Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 14

Chapter 143,827 wordsPublic domain

»Was? Herr Obrist-Leutenant, brauchet Euere hohe Vernunft und bedenkt das Sprüchwort, daß man zu geschehenen Dingen das beste reden soll. Dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Lande hat, ist nicht das erste und nicht das letzte, so sich von den unüberwindlichen Kräften der Liebe hat meistern lassen. Dieser Fehler, da es anders ein Fehler zu nennen, den sie beide begangen, kann auch durch sie wieder leichtlich gebessert werden. Zwar lobe ichs nicht, sich auf diese Art zu verehelichen, aber gleichwohl hat dieses junge Paar hiedurch weder Galgen noch Rad verdient. Es ist auch keine Schande zu erwarten, wann der Herr Obrist-Leutenant seinen Consens zu beider Verehelichung geben und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang öffentlich bestätigen lassen wird.«

»Was! Ich wollte sie ehe morgenden Tags beide zusammen binden und in der Lippe ertränken lassen! In diesem Augenblick müssen sie copuliert sein! Deswegen habe ich Euch holen lassen!«

Ich dachte, was willtu tun -- es heißt: Vogel friß oder stirb. Zudem ist sie eine solche Jungfrau, deren du dich nicht schämen darfst. Doch schwur ich und bezeugte hoch und teuer, daß wir nichts Unehrliches miteinander zu schaffen gehabt hätten.

Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer im Bette sitzend zusammengegeben und, nachdem dies geschehen, aufzustehen und miteinander aus dem Haus zu gehen gemüßiget.

Unter der Tür sagte der Obrist-Leutenant zu mir und seiner Tochter, wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen. Ich aber, da ich den Degen an meiner Seite hatte, antwortete gleichsam im Scherz: »Ich weiß nicht, Herr Schwehrvater, warum Er alles so Widersinns anstellet! Wann andre neue Eheleute copuliert werden, so führen sie die nächsten Verwandten schlafen. Er aber jaget mich nach der Copulation nicht allein aus dem Bette, sondern auch aus dem Haus. Und anstatt des Glücks, das Er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er mich nicht so glückselig wissen, meines Schwehers Angesicht zu sehen und Ihm zu dienen. Wahrlich, wann dieser Brauch aufkommen sollte, so würden die Verehelichungen wenig Freundschaft mehr in der Welt stiften!« --

Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese Jungfrau mit mir heimbrachte, und noch viel mehr da sie sahen, daß ich so ungescheut mit ihr schlafen ging. Dann obzwar mir dieser Posse, so mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch so närrisch nicht, meine Braut zu verschmähen. So hatte ich zwar die Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken, wie ich meine Sache heben und legen wollte. Zuweilen vermeinete ich, es wäre mir der allergrößte Schimpf widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit Ehren nicht verschmerzen könnte, wann ich aber besann, daß solche Rache wider meinen Schwehrvater und also auch wider meine unschuldige, fromme Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete mich so sehr.

Endlich war mein Schluß, vor allen Dingen meines Schwehrvaters Freundschaft wieder zu gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann an zu lassen, als ob mir nichts Übles widerfahren sei.

In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen und schickte am allerersten nach meinem Schwager, hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt worden, und ersuchte ihn, er wolle seine Liebste kommen lassen, um etwas ausrichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner Hochzeit zu essen geben könnte, er aber wolle belieben unsere Schwehr und Schwieger meinetwegen zu begütigen.

Ich verfügte mich zum Kommandanten, dem erzählte ich mit einer kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwehrvater vor eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung so geschwind zugehe, daß ich in einer Stunde die Heiratsabrede, den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen. Weil nun mein Schwehrvater die Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt deren, ehrlichen Leuten von der Specksuppen mit zu teilen, zu der ich untertänig einlade. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags schier zu Stücken lachen. Er fragte mich, wie es mit der Heurats-Notul beschaffen wäre, und wie viel mir mein Schwehrvater Füchse, deren der alte Schabhals viel hätte, zum Heiratgut gebe. Ich antwortete, daß unsere Heiratsabrede nur in einem Punkt bestünde, der laute, daß ich und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten sehen lassen, dieweil aber weder Zeugen noch Notarien dabeigewesen, hoffte ich, es solle wieder revociert werden.

Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts nicht gewohnt war, erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwehrvater, welchen er hiezu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppe zu erscheinen versprach. Er schickte auch gleich ein Faß Wein und einen Hirsch in meine Küchen. Ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich Fürsten hätte tractieren wollen, brachte auch eine ansehnliche Gesellschaft zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten, sondern auch vor allen Dingen meinen Schwehrvater und die Schwieger mit mir und meinem Weibe versöhneten, daß sie uns mehr Glückes wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt aber ward ausgesprengt, daß unsere Copulation mit Fleiß auf so fremde Art wäre angestellt worden, damit uns beiden kein Posse von bößen Leuten widerfahre. Mir war diese Hochzeit trefflich gesund, dann wann ich gemeinem Brauch nach über der Kanzel hätte abgeworfen werden sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäcke gefunden, die mir ein verhinderliches Gewirr drein zu machen unterstanden.

Den andern Tag traktierte mein Schwehrvater meine Hochzeitsgäste, aber bei weitem nicht so wohl als ich. Da ward erst mit mir geredet, was ich vor eine Hantierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen wollte, und ich merkte, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte.

Ich ließ mich dabei gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines lieben Schwehrvaters, als eines verständigen Kavaliers, Rat. Das lobte der Kommandant und sagte: »Dieweil Er ein junger, frischer Soldat ist, so wäre es eine große Torheit mitten in jetzigen Kriegsläuften ein anderes, als das Soldatenhandwerk zu treiben. Was mich anbelanget, so will ich Ihm ein Fähnlein geben, wann Er will.«

Mein Schweher und ich bedankten uns und ich schlugs nicht mehr aus. Wiese aber doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen Schatz zu Köln in Verwahrung hatte. »Dieses«, sagte ich, »muß ich zuvor holen, ehe ich schwedische Dienste nehme, dann sollte man gewahr werden, daß ich dem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die Feige weisen und das Meinige behalten.«

Sie gaben mir beide recht, ward also zwischen uns dreien abgeredet, zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln begeben und nachgehends ein Fähnlein annehmen sollte.

Der Kommandant versahe sich auf den künftigen Frühling einer Belägerung und bewarb sich dahero um gute Soldaten, sintemal der Graf von Götz damalen mit vielen kaiserlichen Soldaten in Westfalen lag.

Das elfte Kapitel

Es schicket sich ein Ding auf mancherlei Weise. Des einen Unstern kommt staffelweis und allgemach und einen andern überfällt der seinige mit Haufen. Mein Unstern aber hatte einen so süßen und angenehmen Anfang, daß ich mirs wohl vor das höchste Glück rechnete.

Kaum über acht Tage hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehstand zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feuerrohr auf der Achsel, von ihr und ihren Freunden Abschied nahm. Ich schlich mich glücklich durch, weil mir alle Wege bekannt waren, also daß mir keine Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich ward von keinem Menschen gesehen, bis ich nachher bei Dütz, so gegen Köln über, diesseits des Rheins lieget, vor den Schlagbaum kam.

In Köln kehrete ich bei meinem Jupiter ein, so damals ganz klug war. Er sagte mir aber gleich, daß ich besorglich leer Stroh dreschen würde, weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben gegeben, Bankerott gespielet und ausgerissen wäre. Zwar seien meine Sachen obrigkeitlich verpetschiert und der Kaufmann citiert worden, aber man zweifle sehr an seiner Wiederkunft. Bis nun die Sache erörtert würde, könne viel Wasser den Rhein hinunterlaufen.

Wie angenehm mir diese Botschaft kam, kann jeder leicht ermessen. Ich fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs! Auch hatte ich über zehn Taler Zehrgeld nicht zu mir genommen, daß ich also auch nicht so lang aushalten konnte, als die Zeit erforderte. So mußte ich auch besorgen, daß ich verkundschaft' würde, weil ich einer feindlichen Guarnison zugetan wäre. Unverrichteter Sache wollte ich aber nicht wieder zurück und das Meinige mutwillig dahinten lassen. So ward ich mit mir selber ein: Ich wollte mich in Köln aufhalten, bis die Sache erörtert würde, und die Ursache meines Ausbleibens meiner Liebsten berichten. Verfügte mich demnach zu einem ~Procurator~, der ein ~Notarius~ war, und erzählete ihm mein Tun, bat ihn, mir um die Gebühr mit Rat und Tat beizuspringen. Ich wollte ihm neben dem Tax, wann er meine Sache beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Er nahm mich gutwillig an, dann er an mir zu fischen hoffte, und dingte mich auch in die Kost. Darauf ging er des andern Tags mit mir zu denjenigen Herrn, welche die Bankerott-Sachen zu erörtern haben, gab die vidimierte Copie von des Kaufmanns Handschrift ein und legte das Original vor, worauf wir die Antwort bekamen, daß wir uns bis zur gänzlichen Erörterung gedulden müßten, weil nicht alle Sachen, davon die Handschrift sage, vorhanden wären.

Also versahe ich mich des Müßiggangs wieder auf eine Zeitlang. Mein Kostherr war, wie gehört, ein ~Notarius~ und ~Procurator~, darneben hatte er ein halb Dutzend Kostgänger und hielt stets acht Pferde auf der Streu, welche er den Reisenden um Geld hinzuleihen pflegte, darbei hatte er einen deutschen und einen wällischen Knecht, die sich beides: zu Führen und zu Reiten gebrauchen ließen. Und weil keine Juden nach Köln kommen dörfen, konnte er mir allerlei Sachen desto besser wuchern.

Mein ~Notarius~ zehrete von seinen Kostgängern, doch seine Kostgänger nicht von ihm, er hätte sich und sein Hausgesind reichlich ernähren können, wanns der Schindhund nur darzu hätte angewendet. Aber er mästete uns auf schwedisch und hielt gewaltig zurück. Ich aß anfangs nicht mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, weil ich nicht viel Geld bei mir hatte. Da satzte es schmale Bißlein, so meinen Magen, der nunmehr zu den westfälischen Tractamenten gewöhnet war, ganz spanisch vorkamen. Kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tage zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben überall wohl benagt und nunmehr vor Alter so grau als Methusalem geworden war. Darüber machte dann die Kostfrau eine schwarze, sauere Brühe und überteufelts mit Pfeffer. Da wurden dann die Beiner so sauber geschleckt, daß man alsbald Schachsteine daraus hätte drehen können. Und doch waren sie dann noch nicht recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hiezu verordneten Behalter, und wann unser Geizhals deren eine Quantität beisammen hatte, mußten sie erst kleingehackt und das übrige Fett bis auf das alleräußerste herausgesotten werden. Nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt oder die Schuhe damit geschmieret. An den Fasttägen, deren mehr als genug einfielen und alle ~solenniter~ gehalten wurden, weil der Hausvater diesfalls gar gewissenhaft war, mußten wir uns mit stinkenden Bücklingen, versalzenen Polchen, faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumbeißen, dann er kaufte alles der Wohlfeile nach und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf den Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was die Fischer auszuschmeißen im Sinne hatten. Unser Brot war gemeiniglich schwarz und alt, der Trank aber ein dünn, saur Bier, das mir die Därme hätte zerschneiden mögen, und mußt doch gut abgelegen Märzbier heißen.

Von dem deutschen Knecht vernahm ich, daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe, dann da sei das Brot schimmlich, das Fleisch voller Würmer und ihre beste Speise wäre irgends zu Mittags ein paar Rettiche und auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er dann bei dem Filz bleibe, da antwortete er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reise sei, und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder als auf seinen Schimmel-Juden bedacht sein müßte. Er getraue seinem Weib und Kindern nicht im Keller, wie er sich selbsten den Tropfen Wein nicht gönne.

Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rinderkutteln heim, das setzte er in seinen Speiskeller. Weil zu seiner Kinder großem Glück das Tagfenster offen stund, banden sie eine Eßgabel an einen Stecken und angelten damit die Kuttelflecke heraus, welche sie also bald in großer Eile verschlangen, dann sie waren gekocht. Darnach gaben sie vor, die Katze hätte es getan, aber der Erbsenzähler wollte es nicht glauben, fing derhalben die Katze, wog sie und befand, daß sie mit Haut und Haar nicht so schwer war, als seine Kutteln gewesen.

Weil er dann so gar unverschämt handelte, begehrte ich an gemeldter Studenten Tafel zu essen, es koste was es wolle. Dort ging es zwar etwas herrlicher her, ward mir aber wenig damit geholfen, dann alle Speisen waren nur halb gar, was meinem Kostherrn zwiefach zu baß kam, erstlich am Holz, so er gesparet, und daß wir viel zurück ließen. Über das so dünkte mich, er zählete uns alle Mundvoll in Hals hinein und kratzte sich hintern Ohren, wann wir einmal recht futterten. Sein Wein war gewässert, der Käs, den man am Ende jeder Mahlzeit aufstellete, steinhart, die holländische Butter aber dermaßen versalzen, daß keiner über ein Lot davon auf einen Imbiß genießen konnte. Das Obst mußte man wohl so lang auf- und abtragen, bis es mürbe und zum essen tauglich war. Wann dann etwan ein oder der andere darauf stichelte, so fing er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weibe an, daß wirs höreten, heimlich aber befahl er ihr, sie solle nur bei der alten Geigen bleiben.

Einsmals brachte ihm einer seiner Klienten einen Hasen zur Verehrung, den sahe ich in der Speiskammer hangen und gedachte, wir würden einmal Wildpret essen. Aber der deutsche Knecht sagte, daß der Has uns nicht an den Zähnen brennen würde, ich sollte Nachmittags auf den Alten Markt gehen und sehen, ob er nicht dort zum Verkauf hinge. Darauf schnitt ich dem Hasen ein Stücklein vom Ohr. Als wir über dem Mittagsimbiß saßen, und unser Kostherr nicht bei uns war, erzählete ich, daß unser Geizhals einen Hasen zu verkaufen hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, wann mir einer von ihnen folgen wollte. Jeder sagte ja, dann sie hätten unserm Wirt gern vorlängst einen Schabernack angetan.

Also verfügten wir uns den Nachmittag auf den Alten Markt, da unser Kostherr stund, um aufzupassen, was der Verkäufer lösete. Wir sahen ihn bei vornehmen Leuten, mit denen er discurierte.

Ich hatte nun einen Kerl angestellt, der ging zu dem Höcker, wo der Hase hing:

»Landsmann, der Has ist mein. Ich nehme ihn als mein gestohlen Gut auf Recht hinweg. Er ist mir heut Nacht von meinem Fenster hinweggefischet worden. Läßt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf deine Gefahr und Unrechts Kosten mit dir hin, wo du wilt.«

Der Unterhändler antwortete, er sollte sehen, was er zu tun hätte. Dort stünde ein vornehmer Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen gegeben und ohn Zweifel nicht gestohlen habe.

Als nun die Zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen Umstand, so unser Geizhals stracks in Acht nahm und hörete, wieviel die Glocke schlug. Winkte derohalben dem Unterkäufer, daß er den Hasen folgen lassen sollte. Mein Kerl aber wußte den Umstehenden das Stück Ohr zu weisen und an dem Schnitte zu messen, daß ihm jedermann recht gab.

Indessen näherte ich mich auch von ungefähr mit meiner Gesellschaft, stund an dem Kerl, der den Hasen hatte und fing an mit ihm zu marken, und nachdem wir des Kaufs eins wurden, stellete ich den Hasen meinem Kostherrn zu mit Bitte, solchen mit sich heimzunehmen und auf unsern Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber gab ich statt der Bezahlung ein Trinkgeld zu zwo Kannen Bier. Also mußte uns der Geizhals den Hasen wider Willen zukommen lassen und dorfte noch darzu nichts sagen. Dessen wir genug zu lachen hatten.

Das vierte Buch

Das erste Kapitel

Allzuscharf machet schartig und wenn man den Bogen überspannet, so muß er endlich zerbrechen. Der Posse, den ich meinem Kostherren mit dem Hasen riß, war mir nicht genug. Ich lehrete seine Kostgänger, wie sie die versalzene Butter wässern und dadurch das überflüssige Salz herausziehen, den harten Käs aber wie Parmesaner schaben und mit Wein anfeuchten sollten, was dem Geizhals lauter Stiche ins Herz waren. Ich zog durch meine Kunststücke über Tisch das Wasser aus dem Wein, und machte ein Lied, darin ich den Geizigen einer Sau vergliche, von der nichts Gutes zu hoffen sei, bis sie der Metzger tot auf dem Schragen hätte. Dafür bezahlete er mich mit folgender Untreue.

Die zween Jungen von Adel bekamen einen Wechsel und Befehl von ihren Eltern, sich nach Frankreich zu begeben und die Sprache zu lernen. Unseres Kostherren deutscher Knecht war anderwärts auf Reise und dem wälschen wollte er die Pferde nicht vertrauen. Er bat mich derowegen, ob ich ihm nicht den großen Dienst tun und beide Edelleute mit den Pferden nach Paris führen wollte, weil ohn das meine Sache in vier Wochen noch nicht erörtert werden könnte, indessen wollte er hingegen meine Geschäfte, wann ich ihm vollkommene Gewalt geben würde, so getreulich befördern, als ob ich selbst gegenwärtig wäre. Die von Adel ersuchten mich deswegen auch, und mein Fürwitz, Frankreich zu besehen, riet mir solches gleichfalls, weil ichs jetzt ohn sondere Unkosten tun konnte.

Also macht ich mich mit diesen Edelleuten anstatt eines Postillions auf den Weg, auf welchem mir nichts Merkwürdiges zuhanden stieß.

Da wir nach Paris kamen und bei unseres Kostherren Korrespondenten, von dem die Edelleute auch ihre Wechsel empfingen, einkehrten, ward ich den andern Tag nicht allein mit den Pferden arrestiert, sondern derjenige, so vorgab, mein Kostherr wäre ihm eine Summe Geldes schuldig, griffe mit Bewilligung des Viertels-~Commissarii~ zu und versilberte die Pferde. Also saß ich da wie Matz von Dresden und wußte mir selber nicht zu helfen viel weniger zu raten, wie ich einen so weiten Weg wieder zurückkommen sollte.

Die von Adel bezeugeten ein groß Mitleiden mit mir und verehreten mich desto ehrlicher mit einem guten Trinkgeld, wollten mich auch nicht ehender von sich lassen, bis ich entweder einen guten Herrn oder eine Gelegenheit hätte wieder nach Deutschland zu kommen. Ich hielt mich etliche Tage in ihrem Losament, weil ich den einen, so etwas unpäßlich war, auswartete. Demnach ich mich so fein anließ, schenkte er mir sein Kleid, dann er sich auf die neue Mode kleiden ließ.

Als ich nun in Zweifel stund, was ich tun sollte, hörete mich einsmals der ~Medicus~, so meinen kranken Junker kurieret, auf der Laute schlagen und ein deutsch Liedlein darein singen. Das gefiele ihm so wohl, daß er mir eine gute Bestallung anbot samt seinem Tisch, da ich mich zu ihm begeben und seine zween Söhne unterrichten wollte, dann er wußte schon besser, wie mein Handel stund, als ich selbst und, daß ich einen guten Herrn nicht ausschlagen würde. Ich verdingte mich aber nicht länger als von einem Vierteljahr zum andern.

Dieser Doktor redete so gut deutsch als ich und italienisch wie seine Muttersprache. Als ich nun die Letze mit meinen Edelleuten zehrte, war er auch dabei. Mir gingen üble Grillen im Kopf herum, dann da lag mir mein frischgenommen Weib, mein versprochen Fähnlein und mein Schatz in Köln im Sinn, von welchem allem ich mich so leichtfertig hinweg zu begeben hatte bereden lassen. Ich sagte auch über den Tisch: »Wer weiß, ob vielleicht unser Kostherr mich nicht mit Fleiß hierher praktizieret, damit er das Meinige zu Köln erheben und behalten möge.«

Der Doktor meinte, das könne wohl sein, vornehmlich wann ich ein Kerl von geringem Herkommen sei.

»Nein,« antwortete der eine Edelmann, »wann er zu solchem Ende hierher geschickt worden ist, daß er hier bleiben solle, so ists darum geschehen, weil er ihm seines Geizes wegen soviel Drangsal antäte.«

Der Doktor sagte: »Es sei geschehen, aus was vor einer Ursache es wolle, so lasse ich wohl gelten, daß die Sache so angestellt worden, daß Er hier bleiben muß. Er lasse sich aber das nicht irren. Ich will Ihm schon wieder mit guter Gelegenheit nach Deutschland verhelfen. Er schreibe dem ~Notarius~ nur, daß er den Schatz wohl beachte, sonst werde er scharfe Rechenschaft geben müssen. Es gibet mir einen Argwohn, daß es ein angestellter Handel sei, weil derjenige, so sich vor den ~Creditor~ dargegeben, Eures Kostherren und seines hiesigen Korrespondenten sehr guter Freund ist.«

~Monsigneur Canard~, so hieß mein neuer Herr, erbot sich mir mit Rat und Tat beholfen zu sein, damit ich des Meinigen zu Köln nicht verlustig würde, dann er sahe wohl, daß ich traurig war. In seiner Wohnung begehrete er, ich sollte ihm erzählen, wie meine Sachen beschaffen wären. Ich gab mich vor einen armen deutschen Edelmann aus, der weder Vater noch Mutter, sondern nur etliche Verwandte in einer Festung hätte, darin schwedische Guarnison läge, welches ich vor meinem Kostherrn und denen von Adel verborgen hätte, damit sie das Meinige als ein Gut, so dem Feinde zuständig, nicht an sich zögen. Meine Meinung wäre, ich wollte dem Kommandanten der Festung schreiben, als unter dessen Regiment ich die Stelle eines Fähnrichs hätte, und ihm berichten, was gestalten ich hierher praktiziert worden, ihn auch bitten, sich des Meinigen habhaft zu machen und indessen meinen Freunden zuzustellen.

~Canard~ befand mein Vorhaben ratsam und versprach mir die Schreiben an ihren Ort zu bestellen, und sollten sie gleich nach Mexiko oder China lauten.

Demnach schrieb ich an meine Liebste, an meinen Schwehervater und den Obristen ~de S. A.~, Kommandanten in L., an welchen ich auch das ~Copert~ richtete und ihm die übrigen beiden beischloß: Ich wollte mich mit ehisten wieder einstellen, dann ich nur die Mittel in die Hand kriegte, eine so weite Reise zu vollenden. Er und mein Schweher möchten vermittels der ~Militiae~ das Meinige zu bekommen unterstehen, eh Gras darüber wüchse. Darneben berichtete ich, wieviel es an Gold, Silber und Kleinodien sei. -- Solche Briefe verfertigte ich ~in duplo~, ein Teil bestellete ~Mons. Canard~, den andern gab ich auf die Post, damit eins desto gewisser einliefe.

Also ward ich wieder fröhlich und ich instruierte meines Herrn zween Söhne desto leichter. Die wurden wie die Prinzen erzogen, dann weil ~Mons. Canard~ sehr reich als auch überaus hoffärtig war, wollte er sich sehen lassen. Welche Krankheit er von großen Herren an sich genommen, weil er täglich mit Fürsten umging und ihnen alles nachäffte.

Sein Haus war wie eines Grafen Hofhaltung, in welcher kein anderer Mangel erschien, als daß man ihn nicht auch einen gnädigen Herrn nannte. Einen ~Marquis~, da ihn etwan einer besuchen kam, traktierte er nicht höher als seinesgleichen. So teilete er zwar auch geringen Leuten von seinen Arzeneien mit, nahm aber kein geringstes Geld von ihnen, sondern schenkte ihnen eher ihre Schuldigkeit, damit er einen großen Namen haben möchte.

Weil ich ziemlich ~curiös~ war und wußte, daß er mit meiner Person prangte, als weil ich auch stets in seinem Laboratorio ihm arzeneien half, davon ich einigermaßen vertraut mit ihm ward, fragte ich ihn einsmals, warum er sich nicht von seinem adeligen Sitz her schreibe, den er neulich nahend Paris um 20000 Kronen gekauft, ~item~ warum er lauter Doktores aus seinen Söhnen zu machen gedenke und sie so streng studieren lasse, ob nicht besser wäre, daß er ihnen, wie andern Kavaliers, irgend Ämter kaufe und sie also vollkommen in den adeligen Stand treten lasse, den sie durch den Landsitz schon namensweis erworben hätten.