Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 17
Als der berühmte General Johann Graf von Merode einsmals ein neugeworben Regiment zur Armee brachte, waren die Kerl so schwacher baufälliger Natur, daß sie also das Marschieren und ander Ungemach, das ein Soldat im Felde ausstehen muß, nicht erleiden konnten, derowegen dann ihre Brigade zeitlich so schwach ward, daß sie kaum die Fähnlein mehr bedecken konnte. Wo man einen oder mehr Kranke und Lahme auf dem Markt, in Häusern und hinter Zäunen und Hecken antraf und fragte: Wes Regiments? -- so war gemeiniglich die Antwort: von Merode. Davon entsprang, daß man endlich alle diejenigen, sie wären gleich krank oder gesund, verwundt oder nit, wann sie nur außerhalb der Zugordnung daherzottelten oder sonst nicht bei ihren Regimentern das Quartier im Feld nahmen, Merode-Brüder nannte, welche Bursche man zuvor Säusenger und Immenschneider genannt hatte, dann sie sind die Brummser in den Immenstöcken, die, wann sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr arbeiten noch Honig machen, sondern nur fressen können. Wann ein Reuter sein Pferd und ein Musketier seine Gesundheit verleurt oder ihm Weib und Kind erkrankt und er zurück bleiben will, so ists schon anderthalb Paar Merode-Brüder, ein Gesindlein, so sich mit nichts besser als mit den Zigeunern vergleichet, weil es denselben beides: an Sitten und Gewohnheiten ähnlich ist. Da siehet man sie haufenweis beieinander, wie Feldhühner im Winter, hinter den Hecken, im Schatten oder an der Sonne um irgend ein Feuer herumliegen, Tabak saufen und faulenzen, wann unterdessen anderwärts ein rechtschaffener Soldat beim Fähnlein Hitze, Durst, Hunger, Frost und allerhand Elend überstehet. Da gehet eine Merodeschar auf die Mauserei, wann indessen manch armer Soldat unter seinen Waffen versinken möchte. Sie spolieren vor, neben und hinter der Armee, alles was sie antreffen und nicht genießen können, verderben sie, also daß die Regimenter, wann sie in die Quartier oder Läger kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden. Wann sie allen Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft sie stärker finden, als die Armee selbst. Wann sie aber gesellenweis marschieren, quartieren, kampieren und hausieren, so haben sie keinen Wachtmeister, der sie kommandiert, keinen Feldweibel oder Schergianten, der ihren Wams ausklopfet, keinen Korporal, der sie wachen heißt, keinen Tampour, der sie des Zapfenstreichs, der Schar- und Tagwacht erinnert und ~in summa~ niemand, der sie anstatt des Adjutanten in Schlachtordnung stellet oder anstatt des Fouriers einlogiert, sondern leben vielmehr wie die Freiherren. Wann aber etwas an Kommiß der Soldateska zukommt, so sind sie die ersten, die ihr Teil holen, obgleich sie es nicht verdient. Hingegen sind die Rumormeister und Generalgewaltiger ihre allergrößte Pest, als welche ihnen zu Zeiten, wann sie es zu bunt machen, eisernes Silbergeschirr an Händ und Füß legen oder sie mit den Kragen zieren und sie an ihre allerbesten Hälse anhängen lassen.
Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht und kommen auch in keine Schlachtordnung und sie ernähren sich doch. Der heilloseste Reuterjung, der nichts tut als fouragieren, ist dem Feldherren nützer, als tausend Merode-Brüder, die ein Handwerk daraus machen und ohn Not auf der Bernhaut liegen. Sie werden vom Gegenteil hinweggefangen und von den Bauren auf die Finger geklopft. Dadurch wird die Armee gemindert und der Feind gestärkt. Man sollte sie zusammenkuppeln wie die Windhunde und sie in den Guarnisonen kriegen lernen oder gar auf Galeeren schmieden, wann sie nicht auch zu Fuß im Feld das Ihrige tun wollten, bis sie gleichwohl wieder ein Pferd kriegen.
Ein solcher ehrbarer Bruder war ich damals auch und verbliebs bis zu dem Tag vor der Wittenweyrer Schlacht, zu welcher Zeit das Hauptquartier in Schuttern lag. Als ich damals mit meinen Kameraden in das Geroldseckische ging, Kühe und Ochsen zu stehlen, ward ich von den Weimarischen gefangen, die uns viel besser zu traktieren wußten, dann sie luden uns Musketen auf und stießen uns hin und wieder unter die Regimenter.
Weil ich nunmehr Weimarisch war, mußte ich Breisach belägern helfen, da wachte ich dann wie andere Musketierer Tag und Nacht und lernte trefflich schanzen. Im übrigen aber war es lausig bei mir bestellt, weil der Beutel leer, Wein, Bier und Fleisch eine Rarität, Äpfel und hart, schimmelig Brot (jedoch kümmerlich genug) mein bestes Wildpret.
Solches war mir sauer zu ertragen, Ursache: wann ich zurück an die egyptischen Fleischtöpfe, das ist an westfälische Schinken und Knackwürste zu L. gedachte. Ich sehnete mich niemalen mehr nach meinem Weib, als wann ich im Zelte lag und vor Frost halb erstarrt war. Da sagte ich dann oft zu mir selber: Hui, ~Simplici~, meinest du auch wohl, es geschehe dir unrecht, wann dir einer wieder wett spielte, was du zu Paris begangen? -- Und mit solchen Gedanken quälte ich mich wie ein anderer eifersüchtiger Hanrei, da ich doch meinem Weib nichts als Ehre und Tugend zutrauen konnte.
Zuletzt ward ich so ungeduldig, daß ich mich meinem Kapitain eröffnete. Schrieb auch auf der Post nach L. und erhielt durch den Obristen ~de S. A.~ und meinem Schwehrvater, daß sie durch ihre Schreiben bei dem Fürsten von Weimar einen Paß von meinem Kapitain zuwege brachten.
Ungefähr eine Woche oder vier vor Weihnachten marschierte ich mit einem guten Feuerrohr vom Läger ab und das Brißgäu hinunter der Meinung, auf selbiger Weihnachtsmesse zu Straßburg von meinem Schwehr ein Geldstück zu empfangen und mit Kaufleuten den Rhein hinunter zu fahren.
Als ich aber bei Endingen vorbeipassiert und zu einem Haus kam, geschah ein Schuß nach mir, so daß mir die Kugel den Rand am Hut verletzte. Gleich darauf sprang ein starker, vierschrötiger Kerl aus dem Haus auf mich los und schrie, ich sollte das Gewehr ablegen. »Bei Gott, Landsmann, dir zu Gefallen nicht!« Und zog den Hahn über.
Er aber wischte mit einem Ding vom Leder, das mehr einem Henkersschwert als einem Degen glich.
Wie ich nun seinen Ernst spürte, schlug ich an und traf ihn dergestalt an die Stirn, daß er herumtaumelte und endlich zu Boden fiel. Das machte ich mir zu Nutz, rang ihm geschwind sein Schwert aus der Faust und wollts ihm in den Leib stoßen, da es aber nicht durchgehen wollte, sprang er unversehens auf, erwischte mich beim Haar und ich ihm auch, sein Schwert hatte ich schon weggeworfen.
Darauf fingen wir ein solch ernstlich Spiel miteinander an, so eines jeden verbitterte Stärk genugsam zu erkennen gab, und konnte doch keiner des andern Meister werden. Bald lag ich, bald er oben und im Hui kamen wir wieder auf die Füße, so aber nicht lang dauerte, weil ja einer des andern Tod suchte.
Das Blut, so mir häufig zu Hals und Mund herauslief, spie ich meinem Feind ins Gesicht, weil ers so hitzig begehrte. Das war mir gut, dann es hinderte ihn am sehen. Also zogen wir einander bei anderthalb Stund im Schnee herum, davon wurden wir so matt, daß allem Ansehen nach die Unkraft des einen der Müdigkeit des andern nicht Herr werden konnte. Meine Ringkunst kam mir damals wohl zustatten, dann mein Feind war viel stärker als ich und überdas eisenfest.
Endlich sagte er: »Bruder, höre auf, ich gebe mich dir zu eigen!«
Ich antwortete: »Hättest du mich passieren lassen.«
»Was hast du mehr, wanngleich ich sterbe?«
»Und du, wann du mich hättest niedergeschossen, sintemal ich keinen Heller bei mir habe.«
Darauf bat er um Verzeihung und ich ließ mich erweichen. Wir stunden auf und gaben einander die Hände, daß alles, was geschehen, vergessen sein sollte. Verwunderte sich einer über den andern, daß er seinen Meister gefunden, dann jener meinte, ich sei auch mit einer solchen Schelmenhaut überzogen wie er.
Ich ließ ihm dabei bleiben, damit er sich mit seinem Gewehr nicht noch einmal an mir reibe. Er hatte von meinem Schuß eine große Beule an der Stirn und ich hatte mich sehr verblutet.
Weil es gegen Abend war, ließ ich mich überreden und ging mit ihm, da er dann unterwegs oft mit Seufzen bezeugte, wie leid ihm sei, daß er mich beleidigt habe.
Das siebente Kapitel
Ein resoluter Soldat, der sich darein ergeben, sein Leben zu wagen, ist wohl ein dummes Vieh! Man hätte nicht einen von tausend Kerlen gefunden, der mit seinem Mörder an einen unbestimmten Ort zu Gast gegangen wäre. -- Ich fragte ihn auf dem Weg, wes Volks er sei. Er sagte, daß er für sich selbst kriege. So wollte er auch meinen Namen wissen. Ich sagte: »~Simplicius.~« Da kehrte er sich um, dann ich ließ ihn vor mir gehen, und sahe mir steif ins Gesicht.
»Heißt du auch ~Simplicissimus~?«
»Ja, es ist ein Schelm, der seinen Namen verleugnet. Wie heißest aber du?«
»Ach, Bruder, ich bin Olivier, den du vor Magdeburg hast gekannt.«
Warf damit sein Rohr von sich und fiel auf die Knie nieder, mich um Verzeihung zu bitten, sagend, daß er keinen besseren Freund in der Welt hätte als mich, weil ich seinen Tod nach des alten Herzbruder Profezeihung tapfer rächen sollte.
Da konnte ich mich wohl verwundern.
»Ich bin aus einem ~Secretario~ ein Waldfischer, du aber aus einem Narren ein tapferer Soldat geworden, und das ist wohl seltsam. Sei versichert, Bruder, unserer zehntausend hätten morgenden Tags Breisach entsetzt und zu Herren der ganzen Welt gemacht.«
Obzwar mir solche Prahlerei nicht gefiel, gab ich ihm doch recht, vornehmlich weil mir sein schelmisch Gemüt bekannt war.
Wir kamen in ein klein, abgelegen Taglöhnerhäuslein, in welchem ein Baur eben die Stube einhitzte. Zu dem sagte er: »Hast du etwas gekocht?« »Nein, ich hab den gebratenen Kalbsschlegel noch.« »Nun dann, so geh und lang her, was du hast und bring das Fäßlein Wein.«
»Bruder, du hast einen willigen Wirt,« meinte ich.
»Das dank dem Schelmen der Teufel! Ich ernähre ihn mit Weib und Kindern. Ich lasse ihm darzu alle Kleider, die ich erobere.«
Sodann berichtete Olivier, daß er diese Freibeuterei schon lang getrieben und sie ihm besser als Herrendienst zuschlage, er gedächte auch nicht früher aufzuhören, bis er seinen Beutel rechtschaffen gespickt hätte.
»Bruder, du lebest in einen gefährlichen Stand, wann du ergriffen wirst, wie meinest du wohl, daß man mit dir umginge?«
»Ha, ich höre, daß du noch der alte ~Simplicius~ bist! Ich weiß wohl, daß derjenige, so kegeln will, aufsetzen muß, aber die Herren von Nürnberg lassen keinen hängen, sie haben ihn dann.«
»Dannoch ist ein solch Leben, wie du es führest, das allerschändlichste der Welt, daß ich also nicht glaube, du begehrest darin zu sterben.«
»Was? Das schändlichste? Mein tapferer ~Simplici~, ich versichere dich, daß die Räuberei das alleradeligste ~Exercitium~ ist, das man dieser Zeit auf der Welt haben kann! Sage mir, wieviel Königreiche und Fürstentümer sind nicht mit Gewalt geraubt und zuwege gebracht worden? Oder wo wird einem König oder Fürsten auf dem ganzen Erdboden vor übel genommen, wann er seiner Länder Gefälle geneußt, die doch gemeiniglich durch seiner Vorfahren verübte Gewalt erworben worden? Was könnte doch adeliger genannt werden, als eben das Handwerk, dessen ich mich jetzt bediene? Willst du mir vorhalten, daß ihrer viel wegen Mordens, Raubens und Stehlens sein gerädert, gehängt und geköpft worden? Du wirst keine andern als arme und geringe Diebe haben hängen sehen, was auch billig ist, weil sie sich dieser vortrefflichen Übung haben unterfangen, die doch allein herzhaften Gemütern gebührt und vorbehalten ist. Wo hast du jemals eine vornehmere Standesperson durch die ~Justitia~ strafen sehen? Ja, was noch mehr ist, wird doch kein Wucherer gestraft, der diese Kunst heimlich treibet, und zwar unter dem Deckmantel der christlichen Liebe! Warum sollte ich strafbar sein, der ich solche offentlich auf gut alt-deutsch ohn einzige Bemäntelung und Gleißnerei übe? Mein lieber ~Simplici~, du hast den ~Machiavellum~ noch nicht gelesen! Ich bin eines recht aufrichtigen Gemüts. Ich fecht und wage mein Leben darüber, wie die alten Helden. Weil ich mein Leben in Gefahr setze, so folgt unwidersprechlich, daß mirs billig und erlaubt sei, diese Kunst zu üben.«
Ich antwortete: »Gesetzt, Rauben und Stehlen sei dir erlaubt oder nicht, es ist dannoch wider die Natur, die nicht will, daß einer einem andern tun solle, was er nicht will, daß es ihm geschehe. Gott lässet kein Sünde ungestraft.«
Da sagte Olivier: »Es ist so, du bist noch ~Simplicius~, der den ~Machiavellum~ nicht studiert hat. Könnte ich aber auf solche Art eine ~Monarchiam~ aufrichten, so wollte ich sehen, wer mir alsdann viel dawider predigte.«
Wir hätten noch mehr miteinander disputiert, weil aber der Baur mit dem Essen und Trinken kam, saßen wir zusammen und stilleten unsere Mägen, dessen ich dann trefflich hoch vonnöten hatte.
Unser Essen war weiß Brot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel, dabei hatten wir einen guten Trunk Wein und eine warme Stube.
»Gelt, ~Simplici~, hier ist es besser als vor Breisach in den Laufgräben!«
»Das wohl, wann man solch ein Leben mit gewisser Sicherheit und besserer Ehre zu genießen hätte.«
Darüber lachte er überlaut.
»Mein lieber ~Simplici~, ich sehe zwar, daß du deine Narrenkappe abgeleget, hingegen aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast, der nit begreifen kann, was gut und bös ist.«
Ich gedachte, du mußt andere Worte hervorsuchen als bisher.
»Wo ist sein Tag je erhört,« sagte ich, »daß der Lehrjung das Handwerk besser versteht als der Lehrmeister. Bruder, hast du ein so edel, glückselig Leben, wie du vorgibst, so mache mich seiner teilhaftig, sintemal ich eines guten Glückes hoch vonnöten.«
»Sei versichert, Bruder,« antwortete Olivier, »daß ich dich so sehr liebe als mich selbsten, und daß mir die Beleidigung, die ich dir heut zugefügt, viel weher tut, als die Kugel, damit du mich an meine Stirn getroffen. Warum sollte ich dir dann etwas versagen können? Wann dirs beliebet, so bleib bei mir, ich will vor dich sorgen als wie vor mich. Damit du aber glaubest, so will ich dir die Ursache meiner Liebe sagen. -- Der alte Herzbruder hat mir vor Magdeburg diese Worte geweissaget: ‚Olivier, siehe unsern Narren an wie du wilt, so wird er dannoch durch seine Tapferkeit dich erschröcken und dir den größten Possen erweisen, der dir dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihm darzu verursachet. Doch wird er dir dein Leben schenken, so in seinen Händen gestanden, und wird an den Ort kommen, da du erschlagen wirst, daselbst wird er glückselig deinen Tod rächen.’ -- Dieser Weissagung halber, lieber ~Simplici~, bin ich bereit, dir mein Herz im Leib zu teilen, dann etlichs von den Worten des alten Herzbruder ist mit heutigem Tag erfüllet. Also zweifle ich nicht, daß das übrige von meinem Tod auch im wenigsten fehlschlagen werde. Aus solcher Rache nun, mein lieber Bruder, muß ich schließen, daß du mein getreuer Freund seiest. Da hast du nun die ~Concepta~ meines Herzens.«
Ich gedachte: traue dir der Teufel, ich nicht. Nehme ich Geld von dir auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen, bleibe ich bei dir, so muß ich sorgen, mit dir gevierteilt zu werden. Satzte mir demnach vor, ich wollte ihm eine Nase drehen und bei ihm bleiben, bis ich mit Gelegenheit von ihm kommen könnte. Ich sagte ihm derhalben, so er mich leiden möchte, so wollte ich mich ein Tag oder acht bei ihm aufhalten, ob ich auf solche Art zu leben gewöhnen könnte. So sollte er beides: einen guten Soldaten und einen getreuen Freund an mir haben.
Hierauf satzte er mir mit dem Trunk zu, ich getraute aber auch nicht und stellete mich voll eh ichs war.
Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf, ~Simplici~, wir wollen in Gottes Namen hinaus und sehen, was etwan zu bekommen sein möchte.«
Ach Gott, dachte ich, soll ich dann nun in deinem hochheiligen Namen auf die Rauberei gehen und bin hiebevor nit so kühn gewesen, ohn Erstaunen zuzuhören, wann einer sagte: Komm Bruder, wir wollen in Gottes Namen ein Maß Wein miteinander saufen. O himmlischer Vater, wie habe ich mich verändert, ach, hemme meinen Lauf!
Mit dergleichen Gedanken folgete ich Olivier in ein Dorf, darin keine lebendige Kreatur war. Da stiegen wir des fernen Aussehens halber auf den Kirchturm. Dort hatte er zwei Laib Brot, etliche Stücke gesotten Dörrfleisch und ein Fäßlein voll Wein im Vorrat. Er sagte mir, daß er noch etliche solcher Örter hätte, die mit Speis und Trank versehen wären, damit, wann Bläsi an dem einen Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am andern finden könnte. Ich mußte zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber zu verstehen, daß es doch nicht schön stünde, einen so heiligen Ort zu beflecken.
»Was beflecken? Die Kirchen, so sie reden könnten, würden gestehen, daß sie meine Laster entgegen denen, so hiebevor in ihnen begangen worden, noch vor ganz gering aufnehmen müßten. Wie mancher und wie manche seit Erbauung dieser Kirchen sein hereingetreten unter dem Schein, Gott zu dienen, da sie doch nur hergekommen, ihre neuen Kleider, ihre schöne Gestalt, ihre Würden und sonst so etwas sehen zu lassen. Da kommt einer zur Kirche wie ein Pfau und stellet sich vor den Altar, als ob er den Heiligen die Füße abbeten wollte, dort steht einer in der Ecke, zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber nur zu seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um derentwillen er sich auch eingestellet. Ein anderer kommt vor oder, wanns wohlgerät, in die Kirche mit einem Gebund Briefe, wie einer, der eine Brandsteuer sammlet, seine Zinsleute zu mahmen. Hätte er aber nicht gewußt, daß seine Schuldner zur Kirche kommen müßten, so wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen geblieben. Meinest du nicht, es werden auch von denenjenigen in die Kirche begraben, die Schwert, Galgen, Feuer und Rad verdienet hätten? Mancher könnte seine Buhlerei nicht zu Ende bringen, da ihm die Kirche nicht beförderlich wäre. Ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wird es an die Kirchtür geschlagen. Wann mancher Wucherer die ganze Woche keine Zeit nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem Gottesdienst in der Kirche und dichtet, wie der Judenspieß zu führen sei. Da sitzen sie wohl hier und dort unter der Messe und Predigt, miteinander zu diskurieren und dann werden oft Sachen beratschlagt, deren man an Privatörtern nicht gedenken dörfte. Teils sitzen dort und schlafen, als ob sie es verdingt hätten. Etliche richten die Leut aus: Ach wie hat der Pfarrer diesen und jenen so artlich in seiner Predigt getroffen! Andere geben fleißig Achtung auf ihren Seelsorger, damit sie ihn, wann er nur im geringsten anstößt, durchziehen und tadeln möchten. Nicht allein in ihrem Leben beschmutzen die Menschen mit Lastern die Kirchen, sondern auch nach ihrem Tod mit Eitelkeit und Torheit. Du wirst an den Grabsteinen sehen, wie diejenigen noch prangen, die doch die Würmer schon längst gefressen. Siehest du dann in die Höhe der Kirche, so kommen dir mehr Schilde, Helme, Waffen, Degen, Fahnen, Stiefel, Sporen und dergleichen Ding ins Gesicht als in mancher Rüstkammer, dahero kein Wunder, daß sich die Bauren diesen Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen, wie aus Festungen um das Ihre gewehrt. -- Ist es billig, daß mancher Reiche um ein Stück Geld in die Kirche begraben wird, hingegen der Arme außerhalb in einem Winkel verscharrt werden muß? Warum endlich sollte mir verboten sein, meine Nahrung vermittels eines Kirchtums zu suchen, da sich doch sonst so viel Menschen von der Kirche ernähren?«
Ich hätte Olivier gerne geantwortet, doch getrauete ich mich nicht nach meinem Herzen zu reden.
Er fragte mich, wie mirs ergangen, sint wir vor Magdeburg voneinder gekommen, weil ich aber wegen der Halsschmerzen gar zu unlustig, entschuldigte ich mich mit Bitte, er wollte mir doch zuvor seines Lebens Lauf erzählen.
Das achte Kapitel
»Mein Vater«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aach von geringen Leuten geboren worden. Er mußte bei einem reichen Kaufmann, der mit Kupfer schacherte, dienen und hielt sich so fein, daß der ihm Schreiben, Lesen und Rechnen lernen ließ und endlich über seinen ganzen Handel satzte. Dies schlug beiden Teilen wohl zu. Der Kaufmann ward je länger je reicher, mein Vater aber je länger je stolzer, daß er sich auch seiner Eltern schämete und sie verachtete. Der Kaufmann starb und verließ seine alte Witwe samt deren einziger Tochter, die kürzlich in eine Pfanne getreten und sich von einem Gademhengst ein Junges hatte zweigen lassen, das aber seinem Großvater bald nachfolgte. Da nun mein Vater sahe, daß die Tochter zwar vater- und kinderlos aber nicht geldlos worden, achtete er nicht, daß sie keinen Kranz mehr tragen dorfte, sondern erwug ihren Reichtum und machte sich bei ihr zutäppisch, so ihre Mutter gern zuließ, dann mein Vater hatte um den ganzen Kindeshandel Wissenschaft und konnte sonst mit dem Judenspieß trefflich fechten. Also ward mein Vater unversehens ein reicher Kaufmann, ich aber, sein Erbe, ward in Kleidung gehalten wie ein Edelmann, in Essen wie ein Freiherr und in der übrigen Wartung wie ein Graf.
Kein Schelmstück war mir zu viel, dann was zur Nessel werden soll, brennt bei Zeiten. Ich terminierte mit bößen Buben durch dick und dünn auf der Gasse. Kriegte ich Stöße, so sagten meine Eltern: soll so ein großer Flegel sich mit einem Kinde schlagen! Überwand ich, maßen ich kratzte, biß und warf, so sagten sie: unser Oliviergen wird ein braver Kerl. Ich ward immer ärger, bis man mich zur Schule schickte. Was die bösen Buben ersannen und nicht praktizieren dorften, das satzte ich ins Werk. Meinen Schulmeister tät ich großen Dampf an, dann er dorfte mich nicht hart halten, weil er ziemliche Verehrung von meinen Eltern bekam.
Ich stäubte Nießwurz an den Ort, da man die Knaben zu kastigieren pflegte; wann sich dann etwa ein halsstarriger wehrte, so stob mein Pulver herum und machte mir eine angenehme Kurzweile, dann alles nießen mußte. Ich stahl oft dem einen etwas und steckte es dem andern in den Sack, dem ich gern Stöße angerichtet. Mit solchen Griffen konnte ich so behutsam umgehen, daß ich fast niemals darüber erdappt ward.
Weilen sich meines Vaters Reichtum täglich mehrete, als bekam er auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten Kopf trefflich lobten und meine Untugenden zu entschuldigen wußten. Derowegen hatten meine Eltern eine Freude an ihrem Sohn, als die Grasmücke, die einen Guckuck aufzeucht. Sie dingten mir einen eigenen ~Praeceptor~ und schickten mich nach Lüttich, mehr daß ich dort Welsch lernen, als studieren sollte, weil sie keinen Theologum, sondern einen Handelsmann aus mir erziehen wollten. Dieser hatte Befehl, mich beileib nicht streng zu halten, daß ich kein forchtsam knechtisch Gemüt überkäme und nicht leutscheu, sondern ein Weltmann würde.
Ermeldter ~Praeceptor~ war dieser Weisung unbedürftig und von sich selbsten auf alle Büberei geneigt, aufs Buhlen und Saufen aber am meisten, ich aber von Natur aus aufs Balgen und Schlagen. Daher ging ich schon bei Nacht mit ihm und seines gleichen ~gassatim~ und lernte ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein. Beim Studieren verließ ich mich auf mein gut Gedächtnis und scharfen Verstand. Mein Gewissen war bereits so weit, daß ein großer Heuwagen hindurch hätte fahren mögen. Ich fragte nichts darnach, wann ich in der Kirche unter der Predigt schlüpfrige Bücher lase, und hörte nichts Liebers vom ganzen Gottesdienst, als wann man sagte: ~Ite, missa est.~ Darneben dünkte ich mich keine Sau zu sein, sondern hielt mich recht stutzerisch, alle Tage wars mir Martins-Abend oder Faßnacht. Da mir mein Vater zur Notdurft reichlich schickte und auch meiner Mutter fette Milchpfennige tapfer durchgehen ließe, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich. Bei diesen Schleppsäcken lernte ich Löffeln, Buhlen und Spielen; Hadern, Balgen und Schlagen konnte ich zuvor.