Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 16
Wie ich hörete, daß auch Kinder damit behaftet, war ich alsbald herzhafter, dann ich konnte ja leicht gedenken, daß selbige jene garstige Seuch nit kriegen würden, nahm derowegen mein Felleisen zur Hand und suchte, was es etwan noch vermöchte. Da war ohn das weiße Zeug nicht Schätzbares drin, als eine Kapsel mit einer Damen Conterfait, rund herum mit Rubinen besetzt, so mir eine zu Paris verehret hatte. Ich nahm das Conterfait heraus und stellete das übrige dem Pfarrer zu mit Bitte, solches in der nächsten Stadt zu versilbern. Auch mein Klepper mußte dran glauben. Damit reichte ich kärglich aus, bis die Blattern anfingen zu dörren und mir besser ward.
Das vierte Kapitel
Womit einer sündiget, damit pflegt er auch gestraft zu werden. Die Kindsblattern richteten mich dergestalt zu, daß ich hinfüro vor den Weibsbildern gute Ruhe hatte. Ich kriegte Gruben im Gesicht, daß ich aussahe wie eine Scheurtenne, darauf man Erbsen gedroschen. Ja, ich ward so häßlich, daß sich mein schönes, krauses Haar, in welchem sich so manch Weibsbild verstrickt, meiner schämte und seine Heimat verließ, daß ich also notwendig eine Perücke tragen mußte. Meine liebliche Stimme ging als auch dahin, dann ich den Hals voller Blattern gehabt. Meine Augen, die man hiebevor niemalen ohne Liebesfeuer finden konnte, eine jede zu entzünden, sahen jetzt rot und triefend aus wie die eines achtzigjährigen Weibes. Über das alles war ich in fremden Landen, kannte weder Hund noch Menschen, verstund die Sprache kaum und hatte allbereits kein Geld.
Da fing ich erst an hinter sich zu denken und die herrliche Gelegenheit zu bejammern, die mir hiebevor zur Beförderung meiner Wohlfahrt angestanden, ich aber so liederlich hatte verstreichen lassen. Ich merkte, daß mein außergewöhnlich Kriegsglück und mein gefundener Schatz nur Ursache und Vorbereitung zu meinem Unglück gewesen. Da war kein Einsiedel mehr, der es treulich mit mir meinete, kein Pfarrer, der mir das Beste riete. Da mein Geld hin war, hieß es, ich sollte auch fort und meine Gelegenheit anderswo suchen. O schnelle, unglückselige Veränderung! Vor vier Wochen war ich ein Kerl, der die Fürsten zur Verwunderung bewegte, das Frauenzimmer entzuckte, dem Volk als ein Meisterstück der Natur, ja, ein Engel vorkam, jetzt aber so unwert, daß mich die Hunde anpißten.
Der Wirt stieß mich aus dem Haus, da ich nicht bezahlen konnte, kein Werber wollte mich vor einen Soldaten annehmen, weil ich wie ein grintiger Kuckuck aussahe, arbeiten konnte ich nit, dann ich war noch zu matt und keiner Arbeit gewohnt. Mich tröstete allein, daß es gegen den Sommer ging und ich mich zur Not hinter einer Hecken behelfen konnte, weil mich niemand mehr im Hause litt. Mein stattlich Kleid und Leinenzeug wollte mir niemand abkaufen, weil jeder sorgte, ich möchte ihm auch eine Krankheit damit an den Hals hängen.
Ich nahms also auf den Buckel, den Degen in die Hand und den Weg unter die Füße, der mich in ein klein Städtlein trug, so gleich wohl über eine eigene Apotheke vermochte. In dieselbe ging ich und ließ mir eine Salbe zurichten, die mir die Blatternnarben im Gesicht vertreiben sollte. Ich gab ein schön, zart Hemd davor.
Es war ein Markt daselbst, und auf demselben befand sich ein Zahnbrecher, der trefflich Geld lösete, da er doch liederlich Ding den Leuten dafür anhing.
»Narr,« sagte ich zu mir selber, »was machst du, daß du nicht auch so einen Kram aufrichtest! Bist du so lang bei ~Mons. Canard~ gewesen und hast nicht so viel gelernt, einen einfältigen Baur zu betrügen und dein Maulfutter davon zu gewinnen? Da mußt du wohl ein elender Tropf sein.«
Ich mochte damals fressen wie ein Drescher, dann mein Magen war nicht zu ersättigen. Ich hatte aber nur noch einen einzigen göldenen Ring mit einem Diamant, der etwa zwenzig Kronen wert war. Den versilberte ich um zwölfe und resolvierte mich, ein Arzt zu werden. Kaufte die Materialia zu einem Theriak und richtete ihn zu für kleine Städt und Flecken. Vor die Bauren aber nahm ich ein Teil Wacholderlatwerge, vermischte solches mit Eichenlaub, Weidenblättern und dergleichen herben Ingredienzien, alsdann machte ich auch aus Kräutern, Wurzeln, Blättern und etlichen Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden, damit man wohl ein gedruckt Pferd hätte heilen können, ~item~ aus Galmei, Kieselsteinen, Krebsaugen, Schmirgel und Trippel ein Pulver, weiße Zähne damit zu machen, ferner ein blau Wasser aus Lauge, Kupfer, Ammoniak und Kampfer vor Mundfäule, Zähn- und Augenweh. Ich bekam auch einen Haufen blecherner und hölzerner Büchslein, Papier und Gläslein, meine Ware darein zu schmieren. Damit es auch ein Ansehen haben möchte, ließ ich mir einen französischen Zettel koncipieren und drucken, darin man sehen konnte, wozu ein und das ander gut war. Ich hatte kaum drei Kronen in die Apotheke und vor Geschirr angewendet und war in drei Tagen fertig. Also packte ich auf und nahm mir vor, von einem Dorf zum andern bis in das Elsaß hinein zu streichen und endlich zu meinem Weib zu finden.
Da ich das erste Mal mit meiner Quacksalberei vor eine Kirche kam und feil hatte, war die Losung gar schlecht, weil ich noch viel zu blöd war. Sahe demnach gleich, daß ichs anders angreifen müßte. Im Wirtshaus vernahm ich über Tisch vom Wirt, daß den Nachmittag allerhand Leute unter der Linden vor seinem Haus zusammenkommen würden, da dörfte ich wohl so etwas verkaufen, wann man nur an einer Probe vor Augen sähe, daß mein Theriak ausbündig gut wäre. Als ich dergestalt vernommen, woran es mangele, bekam ich ein halbes Trinkgläslein voll gutem Straßburger Branntewein und fing eine Art Kroten, so in den unsauberen Pfützen sitzen und singen, sind fast rotgelb unten am Bauch schwarz gescheckigt, gar unlustig anzusehen. Ein solche satzte ich in ein Schoppenglas mit Wasser und stellets neben meine Ware auf den Tisch unter der Linde. Wie sich nun die Leute versammleten und um mich herumstunden, vermeineten etliche, ich würde mit der Zange, so ich von dem Wirte aus der Kuchen entlehnet, die Zähn ausbrechen, ich aber fing an:
»Ihr Herren und gueti Freund, bin ich kein Brech-dir-die-Zahn-aus, allein hab ich gut Wasser vor die Aug, es mag all die Flüß aus die rote Aug ...«
»Ja,« antwortete einer, »man siehets an Euren Augen wohl, die sehen ja aus wie zween Irrwische!«
»Das ist wahr, wann ich aber der Wasser vor mich nicht hab, so wär ich wohl gar blind werd. Ich verkauf sonst das Wasser nit. Der Theriak und das Pulver vor die weiße Zähn und das Wundsalb will ich verkauf und der Wasser noch darzu schenk! Ich bin kein Schreier und Bescheiß-dir-die-Leut. Hab ich mein Theriak feil, wann ich sie hab probiert, und sie dir nit gefallt, so darfst du sie nit kauf ab.«
Indem ließ ich einen von meinem Umstand aus den Theriakbüchslein wählen, daraus tät ich etwan eine Erbse groß in meinen Branntewein, den die Leute vor Wasser ansahen, zerrieb den Theriak darin und kriegte mit der Zange die Krot zu fassen.
»Secht ihr, gueti Freund, wann dies giftig Wurm kann mein Theriak trink und sterbe nit, do ist der Ding nit nutz, dann kauf ihr nur nit ab.«
Hiemit steckte ich die arme Krote, welche im Wasser geboren und erzogen, in meinen Branntewein und hielt ihn mit einem Papier zu, daß die Krot nicht herausspringen konnte. Da fing sie dergestalt an darin zu wüten und zu zablen, ja viel ärger zu tun, als ob ichs auf glühend Kohlen geworfen hätte, und streckte endlich alle vier von sich.
Die Bauren sperrten Maul und Beutel auf, da war in ihrem Sinn kein besserer Theriak als der meinige, und ich hatte genug zu tun, den Plunder in die Zettel zu wickeln und Geld davor einzunehmen. Es kauften etliche drei-, vier-, fünf- und sechsfach, damit sie auf den Notfall mit so köstlicher Giftlatwerge versehen wären, ja, sie kauften auch vor ihre Freunde und Verwandten.
Ich machte mich noch dieselbe Nacht in ein anderes Dorf, weil ich besorgte, es möchte etwan auch ein Baur so kurios sein und eine Kroten in ein Wasser setzen, meinen Theriak zu probieren, und mir der Buckel geraumet werden.
Damit ich aber gleichwohl die Vortrefflichkeit meiner Giftlatwerge auf eine andere Manier erweisen könnte, machte ich mir aus Mehl, Safran und Gallus einen gelben ~Arsenicum~ und aus Mehl und Vitriol einen ~Mercurium Sublimatum~. Wann ich die Probe tun wollte, hatte ich zwei gleiche Gläser mit frischem Wasser auf dem Tisch, davon das eine ziemlich stark mit ~Aqua Fort~ oder ~Spiritus Victril~ vermischt war. In dasselbe zerrührte ich ein wenig von meinem Theriak und schabte alsdann von meinen beiden Giften so viel, als genug war, hinein. Davon ward das eine Wasser, so keinen Theriak und also auch kein ~Aqua Fort~ hatte, so schwarz als Tinte, das andre blieb wegen des Scheidewassers wie es war.
»Ha,« sagten dann die Leute, »das ist fürwahr ein köstlicher Theriak um so ein gering Geld!«
Wann ich aber beide untereinander goß, so ward wieder alles klar. Davon zogen die guten Bauren ihre Beutel und ich kam glücklich an die deutsche Grenze.
Das fünfte Kapitel
Da ich durch Lothringen passierte ging mir meine Ware aus und also auch meine Gläslein. Demnach ich aber von einer Glashütte im fleckensteinischen Gebiet hörete, begab ich mich darauf zu, mich wieder zu montieren. Und indem ich Abwege suchte, weilen ich die Guarnisonen scheuete, ward ich ungefähr von einer Partei aus Philippsburg, die sich auf dem Schloß Wagelnburg aufhielt, gefangen. Der Baur, so mir den Weg zu weisen mitgegangen war, hatte den Kerln gesagt, ich sei ein Doctor, ward also wider des Teufels Dank vor einen Doctor nach Philippsburg geführet.
Ich scheuete mich gar nicht zu sagen, wer ich wäre, aber ich sollte ein Doctor sein. Ich schwor, daß ich unter die kaiserlichen Dragoner nach Soest gehörig, aber es hieß, der Kaiser brauche sowohl in Philippsburg als in Soest Soldaten, man würde mir bei ihnen Aufenthalt geben, wann mir dieser Vorschlag nicht schmecke, so möchte ich mit dem Stockhaus vorlieb nehmen.
Also kam ich vom Pferd auf den Esel und mußte wider Willen Musketierer sein. Das kam mir blutsauer an, weil der Schmalhans dort herrschte und das Kommißbrot schröcklich klein war. Und die Wahrheit zu bekennen, so ist es wohl eine elende Kreatur um einen Musketierer in einer Guarnison. Dann da ist keiner anders als ein Gefangener, der mit Wasser und Brot der Trübsal sein armseliges Leben verzögert. Ja, ein Gefangener hat es noch besser, dann er darf weder wachen, Runden gehen, noch Schildwacht stehen, sondern bleibt in seiner Ruhe liegen.
Etliche nahmen, und sollten es auch verloffene Huren gewesen sein, in solchem Elend keiner andern Ursache halber Weiber, als daß sie von solchen entweder durch Arbeiten als nähen, wäschen, spinnen oder krämpeln und schachern und gar stehlen ernähret würden. Da war eine Fähnrichin unter den Weibern, die hatte eine Gage wie ein Gefreiter. Eine andre war Hebamme und brachte dadurch sich selbsten und ihrem Mann manchen Schmauß zuwege. Eine andre konnte stärken und wäschen, andre verkauften Tobak und versahen die Kerle mit Pfeifen, andere handelten mit Branntewein und eine war eine Näherin. Es gab ihrer, die sich blöslich vom Felde ernähreten: im Winter gruben sie Schnecken, im Frühling ernteten sie Salat, im Sommer nahmen sie Vogelnester aus, im Herbste wußten sie sonst tausenderlei Schnabelweide zu kriegen. Solcher Gestalt nun meine Nahrung zu haben, war nicht vor mich, dann ich hatte schon ein Weib. Zur Arbeit auf der Schanze war ich zu faul, ein Handwerk hatte ich Tropf nie gelernet und einen Musikanten hatte man in dem Hungerland nicht vonnöten. Auf Partei zu gehen ward mir nicht vertraut. Etliche konnten besser mausen als Katzen, ich aber haßte solche Hantierung wie die Pest. ~In summa~ wo ich mich nur hinkehrete, da konnte ich nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen. »Du sollst ein Doctor sein,« sagten sie mir, »und kannst anders keine Kunst als Hunger leiden.«
Zuletzt war anderer Unglück mein Glück, dann nachdem ich etliche Gelbsüchtige und ein paar Fiebernde kurierte, die einen besonderen Glauben an mich gehabt haben müssen, ward mir erlaubt, vor die Festung zu gehen, meinem Vorwande nach Wurzeln und Kräuter zu meinen Arzneien zu sammeln. Da richtete ich hingegen den Hasen mit Stricken und fing die erste Nacht zween. Dieselben brachte ich dem Obristen und erhielt dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnus, daß ich hinausdörfte, wann ich die Wacht nicht hätte. Als kam das Wasser wieder auf meine Mühle, maßen es das Ansehen hatte, als ob ich Hasen in meine Stricke bannen könnte, so viel fing ich in dem erödeten Land.
Ich ward unter meiner Muskete ein recht wilder Mensch. Keine Boßheit war mir zuviel, alle Gnaden und Wohltaten, die ich von Gott jemals empfangen, waren allerdings vergessen. Ich lebte auf den alten Kaiser hinein wie ein Viehe. Selten kam ich in die Kirche und gar nicht zur Beichte. Wo ich nur jemand berücken konnte, unterließ ichs nicht, so daß schier keiner ungeschimpft von mir kam. Davon kriegte ich oft dichte Stöße und noch öfter den Esel zu reuten, ja man bedrohete mich mit Galgen und Wippe, aber es half alles nichts. Ich trieb meine gottlose Weise fort, daß es das Ansehen hatte, als ob ich desperat spiele und mit Fleiß der Höllen zurenne. Und obgleich ich keine Übeltat beging, dadurch ich das Leben verwürkt hätte so war ich jedoch so ruchlos, daß man hat kaum einen wüsteren Menschen antreffen mögen.
Dies nahm unser Regimentskaplan in Acht, und weil er ein rechter frommer Seeleneiferer war, schickte er auf die österliche Zeit nach mir, zu vernehmen, warum ich mich nicht bei der Beichte und Communion eingestellet hätte. Ich traktierte ihn wie hiebevor den Pfarrer zu L., also daß der gute Herr nichts mit mir ausrichten konnte. Er verdonnerte mich zum Beschluß:
»Ach, du elender Mensch, ich habe vermeinet du irrest aus Unwissenheit, aber nun merke ich, daß du aus lauter Boßheit und gleichsam vorsätzlicher Weis zu sündigen fortfährest! Welcher Heiliger vermeinst du wohl, der ein Mitleiden mit deiner armen Seel und ihrer Verdammnus haben werde? Ich protestiere vor Gott und Welt, daß ich an deiner Verdammnus keine Schuld habe, weil ich getan habe und noch ferner unverdrossen tun wollte, was zur Beförderung deiner Seligkeit vonnöten wäre. Es wird aber besorglich künftig mehrers zu tun nicht obliegen, dann daß ich deinen Leib, wann ihn deine arme Seel in solchem verdammten Stand verläßt, an keinen geweihten Ort zu andern frommen abgestorbenen Christen begraben, sondern auf den Schindwasen zu den Kadavern des verreckten Viehes hinschleppen lasse, oder an denjenigen Ort, da man andere Gottvergessene und Verzweifelte hintut.«
Diese ernstliche Bedrohung fruchtete nichts. Ich schämete mich vorm Beichten.
O ich großer Narr! Oft erzählte ich meine Bubenstücke bei ganzen Gesellschaften und log noch darzu, aber jetzt, da ich einem einzigen Menschen anstatt Gottes meine Sünden demütig bekennen sollte, Vergebung zu empfangen, war ich ein verstockter Stummer.
Ich antwortete: »Ich dien vor einen Soldaten. Wann ich nun sterbe als ein Soldat, so wirds kein Wunder sein, wann ich als irgendein Gefallener auf freiem Feld, mich auch außerhalb des Kirchhofs behelfen werde.«
Also schied ich von dem seeleneifrigen Geistlichen, den ich wohl einsmals einen Hasen abgeschlagen hatte mit Vorwand, weil der Has an einem Strick gehangen und sich selbst ums Leben gebracht, daß sich dannenhero nicht gebühre, den Verzweifelten in ein geweiht Erdreich zu begraben.
Ich mußte wider meines Herzens Willen bleiben und Hunger leiden bis in den Sommer hinein. Da ward ich unverhofft von der Muskete befreit. Je mehr sich der Graf von Götz mit seiner Armee näherte, je mehrers näherte ich auch meine Erlösung.
Dann als selbiger zu Brucksal das Haupt-Quartier hatte, ward mein Herzbruder, dem ich im Läger zu Magdeburg getreulich geholfen, von der Generalität mit etlichen Verrichtungen in die Festung geschickt, allwo man ihm die größte Ehre antät. Ich stund eben vor des Obristen Quartier Schildwacht und erkannte ihn gleich im ersten Augenblick, obwohl er einen schwarzen sammtenen Rock antrug. Ich hatte aber nicht das Herz, ihn sogleich anzusprechen, dann ich mußte sorgen, er würde dem Weltlauf nach sich meiner schämen oder mich sonst nicht kennen wollen; ich war ein lausiger Musketierer.
Nachdem ich aber abgelöst ward, erkundigte ich mich bei dessen Dienern nach seinem Stand und Namen, damit ich versichert sei, hatte gleichwohl das Herz nicht, ihn anzureden, sondern schrieb ein Brieflein:
‚~Monsieur etc.~ Wann meinem hochgeborenen Herrn beliebte, denjenigen, den er hiebevor durch seine Tapferkeit aus Eisen und Banden errettet, auch anjetzo durch sein vortrefflich Ansehen aus dem allerarmseligsten Stand von der Welt zu erlösen, wohin er als ein Ball des unbeständigen Glückes geraten -- so würde Ihm solches nicht allein nicht schwer fallen, sondern Er würde auch vor einen ewigen Diener obligieren seinen ohn das getreu verbundenen, anjetzo aber allerelendesten und verlassenen
~S. Simplicissimum.~’
Sobald er solches gelesen ließ er mich hineinkommen.
»Landsmann, wo ist der Kerl, der Euch das Schreiben gegeben hat?«
»Herr, er lieget in dieser Festung gefangen.«
»So gehet zu ihm und saget, ich wolle ihm davon helfen, und sollte er schon den Strick an den Hals kriegen.«
»Herr, es wird solcher Mühe nicht bedörfen, ich bin der ~Simplicius~ selber ...«
Er ließ mich nicht ausreden, sondern umfing mich brüderlich. Und eh er mich fragte, wie ich in die Festung und solche Dienstbarkeit geraten, schickte er seinen Diener zum Juden, Pferd und Kleider vor mich zu kaufen. Indessen erzählete ich ihm, wie mirs ergangen, sint sein Vater vor Magdeburg gestorben. Und als er vernahm, daß ich der Jäger von Soest gewesen, beklagte er, daß er solches nicht eher gewußt hätte, dann er mir damals gar wohl zu einer Kompagnie hätte verhelfen können.
Als nun der Jud mit einer ganzen Taglöhnerlast von Kleidern daherkam, las er mir das Beste heraus und ließ michs anziehen und nahm mich mit sich zum Obristen.
»Herr, ich habe in Seiner Guarnison gegenwärtigen Kerl angetroffen, dem ich so hoch verobligiert bin, daß ich ihn in so niedrigem Stand, wannschon seine Qualitäten keinen besseren meritieren, nicht lassen kann. Bitte dahero den Herrn Obristen, Er wolle mir den Gefallen erweisen und zulassen, daß ich ihn mit mir nehme, um ihm bei der Armee fort zu helfen.«
Der Obrist verkreuzigte sich vor Verwunderung, daß er mich einmal loben hörte, und sagte: »Mein hochgeehrter Herr vergebe mir, wann ich glaube, ihm beliebe nur zu probieren, ob ich ihm auch so dienstwillig sei, als Er dessen wohl wert ist. Was diesen Kerl anlanget, ist solcher eigentlich nicht mir, sondern seinem Vorgeben nach unter ein Regiment Dragoner gehörig, darneben ein so schlimmer Gast, der meinem Profosen, sint er hier ist, mehr Arbeit geben als sonst eine ganze Kompanei.«
Endete damit die Rede und wünschte mir Glück ins Feld.
Dies war meinem Herzbruder noch nicht genug, sondern er bat den Obristen, mich an seine Tafel zu nehmen. Er täts aber zu dem End, daß er den Obristen in meiner Gegenwart erzählte, was er in Westfalen nur gesprächsweis von dem Grafen von der Wahl und dem Kommandanten von Soest über mich gehöret hatte. Das strich er nun dergestalt heraus, daß alle Zuhörer mich vor einen guten Soldaten halten mußten. Dabei hielt ich mich so bescheiden, daß der Obrist und seine Leute nicht anders glauben konnten, als ich wäre mit andern Kleidern auch ein ganz anderer Mensch geworden.
Darauf erzählte er Obrist viel Bubenstücklein, die ich begangen: Wie ich Erbsen gesotten und obenauf mit Schmalz übergossen, sie vor eitel Schmalz zu verkaufen, ~item~ ganze Säck voll Sand vor Salz, indem ich die Säcke unten mit Sand und oben mit Salz gefüllet, wie ich dem einen hier, dem andern dort einen Bären aufgebunden und die Leute mit Pasquillen vexieret.
Ich gestund auch unverholen, daß ich willens gewesen, den Obristen mir allerhand Boßheiten dergestalt zu perturbieren und abzumatten, daß er mich endlich aus der Guarnison hätte schaffen müssen.
Nach beendetem Imbiß hatte der Jud kein Pferd, so meinem Herzbruder vor mich gefallen hätte. Endlich verehrete ihm der Obrist eins mit Sattel und Zeug aus seinem Stall, auf welches sich Herr ~Simplicius~ satzte und mit seinem Herzbruder zur Festung hinausritte.
Das sechste Kapitel
Also ward ich in Eil wieder ein Kerl, der einem braven Soldaten gleich sahe. Mein Herzbruder verschaffte mir noch ein Pferd samt einem Knecht und tat mich als Freireuter zum Neun-Eckischen Regiment. Ich tät aber denselben Sommer wenig Taten, als daß ich am Schwarzwald hin und wider etliche Kühe stehlen half und mir das Brißgäu und Elsaß ziemlich bekannt machte. Im übrigen hatte ich abermal wenig Stern. Mein Knecht samt dem Pferd ward von den Weimarischen gefangen, also mußte ich das ander desto härter strapazieren und endlich gar niederreuten.
So kam ich in den Orden der Merode-Brüder, dann mein Herzbruder gedachte mich zappeln zu lassen, bis ich mich besser vorzusehen lernete. So begehrte ich solches auch nicht, dann ich fand an meinen Consorten eine so angenehme Gesellschaft, daß ich mir bis in das Winterquartier keinen besseren Handel wünschte.
Ich muß nun ein wenig erzählen, was die Merode-Brüder vor Leute sind, dann ich habe bisher noch keinen Scribenten getroffen, der etwas von ihren Gebräuchen, Gewohnheiten, Rechten und Privilegien in seine Schriften einverleibt hätte, unangesehen es wohl wert ist, daß nicht allein die jetzigen Feldherren, sondern auch der Bauersmann wisse, was es vor eine Zunft sei.