Der abenteuerliche Simplicissimus
Part 11
Von unsrer Lägerstatt ging feldwärts eine Wasserrunze in einer Klämme hinunter. Deren Ausgang besatzte ich mit zwenzig Mann, nahm auch selbst meinen Stand bei ihnen, ließ aber Spring-ins-Feld zurück. Ich befahl meinen Burschen, wann der ~Convoi~ hinkomme, daß jeder seinen Mann gewiß nehmen sollte, und sagte auch jedem, wer Feuer geben und wer seinen Schuß im Rohr zum Vorrat zu behalten habe. Etliche verwunderten sich, ob ich wohl vermeine, daß die Reuter an einen Ort kommen werden, wo sie nichts zu tun hätten und dahin wohl hundert Jahr kein Baur gekommen sei. Aber ich brauchte keine Teufelskunst, sondern nur Spring-ins-Feld, dann als der ~Convoi~, welcher ziemlich Ordnung hielt, ~recte~ gegen uns über vorbeipassieren wollte, fing Spring-ins-Feld so schröcklich an zu brüllen wie ein Ochs und zu wiehern wie ein Pferd, daß der ganze Wald widerhallte. Der ~Convoi~ hörets, gedachte Beute zu machen und etwas zu erschnappen, sie ritten sämtlich so geschwind und unordentlich in unsern Halt, als wann ein jeder der erste hätte sein wollen, die beste Schlappe zu holen. Gleich im ersten Willkommen wurden dreizehn Sättel geleeret und sonst noch etliche aus ihnen gequetscht. Hierauf schrie Spring-ins-Feld: »Jäger hierher!« -- davon die Kerl noch mehr erschröckt und irre wurden. Ich bekam sie alle siebzehn und spannte vierundzwenzig Pferde aus. Doch hatten sich die Fuhrleute zu Pferd aus dem Staub gemacht. Wir packten auf, dorften uns aber nicht viel Zeit nehmen, die Wägen recht zu durchsuchen.
Mein Jupiter lief aus dem Wald und schrie uns nach, bis ich ihn hinten aufsetzen ließ, dann er nicht besser reuten konnte als eine Nuß.
Also brachte ich meine Beute und Gefangenen den andern Morgen glücklich nach Soest und bekam mehr Ehre und Ruhm von dieser Partei, als zuvor nimmer. Jeder sagete: »Dies gibt wieder einen Johann de Werdt!« welches mich trefflich kützelte.
Das vierte Kapitel
Meines Jupiter konnte ich nicht los werden, dann der Kommandant begehrete ihn nicht, weil nichts an ihm zu rupfen war, sondern sagte, er wollte ihn mir schenken. Also bekam ich einen eigenen Narren und dorfte mir keinen kaufen. Kurz zuvor tribuliereten mich die Läuse, und jetzt hatte ich den Gott der Flöhe in meiner Gewalt. Es war noch kein Jahr vergangen, da mir die Buben nachliefen, und jetzt vernarreten sich die Mägdlein aus Liebe gegen mich. Vor einem halben Jahr dienete ich einem schlechten Dragoner, jetzt nannten mich zween Knechte ihren Herrn. O wunderliche Welt, darinnen nichts Beständigeres ist als die Unbeständigkeit!
Damals zog der Graf von der Wahl als Obrister-Gubernator des westfälischen Kreises aus allen Guarnisonen einige Völker zusammen, eine Cavalcade durchs Stift Münster zu tun, vornehmlich aber zwo Kompagnien hessischer Reuter im Stift Paderborn auszuheben, die den Unsrigen daselbsten viel Dampfs antäten. Ich ward unter unsern Dragonern mitkommandiert. Und als sie einzige Truppen zum Ham gesammlet, gingen wir schnell vor und berannten gemeldter Reuter Quartier, ein schlecht verwahrtes Städtlein, ehe die Unsrigen kamen. Sie unterstunden durchzugehen, wir aber jagten sie wieder zurück in ihr Nest. Es ward ihnen angeboten, ohne Pferd und Gewehr, jedoch mit dem was der Gürtel beschließe zu passieren, sie aber wollten sich nicht darzu verstehen, sondern sich mit ihren Karabinern wie Musketierer wehren. Also kam es, daß ich noch dieselbe Nacht probieren mußte, was ich vor Glück im Stürmen hätte. Wir leerten die Gassen bald, weil niedergemacht ward, was sich im Gewehr befand, und weil sich die Bürger nicht hatten wehren wollen. Also ging es mit uns in die Häuser. Spring-ins-Feld sagte: »Wir müssen ein Haus vornehmen, vor welchem ein großer Haufen Mist liegt, dann darin sitzen reiche Kauzen.«
Darauf griffen wir ein solches an, Spring-ins-Feld visitierte den Stall, ich aber das Haus mit Abrede, daß jeder mit dem andern parten sollte. Also zündete jeder seinen Wachsstock an. Ich rief nach dem Hausvater, kriegte aber keine Antwort, geriet indessen in eine Kammer und fand dort nichts, als ein leer Bett und eine beschlossene Truhe. Die hämmerte ich auf in der Hoffnung, etwas Kostbares zu finden. Aber da ich den Deckel auftät, richtete sich ein kohlschwarzes Ding gegen mich auf, welches ich vor den Lucifer selbst ansahe.
Ich kann schwören, daß ich mein Lebtag nie so erschrocken bin, als eben damals, da ich diesen schwarzen Teufel so unversehens erblickte. »Daß dich der Donner schlag,« rief ich gleichwohl in solchem Schröcken und zuckte mein Äxtlein, hatte doch das Herz nicht, ihms in den Kopf zu hauen.
»Min leve Heer, ick bidde ju doer Gott, schinkt mi min Levend!«
Da hörete ich erst, daß es kein Teufel war, befahl ihm aus der Truhe zu steigen und er stand vor mir in seiner Schwärze, nackend wie ihn Gott geschaffen hatte, ein Mohr. Ich schnitt ein Stück von meinem Wachsstock, gabs ihm zu leuchten und er führete mich in ein Stüblein, da ich den Hausvater fand, der samt seinem Gesind dies lustige Spektakul ansahe und mit Zittern um Gnade bat. Er händigte mir eines Rittmeisters Bagage, darunter ein ziemlich wohlgespickt, verschlossen Felleisen war, ein, mit Bericht, daß der Rittmeister und seine Leute bis auf gegenwärtigen Mohren sich zu wehren auf ihre Posten gegangen wären. Inzwischen hatte Spring-ins-Feld sechs schöne gesattelte Pferde im Stall erwischt.
Als hernach die Tore geöffnet, die Posten besetzt und unser General-Feldzeugmeister Herr Graf von der Wahl eingelassen ward, nahm er sein Logiment in ebendemselben Hause, darum mußten wir bei finsterer Nacht ein ander Quartier suchen. Wir fanden eines und brachten den Rest der Nacht mit Fressen und Saufen zu. Ich bekam vor mein Teil den Mohren, die zwei besten Pferde, darunter ein spanisches war, auf welchen ein Soldat sich gegen sein Gegenteil dorfte sehen lassen, mit den ich nachgehends nicht wenig prangte. Aus dem Felleisen aber kriegte ich unterschiedliche köstliche Ringe und in einer göldenen Kapsel mit Rubinen besetzt des Prinzen von Uranien Conterfait, kam also mit Pferden und allem über zwei hundert Dukaten. Vor den Mohren, der mich am aller saursten ankommen war, ward mir von General-Feldzeugmeister, als welchem ich ihn präsentierte, nicht mehr als zwei Dutzend Taler verehret.
Als wir demnach Recklinghausen zu kamen, nahm ich Erlaubnis, mit Spring-ins-Feld meinem Pfaffen zuzusprechen, mit dem ich mich lustig macht, da ich ihm erzählete, daß mir der Mohr den Schröcken, den er und seine Köchin neulich empfunden, wieder eingetränkt hätte. Ich verehrete ihm auch eine schöne schlagende Halsuhr zum freundlichen ~Valete~.
Meine Hoffart vermehrete sich mit meinem Glück, daraus endlich nichts andres als mein Fall erfolgen konnte.
Ungefähr eine halbe Stunde von Rehnen kampierten wir und erhielten Erlaubnus, in demselben Städtlein etwas an unserm Gewehr flicken zu lassen. Unser Meinung war, sich einmal rechtschaffen miteinander lustig zu machen. Also kehreten wir im besten Wirtshaus ein und ließen Spielleute kommen, die uns Wein und Bier hinuntergeigen mußten. Da ging es ~in floribus~ her und blieb nichts unterwegen, was nur dem Geld wehe tun möchte. Ich stellete mich nicht anders als wie ein junger Prinz, der Land und Leute vermag und alle Jahre ein groß Geld zu verzehren hat. Dahero ward uns besser als einer Gesellschaft Reuter aufgewartet, die gleichfalls dort zehrete. Das verdroß sie und fingen an mit uns zu kipplen.
»Woher kommts, daß diese Stieglhupfer ihre Heller so weisen?« Dann sie hielten uns vor Musketierer, maßen kein Tier in der Welt ist, das einem Musketierer ähnlicher siehet, als ein Dragoner, und wann ein Dragoner vom Pferd fällt, so stehet ein Musketierer wieder auf.
Ein anderer Reuter meinete: »Jener Jüngling ist gewiß ein Strohjunker, dem seine Mutter etliche Milchpfennige geschicket, die er jetzo spendiert, damit ihm künftig irgendswo seine Kameraden aus dem Dreck oder etwan durch den Graben tragen sollen.«
Solches ward mir durch die Kellerin hinterbracht. Weil ichs aber nicht selbst gehört, konnte ich anders nichts darzu tun, als daß ich ein groß Bierglas mit Wein einschenken und solches auf Gesundheit aller rechtschaffenen Musketierer herumgehen, auch jedesmal solchen Alarm darzu machen ließ, daß keiner sein eigen Wort hören konnte. Das verdroß sie noch mehr, derowegen sagten sie offentlich:
»Was Teufels haben doch die Stiegelhüpfer vor ein Leben!«
Spring-ins-Feld antwortete: »Was gehts die Stiefelschmierer an?« -- Das ging ihm hin, dann er sahe so gräßlich drein und machte so grausame und bedrohliche Mienen, daß sich keiner an ihm reiben dorfte.
Doch stieß es ihnen wieder auf, und zwar einem ansehnlichen Kerl, der sagte: »Wann sich die Maurenhofierer auf ihrem Mist (er vermeinte, wir lägen in Guarnison stille) nicht so breit machen dörften, wo wollten sie sich sonst sehen lassen? Man weiß ja wohl, daß jeder in offener Feldschlacht unser Raub sein muß.«
Ich antwortete: »Wir nehmen Städt und Festungen ein und verwahren sie, dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringsten Rattennest keinen Hund aus dem Ofen locken könnet. Warum sollten wir uns dann in den Städten nicht dörfen lustig machen?«
Der Reuter gab dawider: »Wer Meister im Felde ist, dem folgen die Festungen. Daß wir aber die Feldschlachten gewinnen müssen, folget aus dem, daß ich so drei Kinder, wie du eins bist, mitsamt ihren Musketen nicht allein nicht förchte, sondern ein Paar davon auf dem Hut stecken und den dritten erst fragen wollte, wo seiner noch mehr wären. Und säße ich bei dir, so wollte ich dem Junker zur Bestätigung ein paar Tachteln geben.«
Ich antwortete: »Ich vermein ein Paar so guter Pistolen zu haben als du, wiewohl ich kein Reuter, sondern nur ein Zwitter zwischen ihnen und den Musketierern bin. Schau, so hab ich Kind ein Herz, mit meiner Musketen allein einen solchen Prahler zu Pferd, wie du einer bist, gegen all sein Gewehr im freien Feld zu Fuß zu begegnen.«
»Ach, du Kujon,« rief der andere, »ich halte dich vor einen Schelmen, wann du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine Kraft gibst.«
Hierauf warf ich ihm einen Handschuh zu.
Wir zahleten den Wirt und der Reuter machte Karabiner und Pistolen, ich aber meine Muskete fertig, und da er mit seinen Kameraden vor uns an den bestimmten Ort ritt, sagte er zu Spring-ins-Feld, er solle mir allgemach das Grab bestellen. Ich lachte hingegen, weil ich mich vorlängst besonnen hatte, wie ich einem wohlmontierten Reuter begegnen müßte, wann ich einmal zu Fuß mit meiner Musketen allein im weiten Felde stünde.
Da wir nun an den Ort kamen, wo der Betteltanz angehen sollte, hatte ich meine Musketen bereits mit zweien Kugeln geladen, frisch Zündkraut aufgerührt und den Deckel auf der Zündpfanne mit Unschlitt verschmiert, wie vorsichtige Musketierer zu tun pflegen, wann sie Zündloch und Pulver auf der Pfanne vor Regenwetter verwahren wollen.
Eh wir nun aufeinander gingen, bedingten beiderseits die Kameraden, daß wir uns im freien Felde angreifen und zu solchem End der eine von Ost, der andre von West in ein umzäuntes Feld eintreten sollten, dann möge jeder sein Bestes gegen den andern tun. Keiner von den Parteien sollte sich unterstehen, seinem Kameraden zu helfen, noch dessen Tod oder Beschädigung zu rächen.
So gaben ich und mein Gegner einander die Hände und verziehen je einer dem andern seinen Tod, unter welcher allerunsinnigsten Torheit, die je ein vernünftiger Mensch begehen kann, ein jeder hoffte seiner Gattung Soldaten das ~Prae~ zu erhalten, gleichsam als ob des einen oder andern Teil Ehre und Reputation an dem Ausgang unseres trefflichen Beginnens gelegen gewesen wäre.
Ich trat mit doppelt brennender Lunte in angeregtes Feld, stellte mich, als ob ich das alte Zündkraut im Gang abschütte, ich täts aber nicht, sondern rührete nur Zündpulver auf den Deckel meiner Pfannen, bließ ab und paßte mit zween Fingern auf der Pfanne auf, wie bräuchlich ist. Eh ich noch meinem Gegenteil, der mich wohl im Gesicht hielt, das Weiße in Augen sehen konnte, schlug ich auf ihn an und brannte mein falsch Zündkraut auf dem Deckel vergeblich hinweg. Mein Gegner vermeinte, die Muskete hätte mir versagt, und das Zündloch wäre mir verstopft, sprengte dahero mit einer Pistole in der Hand gar zu gierig ~recte~ auf mich dar. Aber eh er sichs versah, hatte ich die Pfanne offen und wieder angeschlagen, hieß ihn auch dergestalt willkommen, daß Knall und Fall eins war.
Ich retirierte mich hierauf zu meinen Kameraden, die mich gleichsam küssend empfingen. Die seinigen entledigten ihn aus den Steigbügeln und täten gegen ihn und uns wie redliche Kerle, maßen sie mir auch meinen Handschuh mit großem Lob wiederschickten.
Aber da ich meine Ehre am größten zu sein schätzte, kamen fünfundzwenzig Musketierer aus Rehnen, welche mich und meine Kameraden gefangen nahmen. Ich zwar ward alsbald in Ketten und Banden geschlossen und der Generalität überschickt, weil alle Duell bei Leib- und Lebensstrafe verboten waren.
Das fünfte Kapitel
Demnach unser General-Feldzeugmeister strenge Kriegsdisziplin zu halten pflegte, besorgte ich, meinen Kopf zu verlieren. Meine Hoffnung stund auf dem großen Ruf und Namen meiner Tapferkeit, so ich in blühender Jugend durch Wohlverhalten erworben, doch war ich ungewiß, weil dergleichen tägliche Händel erforderten ein ~Exemplum~ zu statuieren.
Die Unsrigen hatten damals ein festes Rattennest berannt, waren aber abgeschlagen, da der Feind wußte, daß wir kein grob Geschütz führten. Derowegen ruckte unser Graf von der Wahl mit dem ganzen ~Corpo~ vor besagten Ort, begehrete durch einen Trompeter abermal die Übergabe, drohete zu stürmen. Es erfolgte aber nichts als ein Schreiben:
»Hochwohlgeborener Graf etc. wissen dero hohen Vernunft nach, wie übelanständig, ja unverantwortlich es einem Soldaten fallen würde, wenn er einen so festen Ort dem Gegenteil ohn sonderbare Not einhändigte. Weswegen Eure Hochgräfliche Exzellenz mir dann hoffentlich nicht verdenken werden, wann ich mich befleißige zu verharren, bis die Waffen Eurer Exzellenz dem Orte zugesprochen. Kann aber meine Wenigkeit dero außerhalb Herrendiensten in ichtwas zu gehorsamen die Gelegenheit haben, so werde ich sein Eurer Exzellenz allerdienstwilligster Diener
N. N.«
Den Ort liegen zu lassen war nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse hätte viel Blut gekostet und wäre doch noch mißlich gestanden, ob mans übermeistert hätte. Die Stücke und alles Zugehör von Münster und Ham herzuholen, da wäre viel Mühe, Zeit und Unkosten darauf geloffen. Indem man bei Groß und Klein ratschlagte, fiel mir ein, ich sollte mir diese Occasion zu Nutz machen, um mich zu erledigen. Ich ließ meinen Obrist-Leutenant wissen, daß ich Anschläge hätte, durch welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre, wann ich nur Pardon erlangen und wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte. Da lachten etliche: wer hangt, der langt! Andere, die mich kannten, auch der Obrist-Leutenant selbst glaubten mir, weswegen er sich in eigener Person an den General-Feldzeugmeister wandte. Der hatte hiebevor auch vom Jäger gehöret, ließ mich holen und solange meiner Bande entledigen. Als er mich fragte, was mein Anbringen wäre, antwortete ich:
»Gnädiger Herr etc., obzwar mein Verbrechen und Eurer Exzellenz rechtmäßig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so heißet mich doch meine alleruntertänigste Treue, die ich dero römischen kaiserlichen Majestät meinem allergnädigsten Herrn bis in den Tod zu leisten schuldig bin, dem Feind einen Abbruch zu tun und erstallerhöchst gedachter römischer kaiserlicher Majestät Nutzen und Kriegswaffen zu befördern ...«
Der Graf fiel mir in meine allerschönste Rede: »Hast du mir nicht neulich den Mohren gebracht?«
»Ja, gnädiger Herr.«
»Wohl, dein Fleiß und Treue möchten vielleicht meritieren, dir das Leben zu schenken. Was hast du aber vor einen Anschlag?«
»Weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine Wenigkeit davor, der Feind werde bald accordieren, wann er nur eigentlich glaubte, daß wir Stücke bei uns haben.«
»Das hätte mir wohl ein Narr gesagt,« fiel der Graf ein. »Wer wird sie aber überreden, solches zu gläuben?«
»Ihre eigenen Augen. Ich habe ihre hohe Wacht mit meinem Perspektiv gesehen. Die kann man betrügen, wann man nur etliche Holzblöcke, den Brunnenrohren gleich, auf Wägen ladet, dieselben mit großem Gespann in das Feld führet und hiebevor ein Stückfundament aufwerfen lässet.«
»Mein liebes Bürschchen, es seind keine Kinder darin. Die werden die Stück auch hören wollen, und wann der Posse dann nicht angeht, so werden wir von aller Welt verspottet.«
»Gnädiger Herr, ich will schon Stücke in ihre Ohren lassen klingen, wann ich nur ein paar Doppelhacken und ein ziemlich groß Faß haben kann. Sollte man aber wider Verhoffen nur Spott daraus erlangen, so werde ich, der Erfinder, denselben mit meinem Leben aufheben.«
Obzwar nun der Graf nicht dran wollte, so persuadierte ihn jedoch mein Obrist-Leutenant dahin, daß er sagte, ich sei in dergleichen Sachen glückselig. Der Graf willigte endlich ein und meinte im Scherz zu ihm, die Ehre so er damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen.
Also wurden drei Blöcke zuwegen gebracht und vor jeden vierundzwenzig Pferde gespannt, die führeten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht, dreien Doppelhacken gab ich zweifache Ladung, die ließ ich durch ein Stückfaß losgehen, gleich ob es drei Losungsschüsse hätten sein sollen. Das donnerte dermaßen, daß jedermann Stein und Bein geschworen hätte, es wären Quartierschlangen oder halbe Kartaunen. Unser General-Feldzeugmeister mußte der Gugelfuhre lachen und ließ dem Feind abermals einen Accord anbieten mit Anhang, wann sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden, daß es ihnen morgen nicht mehr so gut werden sollte.
Darauf wurden alsbald beiderseits Geißeln geschickt, der Accord geschlossen und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben. -- Das kam mir trefflich gut, dann der Graf schenkte mir nicht allein das Leben und ließ mich noch selbige Nacht auf freien Fuß stellen, sondern er befahl dem Obrist-Leutenant in meiner Gegenwart, daß er mir das erste Fähnlein, so ledig würde, geben sollte. Das kam dem Obrist-Leutenant ungelegen, dann er hatte der Vettern und Schwäger so viel.
Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich so stattliche Hoffnungen hatte, und gesellete mich allgemach zu den Offizierern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten, was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete. Sie waren deswegen meine ärgsten Feinde und stelleten sich doch als meine besten Freunde gegen mich. So war mir der Obrist-Leutenant nicht gar grün, weil er mich vor seinen Verwandten hätte befördern sollen. Mein Hauptmann war mir abhold, dann ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel prächtiger hielt als er. Also hassete mich auch mein Leutenant wegen eines einzigen Wortes halber, das ich neulich unbedachtsam hatte laufen lassen. Wir waren miteinander in der letzten Cavalcada kommandiert, eine gleichsam verlorene Wacht zu halten. Als nun die Schildwacht an mir war, kroch der Leutenant auch auf dem Bauch zu mir und sagete: »Schildwacht, merkst du was?« Ich antwortete: »Ja, Herr Leutenant.« -- »Was da! Was da!« sagte er. -- »Ich merke, daß sich der Herr förchtet.« Von dieser Zeit an hatte ich keine Gunst mehr bei ihm, und wo es am ungeheuersten war, ward ich zum ersten hinkommandiert. Nicht weniger feindeten mich die Feldwaibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen ward. Was aber gemeine Knechte waren, die fingen auch an in ihrer Liebe und Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie verachte, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern zu den großen Hansen gesellete. Ich lebte eben dahin wie ein Blinder in aller Sicherheit und ward je länger, je hoffärtiger.
Ich scheuete mich nicht einen Koller von sechzig Reichstalern, rote scharlachene Hosen und weiße atlassene Ärmel, überall mit Gold und Silber verbrämt, zu tragen, welche Tracht damals den höchsten Offizierern anstund. Ich war ein schröcklich junger Narr, daß ich den Hasen so laufen ließ, dann hätte ich mich anders gehalten und das Geld, das ich so unnützlich an den Leib hing, an gehörige Ort und Ende verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen, sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht.
Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich nicht als Edelmann wußte, damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Livrei hätte kleiden können. Und ich gedachte, alle Dinge hätten ihren Anfang -- wann du ein Wappen hast, so hast du schon ein eigne Livrei, und wann du Fähnrich wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wannschon du kein Junker bist. Ich ließ mir also durch einen ~Comitem Palatinum~ ein Wappen geben. Das waren drei rote Larven in einem weißen Feld und auf dem Helm das Brustbild eines jungen Narren in kälbernem Habit mit ein Paar Eselsohren, vorn mit Schellen gezieret. Und dünket mich wahrlich schon jetzt keine Sau zu sein. So mich jemand damit hätte foppen wollen, so wären ihm ohn Zweifel Degen und ein Paar Pistolen präsentieret worden.
Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wann sie irgends Jungfern besuchten, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren, Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß gestehen, daß ich andern vorgezogen wurde, aber auch, daß verwöhnte Schleppsäcke mich einem wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre. Ich sagte, so man mich der holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstach, daß mirs genug sei, wann ich noch zur Zeit meine Freude an einem blanken Degen und einer guten Muskete hätte. Die Frauenzimmer billigten auch solche Reden, da keiner war, der das Herz hatte, mich heraus zu fordern oder Ursach zu ein Paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindlichen Worten zu geben, zu denen ich mich bereit zeigte.
Das sechste Kapitel
Wann ich so durch die Gassen daherprangete und mein Pferd unter mir tanzte, da sagte das alberne Volk wohl: »Sehet, das ist der Jäger! Min God, wat vor en prave Kerl is nu dat!« Ich spitzte die Ohren gewaltig und ließ mirs gar sanft tun. Aber ich Narr hörete meine Mißgönner nicht, die mir ohn Zweifel wünschten, daß ich Hals und Bein bräche. Verständige Leute hielten mich gewißlich vor einen jungen Lappen, dessen Hoffart notwendig nicht lang dauern würde.