Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 13
Über diesem Abschied ward mein Hausvater so mitleidig, daß ihm auch die Augen übergingen. Und gleichwie mich mein Knecht bei der Soldateska, so erhub mich der Hausvater bei der Bürgerschaft mit großem Lob über alle schwangere Bauren. Der Kommandant aber hielt mich vor einen resoluten Kerl, daß er auch getraute Schlösser auf meine Parole zu bauen.
Ich glaube es ist kein Mensch in der Welt, der nicht einen Hasen im Busen habe, dann wir sind ja alle einerlei Gemächts und ich kann bei meinen Birnen wohl merken, wann andere zeitig sein. »Hui, Geck,« möcht mir da einer antworten, »wann du ein Narr bist, meinest du darum andre seien es auch?« -- »Nein, das sage ich nicht, dann es wäre zuviel geredt, aber dies halte ich davor, daß einer den Narren besser verbirgt als der ander.« Es ist einer darum kein Narr, wann schon er närrische Einfälle hat, dann wir haben in der Jugend gemeiniglich alle dergleichen. Welcher aber seinen Narren hinausläßt, wird vor einen gehalten, weil teils etliche ihn gar nicht andere aber nur halb sehen lassen. Welche den ihren gar unterdrücken sein rechte Saurtöpfe. Ich halte vor die besten und verständigsten Leute, die den Ihren nach Zeit und Gelegenheit bisweilen ein wenig mit den Ohren fürragen und Atem schöpfen lassen, damit er nicht gar bei ihnen ersticke. Den Meinen ließ ich mir zu weit heraus, da ich mich in einem so freien Stand sahe, maßen ich einen Jungen annahm, den ich als Edelpagen kleidete, und zwar in die Farben Veigelbraun und Gelb. Derselbe mußte mir aufwarten, als wann ich ein Freiherr wäre.
Dies war die erste Torheit, die ich in der Stadt beging, sie ward aber von niemand getadelt. Die Welt ist der Narreteien so voll, daß sie keiner mehr achtet, noch selbige verlacht oder sich darüber verwundert; sie ist deren gewohnt.
Ich dingte mich und meinen Jungen bei meinem Hausvater in die Kost und gab ihm an Bezahlung auf Abschlag, was mir der Kommandant verehret hatte. Zum Getränk aber mußte mein Jung den Schlüssel haben, weil ich denen, die mich besuchten, gern davon mitteilete. Sintemalen ich weder Bürger noch Soldat war, hielt ich mich zu beiden Teilen und bekam dahero Kameraden genug, die ich ungetränkt nicht bei mir ließ.
Der Stadtorganist, zu dem ich Kundschaft erhielt, lehrete mich, wie ich komponieren sollte, ~item~ auf dem Instrument besser schlagen, als auch auf der Harfe; ohn das war ich auf der Lauten ein Meister. Wann ich dann satt hatte am Musicieren, ließ ich meinen Kürschner kommen, der mich im Paradeis in allen Gewehren unterwiesen, mit dem exerzierte ich mich, um noch perfecter zu werden. So erlangete ich auch beim Kommandanten, daß er mich von einem Constablen die Büchsenmeisterkunst und etwas mit dem Feuerwerk umzugehen lernte. Im übrigen hielt ich mich sehr still, also daß sich die Leute verwunderten, weil ich auch viel über den Büchern saß wie ein Student, da ich doch Raubens und Blutvergießens gewohnt gewesen.
Mein Hausvater war des Kommandanten Spürhund und mein Hüter, maßen ich merkte, daß er all mein Tun und Lassen demselben hinterbrachte. Doch ich gedachte des Kriegswesens kein einziges Mal, und wann man davon redete, tät ich, als ob ich niemals kein Soldat gewesen. Zwar wünschte ich, daß meine sechs Monate bald herum wären, es konnte aber niemand abnehmen, welchem Teil ich alsdann dienen wollte. Sooft ich dem Obristen aufwartete, behielt er mich bei seiner Tafel, da setzte es zuweilen solche Diskurse, dadurch mein Vorsatz ausgeholt werden sollte, ich antwortete aber jederzeit vorsichtig.
»Wie stehet es, Jäger, wollet Ihr noch nicht schwedisch werden? Gestern ist ein Fähnrich gestorben.«
»Herr Obrister, stehet doch einem Weib wohl an, wann sie nach ihres Mannes Tod nicht gleich wieder heuratet, warum sollte ich mich dann nicht sechs Monate gedulden?«
Kriegte gleichwohl des Obristen Gunst je länger, je mehr, so daß er mich in und außerhalb der Festung herumspatzieren, ja, endlich den Hasen, Feldhühnern und Vögeln nachstellen ließ. Darum leget ich mir ein schlicht Jägerkleid bei, in demselben strich ich des Nachts in das Soestische und holet meine verborgenen Schätze hin und wieder zusammen, schleppte solche in die Festung und ließ mich an, als ob ich ewig bei den Schweden wohnen wollte.
Da stieß einmal die Wahrsagerin von Soest zu mir, die mich erkannte. »Ich versichre dich, es war dein Glück,« sagte sie, »daß du gefangen worden. Einige Kerle, welche dir den Tod geschworen, weil du ihnen bist beim Frauenzimmer vorgezogen worden, hätten dich auf der Jagd erwürgt.«
Ich antwortete: »Wie kann jemand mit mir eifern, da ich doch dem Frauenzimmer nichts nachfrage?«
»Du wirst des Sinnes nicht bleiben, sonst wird dich das Frauenzimmer mit Spott und Schande zum Lande hinausjagen. Ich schwöre dir, daß sie dich nur gar zu lieb haben und daß dir solche übermachte Liebe zum Schaden gereichen wird, wann du dich nicht accommodierst.«
Ich fragte sie, wann sie ja so viel wüßte, so sollte sie mir davon sagen, wie es mit meinen Eltern stünde und ob ich sie mein Lebtag wieder zu sehen bekommen würde, sie sollte aber fein deutsch mit der Sprache heraus.
Darauf sagte sie, ich sollte alsdann nach den Eltern fragen, wann mir mein Pflegvater unversehens begegnen würde und führete meiner Säugeammen Tochter am Strick daher. -- Lachte darauf überlaut und machte sich geschwind von mir.
Ich hatte damals ein schön Stück Geld und viel köstliche Ringe und Kleinodien beieinander. Solches schriee mich immerzu an, es wollte gar gern wieder unter die Leute. Ich folgte auch, dann weil ich ziemlich hoffärtig war, prangte ich mit meinem Gut und ließ solches meinen Wirt sehen, der bei den Leuten mehr daraus machte, als es war.
Mein Vorsatz, die Büchsenmeisterei und Fechtkunst in diesen sechs Monaten zu lernen, war gut und ich begriffs auch. Aber es war nicht genug, mich vor Müßiggang allerdings zu behüten, vornehmlich weil niemand war, der mir zu gebieten hatte. Ich saß zwar auch emsig über allerhand Büchern, aus denen ich viel Gutes lernete, es kamen mir aber auch teils unter die Hände, die mir wie dem Hund das Gras gesegnet wurden. Die unvergleichliche ~Arcadia~, daraus ich die Wohlredenheit lernen wollte, war das erste Stück, das mich von den rechten Historien zu den Liebe-Büchern und von den wahrhaften Geschichten zu den Heldengedichten zog. Solcherlei Gattung brachte ich zuwege, wo ich konnte, und wann mir eins zuteil ward, hörete ich nicht auf, bis ichs durchgelesen und sollte Tag und Nacht darüber gesessen sein. Diese lerneten mich statt wohlreden mit der Leimstange laufen, doch war dieser Mangel damals vor mich keine Ursach zu klagen, dann wo meine Liebe hinfiel, erhielt ich ohn sonderbare Mühe, was ich begehrete, und ich brauchet nicht wie andere Buhler und Leimstängler voller phantastischer Gedanken, Begierden, heimlich Leiden, Zorn, Eifer, Rachgier, Weinen, Protzen und dergleichen tausendfältigen Torheiten stecken und mir vor Ungeduld den Tod zu wünschen.
Ich hatte Geld und ließ mich dasselbe nicht dauren, überdas eine gute Stimme, übete mich stetig auf allerhand Instrumenten, wiese die Geradheit meines Leibes, wann ich mit meinem Kürschner focht. So hatte ich auch einen trefflich glatten Spiegel und gewöhnte mich zu einer freundlichen Lieblichkeit, also daß mir das Frauenzimmer von selbst nachlief.
Um dieselbige Zeit fiel Martini ein, da fängt bei uns Deutschen das Fressen und Saufen an und währet teils bis in die Fastnacht. Da ward ich an unterschiedliche Örter, sowohl bei Offizierern als Bürgern, die Martinsgans verzehren zu helfen, eingeladen. Bei solchen Gelegenheiten kam ich mit den Frauenzimmern in Kundschaft. Meine Laute und Gesang, die zwangen eine jede mich anzuschauen, und wann sie mich also betrachteten, wußte ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber machte, so anmutige Blicke und Gebärden hervorzubringen, daß sich manches hübsche Mägdlein darüber vernarrete und mir unversehens hold ward.
Und damit ich nicht vor einen Hungerleider gehalten wurde, stellete ich auch zwo Gastereien, die eine zwar vor die Offizierer und die andere vor die vornehmsten Bürger, an, dadurch ich mir bei beiden Teilen Gunst und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen ließ. Es war mir aber alles nur um die lieben Jungfern zu tun. Und obgleich ich bei einer oder der andern nicht fand, was ich suchte, so ging ich gleichwohl allerweg zu ihnen als zu andern, daß alle glauben sollten, daß ich mich bei den andern auch nur Diskurs halber aufhielte. Ich hatte gerade sechs und sie hinwiederum mich, doch hatte keine mein Herz gar und mich allein.
Mein Jung, der ein Erzschelm war, hatte genug zu tun mit Kupplen und Buhlenbrieflein hin und wider tragen und wußte reinen Mund zu halten. Davon bekam er von den Schleppsäcken einen Haufen ~Favor~, so mich aber am meisten kostete. Was mit Trommeln gewonnen wird, gehet mit Pfeifen dahin.
Ich hielt meine Sachen so geheim, daß mich kaum einer vor einen Buhler halten konnte, ausgenommen der Pfarrer, bei dem ich nicht mehr so viel geistliche Bücher entlehnte.
Das neunte Kapitel
Ich ging oft zum ältesten Pfarrer und brachte ich ihm ein Buch zurück, so diskutierete er von allerhand Sachen mit mir. Wir accomodierten uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte. Als nun nicht nur die Martinsgans hin und wider und alle Metzelsuppen sondern auch die heiligen Weihnachtsfeiertäge vorbei waren, verehrete ich ihm eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er dem westfälischen Gebrauch nach mit Kandelzucker gern einläpperte. Darauf besuchete ich ihn und er machte mich zu ihm sitzen, lobte den Branntewein und kam nach einigem Hin und Wider auf obgemeldten Umstand, nämlich daß ich in geistlichen Dingen merklich nachlasse. Ich entschuldiget mich mit der edlen Musik und der Büchsenmeistereikunst. Er aber antwortete: »Ja, ja, das glaube ich gern. Aber Er versichere sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet.«
Ich erschrak, da ich diese Worte hörete, und dachte, hat dir's St. Velten gesagt. Und weil er sahe, daß ich meine Farbe änderte, fuhr er ferner fort: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er lebet ohn Sorge und wie ich vernehme, in allem Überfluß, darum bitte und vermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was vor einem gefährlichen Stand Er sich befindet. Er hüte sich vor dem Tier, das Zöpfe hat, will Er anders Sein Glück und Heil beobachten. Der Herr möchte zwar bedenken, was geht's dem Pfaffen an -- (ich gedachte, du hast es erraten) -- oder was hat er mir zu befehlen! Herr, seid versichert, daß mir Euere, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt aus christlicher Liebe hoch angelegen ist. Ihr habet Talente, leget doch Euere Jugend und Euere Mittel, die Ihr hier unnütz verschwendet, zu ernsten Studien an, damit Ihr heut oder morgen beides: Gott und den Menschen und Euch selbst bedient sein könnet. Lasset das Kriegswesen, eh Ihr eine Schlappe davontraget, dann: Junge Soldaten, alte Bettler.«
Ich hörete die Sentenz mit großer Ungeduld, jedoch stellete ich mich viel anders, als mir ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein feiner Mensch wäre, nicht verliere, bedankte mich zumal auch sehr vor seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach, mich auf sein Einraten zu bedenken. Allein ich war des Zaumes und der Sporen der Tugenden entwohnet und wollte nunmehr gekostete Liebe-Wollüste nicht mehr entbehren.
Jedoch so gar ersoffen in den Leidenschaften und so dumm war ich nicht, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu behalten, solange ich in der Festung zu bleiben willens war. Ich erkannte auch wohl, was es einem vor Unrat bringen konnte, wann er der Geistlichen Haß hätte, als welche Leute einen großen Kredit haben. Derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren und trat gleich den andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachten Pfarrer und log ihm mit gelehrten Worten einen solchen Haufen daher, was gestalten ich mich resolvieret hätte, ihm zu folgen, daß er sich sichtbarlich darüber freuete. Mir hätte seithero auch schon in Soest ein solcher englischer Ratgeber gemangelt, wann nur der Winter bald vorüber, daß ich fortreisen könnte. Bat ihn darneben, er wollte mir doch ferner mit gutem Rat beförderlich sein, auf welche Universität ich mich begeben sollte. Er antwortete, was ihn anbelange, so hätte er in Leyden studieret, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich ein Hochdeutscher wäre.
»Jesus Maria,« rief ich, »Genf ist weiter von meiner Heimat als Leyden!«
»Was vernehme ich,« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich mich betrogen!«
»Wieso, wieso, Herr Pfarrer? Weil ich nicht nach Genf will?«
»O nein, weil Er Mariam anrufet!«
»Sollte es einem Christen nicht gebühren, die Mutter seines Erlösers zu nennen?«
»Das wohl, aber ich vermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann, Er wolle Gott die Ehre geben und mir gestehen, welcher Religion Er beigetan sei, dann ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube.«
»Der Herr Pfarrer höret ja wohl, daß ich ein Christ bin. Im übrigen gestehe ich, daß ich weder petrisch noch paulisch, sondern allein ~simpliciter~ glaube, was die zwölf Artikul des allgemeinen, heiligen, christlichen Glaubens in sich halten. Ich werde mich auch zu keinem Teil vollkommen verpflichten, bis mich einer durch genugsame Erweisung persuadieret zu glauben, daß er vor den andern die rechte, wahre und allein seligmachende Religion habe.«
»Jetzt glaube ich erst recht, daß Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein Leben dran zu wagen, weil Er gleichsam ohn Religion und Gottesdienst auf den alten Kaiser hinein dahinleben und frevelhaftig seine Seligkeit in die Schanze schlagen darf. Mein Gott, wie kann ein sterblicher Mensch immermehr so keck sein!«
»Herr Pfarrer, es sagen alle von ihrer Religion, daß sie die rechte sei und deren Fundamente sowohl in Natur als in der heiligen Schrift sonnenklar am Tage liegen. Welchem soll ich aber glauben? Vermeinet der Herr, es sei so ein Gerings, wann ich einem Teil, den die andern alle lästern und einer falschen Lehre bezüchtigen, meiner Seelen Seligkeit anvertraue? Er sehe doch mit unparteiischen Augen, was Konrad Vetter und Johannes Nas wider Lutherum, und hingegen Luther und die Seinigen wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg wider ~Franciscum~, der etliche hundert Jahr vor einen heiligen und gottseligen Mann gegolten, in offenem Druck ausgehen lassen. Zu welchem Teil soll ich mich dann tun, wann je eins das ander ausschreiet, als sei kein gut Haar an ihm? Sollte mir wohl jemand raten, hineinzuplumpen wie eine Fliege in den heißen Brei? O nein, das wird der Herr Pfarrer verhoffentlicht mit gutem Gewissen nicht tun können! Ich will lieber gar von der Straßen bleiben, als nur irr laufen. Zudem sein noch mehr Religionen, dann die in Europa, als die Armenier, Abessinier, Griechen, Gregorianer und dergleichen. Was ich vor eine davon annehme, so muß ich mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen.«
Darauf sagte er: »Der Herr steckt in großem Irrtum, aber ich hoffe zu Gott, er werde Ihm aus dem Schlamm helfen, zu welchem Ende ich Ihm dann unsere Confession ins Künftige dergestalt aus der heiligen Schrift bewähren will, daß sie auch wider die Pforten der Hölle bestehen sollte.«
Ich antwortete, dessen würde ich mit großem Verlangen gewärtig sein, gedachte aber bei mir selber, wann du mir nur nichts mehr von meinen Liebgen vorhältst, so bin ich mit deinem Glauben wohl zufrieden, und bis du mit deinen Beweistümern fertig bist, so bin ich vielleicht, wo der Pfeffer wächst.
Das zehent Kapitel
Gegen meinem Quartier über wohnete ein reformierter Obrist-Leutenant, der hatte eine überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug. Ich hätte längst gern Kundschaft mit ihr gemachet, unangesehen, daß ich sie anfänglich allein zu lieben und auf ewig zu haben begehrete. Ich schenkte ihr manchen Gang und noch viel mehr liebreicher Blicke. Sie ward mir aber so fleißig verhütet, daß ich kein einzig Mal mit ihr reden konnte. So unverschämt dorfte ich auch nicht hineinplatzen, weil ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte und mir der Ort vor einen Kerl von so geringem Herkommen, als mir das meinige bewußt war, viel zu hoch vorkam. Am allernächsten gelangte ich zu ihr, wann wir etwan in oder aus der Kirche gingen. Da nahm ich dann die Zeit so fleißig in Acht, mich ihr zu nähern, daß ich oft ein paar Seufzer anbrachte, was ich meisterlich konnte, obzwar sie alle aus falschem Herzen gingen. Hingegen nahm sie solche so kaltsinnig an, daß ich mir einbilden mußte, sie werde sich nicht so leicht wie eine Bürgerstochter verführen lassen. Indem wurden meine Begierden nach ihr nur desto heftiger.
Der Stern, den die Schüler zu Hl. Dreikönig umtragen, ist es gewesen, der mir in ihre Wohnung geleuchtet, da ihr Vater selbst nach mir schickte.
»Monsieur,« sagte er zu mir, »seine Neutralität zwischen Bürgern und Soldaten ist eine Ursache, daß ich Ihn habe zu mir bitten lassen. Ich will zwischen beiden Teilen eine Sache ins Werk richten, die eines unparteiischen Zeugen bedarf.«
Ich vermeinete, er hätte was Wundergroßes im Sinn, weil Schreibzeug und Papier auf dem Tisch lag, bot ihm derowegen mit sondern Komplimenten meine bereitwilligsten Dienste an, daß ich mirs nämlich vor eine große Ehre halten würde, wann ich so glücklich sei, ihm beliebige Dienste zu leisten. Es war aber nichts andres als ein Dreikönigsfest zu machen. Dabei sollte ich zusehen, daß es recht zuginge, wie die Ämter ohn Ansehung der Personen durch das Los ausgeteilet würden. Zu diesem Geschäft, bei welchem des Obristen ~Secretarius~ auch war, ließ der Obrist-Leutenant Wein und Konfekt bringen, weil er ein trefflicher Zechbruder und es ohn das nach dem Nachtessen war. Der ~Secretarius~ schrieb, ich las die Namen und die Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern aber sahen zu. Sie beklagten sich über die langen Winternächte und gaben mir zu verstehen, daß ich, solche desto leichter zu passieren, wohl zu ihnen zu Licht kommen dörfte.
So fing ich wieder auf ein Neues an mit der Leimstangen zu laufen und am Narrenseil zu ziehen, also, daß sich beide: die Jungfrau und ihre Eltern einbilden mußten, ich hätte den Angel geschluckt, wiewohl mirs nicht halber Ernst war. Ich stellete Buhlenbrieflein an meine Liebste, eben als ob ich hundert Meilwegs von ihr gewohnet hätte oder in viel Jahren erst zu ihr könne. Zuletzt machte ich mich gar zutätig, weil mir meine Löffelei nicht sonderlich von den Eltern gewehret, sondern zugemutet ward, ich sollte ihre Tochter auf der Laute lernen schlagen. Da hatte ich nun meinen freien Zutritt bei Tag sowohl als wie hiebevor des Abends, also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen:
Ich und meine Fledermaus Fliegen nur bei Nachtzeit aus
änderte und ein frommes Liedlein machte, darin ich mein Glück lobte, weil es mir auf so manchen guten Abend auch so freudereiche Tage verliehe, in denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen weiden und mein Herz um etwas erquicken könnte, hingegen beklagte ich meine Nächte. Ich sang es meiner Liebsten mit andächtigem Seufzen und einer lustreizenden Melodei, dabei die Laute das Ihre trefflich tät und gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch cooperieren, daß mir die Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten. Aber ich bekam ziemlich abschlägige Antwort, dann sie war trefflich klug und konnte mich auf meine Erfindungen gar höflich beschlagen. Ich nahm mich gleichwohl in Acht, von der Verehelichung zu schweigen, und wenn schon discursweis davon geredet ward, stellete ich alle meine Worte auf Schrauben. Welches meiner Jungfrau verheiratete Schwester bald merkte und dahero mir und meinem Mägdlein alle Pässe verlegte, dann sie sahe wohl, daß mich ihre Schwester von Herzen liebete und daß die Sache in die Länge kein Guttun würde.
Es ist unnötig alle Torheiten meiner Löffelei umständlich zu erzählen. Genug, zuletzt kam es dahin, daß ich erstlich mein liebes Dingelgen zu küssen und endlich auch andre Narrenpossen zu tun mich erkühnen dorfte. Und solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen, bis ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen ward und mich so hübsch zu ihr ins Bette fügte, als wann ich zu ihr gehöret hätte.
Weil jedermann weiß, wie es bei derlei Kirchweih pfleget gemeiniglich herzugehen, so dörfte sich wohl der Leser einbilden, ich hätte etwas Ungebührliches begangen. Jawohl nein! Dann alle meine Gedanken waren umsonst. Ich fand einen solchen Widerstand, dergleichen ich nimmermehr bei keinem Weibsbild anzutreffen gewähnet hätte, weil ihr Absehen einzig und allein auf Ehre und Ehestand gerichtet war. Wenngleich ich ihr solchen mit den allergrausamsten Flüchen versprach, so wollte sie doch vor der Copulation kurzum nichts geschehen lassen. Doch gönnete sie mir auf ihrem Bette neben ihr liegen zu bleiben, auf welchem ich auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte.
Ich ward aber gar ungestüm aufgeweckt. Dann morgens um vier Uhr stund der Obrist-Leutenant vorm Bette mit einer Pistole in der einen und einer Fackel in der andern Hand.
»Krabat,« schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem bloßen Säbel bei ihm stund, »geschwind, Krabat, hole den Pfaffen!«
Wovon ich dann erwachte.
O weh, gedachte ich, du sollst gewiß zuvor beichten, eh er dir den Rest gibet! Es ward mir ganz grün und gelb vor den Augen und ich wußte nicht, ob ich sie recht auftun sollte oder nicht.
»Du leichtfertiger Geselle,« schrie er mich an, »soll ich dich finden, daß du mein Haus schändest! Tät ich dir unrecht, wenn ich dir und dieser Vettel den Hals bräche? Ach, du Bestia, wie kann ich mich doch nur enthalten, daß ich dir nicht das Herz aus dem Leib herausreiße und den Hunden vorwerfe!«
Dabei biß er die Zähne zusammen und verkehrte die Augen als wie ein unsinnig Tier.
Ich wußte nicht, was ich sollte, und meine liebe Beischläferin konnte nichts als weinen. Endlich, da ich mich ein wenig erholete, wollte ich etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hieß mich das Maul halten. Indessen war seine Frau auch darzu gekommen, die fing eine nagelneue Predigt an, also daß ich wünschte, ich läge irgends in einer Dornhecke. Sie hätte auch in zweien Stunden nicht aufgehört, wann der Krabat mit dem Pfarrer nicht gekommen wäre.
Wohl hatte ich, eh dieser ankam, etlichmal aufzustehen unterstanden, aber der Obrist-Leutenant machte mich unter bedrohlichen Mienen liegen bleiben, also daß ich erfahren mußte, wie gar keine Courage ein Kerl hat, der auf einer bösen Tat ertappt wird, und wie einem Dieb ums Herz wird, den man erwischt, wann er eingebrochen, obgleich er noch nichts gestohlen hat. Ich gedenke der lieben Zeit, wann mir der Obrist-Leutenant samt zwei solchen Kroaten aufgestoßen wäre, daß ich sie alle drei zu jagen unterstanden. Aber jetzt lag ich da wie ein Bernheuter und hatte nicht das Herz nur das Maul, geschweige die Fäuste recht auf zu tun.
»Sehet, Herr Pfarrer das schöne Spektakul, zu welchen ich Euch zum Zeugen meiner Schande berufen muß.«
Und kaum hatte er diese Worte vorgebracht, so fing er wieder an zu wüten und das Tausendste ins Hundertste zu werfen, daß ich nichts anderes als vom Halsbrechen und Hände in meinem Blut waschen verstehen konnte. Er schaumete ums Maul wie ein Eber und stellete sich also, daß ich alle Augenblicke gedachte, jetzt jagt er dir eine Kugel durch den Kopf.
Der Pfarrer aber wehrete mit Händen und Füßen, daß kein Totschlag geschehe, so ihn hernach reuen möchte.