlecht der Sylphen und sagte: »Uns selbsten setzten wir vor das Mittel zwischen euch und allen lebendigen Kreaturen der Welt. Sintemal obgleich wir wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbige mit unseren Leibern hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar, daß ihr durch den ewigen Sohn Gottes aufs höchste geadelt seid und euch die ewige Seligkeit wiederum erworben ist, aber ich rede und verstehe nichts von der Seligkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig sein. Uns hat der allgütige Schöpfer genugsam in dieser Zeitlichkeit beseeligt, als mit einer guten, gesunden Vernunft, mit Erkanntnus seines heiligen Willens, mit gesunden Leibern, langem Leben und einer edlen Freiheit, mit genugsam Wissenschaft und Kunst und, was das allermeiste ist, wir sind keiner Sünde, dannenhero auch keiner Strafe, ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen.«

Ich antwortete, da sie keiner Missetat und auch keiner Strafe unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedörftig, ~item~ wie sie sich der Freiheit rühmen könnten, wann sie einem König untertan. Darauf sagte er, sie hätten ihren König nicht, daß er Justiz übe, noch daß sie ihm dienen sollten, sondern er dirigiere wie der Weisel im Immenstock ihre Geschäfte. Sie würden ohne Wollust gezeugt und ohne Schmerzen geboren und also stürben sie auch nicht mit Schmerzen sondern gleichsam, wie ein Licht verlösche, wann es seine Zeit geleuchtet habe, also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen. Gegen ihre Freiheit aber sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen Menschen gar nichts, dann sie könnten weder getötet noch zu etwas Unbeliebigem genötigt werden. Kein Gefängnus könne sie halten, weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohne einzige Mühe und Müdigkeit durchgehen könnten.

Darauf sagte ich: »So ist euer Geschlecht von dem Schöpfer weit höher geadelt und beseeligt als das unsrige.«

»Ach nein,« antwortete der Fürst, »Ihr sündigt, wann Ihr dies glaubt, dann Ihr vergesset der ewigen Seligkeit.«

Ich sagte: »Was haben darum die Verdammten davon?«

Da fragte er: »Was kann die Güte Gottes davor, wann euer einer sein Selbst vergisset und sich der Welt schändlichen Wollüsten ergibet, seinen viehischen Begierden die Zügel schießen lässet und sich dem unvernünftigen Vieh, ja den höllischen Geistern gleich machet?«

Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohn das mehr Gelegenheit hätte von dieser ~Materia~ zu hören, als ich mir zu nutz machte, so wollte ich ihn gebeten haben, mir die Ursache zu erzählen, warum ein so groß Ungewitter entstehe, wann man Steine in solche Seen werfe.

»Weil alle Steine, so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher Weise in unsere Wohnung fallen und liegen bleiben müßten, so schaffen wir sie mit einer Ungestüme wieder hinaus, damit der Mutwille der Menschen abgeschreckt und in Zaum gehalten werden möge. An dieser einzigen Verrichtung kannst du die Notwendigkeit unseres Geschlechtes abnehmen, sintemal wann die Steine von uns nicht wieder ausgetragen würden, so müßten endlich die Gebäude, damit das Meer an die Erde geheftet und befestiget ist, zerstört und die Gänge, durch die die Quellen aus dem Abgrund des Meeres auf die Erde geleitet werden, verstopft bleiben, das dann eine schädliche Konfusion und der ganzen Welt Untergang mit sich bringen könnte.«

Ich bedankte mich dieser Kommunikation und fragte, ob es auch möglich sein könnte, daß er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee nach einem andern Ort der Erde auf die Welt bringen könnte.

»Freilich, warum das nicht? Wann es nur Gottes Wille ist. Dann auf solche Weise haben unsere Voreltern vor alten Zeiten etliche Kanaaneer, die dem Schwert Josuas entronnen und sich aus Desperation in einen solchen See gesprenget, in Amerikam geführet, maßen deren Nachkömmlinge noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem ihre Ureltern anfänglich entsprungen.«

Als ich nun sahe, daß er über meine Verwunderung erstaunete, gleichsam als ob seine Erzählung nicht Verwunderns würdig wäre, fragte ich ihn, ob er dann nicht auch Seltsames und Wunderliches von uns Menschen gesehen.

Hierauf sagte er: »Wir wundern uns an euch nichts mehrers, als daß ich euch, da ihr doch zum ewigen, seligen Leben erschaffen, durch zeitliche und irdische Wollüste, die doch so wenig ohn Unlust und Schmerzen als Rosen ohne Dörner sind, dergestalt betören lasset. Ach, möcht unser Geschlecht an euerer Stelle sein, wir möchten euerer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit Probe besser halten als ihr. Dann das Leben, so ihr habet, ist nicht euer Leben, sondern euer Leben oder Tod wird euch erst gegeben, wann ihr die Zeitlichkeit verlasset. Dannenhero halten wir die Welt vor einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige das Gold des Menschen probieret.«

Das war das Ende unseres Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten, vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einiger Zeit hingebracht ward. Da hatte ich nun wohl Ursache mich über seine Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepränge, ja aufs Wenigste keinen Kanzler oder geheime Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und Leibguarde, sogar keinen Schalksnarren, noch Koch, Keller, Page oder einzigen Favoriten oder Tellerlecker sahe, sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, jedweder in derjenigen Landestracht aufziehend, in welches sich sein See vom ~Centro~ der Erde aus erstreckte. Dannenhero sahe ich zugleich die Ebenbilder der Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tataren und Mexikaner, Samojeden und Moluccenser, ja auch von denen so unter den ~Polis arctico~ und ~antarctico~ wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war; derjenige, so ober den Pilatussee die Obersicht trug, zog mit einem breiten, ehrbaren Bart und ein paar Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige, so ober den See Camarina die Aufsicht hatte, sahe beides: mit Kleidern und Geberden einem Sizilianer so ähnlich, daß einer tausend Eide geschworen hätte, er wäre niemalen aus Sicilia weggekommen.

Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen, dann der König fing selbst an, gut deutsch mit mir zu reden.

»Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz mutwilliger Weise so einen Haufen Steine zuzuschicken?«

»Weil bei uns einem jeden erlaubt ist an einer verschlossenen Tür anzuklopfen.«

»Wie wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen ~Importunität~ empfingest?«

»Ich kann mit keiner größeren Strafe beleget werden, als daß ich sterbe. Sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, wie unter Millionen Menschen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein Tod vor gar keine Strafe zu rechnen sein.«

»Ach, elende Blindheit! Ihr Menschen könnet nur einmal sterben und ihr Christen sollet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret dann gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert. Aber ich habe vor, diesmal weit anderes mit dir zu reden. Es ist mit bekannt worden, daß ihr Christen euch des jüngsten Tages ehistens versehet, weilen alles, was auf der Erden lebet, den Lastern so schröcklich ergeben seie, also daß der allmächtige Gott nicht lange verziehen werde. Darob entsetzten wir uns nicht wenig, wegen der Nähe solcher erschröcklichen Zeit. Haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwan nach etlichen Wahrzeichen, die euer Heiland für seine Ankunft hiebevor selbsten hinterlassen, vor Sorge oder Hoffnung sein möchte. Ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei, welchen der Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird.«

Ich sagte, das zu beantworten seie mir viel zu hoch. Die Ankunft des Herrn sei Gott allein bekannt.

»Nun wohlan, so sage mir, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich daraus der Welt Untergang absehe. Hingegen will ich dich, wann du mir die Wahrheit bekennst, mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du dich dem Lebtag wirst zu erfreuen haben.«

Als ich nun hierauf schwieg und mich bedachte, fuhr der König fort: »Dran! Dran! Fang am höchsten an und beschließ am niedersten. Es muß doch sein, wann du anders wieder auf den Erdboden willst.«

Ich antwortete: »Wann ich am höchsten anfahen soll, so mach ichs billig bei den Geistlichen, diese seind gemeiniglich alle, sie seien auch gleich, was vor Religion sie immer wollen, rechtschaffene Verächter der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit, geduldig gegen Verachtung, demütig bei ihren Verdiensten, hochmütig gegen die Laster. Und gleichwie sie sich allein befleißen, Gott zu dienen und andere Menschen mehr durch ihre Exempel als durch Worte zum Reiche Gottes zu bringen, also haben die weltlichen hohen Häupter allein ihr Absehen auf die liebe ~Justitia~, welche sie dann ohn Ansehen der Person einem jedweden, Armen oder Reichen, durch die Bank hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen. Die Kaufleute handeln nie aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer Ware, die sie zu solchem Ende aus fernen Landen herbringen, bedient sein können. Die Wirte treiben nicht deswegen ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungrige, Durstende und Reisende bei ihnen erquicken, und sie die Bewirtung als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen üben können. Also suchet der ~Medicus~ nicht seinen Nutz, sondern die Gesundheit seines Patienten, wohin dann auch die Apotheker zielen. Die Handwerker wissen von keinen Vorteln, Lügen und Betrug, sondern befleißen sich, ihre Kunden mit dauerhafter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen. Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Auge wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit arm, daß sich auch keine Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie ein Knäul Garn nachwerfen müßten. Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ungebeten. Und wann ein Armer nicht zu bezahlen hat, ohn merklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung, so schenkt ihm der Reiche die Schuld aus freien Stücken. Man spüret keine Hoffart, dann jeder weiß und bedenkt, daß er sterblich ist. Man merket keinen Neid, dann es weiß und erkennet je einer den andern vor ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebt wird. Keiner erzörnt sich über den andern, weil sie wissen, daß Christus vor alle gelitten und gestorben. Man höret von keiner Unkeuschheit oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet, das geschieht aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht. Da findet man keine Trunkenbolde oder Vollsäufer, sondern wann einer den andern mit einem Trunk ehrt, so lassen sich beide nur mit einem christlichen Räuschlein begnügen. Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, dann ein jeder erzeiget einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allem andern Gott rechtschaffen dienen möge; und eben deswegen sind jetzund so schwere Kriege auf Erden, weil je ein Teil vermeinet, der andere diene Gott nicht recht. Es gibt keine Geizigen mehr, sondern Sparsame, keine Verschwender, sondern Freigebige, keine Kriegsgurgeln, die Leute berauben und verderben, sondern Soldaten die das Vaterland beschirmen, keine mutwilligen, faulen Bettler, sondern Verächter der Reichtümer und Liebhaber der freiwilligen Armut, keine Korn- und Weinjuden, sondern vorsichtige Leute, die den überflüssigen Vorrat auf den besorglichen künftigen Notfall vor das Volk aufheben und zusammenhalten.«

Das siebente Kapitel

Ich pausierte ein wenig und bedachte mich, aber der König sagte, er hätte bereits so viel gehöret, daß er nicht mehr zu wissen begehrete, wann ich wollte, so sollten sie mich gleich wieder an den Ort bringen, von wo sie mich genommen. Wollte ich aber eins oder das andere beschauen, so sollte ich in seinem Reiche sicher begleitet sein und alsdann werde ich mit einer Verehrung abgefertigt werden, daß ich zufrieden sein könnte. Da ich mich aber zu nichts entschließen konnte, wandte er sich zu etlichen, die eben in den Abgrund des ~Mare del Zur~ sich begaben. »Nehmt ihn mit und bringet ihn bald wieder, damit er noch heut auf den Erdboden gestellet werde!« Zu mir sagte er, ich möchte mich auf einen Wunsch besinnen.

Durch ein Loch, das etliche hundert Meilen lang war, kamen wir auf den Grund des friedsamen Meeres ~del Zur~, darauf standen Korallenzinken so groß wie Eichbäume, von denen sie zur Speise mit sich nahmen, was noch nicht erhärtet und gefärbet war, dann sie pflegten sie zu essen, wie wir die jungen Hirschgeweihe. Da sahe ich Schneckenhäuser so groß als ein Rondell und breit als ein Scheuertor. ~Item~ Perlen so dick als Fäuste, welche sie anstatt der Eier aßen. Der Boden lag überall mit Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten und andern Edelsteinen überstreut, gemeiniglich so groß wie Bachkiesel. Da sahe man hier und dort gewaltige Schröffen viel Meilwegs in die Höhe ragen, die vor das Wasser hinausgingen und lustige Insuln trugen. Sie waren rund herum mit allerhand wunderbarlichen Meergewächsen gezieret und von mancherlei seltsamen Kreaturen bewohnet. Die Fische aber, groß und klein, von unzählbarer Art vagierten über uns im Wasser herum und gemahneten mich allerdings an so vielerlei Vögel, die sich in Frühlingszeit und im Herbst bei uns in der Luft erlustieren.

Als der, in dessen Obhut ich befohlen war, sahe, wie mir alles so wunderbarlich vorkam und ich darüber erstaunete, daß sie als Peruaner, Brasilianer, Mexikaner und Insulaner ~de los latrones~ dannoch so gut deutsch redeten, da sagte er, daß sie nicht mehr als eine Sprache könnten, die aber alle Völker auf den ganzen Umkreis der Erden in ihrer Sprache verstünden und sie hingegen wiederum, welches daher komme, daß ihr Geschlecht mit der Torheit des babylonischen Turmes nichts zu schaffen hätte.

Weil sich nun meine Begleitung genugsam verproviantiert hatte, kehrten wir in das ~Centrum~ der Erde zurück. Auf dem Wege sagte ich, die Wunder, die ich bisher gesehen, hätten mich so gar aus mir selbst gebracht, daß ich mich auf nichts bedenken könnte, sie wollten mir raten, was ich von dem König begehren sollte. Meine Meinung wäre, von ihm einen Gesundbrunnen auf meinen Hof zu erbitten, wie derjenige wäre, der neulich von sich selbst in Deutschland entsprungen sei. Mein Führer antwortete mir, solches würde in seines Königs Macht nicht stehen. Darauf fragte ich nach Ursach dessen und er antwortete: »Es befinden sich hin und wieder in der Erde leere Stätten, die sich nach und nach mit allerhand Metallen ausfüllen, schläget sich zu Zeiten durch die Spälte aus dem ~Centro~, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser darzu, welches dann um und zwischen den Metallen viel hundert Jahr sich enthält und der Metallen edle Art und heilsame Eigenschaften an sich nimmt, und suchet es endlich durch seinen starken Trieb einen Auslauf, so wird das Heilwasser nach so und soviel hundert Jahren zum allerersten ausgestoßen und tät alsdann in denen menschlichen Körpern die wunderbarliche Wirkung, die man an solchen neuen Heilbrunnen siehet. So es aber in schnellem Lauf durch die Metalle passieret, vermöchte es keine Tugenden oder Kräfte von den Metallen an sich nehmen.« Wann ich die Gesundheit, sagte er, so sehr affectiere, so sollte ich den König ersuchen, daß er mich dem König der Salamander, mit welchem er in Korrespondenz stünde, in eine Kur empfehle. Derselbe könne die menschlichen Körper durch einen Edelstein begaben, daß sie in keinem Feuer verbrennen mögen. Wenn man solche Menschen wie eine schleimige, alte, stinkende Tabakspfeife mitten in das Feuer setze, da verzehrten sich dann alle bösen Humores und schädlichen Feuchtigkeiten, und komme ein Patient wieder so jung, frisch, gesund und neugeschaffen hervor, als wann er ~Elixir Theophrasti~ eingenommen hätte.

Ich wußte nicht, ob mich der Kerl foppte oder ob es ihm ernst war, doch bedankte ich mich der vertraulichen ~Communication~ und sagte, ich besorge diese Kur sei mir als einem ~Cholerico~ zu hitzig. Mir würde nichts Lieberes sein, als wann ich meinen Mitmenschen eine heilsame, rare Quelle mit mir auf den Erdboden bringen könnte, welches ihnen zu Nutz, dem Könige im ~Centro~ der Erden zur Ehre, mir aber zu einem unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnus gereichen würde. Darauf mußte ich hören, daß der König im ~Centro~ der Erden der Ehre oder Schande, so ihm unter den Menschen zugelegt werde, gleichviel achte.

Mithin kamen wir wiederum vor das Angesicht des Königs, da bemerkte ich, wie die Sonne einen See nach dem andern beschiene und ihre Strahlen bis in diese schröckliche Tiefe herunter warf, also daß den Sylphis niemalen kein Licht mangelte. Man brauchte zum Imbiß weder Wein noch stark Getränke, aber anstatt dessen tranken sie Perlen, als welche noch nicht erhärtet waren, aus; die gaben ihnen treffliche Stärke.

Indessen hatte sich die Zeit genähert, daß ich wieder heim sollte, derhalben befahl der König, ich sollte meinen Wunsch tun. Da antwortete ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wann er mir einen rechtschaffenen medicinalischen Sauerbrunn auf meinen Hof würde zukommen lassen.

»Ist es nur das? Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragde mit dir nehmen. Jetzt sehe ich, daß kein Geiz bei euch Christen ist.«

Mithin reichte er mir einen Stein von seltsam wechselnden Farben und sagte: »Diesen stecke zu dir. Wo du ihn auf den Erdboden legen wirst, daselbst wird er anfahen, das ~Centrum~ wieder zu suchen und die bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt und dir unsretwegen eine herrliche Sauerbrunnquelle zuschicket, die dir so wohl bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns verdienet hast.«