Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 19

Chapter 193,737 wordsPublic domain

Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam, bat ich ihn, er wollte mir unbeschwert erzählen, wie er in einen so armseligen Stand geraten wäre, dann ich bildete mir ein, er möchte vielleicht eines Versehens halber von seiner vorigen Dignität verstoßen, unredlich gemachet und in gegenwärtiges Elend versetzt worden sei.

Er aber sagte: »Du weißt, Bruder, daß ich des Grafen von Götz ~Factotum~ und geheimster Freund gewesen, daß aber der verwichene Feldzug unter seiner Generalität eine unglückliche Endschaft erreichet, indem wir die Schlacht bei Wittenweyer verloren. Weil nun deswegen hin und wieder von aller Welt sehr ungleich geredet ward, zumalen wohlgemeldter Graf sich zu verantworten nach Wien ist citieret, so lebe ich beides: vor Scham und Forcht freiwillig in dieser Niedere und wünsche mir oft entweder in diesem Elend zu sterben oder doch wenigst mich so lang verborgen zu halten, bis der Graf seine Unschuld an Tag gebracht. -- Vor Breisach armierte ich mich selbst, da ich sahe, daß es unserseits so schläfrig herging, den andern zum Exempel. Ich kam unter den ersten Angängern an den Feind auf die Brücke, da es dann scharf herging. So empfing ich zugleich einen Schuß in meinen rechten Arm und den andern Schenkel, daß ich weder ausreißen, noch meinen Degen gebrauchen konnte. Und als die Enge des Ortes und der große Ernst nicht zuließ, viel von Quartiernehmen und -geben zu parlamentieren, kriegte ich einen Hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel. Und weil ich fein gekleidet war, wurde ich in der Furi von etlichen ausgezogen und vor tot in Rhein geworfen. In solchen Nöten schrie ich zu Gott, indem ich unterschiedliche Gelübde tät, spürete auch seine Hilfe. Der Rhein warf mich ans Land, allwo ich meine Wunden mit Moos verstopfte und beinahe erfror. Jedoch ich kroch davon und stieß unter etliche Merode-Brüder und Soldatenweiber, die sich meiner erbarmeten. Ich mußte aber sehen, daß sich die Unsrigen zu einem spöttlichen Abzug rüsteten, resolvierte derhalben bei mir selbsten, mich niemand zu offenbaren, und nahm meinen Elendsweg, von dem du mich hast aufgehoben.«

Ich tröstete Herzbrudern so gut ich konnte und vertraute ihm, daß ich noch mehr Geld hätte als jene Dublonen. Und ich erzählte ihm Oliviers Untergang und was Gestalt ich seinen Tod habe rächen müssen. Welches sein Gemüt dermaßen erquickte, also daß es ihm auch an seinen Leib zustatten kam, maßen es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte.

Das fünfte Buch

Das erste Kapitel

Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstärkt, vertrauete er mir, daß er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt. Weil er dann jetzt ohn das so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln. Ich bot ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja, ich wollte gleich zween Klepper kaufen. Nicht zwar der Ursache, daß mich die Andacht darzu getrieben, sondern um die Eidgenoßschaft zu besehen, als das einzige Land, darin der liebe Friede noch grünete. So freute mich auch nicht wenig, daß ich Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reise zu dienen, maßen ich ihn fast höher als mich selbst liebte. Er aber schlug beides: meine Hilfe und meine Gesellschaft ab mit Vorwand, seine Wallfahrt müsse zu Fuß und darzu auf Erbsen geschehen, meine Gesellschaft würde ihn nicht allein an der Andacht verhindern, sondern mir selbst große Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber, mich von sich zu schieben, weil er sich ein Gewissen machte auf einer so heiligen Reise von dem Gelde zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden. Er sagte unverholen, daß ich bereits mehr an ihm getan, weder ich schuldig gewesen, noch er zu erwidern getraue. Hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänke, das war so lieblich, als ich dergleichen niemals habe hören hadern. Bis ich endlich merkte, daß er beides: an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben einen Ekel hatte. Derhalben behalf ich mich mit Lügen und überredete ihn, daß mich mein Bekehrungsvorsatz nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwer verantworten können. Hierdurch persuadierte ich ihn, daß er es zuließ, sonderlich weil ich eine große Reue bezeugte, als ich ihn dann auch überredete, daß ich sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln gehen wollte.

Er willigte endlich drein, wiewohl mit Widerstreben, daß ich einen Paß bekam nach meinem Regiment (und nicht nach Einsiedeln) zu gehen. Mit demselben wanderten wir bei Beschließung des Tores samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenwege und kamen noch dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze und folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten und den Boten wieder zurückschickten.

Das Land kam mir so fremd vor gegen andern deutschen Ländern, als wann ich in Brasilia oder in China gewesen wäre. Da sahe ich die Leute im Frieden handeln und wandeln. Die Ställe stunden voll Viehe. Die Baurenhöfe liefen voll Hühner, Gäns und Enten. Die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebrauchet. Die Wirtshäuser saßen voll Leute, die sich lustig machten. Da war ganz keine Forcht vor dem Feind, keine Sorge vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren. Ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar, gegen andere deutsche Länder zu rechnen, in lauter Wollust und Freude, also daß ich dieses Land vor ein irdisch Paradies hielt, wiewohln es von Art rauh genug zu sein schiene.

Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wann hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete. Deswegen ich manchen Filz bekam, dann er wollte, daß ich wie er bete, welches ich aber nicht gewöhnen konnte.

Zu Zürich kam er mir recht hinter die Briefe und dahero sagte er mir die Wahrheit auch am tröckensten heraus. Dann als wir zu Schaffhausen, allwo mir die Füße von den Erbsen sehr wehe täten, die vorige Nacht geherberget und ich mich den künftigen Tag wieder auf Erbsen zu gehen förchtete, ließ ich sie kochen und tät sie wieder in die Schuhe.

»Bruder, du hast große Gnade vor Gott,« meinte Herzbruder zu Zürich, »daß du unangesehen der Erbsen, dannoch so wohl fortkommen kannst.«

»Ja,« sagte ich, »liebster Herzbruder, ich habe sie gekocht, sonst hätte ich soweit nicht darauf gehen können.«

»Ach, daß Gott erbarme, was hast du getan! Du hättest sie lieber gar aus den Schuhen gelassen, wann du nur dein Gespötte damit treiben willst. Gott wird dich und mich zugleich strafen. Ich besorge, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr. Ich liebe keinen Menschen mehr als dich, leugne aber auch nit, daß ich mir ein Gewissen machen muß, solche Liebe zu kontinuieren.«

Ich verstummte vor Schröcken, daß ich mich schier nicht wieder erholen konnte. Zuletzt bekannte ich frei, daß ich die Erbsen nicht aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuhe getan, damit er mich mitgenommen hätte.

»Ach Bruder, ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist. Gott verleihe dir Besserung, dann ohne die kann unsere Freundschaft nicht bestehen.«

Von dieser Zeit folgte ich ihm traurig nach, als einer, den man zu Galgen führet. Mein Gewissen fing an mich zu drucken, alle meine Bubenstücke stelleten sich mir vor Augen, da beklagte ich erst die verlorene Unschuld. Und was meinen Jammer vermehrete war, daß Herzbruder nicht viel mehr mit mir redete und mich nur mit Seufzen anschauete, als hätte er meine Verdammnis an mir bejammert.

Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an und kamen eben in die Kirche, als ein Priester einen Besessenen exorcisieret. Das war mir neu und seltsam, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, so lange er wollte, und ging hin, diesem Spektakul aus Fürwitz zuzusehen.

Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie mich der böse Geist aus dem armen Menschen an: »Oho, du Kerl, schlägt dich der Hagel auch her? Ich habe vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen! Du ehebrecherischer, mörderischer Jäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleißner und ärger Lügner als ich, er foppt euch nur und spottet beides: Gott und Religion!«

Der ~Exorcist~ befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem Erzlügner ohn das nicht glaube.

»Ja, ja, fraget des ausgesprungenen Mönches Reisegesellen, der wird euch wohl erzählen, daß dieser ~Atheist~ die Erbsen gekocht, auf welchen er hierher zu gehen versprochen!«

Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopfe oder Füßen stund, da ich dieses alles hörete und mich jedermann ansahe. Der Priester strafte den Geist, konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben.

Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem Toten als Lebendigen gleich sahe und zwischen Furcht und Hoffnung nicht wußte, was ich tun sollte. Er tröstete mich und versicherte die ~Patres~, daß ich mein Tag kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte. Ich aber war in meinem Gemüt dermaßen verwirrt, als ob ich allbereits die höllische Pein selbst empfände, als daß die Geistlichen genug an mir zu beruhigen hatten. Sie vermahneten mich zur Beichte und Kommunion, aber der Geist schrie abermals aus dem Besessenen:

»Ja, ja, er wird fein beichten! Er weiß nicht einmal, was beichten ist! Seine Eltern sein mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen!«

Der ~Exorcist~ befahl dem Geist abermals zu schweigen und sagte:

»So wird dichs desto mehr verdrießen, wenn dir das verloren Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen und der Herde Christi einverleibet wird.«

Darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schröcklich zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost schöpfte, dann ich dachte, wann ich keine Gnade vor Gott mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel anstellen.

Ich empfand eine solche Reue und Begierde zur Buße und mein Leben zu bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, worüber sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen. Demnach bekannte ich mich offentlich zur katholischen Kirche, ging zur Beichte und kommunizierte nach empfangener ~Absolution~. Worauf mir dann so leicht und wohl ums Herz ward, daß ichs nicht aussprechen kann. Der Geist in dem Besessenen ließ mich fürderhin zufrieden.

Wir verblieben vierzehn ganzer Tage an diesem gnadenreichen Ort, wo ich die Wunder, so allda geschehen, betrachtete, welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währte solches auch nur so lang, als es mochte. Dann wie meine Bekehrung aus Angst und Forcht entsprungen, also ward ich auch nach und nach wieder lau und träg, weil ich allmählich des Schreckens vergaß.

Wir begaben uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern.

Das ander Kapitel

Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren sonst zur Sommerszeit die Badegäste zu gebrauchen pflegen, welches gemeiniglich reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen sich zu erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden.

Als Herzbruder sahe, daß ich so herrlich angriff, ermahnete er mich zur Gesparsamkeit. Viel Geld sei bald vertan, es stäube hinaus wie der Rauch und verspreche, nimmermehr wieder zu kommen. Auf solche treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen, wie reich mein Säckel wäre. Es sei zudem billig, daß Herzbruder aus Oliviers Säckel vergnügt würde, um die Schmach, die er hiebevor von ihm vor Magdeburg empfangen, sintemal die Erwerbung dieses Goldes ohn das alles Segens unwürdig wäre, so daß ich keinen Meierhof daraus zu kaufen gedächte. Ich zog meine beiden Scapulier ab, trennte die Dukaten und Pistoletten heraus und sagte zu Herzbruder, er möge nun mit dem Gelde nach Belieben verfahren, maßen ich mich in aller Sicherheit zu sein wüßte.

Er sagte: »Bruder, du tust nichts, so lange ich dich kenne, als deine gegen mich habende Liebe bezeugen. Womit meinst du, daß ichs wieder um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun, sondern um deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Bruder, mit einem Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich. Versichert, Bruder, dieses Beweistum deiner wahren Freundschaft verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel tausend verehrte. Allein bitte ich, mein Bruder, bleibe selber Verwahrer und Austeiler über dein Geld. Mir ist genug, daß du mein Freund bist.«

Ich antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter Herzbruder? Er gibt mündlich zu vernehmen, daß Er mir verbunden sei und will doch nicht davor sein, daß ich dieses Geld nicht unnütz verschwende?«

Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil ja einer des andern Liebe trunken war. Und ward Herzbruder zu gleich mein Hofmeister, Säckelmeister, Diener und Herr. Und in solcher müßiger Zeit erzählete er mir seines Lebens Lauf und ich ihm den meinen. Da er nun hörete, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwiese er mir, daß ich mich nicht ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland begeben, dann solches wäre anständiger und auch meine Schuldigkeit gewesen. Demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz bringen können, beredete er mich, daß ich meinem Weibe schrieb und ihr meine Gelegenheit zu wissen machte mit Versprechen, mich mit ehistem wieder zu ihr zu begeben. Tät meines langen Ausbleibens widriger Begegnüssen halber Entschuldigung.

Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es um den Grafen von Götz wohl stünde und er gar wiederum das Kommando über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand nach Wien und schrieb auch nach der kur-bayrischen Armee wegen seiner Bagage.

Herzbruder erhielt von hochgemeldten Grafen eine Wiederantwort und treffliche Promessen von Wien, ich aber bekam von L. keinen einzigen Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttäge ~in duplo~ hinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, daß ich denselbigen Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit ihm nach Wien nahm, mich seines verhofften Glückes genießen zu lassen. Also montierten wir uns aus meinem Geld wie zwei Kavaliers beides: mit Kleidungen, Pferden, Dienern und Gewehren. Gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich anlangten. Auf demselben Weg beobachtete ich sonst nichts, als daß die Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen zuschreien, nicht mündlich sondern schlicht mit dem Beweistum selbst antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.

Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Wer alles wüßte, der würde bald reich. Ich sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken könnte der würde auch bald groß und mächtig. Wer aber weiß, sich groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß. Das Glück, so Macht und Reichtum zu haben pfleget, blickte mich trefflich holdselig an.

Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien. Herzbruder ward zu einem Bankett geladen, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden. Als man von allerhand seltsamen Köpfen und berühmten Parteigängern redete, erzählte der Graf von der Wahl auch etliche Stücklein des Jägers von Soest, daß man sich teils über einen so jungen Kerl verwunderte, teils bedauerte, daß der listige hessische Obrist ~de S. A.~ ihm einen Weh-Bengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseite legen oder schwedische Waffen tragen sollte. Herzbruder, der eben dort stund, bate um Verzeihung und Erlaubnis zu reden und sagte, daß er den Jäger von Soest besser kenne als sonst einen Menschen, er sei nicht allein ein guter Soldat, sondern auch ein ziemlicher Reuter, perfekter Fechter, trefflicher Büchsenmeister und Feuerwerker, über dies alles einer, der einem Ingenieur im Fortifikationswesen nichts nachgeben würde. Er hätte nicht nur sein Weib, weil er mit ihr schimpflich hintergangen worden, sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen und wiederum kaiserliche Dienste gesucht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien gekommen des Willens, sich abermals wider der römischen kaiserlichen Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch soferne er solche Kondition haben könnte, die ihm anständig seien.

Damals war diese ansehnliche Kompanei mit dem lieben Trunk schon dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen befriedigt wissen wollte, maßen Herzbruder geschickt ward, mich in einer Kutsche zu holen. Er instruierte mich unterwegs, derhalben antwortete ich, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und redete nichts, es müßte dann einen klugen Nachdruck haben. Ich erschien dergestalt, daß ich jedem angenehm war. Mithin kriegte ich auch einen Rausch und glaube wohl, daß ich dann habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof gewesen. Endlich versprach mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter seinem Regiment.

Also ward ich derselbigen vor einen Hauptmann vorgestellt. Obzwar meine Kompagnie samt mir ganz komplett war, hatte sie nicht mehr als sieben Schillerhälse, zudem waren meine Unter-Offizierer mehrenteils alte Krachwadel, darüber ich mich hinter Ohren kratzte. Dahero ward ich mit ihnen bei der nächsten scharfen Occasion desto leichter gemarscht. Dabei verlor der Graf von Götz das Leben, Herzbruder und ich bekamen einen Schuß. Wir begaben uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, wo sich bei Herzbruder ein anderer gefährlicher Zustand zeigte, dann er ward lahm an allen vieren, wie ein ~Cholericus~, den die Galle verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem Zorn beigetan. Nichts desto weniger ward ihm eine Sauerbrunnkur, der Gießbacher an dem Schwarzwald, vorgeschlagen.

Also veränderte sich das Glück unversehens. Herzbruder machte sein Testament und satzte mich zum einzigen Erben, und ich schlug mein Glück in den Wind und quittierte meine Kompagnie, damit ich ihn begleiten und ihm in Sauerbrunn aufwarten könnte.

Das dritte Kapitel

Ein erfahrener Medicus, den ich von Straßburg eingeholet, befand, daß dem Herzbruder mit Gift vergeben worden, das Gift sei aber nicht stark genug gewesen, ihn gleich hinzurichten. Es müsse durch Gegenmittel und Schweißbäder ausgetrieben werden, und würde sich solche Kur auf ungefähr eine Woche oder acht belaufen. Mein Herzbruder resolvierte sich, in Sauerbrunn die Kur zu vollenden, weil er nicht allein eine gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaft unter den Badegästen hatte.

Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich Begierde hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen. Herzbruder hatte meiner nicht vonnöten und lobte solches Fürnehmen. Gab mir auch etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie um Verzeihung bitten sollte, daß er eine Ursache gewesen sei, daß ich sie nicht ehender besuchet.

Also ritt ich auf Straßburg, allwo mein Geld auf Wechsel lag, machte mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich meine Reise anstellen möchte, um zwischen so vielen Guarnisonen der beiderseits kriegenden Teile am sichersten fort zu kommen. Erhielt derowegen einen Paß vor einen Straßburger Botenläufer und machte etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und deren Eltern, als ob ich einen Boten nach L. schicken wollte. Ich verkleidete mich aber selbsten in ein weiß und rote Livrei und fuhr also botenweis bis nach Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war.

Ich ging zuforderst hin, meinen ~Jovem~ zu besuchen, den ich hiebevor bei Soest gefangen hatte, um zu erkundigen, welche Bewandnus es mit meinen hinterlegten Sachen hätte. Mein ~Jupiter~ war aber damals wieder ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht.

»O ~Mercuri~,« sagte er zu mir, »was bringst du neues von Münster? Vermeinen die Menschen wohl ohn meinem Willen Frieden zu machen? Nimmermehr! Sie hatten ihn. Warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen nicht alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten den Krieg zu senden? Womit haben sie seithero verdient, daß ich ihnen den Frieden wiedergeben sollte? Haben sie sich dann selbiger Zeit her bekehrt? Seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg geloffen wie zu einer Kirmeß? Oder haben sie sich vielleicht wegen der Teuerung bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket (das so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein, nein, ~Mercuri~, die übrig Verbliebenen, die den elenden Jammer mit ihren Augen angesehen, haben sich nicht allein nicht gebessert, sondern seind viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen. Haben sie sich nun wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht bekehret, sondern unter dem schweren Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht aufgehöret, was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen, göldenen Frieden wieder zusendete? Aber ich will ihrem Mutwillen wohl bei Zeiten steuern und sie im Elend hocken lassen.«

Weil ich nun wußte, wie man diesen Gott lausen mußte, wann man ihn recht stimmen wollte, sagte ich: »Ach, großer Gott, es seufzet aber alle Welt nach dem Frieden und verspricht eine große Besserung.«

»Ja,« antwortete ~Jupiter~, »sie seufzen wohl, aber nicht meinet- sondern um ihrentwillen. Nicht daß jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter Ruhe und in aller Wollust genießen möchten. -- Ich fragte neulich einen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte. Er antwortete es sei ihm gleich, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von einem Rotgießer, der sagte, wann er im Frieden keine Glocken zu gießen hätte, so wäre im Kriege genug an Stücken und Feuermörsern zu tun. Also antwortete mir auch ein Schmied: er habe keine Pflüge und Baurenwägen zu beschlagen, so kämen ihm im Krieg genug Reuterpferde und Heerwägen unter die Hände, also daß er des Friedens wohl entbehren könne. Siehe nun, lieber ~Mercuri~, warum soll ich ihnen dann den Frieden verleihen? Alle so ihn wünschen, begehren seiner um ihres Bauchs und der Wollust willen, hingegen sind andere die den Krieg wollen, weil er ihnen einträget. Und gleichwie die Mäuerer und Zimmerleute den Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also verlangen andere die Fortsetzung des Krieges, im selbigen zu stehlen.«

Weil nun mein ~Jupiter~ mit solchen Sachen umging, konnte ich mir leicht einbilden, daß er mir in seinem verwirrten Stand von dem Meinigen wenig Nachricht würde geben können. Nahm also den Kopf zwischen die Ohren und ging durch Abwege nach L.

Daselbst erfuhr ich, vor einen fremden Boten gehalten, daß mein Schweher samt der Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt gesegnet, und dann, daß meine Liebste, nachdem sie mit einem Sohn niedergekommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks nach ihrem Kindbette, diese Zeitlichkeit verlassen.