Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 2

Chapter 23,795 wordsPublic domain

»Wie heißt du?« -- »Bub.« -- »Wie hat dich Vater und Mutter gerufen?« -- »Ich weiß von kein Vater und Mutter nicht.« -- »Wer hat dir das Hemd geben?« -- »Ei, mein Meuder.« -- »Wie hieße dich dann dein Meuder?« -- »Bub, Schelm, ungeschickter Dölpel, Galgenvogel.« -- »Wer ist deiner Meuder Mann?« -- »Niemand.« -- »Bei wem hat sie des Nachts geschlafen?« -- »Bei meinem Knän.« -- »Wie heißt der?« -- »Knän.« -- »Wie hat ihn deine Meuder gerufen?« -- »Knän, auch Meister.« -- »Niemalen anders?« -- »Ja.« -- »Wie dann?« -- »Rülp, grober Bengel, volle Sau.« -- »Du bist wohl ein unwissender Tropf!« -- »Ei, kennst du einen andern Namen?« -- »Und was weißt du von unserm Herrgott?« -- »Den kenn ich wohl.« -- »Also, wie kennst du ihn?« -- »Ja, der ist daheim an unserer Stubentür gestanden auf dem Gesims. Mein Meuder hat ihn von der Kirchweih heimgebracht und hingekleibt.« -- »Ach, daß Gott walte! Weißt du anders nicht? Bist du nie in die Kirche gangen?« -- »Ei ja wohl! Ich kann wacker klettern und hab als einen ganzen Wams voll Kirschen gebrockt.«

»Ach gütiger Gott, nun erkenne ich erst, was vor eine große Gnade und Wohltat es ist, wem du deine Erkanntnus mitteilest, und wie gar nichts ein Mensch sei, dem du solche nicht gibest. Wüßte ich nur, wo deine Eltern wohneten, so wollte ich dich gern hinbringen und sie lehren, wie sie Kinder erziehen sollten.«

»Unser Haus ist verbrannt. Mein Meuder und der Knän, also auch unser Ursele seind hinweggeloffen und wiederkommen und unser Magd ist krank im Stall gelegen.«

»Wie ist das geschehen?«

»Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die auf Ochsen ohn Hörn gesessen seind, haben Schaf, Küh' und Säu gestochen. Da bin ich auch weggeloffen und darnach hat das Haus gebrannt.«

»Wo war dann dein Knän?«

»Sie haben ihn angebunden und unser alte Geiß hat ihm die Füß geleckt, da hat mein Knän lachen müssen und hat denselben eisernen Männern viel Weißpfennig geben, groß und klein, hübsche gelbe und sonst glitzerechte Dinger und Schnüre voll weißer Küglein. Darauf hat unser Ann gesagt, ich soll auch weglaufen, sonst nehmen mich die Krieger mit.«

»Wo hinaus willst du?«

»Ich weiß Weger nit und will bei dir bleiben.«

»So geh und iß,« sagte der Einsiedel.

Das war unser ~discurs~, unter welchem mich der Alte oft mit allertiefstem Seufzen anschauete. Weiß nicht, ob es aus Mitleiden geschahe oder aus Ursach, die ich erst etliche Jahr hernach erfuhr.

Das sechste Kapitel

Ich futterte nach Notdurft, sonach mich der Einsiedel fortgehen hieß. Da suchte ich meine allerzartesten Worte herfür, daß er mich bei sich behielte, bis er beschloß meine verdrüßliche Gegenwart zu leiden, darum daß er mich unterrichtete.

Ich hielt mich wohl, und er fand Gefallen an mir, da ich begierig seine Unterweisungen hörete und die wachsweiche, und zwar noch glatte Tafel meines Herzens seine Worte zu fassen sich geschickt erwies.

Er lernete mir vom Fall Luzifers und wie unsere ersten Eltern aus dem Paradies verstoßen wurden, unterwies mich im Gesetz Moisis und den zehn Geboten, kam also auf das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres Heilands, zuletzt beschloß er mit dem jüngsten Tag. Sein Leben und sein Reden waren mir eine immerwährende Predigt und ich gewann solche Liebe zu seinem Unterricht, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte. So lernte ich auch beten. Da ich aber in purer Einfalt verblieben, hat mich der Einsiedel, weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt, ~SIMPLICIUS~ benannt.

Wir baueten vor mich eine Hütte gleich der seinen von Holz, Reisern und Erde, fast formiert wie der Musketierer im Feld ihre Zelten, oder besser zu sagen, wie die Bauren ihre Rubenlöcher decken, kaum daß ich aufrecht darin sitzen konnte, so nieder. Mein Bett war von dürrem Laub und Gras, ebensogroß als die Hütte selbst.

Als ich das erste Mal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und, meinem Bedünken nach, sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sahe wohl die Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redete, und merkte doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch zu tun hatte. Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches beigelegt, machte ich mich darhinter, schlugs auf und bekam im ersten Griff das erste Kapitel des Hiobs und die davor stehende Figur, so ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war, in die Augen. Ich fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort widerfahren wollte, ward ich ungeduldig und sagte eben, als der Einsiedel hinter mich schlich:

»Ihr kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? Habet ihr nicht allererst mit meinem Vater lang genug schwätzen können? Ich sehe wohl, daß ihr auch dem armen Knän da seine Schafe heim treibet und das Haus angezündet habet. Halt! Halt! Ich will das Feuer noch wohl löschen!«

Damit stund ich auf, Wasser zu holen.

»Wohin, ~Simplici~?«

»Ei Vater, da sind auch Krieger, die haben Schafe und wollen sie wegtreiben. Sie habens dem armen Mann da genommen, mit dem du erst geredet hast. So brennet sein Haus auch schon lichterlohe und wird verbrennen, wann ich nicht bald lösche.«

Und ich zeigte mit dem Finger, was ich sahe.

»Bleib nur, es ist noch keine Gefahr.«

»Bist du dann blind? Wehre du, daß sie die Schafe nicht forttreiben, so will ich Wasser holen!«

»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst geschehene Dinge vor Augen zu stellen.«

»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht leben?«

Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen.

»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.«

Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich in dein Gespräch mit ihnen richten?«

»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.«

Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem Druck nachmalete. --

Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen, ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider, welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts, dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete.

Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten. Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute. Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und dem Gottesdienst abwarten konnten.

Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie die ~Orthographia~ selbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte locken können.

Das siebente Kapitel

Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm, mir aber die Schaufel gab und mich an der Hand in unsern Garten führete.

»Nun, ~Simplici~, liebes Kind, dieweil gottlob die Zeit vorhanden, daß ich aus der Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, so habe ich dich auf dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum Unterricht geben wollen, wie du dein irdisch Leben anstellen solltest, damit du gewürdigt werdest das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich zu schauen, zumalen ich deines Lebens künftige Begegnüsse beiläufig sehe und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lange verharren wirst.«

Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes Erfindung die Stadt Villingen, und sie waren mir so unerträglich, daß ich sie nicht ertragen konnte.

»Herzliebster Vater, willst du mich allein in diesem wilden Wald verlassen?«

Mehrers vermochte ich nicht heraus zu bringen, dann meines Herzens Qual ward aus überfließender Liebe, die ich zu meinem Vater trug, also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank. Er hingegen richtete mich auf, tröstete mich, so gut es Zeit und Gelegenheit zuließ, und verwiese mich gleichsam fragend:

»Willst du der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben? Was unterstehst du dich, meinem schwachen Leib, der nach Ruhe lechzet, aufzubürden? Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren!«

Und er riete mir getreulich: »Anstatt deines unnützen Geschreies folge meinen letzten Worten, welche seind, daß du dich je länger je mehr selbst erkennen sollst. Dann daß die meisten Menschen verdammt werden, ist Ursache, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen und was sie werden müssen. Und hüt dich jederzeit vor böser Gesellschaft, dann derselben Schädlichkeit ist unaussprechlich. Bleib standhaft vor allen Dingen. Wer verharret bis ans Ende, der wird selig. So du aber aus menschlicher Schwachheit fällst, dann stehe durch rechtschaffene Buße geschwind wieder auf.«

Nachdem mir der sorgfältige, fromme Mann solches vorgehalten, hat er mit seiner Haue angefangen, sein eigenes Grab zu machen. Ich half, so gut ich konnte, wie er mir befahl.

»Mein lieber und wahrer, einziger Sohn, wann meine Seele an ihren Ort gegangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte Ehre. Scharre mich mit dieser Erde wieder zu, die wir anjetzo aus der Grube graben.«

Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich küssend viel härter an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene, hätte müglich sein können.

»Liebes Kind, ich befehle dich in Gottes Schutz.«

Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen, ich hing mich an seine Büßerketten und vermeinte ihn damit zu halten.

Er aber sagte: »Laß mich, daß ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei.«

Legte demnach die Kette ab samt dem Oberrock und begab sich in das Grab wie einer, der sich sonst schlafen legen will.

»Ach großer Gott, nun nimm wieder hin die Seele, die du mir gegeben!«

Hierauf beschloß er seine Lippen und Augen sänftiglich. Ich aber stund da wie ein Stockfisch etlich Stunden, dieweil ich ihn öfters in dergleichen Verzuckungen gesehen. Da sich aber mein allerliebster Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab und fing an ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln. Aber da war kein Leben mehr.

Nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrei hin und her geloffen, begann ich ihn zuzuscharren. Und wann ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte, stieg ich wieder hinunter, entblößte es wieder, damit ichs noch einmal sehen und küssen konnte.

Das achte Kapitel

Über etliche Tage verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und begehrte Rat von ihm. Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Walde zu verbleiben, bin ich doch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen getreten, maßen ich den ganzen Sommer tät, was ein frommer Einsiedel tun soll. Aber gleichwie die Zeit alles ändert, so verringerte sich auch nach und nach mein Leid, und die scharfe Winterkälte löschte die innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Jemehr ich anfing zu wanken, je träger ward ich in meinem Gebet und ich ließ mich die Begierde überherrschen, die Welt auch zu beschauen. Demnach gedachte ich wieder zu dem Pfarrer zu gehen und machte mich seinem Dorf zu, fand es aber in voller Flamme stehen, dann es eben eine Partei Reuter ausgeplündert und angezündet hatte. Die Bauren waren teils niedergemacht, viel verjaget und etliche gefangen, darunter auch der Pfarrer war. Die Reuter ruckten eben wegfertig aus und führten den Pfarrer an einem Strick daher. Unterschiedliche schrieen: Schieß den Schelmen nieder! Andre wollten Geld von ihm. Er hub die Hände auf und bat um des jüngsten Gerichtes willen um Verschonung und Barmherzigkeit. Aber einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm gleich eins an Kopf, davon er alle vier von sich streckte.

Indem kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als ob man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fingen an so gräulich zu schreien, so grimmig drein zu setzen und drauf zu schießen, daß mir alle Haar zu Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen Kirchweih gewesen, dann die spessarter Bauren lassen sich fürwahr so wenig als andre auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus und schlugen ihre ganze Beute in den Wind.

Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen, dann meine Wildnus mir anmutiger erschiene. Der Pfarrer lag ganz matt, schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er nun selbst auf den Bettel geraten wäre, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts zu getrösten. Zog demnach ganz traurig gegen den Wald, gedachte die Wildnus nimmer zu verlassen und ob es nicht möglich wäre, daß ich ohn Salz leben und also aller Menschen entbehren könnte. Mich zu bestärken zog ich meines Einsiedels hinterlassen hären Hemd an und hing seine Ketten über.

Den andern Tag als ich bei meiner Hütte saß und zugleich neben dem Gebet gelbe Ruben zu meines Leibes Unterhaltung briet, umringten mich an fünfzig Musketierer. Zwar sie ob meiner Person Seltsamkeit erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütte, suchten, was da nicht zu finden war, und warfen die Bücher durcheinander, weil sie ihnen nichts taugten. Endlich sahen sie, als sie mich besser betrachteten, an meinen Federn, was vor einen schlechten Vogel sie gefangen hatten, und konnten leicht ihre Rechnung machen; doch verwunderten sie sich über mein hartes Leben. Ja, der Offizierer ehrte mich und begehrte gleichsam bittend, ich wolle ihm den Weg aus dem Wald weisen. Ich widerte mich nicht und führte sie am nächsten Weg dem Dorf zu.

Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr zehn Bauren, deren ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber beschäftigt waren, etwas einzugraben. Die Musketierer schrieen: Halt! Halt! Jene aber antworteten mit den Rohren. Wie sie jedoch sahen, daß sie übermannet waren, gingen sie schnell durch. Die müden Soldaten konnten keinen ereilen, huben aber an auszugraben. Sie hatten wenig Streich getan, da hörten sie eine Stimme von unten herauf:

»O, ihr Erzbösewichter, vermeinet ihr wohl, daß der Himmel euer unchristliche Grausamkeit und Bubenstücke ungestraft hingehen lassen werde? Nein, eure Unmenschlichkeit soll vergolten werden.«

Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie tun sollten. Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst. Ich gedachte, es träume mir. Ihr Offizier hieß sie tapfer zu graben.

Sie kamen auf ein Faß, schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der weder Nasen noch Ohren mehr hatte, gleichwohl noch lebte. Sobald er sich ein wenig ermunterte, erzählte er: Ihrer sechs seines Regiments, so auf Fourage gewesen, seien von den Bauren ergriffen worden. Sie hätten hintereinander stehen müssen, davon die ersten Fünf von einer Kugel tot geschossen worden seien, ihn aber, den letzten, habe die Kugel nicht mehr erlanget. Da hätten sie ihm Nase und Ohren abgeschnitten, zuvor aber ihn gezwungen, daß er ihrer fünfen (~salva venia~) den Hintern lecken müssen. Da er sich so gar geschmähet gesehen, hätte er ihnen die allerunnützesten Worte gegeben, der Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungeduld eine Kugel schenken, aber vergebens. Nachdem er sie so erbittert, hätten sie ihn in gegenwärtig Faß gesteckt und also lebendig begraben, sprechend: Weil er des Todes so eifrig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht willfahren.

Indem kam eine andre Partei Soldaten den Wald herauf, sie hatten obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen, die andern erschossen. Unter den gefangenen waren vier, denen der übel zugerichtete Reuter zuvor so schandlich hatte zu Willen sein müssen. Als nun beide Parteien erkannten einerlei Kriegsvolk zu sein, traten sie zusammen.

Da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren getrillt wurden. Etliche wollten sie zwar in der ersten Furi totschießen, andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor rechtschaffen quälen und ihnen eintränken, was sie diesem Reuter zu tun geheißen.« Dahingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nichts wert, dann wäre er kein Bernheuter gewesen, so hätte er allen redlichen Soldaten zu Spott solch schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward beschlossen, daß ein jeder von den sauber gemachten Bauren an zehn Soldaten wett mache, was er von dem Reuter empfangen, und darzu sagen sollte: ‚Hiermit lösche ich wieder aus und wische ab die Schande, die sich die Soldaten einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bernheuter tat, wie ich ihnen tue.’

Darauf schritten sie zur Sache, aber die Bauren waren so halsstarrig, daß sie weder durch Verheißung des Lebens noch durch Marter dazu gezwungen werden konnten.

Einer führete den fünften Bauren, an dem der Reuter nicht schandbar geworden war, etwas beiseits und sagte zu ihm: »Wann du Gott und seine Heiligen verläugnen wilt, werde ich dich dahin laufen lassen, wohin du begehrest.« Der Bauer antwortete, er hätte sein Lebtag nichts auf Heilige gehalten und auch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt. Schwur darauf ~solenniter~, daß er Gott nicht kenne. Hierauf jagte ihm der Soldat eine Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert, als wann die an einen stählernen Berg gangen wäre. Also zuckte er seine Plempe und rief:

»Holla, bist du solch ein Schelm! Ich habe versprochen, dich laufen zu lassen, wohin du begehrest, so schicke ich dich nun ins höllische Reich, weil du nicht in den Himmel wilt!«

Und spaltete ihm damit den Kopf bis an die Zähne.

Indessen banden die andern Soldaten die vier übrigen Bauren mit Händen und Füßen an einen umgefallenen Baum so artlich, daß sie ihre Posteriora gerad in die Höhe kehrten. Nachdem sie den Bauren die Hosen abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpfe daran und fidelten die armen Schelme also bis Haut und Fleisch ganz von dem Bein hinweg war. Mich aber ließen sie nach meiner Hütte gehen.

Da ich wieder heim kam, befand ich, daß mein Feuerzeug und ganzer Hausrat samt allem Vorrat an armseligen Speisen, die ich im Garten erzogen und auf den künftigen Winter vor mein Maul gesparet hatte, mir einander fort war. -- Wo nun hinaus?

Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen, ohn Unterlaß im Sinn. Ich dachte nicht sowohl meiner Erhaltung nach als der ~Antipathia~, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält. Ich meinte, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, wilde und zahme, weil sie einander so grausam verfolgten.

Das neunte Kapitel

In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem hungrigen Magen.

Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen, lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber nicht herfürwollte, striegelten sie die ~Commissarii~ mit Besen, die man militarische ~Execution~ nennet, daß ihnen die Seufzer aus dem Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark aus den Beinen herausging.

Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit, diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche Last der Wurzel.

Hunger und Durst, auch Hitz und Kält, Arbeit und Armut, wie es fällt, Gewalttat, Ungerechtigkeit Treiben die Landsknecht allezeit.

Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden, förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder jämmerlich leiden, ~in summa~ nur verderben, beschädigen und verderbt, beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben, Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben.

Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf und gaben den Musketierern Baumöl.

Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz, ein glatt Stück ohne Äste mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert als ein stählerner Spiegel.

Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto besser saßen sie.