Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 20

Chapter 203,851 wordsPublic domain

Darauf lieferte ich meinem Schwager die Schreiben, die ich selbst an meine Liebste und ihre Schwester gerichtet hatte, aus. Derselbe wollte mich nun beherbergen, damit er erfahren könnte, wes Standes ~Simplicius~ sei und wie er sich verhielte. Zu dem Ende diskutierte meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch von mir, was ich nur Löbliches wußte, dann die Pocken hatten mich dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch erkannte.

Als ich ihr nun nach der Länge erzählte, daß Herr ~Simplicius~ viel schöner Pferde und Diener hätte und in einer schwarzen sammeten Mütze aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie:

»Ich habe mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlichten Herkommens sei, als er sich davor ausgeben. Der hießige Kommandant hat meine Eltern selig mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie ihm meine Schwester selig, die wohl eine fromme Jungfrau gewesen, ganz vorteilhaftiger Weise aufgesattelt. Er hat einen Vorrat in Köln gehabt und ihn hierher holen wollen, ist aber darüber ganz schelmischer Weise nach Frankreich prakticiert worden. -- Meine Schwester hat ihn kaum vier Wochen gehabt. Weil dann nunmehr mein Vater und Mutter tot, ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander erhoffen, haben wir meiner Schwester Kind zum Erben angenommen und mit Hülfe des hießigen Kommandanten seines Vaters Habe zu Köln erhoben, welche sich auf dreitausend Gulden belaufen möchte. Wann also dieser junge Knab einmal zu seinen Jahren kommt, wird er nicht Ursach haben sich unter die Armen zu rechnen. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß wirs nicht mehr seinem Vater ließen, wannschon er selbst käme. Ich weiß, wann mein Schwager wüßte, was er vor einen schönen Sohn hier hätte, daß ihn nichts halten könnte hierher zu kommen.«

Indem lief mein Kind in seinen ersten Hosen um uns und ich erfreuete mich vom Herzen. Ich suchte die Kleinodien herfür, so ich hätte meiner Liebsten bringen sollen, und gab sie meinem Schwager vor das Kind, was er mit Freuden empfing.

Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam, begehrete ich im Namen des ~Simplicii~ den kleinen ~Simplicium~ zu küssen, damit ich solches seinem Vater als Wahrzeichen erzählen könnte. Als dies nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beiden, mir und dem Kinde, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte brechen mögen, doch ich verbarg meine ~Affecten~. Damit man nicht Zeit haben möchte, der Ursache dieser Sympathie nachzudenken, machte ich mich stracks aus dem Staube.

Das vierte Kapitel

Nach meiner Rückkunft in Sauerbrunn ward ich gewahr, daß es sich mit Herzbrudern eher gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doktores und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft. Er kam mir auch ganz kindisch vor und konnte nur kümmerlich gehen. Sein Trost war, daß ich bei ihm sein sollte, wann er die Augen würde zutun.

Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine Freude; doch solcher Gestalt, daß an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich ein Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Täge und meine Jugend wiederum zur Buhlerei, dann ich den zu Einsiedeln eingenommenen Schröcken allerdings wieder vergessen hatte. Ich machte mit den Lustigsten Kundschaft, die dahin kamen, und fing an courtoise Reden und Komplimenten zu lernen, deren ich meine Tage sonst niemals viel geachtet hatte. Man hielt mich vor einen vom Adel, weil mich meine Leute Herr Hauptmann nannten. Dannhero machten die reichen Stutzer mit mir Brüderschaft und war alle Kurzweile, Spielen, Saufen, Fressen meine allergrößte Arbeit und Sorge.

Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte. Ich ließ ihn ganz herrlich begraben und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres Wegs laufen.

Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm mit Gift vergeben worden. Obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderte es doch mich, dann ich flohe alle Gesellschaft und suchte nur die Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Ich verbarg mich etwan irgends in einem Busch und betrachtete nicht allein, was ich vor einen Freund verloren, sondern ich machte auch allerhand Anschläge von Anstellung meines künftigen Lebens. Bald wollte ich wieder in Krieg und unversehens gedachte ich, es hättens die geringsten Bauren in dieser Gegend besser, maßen noch alle Baurenhöfe gleich als zu Friedenszeiten in trefflichem Bau und alle Ställe voll Vieh waren.

Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere Vögel banne, still zu schweigen und ihr zuzuhören, da näherte sich jenseits dem Bache eine Schönheit an Gestalt, die mich mehr bewegte, weil sie nur den Habit einer Bauerdirne antrug, als eine stattliche ~Demoiselle~ sonst mir nicht hätte tun mögen. Sie hub einen Korb vom Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunn zu verkaufen. Denselben erfrischte sie im Wasser. Unterdessen satzte sie sich nieder ins Gras, warf ihr Kopftuch und den Baurenhut von sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug betrachten und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte. Da dünkte mich, ich hätte die Tage meines Lebens kein schöner Mensch gesehen. Die Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber voller Feuer und liebreizender Blicke.

Als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber:

»Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Euere Butter im Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Euere klaren Augen ins Feuer gesetzt.«

Sobald sie mich sahe und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt hätte. Sie hinterließ mich mit all denjenigen Torheiten beladen, damit die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.

Meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen mich nicht in meiner Einsamkeit, sondern machten, daß ich den Gesang der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der Wölfe. Derhalben tollete ich auch dem Sauerbrunn zu und schickte meinen Jungen voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich hernach käme. Er tät das Seinige und ich nach meiner Ankunft auch das Meinige, aber ich fand ein steinern Herz und solche Kaltsinnigkeit, dergleichen ich hinter einem Baurenmensch nimmermehr zu finden getrauet hätte, welches mich aber viel verliebter machte.

Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund haben sollen. Einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselben hätte richten und der närrischen Liebe hätte vergessen müssen, oder einen Freund, der mir ein anderes geraten und mich von meiner Torheit hätte abmahnen mögen. Ach leider, ich hatte nichts als mein Geld, das mich verblendete, meine blinden Begierden, die mich verführeten, weil ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die mich verderbete und in alles Unglück stürzete. Mit einem Wort, ich war mit dem Narrenseil rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind und ohn Verstand. Und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders zu sättigen getrauete, entschloß ich mich, das Mensch zu heiraten. Was, gedachte ich, du bist deines Herkommens doch nur ein Baurensohn und wirst deiner Tage kein Schloß besitzen; du hast Geld genug, auch den besten Baurenhof in dieser Gegend zu bezahlen. Du wirst dies ehrliche Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen Herrenhandel inmitten der Bauren schaffen. -- Ich erhielt, wiewohl nicht ohne Mühe, das Jawort.

Zur Hochzeit ließ ich trefflich rüsten, dann der Himmel hing mir voller Geigen. Das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich nicht allein ganz an mich, sondern fing noch darzu einen schönen, neuen Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte wollen. Eh die Hochzeit vollzogen, hatte ich daselbst über dreißig Stück Viehe stehen, weil man soviel auf dem Gut erhalten konnte. Ich bestellte alles aufs Beste und sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir nur meine Torheit eingab.

Aber die Pfeife fiel mir bald in Dreck. Dann als ich nunmehr vermeinete mit gutem Wind in Engelland zu schiffen, kam ich wider alle Zuversicht nach Holland. Viel zu spat ward ich erst gewahr, was Ursache mich meine Braut hatte so ungern nehmen wollen. Und ich konnte mein spöttlich Anliegen keinem Menschen klagen. So zahlete ich nach Maß und Billigkeit meine Schulden, was Erkanntnus mich darum doch nichts desto geduldiger, viel weniger frömmer machte. Ich fand mich betrogen und gedachte meine Betrügerin wieder zu prellen, maßen ich anfing grasen zu gehen, wo ich zukommen konnte. Überdas stack ich mehr bei guter Gesellschaft in Sauerbrunn als zu Haus.

Meine Frau war ebenso liederlich. Sie hatte einen Ochsen, den ich ins Haus hatte schlagen lassen, in etliche Körbe eingesalzen; als sie eine Spänsau zurichten sollte, unterstund sie sich solche wie einen Vogel zu rupfen; sie wollte die Krebse am Rost und die Forellen am Spieß braten. Nichts desto weniger trank sie auch das liebe Weingen gern und teilete andern guten Leuten auch mit. --

Einsmals spazierete ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine Gesellschaft im untern Bad zu besuchen. Da begegnete uns ein alter Baur mit einer Geiß am Strick, die er verkaufen wollte. Und weil mich dünkte, ich hätte ihn mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit der Geiß herkomme.

Er zog sein Hütlein und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darffs ouch werli neit sän.«

»Du wirst sie ja nicht gestohlen haben.«

»Nein, ich bring sie aus dem Städtgen im Tal, welches ich eben gegen den Hearrn nit darf nennen, dieweil wir vor einer Geiß reden.«

Solches bewegte die Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich entfärbte, gedachten sie, ich hätte Verdruß, maßen mir der Baur so artig eingeschenkt. Aber ich hatte andere Gedanken, dann an der großen Warze, die der Baur mitten auf der Stirn stehen hatte, ward ich eigentlich versichert, daß es mein Knän aus dem Spessart war. -- Wollte derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, eh ich mich ihm offenbarte.

»Mein lieber alter Vater, seid Ihr nicht im Spessart zu Haus?«

»Ja, Hearr.«

»Haben Euch nicht vor ungefähr achtzehen Jahren die Reuter Euer Haus und Hof geplündert und verbrannt?«

»Ja, Gott erbarms, es ist aber noch nit so lang.«

»Habet Ihr nicht zwei Kinder, nämlich eine erwachsene Tochter und einen jungen Knaben gehabt?«

»Hearr, die Tochter war mein Kind, der Bub nit. Ich hab ihn aber an Kindesstatt aufziehen wollen.«

Hieraus verstund ich wohl, daß ich dieses Knollfinken Sohn nicht sei, welches mich eines Teils erfreuete, hingegen aber auch betrübete, weil mir einfiel, ich müßte sonst ein Bankert oder ein Findling sein. Fragte derowegen den Knän, wo er den Buben aufgetrieben.

»Ach, der Krieg hat mir ihn gegeben und der Krieg hat nur ihn wieder genommen.«

Weil ich dann besorgte, es dörfte wohl ein ~Facit~ herauskommen, das mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, fragte ich, ob er die Geiß der Wirtin in die Küche verkauft hätte.

»Ach nein, Hearr, ich bring sie der Gräfin, die im Sauerbrunn badet. Der Doktor Hans in allen Gassen hat etliche Kräuter geordnet, so die Geiß essen muß. Was sie dann vor Milch gibt, die nimmt der Doktor und machet der Gräfin noch so ein Arznei drüber, dann muß sie die Milch trinken. Man seit, es mangle der Gräfin am Gehäng.«

Unter währender solcher Relation besann ich, auf was Weise ich noch mit dem Baurn reden möchte, bot ihm derhalben einen Taler mehr um die Geiß als die Gräfin. Solches ging er gleich ein, doch mit dem Beding, er sollte der Gräfin zuvor angeben, daß ihm ein Taler mehr darauf geboten, er wollte mir den Handel auf den Abend anzeigen.

Also ging mein Knän seines Wegs und auch ich drehete mich bald von der Kompanie ab und ging hin, wo ich meinen Knän wiederfand; der hatte seine Geiß noch. Ich führete ihn auf meinen neuen Hof, bezahlte die Geiß und hängte ihm einen halben Rausch an. Sodann fragte ich ihn nach seinem Knaben.

»Ach Herr, der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen.« Nach verlorener Schlacht bei Höchst habe des Mansfelder flüchtig Volk sich weit und breit zerstreuet. Viel seien in den Spessart gekommen, weil sie die Büsche suchten, sich zu verbergen, aber indem sie dem Tod in der Ebene entgingen, hätten sie einen in den Bergen gefunden, dann damalen ginge selten ein Baur in die Büsche ohn sein Feuerrohr, da man zu Haus bei Hauen und Pflügen nicht bleiben konnte. In demselben Tumult habe er nicht weit von seinem Hof in dem wilden ungeheuren Wald eine schöne, junge Edelfrau samt einem stattlichen Pferd getroffen, so er anfänglich vor einen Kerl gehalten, weil sie so mannlich daherritte. Indem sie beides: Händ und Augen zum Himmel aufgehoben und auf wälsch mit einer erbärmlichen Stimme zu Gott gerufen, habe er sein Rohr sinken lassen und den Hahn wieder zurückgezogen, dann er gesehen, daß sie ein betrübtes Weibsbild wäre. Indem er näher getreten riefe sie ihn an: »Ach, wann Ihr ein ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um Gottes und seiner Barmherzigkeit, ja um des jüngsten Gerichtes willen, Ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern führen, die mich durch göttliche Hilfe von meines Leibes Bürde entledigen helfen!« Diese Worte hätten ihn samt der holdseligen Aussprache zu solcher Erbärmde gezwungen, daß er ihr Pferd beim Zügel nahm und sie durch Hecken und Stauden an den allerdicksten Ort des Gesträuchs führete, da er selbst Weib, Kind, Gesind und Viehe hingeflüchtet gehabt. Daselbst seie sie ehender als in einer halben Stund des jungen Knaben genesen.

Ich sprach ihm gütlich zu. Da er aber sein Glas ausgeleert hatte, fragte ich wie es darnach weiter mit der Frau gegangen.

Er antwortete, sie habe ihn zum Gevatter gebeten und ihm auch ihres Mannes und ihren Namen genennt, damit sie möchten ins Taufbuch geschrieben werden. Indem habe sie ihr Felleisen aufgetan, darin sie wohl köstliche Sachen hatte, und ihm, seinem Weib und Kind, der Magd und sonst allen geschenkt. Aber indem sie so damit umging und von ihrem Mann erzählete, sei sie unter den Händen der Weiber gestorben. Pfarrer und Schultz hätten ihm darnach befohlen, das Kind aufzuziehen und vor Mühe und Kosten der Fraue ganze Hinterlassenschaft zu behalten, ausgenommen etliche Paternoster, Edelsteine und sonst Geschmeiß. Also sei das Kind von der Bäurin mit Geißmilch auferzogen worden.

»Ihr habet mir,« sagte ich, »eine artliche Geschichte erzählt und doch das Beste vergessen, dann Ihr habet nicht gesagt, weder wie die Frau noch ihr Mann oder das Kind geheißen.«

Er antwortete: die Edelfrau habe Susanna Ramst, ihr Mann Kapitain Sternfels von Fuchsheim geheißen, und weil er Melchior hieße, so habe er den Buben bei der Taufe auch Melchior Sternfels von Fuchsheim nennen und ins Taufbuch schreiben lassen.

Hieraus vernahm ich umständlich, daß ich meines Einsiedels und der Schwester des Gubernators Ramsey leiblicher Sohn gewesen. Aber ach, leider viel zu spat! Dann meine Eltern waren schon beide tot.

Ich deckte meinen Paten vollends mit Wein zu und ließ den andern Tag auch sein Weib holen. Da ich mich ihnen nun offenbarte, wollten sie's nicht glauben, bis ich ihnen einen schwarzen haarigen Fleck aufgewiesen, den ich auf der Brust habe.

Das fünfte Kapitel

Ohnlängst hernach nahm ich meinen Pflegvater zu mir und tät mit ihm einen Ritt hinunter in Spessart, glaubwürdigen Schein und Urkund meines Herkommens und ehelicher Geburt zu Wege zu bringen, welches ich unschwer erhielt. Ich kehrete auch bei dem Pfarrer ein, der sich zu Hanau aufgehalten, und ließ über meine ganze Histori aus der Zeugen Mund durch einen ~Notarium~ ein ~Instrument~ aufrichten, dann ich dachte, wer weiß, wo du es noch einmal brauchst. Solche Reise kostete mich über vierhundert Taler, dann auf dem Rückweg ward ich von einer Partei erhascht, abgesetzt und geplündert, also daß ich und mein Knän nackend und kaum mit dem Leben davonkam.

Indessen ging es daheim noch schlimmer zu. Dann nachdem mein Weib vernommen, daß ihr Mann ein Junker sei, spielte sie nicht allein die große Frau, sondern verliederlichte auch alles in der Haushaltung, was ich, weil sie großen Leibes war, stillschweigend ertrug. Überdas ward mir das meiste und beste Viehe von einer Seuche dahingerafft. Dieses alles wäre noch zu verschmerzen gewesen. Aber, ~o mirum~, kein Unglück allein! In der Stunde, darin mein Weib genase, ward die Magd auch Kindbetterin. Das Kind zwar, so sie brachte, sahe mir allerdings ähnlich, das Kind meines Weibes hingegen sahe dem Knecht so gleich, als wanns ihm aus dem Gesicht wäre geschnitten worden. Jedoch es gehet nicht anders her, wann man in einem so gottlosen und verruchten Leben seinen viehischen Begierden folget.

Nun was halfs, ich mußte taufen. Andernteils nahm es mein Weibgen nur auf die leichte Achsel. Doch die Magd mußte aus dem Haus, dann mein Weib argwöhnete, was ich ihretwegen vom Knecht gedachte. Indessen ich ward von dieser Anfechtung heftig gepeinigt, daß ich meinem Knecht ein Kind aufziehen, das Meinige aber von der Magd nicht mein Erbe sein sollte, und daß ich dabei froh sein mußte, weil sonst niemand nichts wußte.

Mit solchen Gedanken marterte ich mich täglich, mein Weib aber delektierte sich stündlich mit Wein, dann sie hatte sich das Kumpen sint unserer Hochzeit dergestalt angewöhnt, das es ihr selten vom Maul kam und sie selbsten gleichsam keine Nacht ohne einen ziemlichen Rausch schlafen ging. Davon soff sie ihrem Kind zeitlich das Leben ab und entzündete sich das Gehäng dergestalt, daß es ihr bald hernach entfiel und mich wieder zum Witwer machte. Das ging mir so zu Herzen, daß ich mich fast krank darüber gelachet hätte.

Ich befand mich solchergestalt wieder in meiner ersten Freiheit. Mein Beutel war ziemlich geleeret, ich hingegen mit großer Haushaltung vielem Viehe und Gesind beladen. Also nahm ich meinen Paten Melchior vor einen Vater und dessen Frau vor eine Mutter, den Magdsohn aber vor meinen Erben an und übergab den beiden Alten Haus und Hof samt meinem ganzen Vermögen, bis auf gar wenig gelbe Batzen und Kleinodien. Ich hatte einen Ekel ob aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft, ich nahm mir vor, mich nicht mehr zu verheiraten.

Diese beiden Alten gossen meine Haushaltung gleich in einen andern Model. Sie schafften vom Gesind und Viehe ab, was nichts nütze und bekamen hingegen auf den Hof, was etwas eintrug. Sie vertrösteten mich alles Guten und versprachen, wann ich sie nur hausen ließe, so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten und so viel verschaffen, daß ich je zu Zeiten mit einem ehrlichen Biedermann eine Maß Wein trinken könnte. Ich spürete es auch gleich. Mein Pate bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit Viehe und mit dem Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud und meine Götfrau legte sich auf die Viehzucht und wußte Milchpfennige besser zu gewinnen und zusammen zu halten, als zehen solcher Weiber, wie ich eins gehabt hatte. Auf solche Weise ward mein Baurenhof in kurzer Zeit vor den besten in der ganzen Gegend geschätzet. --

Einsmals spazierte ich in Sauerbrunn, jedoch nicht um mich mit Stutzern bekannt zu machen, dann ich fing an meiner Alten Kargheit nachzuahmen, gleichwohl geriet ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Standes, weil sie von einer seltenen Sache, nämlich vom Mummelsee diskutierten. Der war in der Nachbarschaft auf einem von den höchsten Bergen gelegen, unergründlich, und wunderbarliche Fabeln verlauteten von ihm.

Einer sagte, wann man ungrad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder etwas andres in ein Nastüchlein binde und hinein hänge, so veränderte es sich in grad, also auch grad in ungrad. Die meisten aber gaben vor und befestigten es auch mit Exempel, wann man ein oder mehrere Steine hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott gebe wie schön auch der Himmel zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter mir schröcklichem Regen, Schloßen und Sturmwinde. Einer erzählte, daß auf ein Zeit, da etliche Hirten ihr Viehe bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher sich zu dem andern Rindviehe gesellet, dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolget, ihn wieder zurück zu treiben. Auch seie einsmals ein Baur mit seinem Ochsen und etlichen Holzplöchern über den gefrornen See gefahren, ohn einzigen Schaden, als ihm aber sein Hund nachkommen, sei das Eis mit ihm gebrochen und der arme Hund allein hinunter gefallen und nicht mehr gesehen worden. Noch einer behauptete bei großer Wahrheit, es sei ein Schütze auf der Spur des Wildes bei dem See vorübergegangen, der hätte auf dem Wasser ein Männlein sitzen sehen, das einen ganzen Schoß voll gemünzter Goldsorten gehabt und gleichsam damit gespielet hätte. Und als er nach demselben Feuer geben wollen, hätte sich das Männlein geduckt und gerufen: »Wann du mich gebeten deiner Armut zu Hilf zu kommen, so wollte ich dich reich genug gemacht haben.«

Solche und andere Historien verlachte ich. Aber es fanden sich Baursleute, und zwar alte, glaubwürdige Männer, die erzählten, wie dann ein regierender Herzog von Württemberg ein Floß machen ließ, die Tiefe zu ergründen. Nachdem die Messenden aber bereits neun Zwirnnetz mit einem Senkel hinunter gelassen und gleichwohl noch keinen Boden gefunden, hätte das Floß wider die Natur des Holzes angefangen zu sinken, also daß sie von ihrem Vornehmen abstehen und sich hätten ans Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutag die Stücke des Flosses am Ufer und zum Gedächtnus dieser Geschicht das fürstlich württembergsche Wappen in Stein gehauen vor Augen sehe.

Die Begierde, den Mummelsee zu beschauen, vermehrte sich bei mir, als ich von dem Knän verstund, daß er auch dort gewesen und den Weg wisse. Da er aber hörete, daß ich überein auch darzu wollte, sagte er: »Der Herr Sohn wird nichts andres sehen, als das Ebenbild eines Weihers, der mitten in einem großen Walde liegt, und wann er seine jetzige Lust mit beschwerlicher Unlust gebüßet, so wird er nichts andres als Reue, müde Füße und den Hergang vor den Hingang davon haben.«

Da er aber meinen Ernst sahe, meinete er, dieweil die und auf dem Hof weder zu hauen noch zu ernten, wolle er selbst mit mir gehen; dann er hatte mich so lieb und prangte mit mir, weil die Leute im Land glaubten, daß ich sein leiblicher Sohn sei.

Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal und kamen zum Mummelsee, eh wir sechs Stunden gegangen waren, dann mein Pate war noch so käfermäßig und sowohl zu Fuß als ein Junger. Nachdem wir uns an Speis und Trank erquickt, beschauete ich den See und fand die etlichen gezimmerten Hölzer des Württembergischen Flosses darin liegen. Die Luft war ganz windstill und wohl temperiert, so wollte ich auch probieren, was Wahrheit an der Sagenmär wäre, sintemal ich allbereit die Sage, daß der See keine Forellen leide, am mineralischen Geschmack des Wassers als natürlich zu sein befunden.

Ich ging gegen der linken Hand an dem See hin, da das Wasser wegen der abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheinet und deswegen so förchterlich aussiehet. Daselbst fing ich an große Steine hinein zu werfen, als ich sie nur immer erheben und ertragen konnte. Mein Knän warnete mich und bat, ich aber continuierete meine Arbeit emsig fort, bis ich über dreißig Steine in den See brachte.

Da fing die Luft an, den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in welchen ein grausamer Donner gehöret ward, also daß mein Knän, der jenseits des Sees bei dem Auslauf stund, über meine Arbeit lamentierte und mir zuschrie, ich sollte mich doch salvieren, damit uns Regen und das schröckliche Wetter nicht ergreife. Ich aber antwortete: »Vater, ich will bleiben und des Endes erwarten, sollte es auch Hellebarten regnen.«