Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 18
Mein Vater erfuhr dieses herrliche Leben durch seinen Faktor in Lüttich. Der bekam Befehl, den ~Praeceptor~ abzuschaffen und den Zügel fürderhin nicht so lang zu lassen, mich ferner genauer im Gelde zu halten. Solches verdroß uns beide. Demnach wir aber nicht mehr wie hiebevor spendieren konnten, gesellten wir uns zu einer Bursch, die den Leuten des Nachts auf der Gasse die Mäntel abzwackte oder sie gar in der Maas ersäufte. Was wir solchergestalt eroberten, verschlemmten wir mit unseren Huren und ließen das Studieren beinahe ganz unterwegen.
Als wir nun einsmals bei Nacht herum schlingelten, den Studenten ihre Mäntel hinweg zu vulpinieren, wurden wir überwunden, mein ~Praeceptor~ erstochen und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben waren, erdappt und eingezogen. Auf Bürgschaft des Faktors, der ein ansehnlicher Mann war, ward ich losgelassen, doch daß ich bis auf weiteren Bescheid in seinem Hause im Arrest bleiben sollte. Jene fünf wurden als Spitzbuben, Räuber und Mörder gestraft. Mein Vater kam eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sache mit Geld aus, hielt mir eine scharfe Predigt und verwiese mir, was ich ihm vor Kreuz und Unglück und meiner Mutter vor Verzweiflung machte -- auch, daß er mich enterben und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach Besserung und ritte mit ihm nach Haus; also hat mein Studieren ein Ende genommen.
Ich war kein ehrbarer ~Domine~ geworden, sondern ein Disputierer und Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel. Und mein Vater befand, daß ich im Grund verderbt wäre.
»Höre, Olivier,« sagte er, »ich sehe deine Eselsohren je länger je mehr hervorragen, du bist eine unnütze Last auf Erden. Ein Handwerk zu lernen bist du zu groß, einem Herren zu dienen bist du zu flegelhaftig, meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ich habe gehofft dich zum Manne zu machen, so habe ich dich hingegen jetzt aus des Henkers Händen erkaufen müssen: Pfui, der Schande!«
Dergleichen Lectionen mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch ungeduldig ward und sagte, ich wäre an allem nicht schuldig, sondern er und mein ~Praeceptor~, der mich verführt hätte. Daß er keine Freude an mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht erfreuen, als er sie gleichsam im Bettel verhungern lasse. Da erdappte er einen Prügel und wollte mir meine Wahrsagung lohnen, hoch und teuer sich verschwörend, er wolle mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Ich ging durch und ritte seinen besten Hengst auf Köln zu.
Den versilberte ich, kam abermals in eine Gesellschaft der Spitzbuben und Diebe und half bei Nacht einfahren. Maßen aber einer kurz hernach ergriffen ward, als er einer vornehmen Frau auf dem Alten Markt ihren schweren Beutel doll machen wollte und ich ihn einen halben Tag mit dem eisernen Halskragen am Pranger stehen sah, dergleichen wie sie ihm ein Ohr abschnitten und ihn mit Ruten aushieben, ward mir das Handwerk verleidet. Unser Obrister, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, nahm eben damals Knechte an; ich ließ mich derowegen vor einen Soldaten unterhalten.
Nachgehends ging sein Schreiber mit Tod ab, so nahm mich der Obrist an dessen Statt zu sich, dann er hatte vernommen, daß ich eines reichen Kaufmanns Sohn wäre. Ich lernte von unserm ~Secretario~, wie ich mich halten sollte, und mein Vorsatz, groß zu werden, verursachte, daß ich mich ehrbar und reputierlich einstellte und nit mehr mit Lumpenpossen schleppte.«
Sonach erzählte mir Olivier das Schelmenstück, das er meinem jungen Herzbruder mit dem übergöldten Becher angetan, damit er den alten Herzbruder auf den Tod gekränket, und mir ward grün und gelb vor Augen, als ich es aus seinem eigenen Maul hören mußte. Gleichwohl dorfte ich keine Rache nehmen.
»Im Treffen vor Wittstock«, sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie ein Federspitzer, der nur auf das Tintenfaß bestellt ist. Ich war wohl beritten und so fest als Eisen, ließ derhalben meinen ~Valor~ sahen, als einer der durch den Degen hoch zu kommen oder zu sterben gedenket. Wie eine Windsbraut vagierte ich um unsere Brigade herum, mich zu exerzieren und zu erweisen, daß ich besser zu den Waffen als zur Feder tauge. Aber das Glück der Schweden überwand, ich wurde gefangen.
In einem Regiment, welches nach Pommern gelegt ward, sich wieder zu erholen, ließ ich treffliche Courage verspüren und ward zum Korporal gemacht. Aber ich gedachte wieder unter die Kaiserlichen zu kommen. -- Einsmals hatte ich mit sieben Musketierern achthundert Gulden ausständige Kontribution in unseren abgelegenen Quartieren erpreßt. Da ich nun das Geld beisammen trug, zeigte ich es meinen Burschen und machte ihre Augen nach demselben lüsternd, also daß wir des Handels einig wurden zu teilen und durchzugehen. Sonach persuadierte ich drei, daß sie mir halfen die andern vier tot zu schießen, und wir teileten das Geld. Unterwegs überredete ich noch einen, daß er auch die zween übrigen nieder schießen half. Den letzten erwürgte ich auch. So kam ich nach Werle, allwo ich mich anwerben ließ und mit dem Gelde ziemlich lustig machte.
Ich hörte daselbst viel Rühmens von einem jungen Soldaten in Soest, der sich treffliche Beuten und einen großen Namen machte. Man nannte ihn wegen seiner grünen Kleidung den Jäger. Mein Geld ging auf die Neige, derhalben ich mir einen grünen Wams und Hosen machen ließ und auf seinem Namen mit Verübung allerhand Exorbitantien in allen Quartieren stahl, soviel ich konnte. Der Jäger ließ mich herausfordern, aber der Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch in den Haaren sitzen hatte. Der würde mir meine Festigkeit schön aufgetan haben. Doch konnte ich seiner List nicht entgehen. Er praktizierte mich mich Hülfe zweier leibhaftiger Teufel in eine Schäferei und zwang mich zu der spöttlichsten Sache von der Welt, davon ich mich dergestalt schämte, daß ich hinweg nach Lippstadt lief.
Ich nahm fürders holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere Bezahlung aber vor meinen Humor einen langweiligen Krieg fand, dann da wurden wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtiger leben als die Nonnen.
Also gedachte ich mich zu den Spanischen zu schlagen und entwich, maßen mir der holländer Boden heiß geworden war. Allein mir ward der Kompaß verruckt, daß ich unversehens an die Bayrischen geriet. Mit denselben marschierte ich unter den Merode-Brüdern aus Westfalen bis ins Brißgäu und nährte mich mit Spielen und Stehlen, bis das Treffen vor Wittenweyer vorüberging, in welchem ich gefangen, abermals unter ein Regiment zu Fuß gestoßen und also zu einem Weimarischen Soldaten gemacht ward. Es wollte mir aber im Läger vor Breisach nicht gefallen, darum quittierte ichs bei Zeiten und ging davon, vor mich selbst zu kriegen, wie du siehest.«
Das neunte Kapitel
Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführte, konnte ich mich nicht genugsam über die göttliche Vorsehung verwundern. Dann sollte diese Bestia gewußt haben, daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre, so hätte er mir gewißlich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor auf der Schäferei getan. Ich sahe erst, was ich dem Olivier vor einen Possen erwiesen und wie weislich und obscur der alte Herzbruder seine Weissagungen gegeben, und wie es dannoch schwer fallen würde und seltsam hergehen müßte, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad verdienet hätte, rächen sollte. Indem ich nun solche Gedanken machte, ward ich in Oliviers Gesicht etlicher Ritze gewahr, die ich vor Wahrzeichen des Spring-ins-Feld und seiner Teufelskrallen hielte. Ich fragte, woher ihm solche Zeichen kämen.
»Ach Bruder,« antwortete er, »wann ich dir alle meine Bubenstücke und Schelmerei erzählen sollte, so würde beides: mir und dir die Zeit zu lang werden. Ich will dir hievon auch die Wahrheit sagen, obschon es scheinet, als gereiche sie mir zum Spott.
Ich glaube gänzlich, daß ich vom Mutterleib an zu einem gezeichneten Angesicht vorbestimmt gewesen sei. In meiner Jugend ward ich von meinesgleichen Schuljungen zerkratzt, so hielt mich auch einer von denen Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus hart, maßen man seine Klauen wohl sechs Wochen in seinem Gesicht spürete. Diese Striemen aber, die du jetzt siehest, haben einen anderen Ursprung: Als ich unter den Schweden im Pommer lag und eine schöne Matresse hatte, mußte mein Wirt aus seinem Bette weichen und uns hineinlegen lassen. Seine Katze, die in demselben Bette zu schlafen gewohnt war, kam alle Nacht und machte uns große Ungelegenheit, dann meine Matresse konnte keine Katze leiden und verschwur sich hoch, sie wollte mir in keinem Fall mehr Liebes erweisen, bis ich ihr zuvor die Katze hätte abgeschafft. So gedachte ich mich an der Katze zu rächen, daß ich auch eine Lust daran haben möchte. Steckte sie derhalben in einen Sack, nahm meines Wirts beide starke Baurenhunde mit mir auf eine breite, lustige Wiese und gedachte da meinen Spaß zu haben, dann ich vermeinte, weil kein Baum in der Nähe war, auf den sich die Katze retirieren konnte, würden sie die Hunde eine Weile hin und her jagen, wie einen Hasen raumen und mir eine treffliche Kurzweile anrichten. Aber Potz Stern! es ging mir nicht allein hundeübel, wie man zu sagen pfleget, sondern auch katzenübel, maßen die Katze, sobald ich den Sack auftat, nur ein weites Feld, ihre zwei starken Feinde und nichts Hohes vor sich sahe, dahin sie ihre Zuflucht hätte nehmen mögen. Derowegen sprang sie auf meinen Kopf. -- Je mehr ich sie nun herunter zu zerren trachtete, je fester schlug sie ihre Krallen ein. Solch unserem Gefecht konnten die beiden Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel, sie sprangen mit offenem Rachen hinten, vorne, zur Seite nach der Katze, die sich mit ihren Klauen einkrallete, so gut sie konnte. Tät sie aber mit ihrem Dornhandschuh einen Fehlstreich nach den Hunden, so traf mich derselbe gewiß. Weil sie aber auch die Hunde auf die Nase schlug, beflissen sich dieselbigen, sie mit ihren Talpen herunter zu bringen und gaben mir damit manchen Griff ins Gesicht. Wann ich aber selbst mit beiden Händen nach der Katze tastete, sie herunter zu reißen, biß und kratzte sie nach ihrem besten Vermögen. Also ward ich beides: von den Hunden und von der Katze dergestalt schröcklich zugerichtet, daß ich schwerlich einem Menschen gleichsahe. Mein Kragen und Koller war blutig wie eines Schmiedes Notstall am St. Stefanstag, wann man die Pferde zur Ader läßt, und ich wußte ganz kein Mittel, mich aus diesen Ängsten zu erretten. Zuletzt so mußte ich von freien Stücken auf die Erde niederfallen, damit beide Hunde die Katze erwischen konnten, wollte ich anderst nicht, daß mein Kapitolium noch länger ihr Fechtplatz sein sollte. Die Hunde erwürgten zwar die Katze, ich hatte aber bei weitem keinen so herrlichen Spaß davon. Dessentwegen ward ich so ergrimmt, daß ich nachgehends beide Hunde totschoß und meine Matreß dergestalt abprügelte, daß sie hätte Öl geben mögen und darüber von mir weglief, weil sie ohn Zweifel keine solche abscheuliche Larve länger lieben konnte.«
Ich hätte gerne gelacht und mußte mich doch mitleidentlich erzeigen. Und als ich eben auch anfing, meines Lebens Lauf zu erzählen, sahen wir eine Kutsche samt zwei Reutern das Land herauf kommen. Wir satzten uns in ein Haus, das an der Straße lag und sehr bequem war, Reisende anzugreifen. Olivier legte mit einem Schuß gleich den einen Reuter und das Pferd, eh sie unserer inne wurden, deswegen dann der andere gleich durchging. Indem ich mit übergezogenem Hahn den Kutscher halten und absteigen gemachet, sprang Olivier auf ihn dar und spaltete ihm mit seinem breiten Schwert den Kopf bis auf die Zähne, wollte auch gleich die Frauenzimmer und Kinder metzgen, so vor Schröcken mehr den toten Leichen als den Lebenden gleich sahen. Ich aber wollte es rund nicht gestatten und sagte, er müßte mich zuvor erwürgen.
»Ach, du närrischer ~Simplici~, daß du so ein heilloser Kerl bist und dich dergestalt anläßt!«
»Bruder, wes willst du die unschuldigen Kinder zeihen? Wann es Kerl wären, die sich stellen könnten!«
»Was! Eier in die Pfannen, so werden keine Junge draus! Ich kenne diese jungen Blutsauger wohl! Ihr Vater, der Major, ist ein rechter Schindhund und der erste Wamsklopfer von der Welt.«
Mit solchen Worten wollte er immer fortwürgen, doch enthielt ich ihn so lang, bis er sich endlich erweichen ließe. Es waren aber einer Majors Weib, ihre Magd und drei Kinder, die mich von Herzen daureten. Wir sperrten sie in einen Keller, auf daß sie uns nicht so bald verraten sollten, darin sie sonst nichts als Obst und weiße Rüben zu beißen hatten, bis sie gleichwohl von jemand erlöst würden. Demnach plünderten wir die Kutschen und zogen mit schönen Pferden in Wald, wo er zum dicksten war.
Da sahe ich unweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen, solchen wiese ich dem Olivier aus Vorsicht.
»Ha, Narr,« antwortete er, »es ist ein Jud, den hab ich hingebunden. Der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verreckt.« Indem ging er zu ihm, klopfte ihm mit der Hand unten ans Kinn und sagte: »Du Hund, hast mir viel schöne Dukaten gebracht!«
Da rollten dem Juden etliche Dublonen zum Maul heraus, welche der arme Schelm noch bis in seinen Tod davon bracht hatte. Olivier griff ihn darauf ins Maul und brachte zwölf Dublonen und einen köstlichen Rubin zusammen.
»Diese Beute habe ich dir zu danken, ~Simplici~.«
Schenkte mir darauf den Rubin, stieß das Geld zu sich und ging seinen Baurn zu holen mir Befehl, ich sollte indessen bei den Pferden verbleiben, aber wohl zusehen, daß mich der tote Jud nicht beiße.
Derweilen schlug mir das Gewissen merklich, darum daß ich die Kutsche aufgehalten, daß der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen und beide Weibsbilder mit denen unschuldigen Kindern in den Keller versperrt worden, worin sie vielleicht wie dieser Jude verderben mußten. Allein ich fand nicht Mittel noch Ausweg, dann ich gedachte, würdest du von den Weimarischen mit diesen Pferden erwischt, so wirst du als ein überzeugter Mörder aufs Rad gelegt, und ob deine Füße auch schnell genug wären, du wolltest desto weniger den Bauren auf dem Schwarzwald, so damals den Soldaten auf die Hauben klopften, entrinnen. Indem ich mich nun selbst so marterte und quälete und doch nichts entschließen konnte, kam Olivier mit dem Baur daher. Der führte uns mit den Pferden auf einen Hof, da wir fütterten. Wir ritten nach Mitternacht weiters und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer, allwo Olivier wohl bekannt war und uns stattlich auftragen ließ. Der Wirt schickte nach zweien Juden, die uns die Pferde abhandelten. Es war alles so nett und just bestellt, daß es wenig Wortwechselns brauchte. Der Juden große Frage war, ob die Pferde kaiserisch oder schwedisch gewesen. Da sie vernahmen, daß sie von den Weimarischen herkämen, sagten sie, so müsse man solche nicht nach Basel sondern in das Schwabenland zu den Bayrischen reuten. Über welche große Kundschaft und Verträulichkeit ich mich verwundern mußte.
Wir bankettierten edelmännisch und ich ließ mir die guten Waldforellen und köstlichen Krebs wohl schmäcken. Wie es Abend ward, so machten wir uns wieder auf den Weg, hatten unsern Baur mit Gebratens und andern Viktualien wie einen Esel beladen. Damit kamen wir den andern Tag auf einen einzelnen Baurenhof, allwo wir freundlich aufgenommen wurden und uns wegen ungestümen Wetters ein paar Tage aufhielten. Folgends kamen wir auf Wald und Abwegen wieder in das Häuslein, dahin mich Olivier anfänglich geführet.
Das zehent Kapitel
Wie wir nun so dasaßen auszuruhen, schickte Olivier den Baur aus, Essensspeise samt Zündkraut und Lot einzukaufen. Und als selbiger hinweg war, zog er seinen Rock aus und sagte:
»Bruder, ich mag das Teufelsgeld nicht mehr allein herumschleppen!« -- Band demnach ein paar Würste oder Wülste, die er auf bloßem Leib trug, herunter und warf sie auf den Tisch. »Das Donnergeld hat mir Beulen gedruckt.«
Ich ergriff die Wülste und befand sie trefflich gewichtig, weil es lauter Goldsorten waren. Ich sagte, es sei alles unbequem gepackt, ich wollts einnähen, daß einem das Tragen nicht halb so sauer ankäme. Es gefiel ihm und ich machte mir und ihm ein Scapulier oder Schulterkleid aus einem Paar Hosen und versteppte manchen schönen, roten Batzen darein, daß wir unter dem Hemde hinten und vorn mit Gold gewappnet waren. So verriete er mir auch, daß er mehr als tausend Taler in einem Baume liegen hätte, aus welchem er den Baur hausen ließe, weil er solchen Schafmist nicht hoch halte.
Wir bäheten uns beim Ofen und gedachten an kein Ungemach, da kamen, als wir uns dessen am wenigsten versahen, sechs Musketierer samt einem Korporal mit fertigem Gewehr und aufgepaßten Lunten ins Häuslein, stießen die Stubentür auf und schrieen, wir sollten uns gefangen geben. Aber Olivier, der sowohl als ich seine gespannte Musketen neben sich liegen hatte, antwortete ihnen mit einem Paar Kugeln, durch welche er gleich zween zu Boden fällete, ich aber erlegte den dritten und beschädigte den vierten durch einen gleichmäßigen Schuß. Darauf wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert, welches Haare schur, vom Leder und hieb den fünften von der Achsel bis auf den Bauch hinunter, daß ihme das Eingeweide heraus und er neben demselben nieder fiel, indessen schlug ich dem sechsten mit umgekehrtem Feuerrohr auf den Kopf, daß er alle vier von sich streckte. Einen solchen Streich kriegte Olivier von dem siebenten, und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm das Hirn herausspritzte, ich aber traf diesen wiederum dermaßen, daß er seinen Kameraden beim Totenreigen Gesellschaft leisten mußte. Der Beschädigte aber fing an zu laufen, als ob ihn der Teufel selbst gejagt hätte. Und dies Gefecht währte kürzer als eines Vaterunsers Länge.
Sonach ich nun dergestalt allein Meister auf dem Platze blieb, beschauete ich den Olivier, ob er vielleicht noch einen lebendigen Atem in sich hätte. Da ich ihn aber ganz entseelt befand, dünkte es mich ungereimt zu sein, einem toten Körper so viel Goldes zu lassen, zog ihm derowegen das golden Fell ab und hing es mir an den Hals zu dem andern. Ich nahm auch Oliviers Muskete und Schwert zu mir, maßen mein Rohr zerschlagen war, und machte mich aus dem Staub auf einen Weg, da ich wußte, daß der Baur herkommen müsse.
Und kaum eine halbe Stunde ging ich in meinen Gedanken, so kam unser Baur daher und schnaubte wie ein Bär, dann er lief von allen Kräften.
»Warum so schnell? Was Neues?«
»Geschwind, machet Euch abwegs! Es kommt ein Korporal mit sechs Musketierern, die haben mich gefangen, daß ich sie zu euch führen sollte, ich bin ihnen aber entronnen.«
O Schelm, dachte ich, du hast uns um des Olivier Silbergeld verraten, ließe mich aber doch nichts merken, sondern sagte, daß Olivier und die andern tot wären. Das wollte er nicht glauben, bis ich ihn in das Häuslein führte, daß er das Elend an den sieben Körpern sehen könnte.
Der Baur erstaunte vor Schröcken und fragte, was Rats.
»Rat ist schon beschlossen. Unter dreien Dingen geb ich dir Wahl: Entweder führe mich alsbald durch sichere Abwege über den Wald hinaus nach Villingen oder zeige mir Oliviers Geld im Baum oder stirb hier. Führst du mich, so bleibt das Geld dein, wirst du mirs weisen, so teil ichs mit dir, tust du aber keines, so schieß ich dich tot.« -- Der Baur wäre gern entloffen, aber er forchte die Muskete; fiele derhalben auf die Knie und erbot sich, mich über Wald zu führen.
Also wanderten wir denselben Tag und folgende Nacht ohn Essen und Trinken, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen. Den Baur trieb Todesfurcht, mich aber die Begierde, mich selbst und mein Gold davon zu bringen, und muß fast glauben, daß einem Menschen das Gold große Kräfte mitteilet, dann obzwar ich schwer genug daran trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit.
Ich hielt es vor ein glücklich Omen, daß man die Pforte eben öffnete, als ich vor Villingen kam. Der Offizier von der Wacht examinierte mich, und da ich mich vor einen Freibeuter ausgab von jenem Regiment, wohin mich Herzbruder getan, wie auch, daß ich aus dem Läger vor Breisach von den Weimarischen herkäme und nunmehr zu meinem Regiment unter die Bayrischen begehrte, gab er mir einen Musketierer zu, der mich zum Kommandanten führte. Dem bekannte ich alles, daß ich mich ein Tag oder vierzehn bei einem Kerl aufgehalten und mit demselben eine Kutschen angegriffen, der Meinung, von den Weimarischen Beute zu holen und rechtschaffen montiert wieder zu unserem Regiment zu kommen. Wir seien aber von einem Korporal mit sechs andern Kerlen überfallen worden, dadurch mein Kamerad und sechs vom Gegenteil auf dem Platze geblieben. Der Kommandant wollte es fast nicht glauben, daß wir zween sollten sechs Mann niedergemacht haben und ich nahm Gelegenheit von Oliviers Schwert zu reden. Das gefiel ihm so wohl, daß ichs ihm, wollte ich anders mit guter Manier von ihm kommen und Paß erlangen, gegen einen andern Degen lassen mußte. Im Wahrheit aber so war dasselbe trefflich schön und gut. Es war ein ganzer, ewigwährender Kalender darauf geätzt.
Ich ging den nächsten Weg ins Wirtshaus und wußte nicht, ob ich am ersten schlafen oder essen sollte. Doch wollte ich zuvor meinen Magen stillen und machte mir unterdessen Gedanken, wie ich meine Sachen anstellen, daß ich mit meinem Gold sicher nach L. zu meinem Weibe kommen möchte.
Indem ich nun so spekulierte, hinkte ein Kerl mit einem Stecken in der Hand in die Stube, der hatte einen verbundenen Kopf, einen Arm in der Schlinge und so elend verlauste Kleider an, daß ich ihm keinen Heller darum gegeben hätte. Der Hausknecht wollte ihn austreiben, weil er übel stank. Er aber bat, ihn um Gottes Willen zu lassen, sich nur ein wenig zu erwärmen, so aber nichts half. Demnach ich mich seiner erbarmete und vor ihn bat, ward er kümmerlich zum Ofen gelassen. Er sahe mir, wie mich bedünkte, mit begierigem Appetit und großer Andacht zu, wie ich darauf hieb und ließ etliche Seufzer laufen. Und als der Hausknecht ging, mir ein Stück Gebratenes zu holen, ging er gegen mich zum Tisch zu und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar, daß ich mir wohl einbilden konnte, warum er käme; nahm derhalben die Kanne und goß ihm seinen Hafen voll, eh er heischte.
»Ach Freund,« sagte er, »um Herzbruders willen gebet mir auch zu essen!«
Solches ging mir durchs Herz und ich befand, daß es Herzbruder selbsten war. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, doch erhielt ich mich, fiel ihm um den Hals, satzte ihn zu mir, da uns beiden die Augen übergingen.
Das elfte Kapitel
Wir konnten fast weder essen noch trinken, nur fragte einer den andern, wie's ihm ergangen. Der Wirt wunderte sich, daß ich einen so lausigen Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches sei unter Kriegskameraden Brauch. Da ich auch verstund, daß sich Herzbruder bisher im Spital aufgehalten, vom Almosen sich ernähret, und seine Wunden liederlich verbunden worden, dingte ich dem Wirt ein sonderlich Stüblein ab, legte Herzbruder in ein Bette, ließ ihm den besten Wundarzt kommen, wie auch einen Schneider und eine Näherin, ihn zu kleiden und den Läusen aus den Zähnen zu ziehen. Ich hatte eben diejenigen Dublonen, so Olivier dem toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir in einem Säckel. Dieselben schlug ich auf den Tisch und sagte dem Wirt zu Gehör:
»Schau Herzbruder, das ist mein Geld, das will ich an dich wenden und mit dir verzehren.«
Darnach der Wirt uns wohl aufwartete. Dem Barbier aber wies ich den Rubin, der ungefähr zwanzig Taler wert war und sagte, weil ich mein wenig Geld vor uns zu Zehrung und Kleidung aufwenden müßte, so wollte ich ihm denselben Ring geben, wenn er meinen Kameraden in Bälde von Grund aus kurieren wollte, dessen er dann wohl zufrieden war, daß er seinen besten Fleiß aufwandte.
Also pflegte ich Herzbrudern wie meinem andern Ich. Der Kommandant, dem ich alles anzeigete, gönnte mir zu bleiben, bis mein Kamerad mir würde folgen können und versprach uns beide alsdann mit gemeinsamen Paß zu versehen.