Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 12
Meine Gewohnheit war, herum zu terminieren und alle Wege und Stege, alle Gräben, Moräste, Büsche und Wasser zu bereiten, um vor eine künftige Occasion des Orts Gelegenheit so offensive als defensive zu Nutz machen zu können. Einst ritt ich unweit der Stadt bei einem alten Gemäuer vorüber, darauf vor Zeiten ein Haus gestanden. Ich drang mit meinem Pferd in den Hof ein, zu sehen, ob man sich auch auf den Notfall zu Pferd darin salvieren könne. Als ich nun bei dem Keller, dessen Gemäuer noch rund umher aufrecht stund, vorüberreiten wollte, war mein Pferd, das sonst im geringsten nichts scheute, weder mit Liebe noch Leid dahin zu bringen. Ich stieg ab und führete es an der Hand die verfallene Kellersteigen hinunter, wovor es doch scheuete, damit ich mich ein andermal darnach richten könnte. Mit guten Worten und Streichen brachte ich es endlich so weit, indem ward ich gewahr, daß es vor Angst schwitzte und die Augen stets nach der Ecke des Kellers richtete, dahin es am allerwenigsten wollte, ob ich auch gleich nichts gewahrete. Ich stund mit Verwunderung, und wie mein Pferd je länger, desto ärger zitterte, da kam mich ein solches Grausen an, als ob man mich bei den Haaren aufzöge und einen Kübel voll kalt Wasser über mich abgösse. Mein Pferd stellete sich immer seltsamer, doch konnte ich nichts sehen, also daß ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich müßte vielleicht mitsamt dem Pferd verzaubert sein. Derowegen wollte ich wieder zurück, aber mein Pferd folgte mir nicht. Dahero ward ich noch ängstlicher und so verwirrt, daß ich schier nicht wußte, was ich tät. Zuletzt nahm ich meine Pistole auf den Arm und band mein Pferd an eine Holderstockwurzel, der Meinung, aus dem Keller zu gehen und Leute zu suchen, die meinem Pferde heraushülfen. Indem fällt mir ein, ob nicht in dem Gemäuer vielleicht ein Schatz läge, dahero es so ungeheuer sein möchte. Ich sehe mich um, sonderlich nach der Ecke, dahin mein Pferd nicht wollte, und ward eines Stückes im Gemäuer gewahr, so groß als ein gemeiner Kammerladen, welches in Farbe und Arbeit dem andern Gemäuer nicht allerdings glich. Ich wollte hinzugehen, da sträubten sich alle meine Haare gen Berg und das bestärket mich in der Meinung, daß ein Schatz verborgen sein müsse.
Hundertmal lieber hätte ich Kugel gewechselt, als mich in solcher Angst befunden. Ich ward gequält und wußte doch nicht recht von wem, dann ich sahe oder hörte nichts. Ich wollte durchbrennen, vermochte aber die Stiegen nicht hinauf zu kommen, weil mich eine starke Luft aufhielt. Da lief mir die Katze wohl den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich sollte meine Pistole lösen, damit mir die Bauren im Feld zuliefen. Ich war so erzörnt oder viel mehr desperat, da ich sonst kein Mittel noch Hoffnung sahe, aus diesen ungeheuern Wunderort zu kommen, daß ich mich gegen den Ort kehrete, wo ich die Ursache meiner seltsamen Begegnus vermeinete, und traf obgemeldtes Gemäuerstück mit zweien Kugeln so hart, daß es ein Loch gab, zwo Fäuste groß.
Als der Schuß geschehen, wieherte mein Pferd und spitzte die Ohren, was mich herzlich erquickte. Ich faßte einen frischen Mut und ging ohn Forcht zu dem Loch, da brach die Maur vollends ein. Ich fand einen reichen Schatz an Silber, Gold und Edelsteinen. Es waren aber sechs Dutzend altfränkische silberne Tischbecher, ein großer göldner Pokal, etliche Duplet, eine altfränkische göldene Kette, unterschiedliche Diamanten, Rubine, Saphire und Smaragde, alles in Ringe und Kleinodien gefasset, ~item~ ein ganz Lädlein voll großer Perlen, aber alle verdorben und abgestanden, dann ein verschimmelter lederener Sack mit achtzig von den ältesten Joachimsthalern aus feinem Silber, sodann 893 Goldstücke mit dem französischen Wappen und einem Adler. Dieses Geld, die Ringe und Kleinodien steckte ich in meine Hosensäcke, Stiefeln, Hosen und Pistolenhalftern und, weil ich keinen Sack bei mir hatte, schnitt ich meine Schabracke vom Sattel und füllete sie zwischen Zeug und Futter mit Silber- und Goldbechern, hing die gölden Kette um den Hals, saß fröhlich zu Pferd und wandte mich meinem Quartier zu. Wie ich aber aus dem Hof kam, rissen zween Bauren vor mir eilends aus, ich ereilete sie leichtlich, weil ich sechs Füße und ein eben Feld hatte und rief sie an. Da erzählten sie mir, daß sie vermeinet hätten, ich wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem, ödem Edelhof wohne und Leute, die zu nahe kämen, elendiglich zu traktieren pflege. Aus Furcht vor dem Ungeheuer käme oft in vielen Jahren kein Mensch an diesen Ort. Die gemeine Sage ginge im Land, es wäre ein eiserner Trog voller Geldes darin, den ein schwarzer Hund hüte zusamt einer verfluchten Jungfer. Sollte aber ein fremder Edelmann, der weder seinen Vater noch seine Mutter kenne, ins Land kommen, so werde er die Jungfer erlösen, den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließen und das verborgene Geld davonbringen. Derlei alberne Fabeln erzählten sie mir noch viel. Ich fragte, was sie dann beide da gewollt hätten. Sie sagten, sie hätten einen Schuß samt einem lauten Schrei gehöret, da seien sie zugeloffen. Sie wollten viel Dings von mir wissen, und ich hätte ihnen sattsam Bären aufbinden können, aber ich konnte schweigen und ritt meines Wegs in mein Quartier. --
Diejenigen, die wissen, was Geld ist, und dahero solches vor ihren Gott halten, haben dessen nicht geringe Ursach, dann ist jemand in der Welt, der des Geldes Kräfte und beinahe göttliche Tugenden erfahren hat, so bin es ich: Ich weiß wie einem zu Mut ist, der einen ziemlichen Vorrat hat, und wie der gesinnet sei, der keinen einzigen Heller vermag. Kräftiger als alles Edelgestein ist Geld, dann es vertreibet die Melancholei wie der Diamant, es machet Lust und Beliebung zu den ~Studiis~ wie der Smaragd, darum werden gemeiniglich mehr reicher als armer Leute Kinder Studenten; es nimmt hinweg Forchtsamkeit, machet den Menschen fröhlich und glückselig wie der Rubin; oft ist es dem Schlafe hinderlich, wie die Granate; hingegen hat es auch eine große Kraft, die Ruhe und den Schlaf zu befördern, wie der Hyazinth; es stärket das Herz und machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild wie der Saphir und Amethyst; es vertreibet böse Träume, machet fröhlich, schärfet den Verstand und so man mit jemand zanket, machet es, daß man sieget wie der Sardonyx, vornehmlich wann man den Richter brav damit schmieret; es löschet die geile Begierden, weil man schöne Weiber um Geld kriegen kann. In Kürze, es ist nicht auszusprechen, was das liebe Geld vermag, wann man es nur richtig brauchen und anzulegen weiß.
Das meinige war seltsamer Natur, es machte mich hoffärtiger, es hinderte mir den Schlaf, es machte mich zu einem bekümmerten Rechenmeister, es machte mich geizig.
Einmal kam mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittieren, mich irgends hinsetzen und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster aussehen, dann gereuete mich aber wieder mein freies Soldatenleben und die Hoffnung, ein großer Hans zu werden. Oder verwünschete ich wiederum mein unvollkommen Alter und ich sagte zu mir selber, dann so nähmest du eine schöne, junge, reiche Frau und kauftest du irgendeinen adeligen Sitz und führtest ein geruhiges Leben. Allein ich war noch viel zu jung.
Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, der redete zu Zeiten sehr subtil und war etliche Wochen gar klug, hatte mich auch über alle Maßen lieb. Er warnete mich: »Liebster Sohn, schenkt euer Schindgeld, Gold und Silber hinweg!«
»Warum, mein lieber Jove?«
»Darum, damit Ihr Euch Freunde dadurch machet und Eurer unnützen Sorgen los werdet. Lasset die Schabhälse geizig sein. Haltet Euch, wie es einem jungen, wackeren Kerl zustehet!«
Ich dachte der Sache nach. Zuletzt verehrete ich dem Kommandanten ein paar silberner und vergöldter Duplet, meinem Hauptmann ein paar silberner Salzfässer, aber es wurde ihnen das Maul nach dem Übrigen nur wässeriger, weil es rare Antiquitäten waren. Meinem getreuen Spring-ins-Feld schenkte ich zwölf Reichstaler. Auch er riet mir, ich solle meinen Reichtum von mir tun, dann die Offizierer sähen nicht gern, daß der gemeine Mann mehr Geld hätte als sie. Auch wären etlich um Geldes halber heimlich ermordet worden. Es ginge um im ganzen Läger, und jeder mache den gefundenen Schatz größer, als er an sich selbst sei, er müsse oft hören, was unter den Burschen vor ein Gemürmel gehe. Er ließe Krieg Krieg sein, und setzte sich irgendwo in Sicherheit.
Ich sagte zu ihm: »Höre, Bruder, wie kann ich die Hoffnung auf mein Fähnlein so leicht in den Wind schlagen!«
»Hol mich dieser und jener, wann du ein Fähnlein bekommst. So die andern sehen, daß ein Fähnlein ledig, möchten sie tausendmal eh dir den Hals brechen helfen. Lerne mich nur keine Karpfen kennen, mein Vater war ein Fischer!«
Ich erwog diese und meines Jupiters Reden und bedachte, daß ich keinen einzigen angeborenen Freund hätte, der sich meiner in Nöten annehmen, oder meinen Tod rächen würde. -- Indem sich nun eben eine Gelegenheit präsentierte, daß ich mit hundert Dragonern, etlichen Kaufleuten und Güterwägen von Münster nach Köln convoieren mußte, packte ich meinen Schatz zusammen und übergab ihn einen von den vornehmsten Kaufleuten zu Köln gegen spezifizierte Handschrift aufzuheben. Meinen Jupiter brachte ich auch dahin, weil er in Köln ansehnliche Verwandte hatte, gegen die er meine Guttaten rühmete, daß sie mir viel Ehre erwiesen.
Das siebente Kapitel
Auf dem Zurückweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich ins Künftige halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen möchte, dann Spring-ins-Feld hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt und mich zu glauben persuadieret, als ob mich jedermann neide. Ich verwunderte mich, daß alle Welt so falsch sei, mir lauter gute Wort gebe und mich doch nicht liebe. Derowegen gedachte ich mich anzustellen wie die andern und zu reden, was jedem gefiele, auch jedem mit Ehrerbietung zu begegnen, obschon es mir nicht ums Herz wäre. Vornehmlich aber merkte ich klar, daß meine eigene Hoffart mich mit den meisten Feinden beladen hatte, deswegen wollte ich mich fürder demütig stellen, obschon ichs nicht sei, mit den gemeinen Kerlen wieder unten und oben liegen, vor den Höheren aber den Hut in Händen tragen, mich der Kleiderpracht enthalten, bis ich etwan meinen Stand änderte. Ich hatte mir von meinem Kaufmann in Köln hundert Taler geben lassen, dieselben gedachte ich unterwegs dem ~Convoi~ halb zu verspendieren. Solcher Gestalt war ich entschlossen, mich zu ändern und auf diesem Weg schon den Anfang zu machen. Ich machte aber die Zeche ohn dem Wirt.
Da wir durch das bergische Land passieren wollten, lauerten uns an einem sehr vortelhaften Ort 80 Feuerröhrer und 50 Reuter auf, eben als ich selbfünft mit einem Korporal geschickt ward voran zu reuten. Der Feind hielt sich still, als wir in seinen Halt kamen, ließ uns auch passieren, damit der ~Convoi~ nicht gewarnet würde, bis er auch in die Enge käme. Da wir den Hinterhalt merkten und umkehrten, gingen sie beiderseits los und fragten, ob wir Quartier wollten. Ich hatte mein bestes Roß unter mir, schwang mich herum auf eine kleine Ebene, zu sehen, ob da Ehre einzulegen sei, indessen hörete ich stracks an der Salve, welche die Unsrigen empfingen, was die Glocke geschlagen, trachtete derowegen nach der Flucht, aber ein Kornet hatte uns den Paß abgeschnitten. Indem ich mich durchhauen wollte, bot er mir, weil er mich vor einen Offizier ansahe, nochmals Quartier an, und ich besann mich, das Leben davon zu bringen.
Also präsentierte ich ihm den Degen. Er fragte mich, was ich vor einer sei, er sehe mich vor einen Edelmann und Offizier an. Da ich ihm antwortete, ich werde der Jäger von Soest genannt, sagte er: »Da hat Er gut Glück, daß Er uns nicht vor vier Wochen in die Hände geraten, dann zur selben Zeit hätte ich Ihm kein Quartier halten können, dieweil man Ihn bei uns vor einen offentlichen Zauberer gehalten hat.«
Dieser Kornet war ein tapferer, junger Kavalier, es freuete ihn trefflich, daß er die Ehre hatte, den berühmten Jäger gefangen zu haben, deswegen hielt er mir das versprochene Quartier sehr ehrlich und auf holländisch, deren Brauch ist, den gefangenen Feinden von dem, was der Gürtel beschleußt, nichts zu nehmen. Da es an ein Parten ging, sagete ich ihm heimlich, er sollte sehen, daß ihm mein Pferd, Sattel und Zeug zuteil würde, dann im Sattel dreißig Dukaten seien und das Pferd ohndas seinesgleichen schwerlich hätte. Davon ward mir der Kornet so hold, als ob ich sein leiblicher Bruder wäre, er saß auch gleich auf mein Pferd und ließ mich auf dem seinigen reuten.
Schweden und Hessen gingen noch am selbigen Abend in ihre unterschiedlichen Guarnisonen mit ihrer Beute und den Gefangenen. Mich und den Korporal samt noch dreien Dragonern behielt der Kornet und führet uns in eine Festung, die nicht gar zwei Meilen von unserer Guarnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan, war mein Name daselbst wohl bekannt, ich selber aber mehr geförcht als geliebt. Der Kornet schickte einen Reuter voran, dem Kommandanten zu verkünden, wie es abgeloffen und wen er gefangen brächte. Davon gab es ein Geläuf in der Stadt, das nit auszusagen, weil jeder den Jäger gern sehen wollte, und war nicht anders anzusehen, als ob ein großer Potentat seinen Einzug gehalten hätte.
Wir wurden zum Gewaltiger geführt, doch ward es dem Kornet erlaubt, uns zu gastieren, weil ich hiebevor meinen Gefangenen, darunter sich des Kornets Bruder befunden, auch solcher Gestalt diskret begegnet war. Da nun der Abend kam, fanden sich unterschiedlich Offizierer, sowohl Soldaten von Fortun, als geborenen Kavaliers ein, und ich ward, die Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert. Ich machte mich so lustig, als ob ich nichts verloren gehabt, und ließ mich so vertreulich und offenherzig vernehmen, als ob ich nicht in Feindeshand, sondern bei meinen besten Freunden wäre. Dabei beflisse ich mich der Bescheidenheit, dann ich konnte mir leicht einbilden, daß dem Kommandanten mein Verhalten notifiziert würde.
Den andern Tag wurden wir Gefangenen von dem Regimentsschulzen examiniert. Sobald ich in den Saal trat, verwunderte er sich über meine Jugend und sagte: »Mein Kind, was hat dir der Schwede getan, daß du wider ihn kriegest?«
Das verdroß mich, antwortete derhalben: »Die schwedischen Krieger haben mir meine Schnellküglein und mein Steckenpferd genommen, die wollte ich gern wieder haben.«
Da ich ihn so bezahlete, schämten sich seine beisitzenden Offizierer, maßen einer auf Latein sagte, er solle von ernstlichen Sachen mit mir reden, er hätte kein Kind vor sich, und ich merkte dabei, daß er Eusebius hieße. Darauf fragte er mich nach meinem Namen, und als ich ihn genannt, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, der ~Simplicissimus~ heißet.«
Ich antwortete, so sei auch vermutlich keiner in der Höllen, der Eusebius hieße, was aber von den Offizierern nicht am besten aufgenommen ward, dann sie erinnerten mich, daß ich ihr Gefangener sei und nicht scherzenshalber wäre hergeholet worden.
Ich ward dieses Verweises wegen darum nicht rot, bat auch nicht um Verzeihung, sondern gab zurück, weil sie mich vor einen Soldaten gefangen hielten und nicht vor ein Kind wieder laufen lassen würden, so hätte ich mich nicht versehen, als ein Kind gefoppt zu werden. Wie man mich gefraget, so hätte ich geantwortet.
Darauf ward ich um mein Vaterland, Herkommen, Geburt examiniert, vornehmlich aber ob ich auf schwedischer Seite gedienet hätte, ~item~ wie es in Soest beschaffen. Ich antwortete auf alles behend, wegen Soest und selbiger Guarnison aber soviel, als ich zu verantworten getrauet.
Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit dem ~Convoi~ abgeloffen, derhalben kam gleich am andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen. Dem wurden der Korporal und die andern drei ausgefolgt und ein Schreiben mitgegeben, das mir der Kommandant zu lesen überschickte.
»Monsieur etc. Auf Ihr Schreiben schicke ich gegen empfangene Ranzion den Korporal samt den übrigen drei Gefangenen. Was aber ~Simplicium~, den Jäger, anbelanget, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser Seite gedienet, nicht hinübergelassen werden. -- Kann ich aber dem Herren im übrigen außerhalb Herrenpflichten in etwas bedienet sein, so hat derselbe in mir einen willigen Diener, als der ich soweit bin und verbleibe dem Herren dienstwilliger
~N. de S. A.~«
Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb und ich mußte mich doch für die Mitteilung bedanken. Ich begehrete mit dem Kommandanten zu reden, bekam aber zur Antwort, daß er schon selbst nach mir schicken würde.
Das geschahe und mir widerfuhr das erste Mal die Ehre, an seiner Tafel zu sitzen. Solang man aß, ließ er mir mit dem Trunk zusprechen, gedachte aber weder klein noch groß von demjenigen, was er mit mir vorhatte. Demnach man abgegessen und nur ein ziemlicher Dummel aufgehängt war, sagte er: »Lieber Jäger, Ihr habet aus meinem Schreiben verstanden, unter was vor ein ~Prätext~ ich Euch hier behalte. Ich habe nichts vor, das wider ~Raison~ oder Kriegsbrauch wäre. Ihr habet selbst gestanden, daß Ihr hiebevor auf unserer Seite bei der Hauptarmee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren müssen, unter meinem Regiment Dienst zu nehmen. So will ich Euch mit der Zeit dergestalt accommodieren, dergleichen Ihr bei der kaiserlichen Armee nimmer hättet hoffen dörfen. Widrigen Falls ich Euch wieder demjenigen Obrist-Leutenant überschicke, welchen Euch die kaiserlichen Dragoner abgefangen haben.«
Ich antwortete: »Hochgeehrter Herr Obrister (dann damals war noch nicht Brauch, daß man Soldaten von Fortun »Ihr Gnaden« titulierte) ich hoffe, weil ich weder der Krone Schweden noch deren Konföderierten, viel weniger dem Obrist-Leutenant niemalen mit Eid verpflichtet, sondern nur ein Pferdejung gewesen, daß dannenhero ich nicht verbunden sei, schwedische Dienste anzunehmen und dadurch den Eid zu brechen, den ich dem römischen Kaiser geschworen, derowegen ich hochgeboren Herrn Obristen allergehorsamst bitte, er beliebe mich dieser Zumutung zu überheben.«
»Was, verachtet Ihr dann schwedische Dienste? Eh' ich Euch wieder nach Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, eh' will ich Euch einen andern Proceß weisen oder im Gefängnus verderben lassen.«
Ich erschrak zwar über diese Worte, gab mich aber doch nicht, sondern antwortete: Gott wolle mich vor solcher Verachtung sowohl als vor dem Meineid behüten. Im übrigen stünde ich in untertäniger Hoffnung, der Herr Obrist würde mich seiner weitgerühmten ~Discretion~ nach, wie einen Soldaten traktieren.
»Ja,« sagte er, »ich wüßte wohl, wie ich Euch traktieren könnte. Aber bedenkt Euch besser.«
Darauf ward ich wieder ins Stockhaus geführet und jedermann kann unschwer erachten, daß ich dieselbige Nacht nicht viel geschlafen.
Den Morgen aber kamen etliche Offizierer mit dem Kornet unter Schein, mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weis zu machen, als ob der Obrist gesinnet wäre, mir als einem Zauberer den Proceß machen zu lassen, sofern ich mich nicht anders bequemen würde. Wollten mich also erschröcken und sehen, was hinter mir stecke, weil ich mich aber meines guten Gewissens getröstete, nahm ich alles gar kaltsinnig an und redete nicht viel. Ich merkte wohl, daß es dem Obristen um nichts andres zu tun war, als daß er mich ungern in Soest sahe. Er konnte sich leicht einbilden, daß ich den Ort wohl nicht verlassen würde, weil ich meine Beförderung dort erhoffte, zwei schöne Pferde und sonst köstliche Sachen allda hatte.
Den folgenden Tag ließ er mich wieder zu sich kommen, und fragte, ob ich mich auf ein und anders resolviert hätte.
Ich antwortete: »Dies Herr Obrister, ist mein Entschluß, daß ich eh' sterben, als meineidig werden will. Wann aber mein hochgeboren Herr Obrister mich auf freien Fuß zu stellen und mit keinen Kriegsdiensten zu belegen belieben wird, so will ich dem Herrn Obristen mit Herz, Mund und Hand versprechen, in sechs Monaten keine Waffen wider Schwed- und Hessische zu tragen.«
Solches ließ er sich stracks gefallen, bot mir die Hand und schenkte mir zugleich die Ranzion, befahl auch dem ~Secretär~, daß er einen Revers ~in duplo~ aufsetze, den wir beide unterschrieben. Ich reversierte neben obigem Punkte, nichts Nachteiliges wider die Guarnison und ihren Kommandanten praktizieren noch etwas zu Nachteil und Schaden zu unternehmen, sondern deren Nutzen und Frommen zu fördern und dieselbe defendieren zu helfen.
Hierauf behielt er mich wieder bei dem Mittagsimbiß und tät mir mehr Ehre an, als ich von den Kaiserlichen mein Lebtag hätte hoffen dörfen.
Das achte Kapitel
Ich hatte in Soest einen Knecht, der war mir über alle Maßen getreu, weil ich ihm viel Gutes tät. Dahero sattelte er meine Pferde und ritt dem Trommelschlager, der mich abholen sollte, ein gut Stück Weges von Soest entgegen. Er begegnete ihm mit den Gefangenen und hatte mein bestes Kleid aufgepackt, dann er vermeinete, ich wäre ausgezogen worden. Da er mich aber nicht sahe, sondern vernahm, daß ich bei dem Gegenteil Dienste anzunehmen aufgehalten werde, gab er den Pferden die Sporen und sagte: »Adieu Tampour und Ihr, Korporal, wo mein Herr ist, da will ich auch sein.«
Ging also durch und kam zu mir, eben als mich der Kommandant ledig gesprochen hatte und mir große Ehre antät. Der priese mich glücklich, wegen meines Knechtes Treue, verwunderte sich auch, daß ein so junger Kerl wie ich, so schöne Pferde vermögen und so wohl montiert sein sollte. Lobte auch das eine Pferd so trefflich, daß ich gleich merkte, er hätte mirs gerne abgekauft. Weil er es mir aber aus ~Discretion~ nicht feil machte, sagte ich, wann ich die Ehre begehren dörfte, daß ers von meinetwegen behalten wollte, so stünde es zu seinen Diensten. Er schlugs aber rund ab, dieweil ich einen ziemlichen Rausch hatte, und er die Nachrede scheute, daß er einem Trunkenen etwas abgeschwätzt, so dem vielleicht nüchtern reuen möchte, also daß er des edlen Pferdes gern gemangelt.
Des Morgens frühe anatomierte ich meinen Sattel und ließ mein bestes Pferd vor des Obristen Quartier bringen. Ich sagte ihm, er wolle belieben gegenwärtigen Soldatenklepper einen Platz unter den seinigen zu gönnen, indem mir mein Pferd allhier nichts nütz, und solches von mir als Zeichen dankbarer Erkanntnus vor empfangene Gnaden unschwer annehmen. Der Obrister bedankte sich mit großer Höflichkeit und sehr courtoisen Offerten, schickte mir auch denselbigen Nachmittag seinen Hofmeister mit einem gemästeten lebendigen Ochsen, zwei fetten Schweinen, einer Tonne Wein, vier Tonnen Bier, zwölf Fuder Brennholz, welches er mir vor mein neu Losament, das mir mein Knecht erkundet und ich auf ein Halbjahr bestellet hatte, bringen und sagen ließ, weil er sich leicht einbilden könnte, es sei im Anfang vor mich mit Viktualien schlecht bestellet, so schicke er mir zur Haussteuer eben einen Trunk, ein Stück Fleisch mitsamt dem Kochholz. Ich bedankte mich so höflich als ich konnte, verehrete dem Hofmeister zwo Dukaten und bat ihn, mich seinem Herrn bestens zu rekommendieren.
Ich gedachte mir aber auch durch meinen Knecht bei dem gemeinen Mann ein gutes Lob zu machen, damit man mich vor keinen kahlen Bernheuter hielte. Ließ derowegen in Gegenwart meines Hauswirtes meinen Knecht vor mich kommen, zu demselben sagte ich:
»Lieber Niklas, du hast mir mehr Treue erwiesen, als ein Herr seinem Knecht zumuten darf, nun aber, da ich selbst keinen Herren habe, daß ich etwas erobern könnte, dich zu belohnen, so gedenke ich keinen Knecht mehr zu halten. Ich gebe dir hiemit vor deinen Lohn das andere Pferd, samt Sattel-Zeug und Pistolen, mit Bitte, du wollest damit vorlieb nehmen und dir vor diesmal einen andern Herren suchen. Kann ich dir ins Künftige in etwas bedienet sein, so magst du jederzeit mich darum ersuchen.«
Hierauf küßte er mir die Hände und konnte vor Weinen schier nicht reden, wollte auch durchaus das Pferd nicht haben bis ich ihm versprochen, ihn wieder in Dienst zu nehmen, sobald ich jemand brauche.