Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 10

Chapter 103,749 wordsPublic domain

Wann ich nicht auf Partei dorfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, und dann war kein Stall vor mir sicher. Rindviehe und Pferden wußte ich Stiefel und Schuhe anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straße brachte. Die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber nicht reisen mögen, wußte ich meisterlich fort zu bringen, wann sie schon grunzten und nicht daran wollten. Ich machte ihnen mit Mehl und Wasser einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Badeschwamm in sich saufen, an welchen ich einen starken Bindfaden gebunden hatte. Ließ nachgehends diejenigen, um welche ich buhlete, den Schwamm voll Mus fressen und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne Wortwechsel geduldig mitgingen und mir die Zeche mit Schinken und Würsten bezahleten.

Was ich brachte, teilete ich sowohl den Offizierern als meinen Kameraden getreulich mit. Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut darzu zu sein, daß ich die Armen bestehlen, Hühner fangen oder andere geringe Sachen hätte mausen sollen.

Dahero fing ich an nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikuräisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedels Lehren vergessen und niemand hatte, der meine Jugend regierte. Meine Offizierer schmarotzten bei mir und reizten mich viel mehr zu allen Lastern, wo sie mich hätten strafen und abmahnen sollen. So ward ich endlich gottlos und verrucht, daß mir kein Schelmstück zu groß schien, und zuletzt auch heimlich beneidet, beides: von Kameraden und Offizieren, da ich mir einen größeren Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten.

Während ich im Begriffe stund, mir einige Teufelslarven und darzugehörige Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen, vermittels deren ich Freund und Feind in Schröcken setzen könnte, bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werle aufhielte, welcher ein trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lasse und hin und her auf dem Land, sonderlich bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübe, maßen dahero gräuliche Klagen auf mich einkamen. Solches gedachte ich ihm nicht zu schenken, weit weniger zu leiden, daß er sich länger meines Namens bediene. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in Soest auf Degen und Pistolen ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß ich mich an ihm revangieren wollte, so ich ihn auf Partei ertappte, werde er von mir als Feind traktiert werden. Darauf verbrannte ich in Soest vor meinem Quartier offentlich meine ganze grüne Kleidung, unangesehen, daß sie über hundert Dukaten wert war, und fluchte in solcher Wut noch darüber hin, daß der nächste, der mich mehr »Jäger« nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und sollte es auch meinen Hals kosten. Ich wollte auch keine Partei mehr führen, ich hätte mich zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen.

Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, davon wurden die Parteien vom Gegenteil so kühn und sicher, daß sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen. Was mir aber gar zu unleidlich viel war, daß der Jäger von Werle noch immer fortfuhr sich vor mich auszugeben.

Indessen jedermann meinete, ich läge auf der Bernhaut, kündigte ich meines Gegenteils von Werle Tun und Lassen aus und machte meinen Anschlag darauf. Meine beiden Knechte, sonderlich Spring-ins-Feld, hatte ich nach und nach abgerichtet wie die Wachtelhunde. Davon schickte ich den einen nach Werle zu meinem Gegenteil. Der wandte vor, daß ich nunmehr anfinge zu leben, wie ein anderer Kujon und verschworen hätte nimmer auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr bei mir bleiben mögen. Er wisse alle Wege und Stege im Lande und könne manchen Anschlag geben, gute Beute zu machen. Der einfältige Narr von Werle glaubte meinem Knecht und nahm ihn an. So bekam ich Wind, daß sie in einer bestimmten Nacht auf eine Schäferei zuhielten, etliche fette Hämmel zu holen. Ich bestach den Schäfer, daß er seine Hunde anbinden und die Ankömmlinge unverhindert in die Scheuer minieren lassen sollte, so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Indessen paßte ich und Spring-ins-Feld mit einem andern Knecht auf, die ich hiebevor beide mit meinen Teufelslarven und Kleidern wohl ausstaffieret.

Da nun der Jäger von Werle und sein Knecht ein Loch durch die Wand gegraben hatten, wollte der Jäger haben, daß der Knecht zum erstenmal hineinschliefe. Der aber sagte: »Ich sehe wohl, daß Ihr nicht mausen könnt, man muß zuvor visieren, ob Bläsi zu Hause sei oder nicht.«

Er zog hierauf seinen Degen und hing den Hut an die Spitze, stieß etliche Male durchs Loch. Als solches geschehen, kroch der Jäger als erster hinein, aber Spring-ins-Feld erwischte ihn gleich bei der Degenhand. Da hörete ich, daß sein anderer Gesell durchgehen wollte, und weil ich nicht wußte, welches der Jäger sei, eilete ich nach und ertappte ihn.

»Was Volks?« -- »Kaiserisch.« -- »Was Regiments, ich bin auch kaiserisch, ein Schelm, der seinen Herrn verleugnet!« -- »Wir seind von den Dragonern von Soest,« sagte er, »Bruder, ich hoffe, Ihr werdet uns passieren lassen.« -- »Wer seid Ihr dann aus Soest.« -- »Mein Kamerad, den Ihr im Stall ertappet, ist der Jäger.« -- »Schelmen seid ihr! Warum plündert ihr dann euer eigen Quartier, der Jäger von Soest ist so kein Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« -- »Ach, von Wörle wollt ich sagen,« antwortete er mir.

Indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Spring-ins-Feld mit meinem Gegenteil auch daher.

»Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? Wann ich kaiserliche Waffen nicht respektierte, so wollte ich dir gleich eine Kugel durch den Kopf jagen. Ich bin der Jäger von Soest und du bist ein Schelm, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst und den andern auf Soldatenmanier mit mir missest.«

Indem legte Spring-ins-Feld uns zwei gleiche Degen vor die Füße. Der arme Jäger erschrak so gewaltig, daß er seine Hosen verderbte, davon schier niemand bei ihm bleiben konnte. Er und sein Kamerad zitterten wie nasse Hunde, sie fielen auf die Knie und baten um Gnade. Aber Spring-ins-Feld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus: »Du mußt einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« -- »Ach, hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht des Raufens halber herkommen! Der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun, was du willst.«

Mein Knecht zwang ihm den Degen in die Hand, er zitterte aber so, daß er ihn nicht halten konnte. Der Schäfer kam herbei und stellte sich, als ob er von den beiden Teufeln nichts sähe, er fragte mich, was ich mit diesen beiden Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken hätte, ich sollte es an einem andern Ort ausmachen, dann unsere Händel gingen ihm nichts an. Er gäbe monatlich seine Konterbission und wolle in Frieden leben. Zu den beiden sagte er, warum sie sich von mir einzigem Kerl geheien ließen und mich nicht niederschlügen.

»Du Flegel,« rief ich, »sie haben dir deine Schafe stehlen wollen!«

Da sagte der Bauer: »So wollte ich, daß sie meinen Schafen müßten den Hintern lecken.« Damit ging er weg.

Ich drang auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte vor Forcht schier nicht mehr auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete. Er und sein Kamerad brachten so bewegliche Worte vor, daß ich ihm endlich alles verziehe und vergab.

Aber Spring-ins-Feld war damit nicht zufrieden, er zwang den Jäger an dreien Schafen zu tun, was der Baur gewünscht hatte, und zerkratzte ihn mit seinen Teufelskrallen noch darzu so abscheulich im Gesicht, daß er aussahe, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher schlichten Rache ich mich zufrieden gab.

Der Jäger von Werle verschwand bald aus der Gegend, weil er sich zu sehr schämte, dann sein Kamerad sprengte aller Orten aus und beteuret es mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel hätte, die mir auf den Dienst warteten. Darum ward ich noch mehr geförchtet, hingegen aber desto weniger geliebet.

Das ander Kapitel

Solches wurde ich bald gewahr, daher stellete ich mein vorig gottlos Leben allerdings ab. Ich ging zwar auf Partei, zeigete mich aber gegen Freund und Feind so leutselig und diskret, daß alle, die mir unter die Hände kamen, ein anderes glaubten, als sie von mir gehöret hatten. Ich sammlete mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin und wieder auf dem Lande in hohle Bäume verbarg, dann ich hatte mehr Feinde in der Stadt Soest und im Regiment, die mir und meinem Gelde nachstellten, als außerhalb und bei den feindlichen Guarnisonen.

Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feuerröhren nicht weit von Dorsten und paßte einer Bedeckung mit etlichen Fuhrleuten auf, die nach Dorsten kommen sollte. Ich hielt selbst Schildwacht, weil wir dem Feinde nahe waren. Da sah ich einen Mann daherkommen, fein ehrbar gekleidet, der redete mit sich selbst und focht dabei seltsam mit den Händen.

»Ich will einmal die Welt strafen, es sei dann, mir wolle es das große ~Numen~ nicht zugeben!«

Woraus ich mutmaßete, er möcht etwan ein mächtiger Fürst sein, der so verkleideter Weise herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu erkunden. Ich dachte, ist dieser Mann vom Feind, so setzt es ein gutes Lösegeld, wo nicht, so willst du ihn aufs höflichste traktieren. Sprang derohalben hervor und präsentierte mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen.

»Der Herr wird belieben, vor mir hin in den Busch zu gehen.«

Er antwortete sehr ernsthaftig: »Solcher ~Tractation~ ist meinesgleichen nicht gewohnt.«

Ich tummlete ihn höflich fort. »Der Herr wird sich vor diesmal in die Zeit schicken.«

Als die Schildwachen wieder besetzt waren, fragte ich ihn, wer er sei. Er antwortete großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein, wannschon ich es wüßte: Er sei auch ein großer Gott!

Ich gedachte, er mochte mich vielleicht kennen und etwan ein Edelmann von Soest sein und so sagen, um mich zu hetzen, weil man die Soester mit dem großen Gott und dem göldenen Fürtuch zu vexieren pfleget, ward aber bald in, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen hätte, der sich überstudieret und in der Poeterei gewaltig verstiegen, dann er gab sich vor den Gott Jupiter aus. Ich wünschte zwar, daß ich den Fang nicht getan, mußte den Narren aber wohl behalten. Mir ward ohn das die Zeit lang, so gedachte ich diesen Kerl zu stimmen.

»Nun dann, mein lieber Jove, wie kommt es doch, daß deine hohe Gottheit ihren himmlischen Thron verlässet und zu uns auf Erden steiget? Vergib mir, o Jupiter, meine Frage, die du vor fürwitzig halten möchtest, dann wir seind den himmlischen Göttern auch verwandt und eitel ~Sylvani~, von den ~Faunis~ und ~Nymphis~ geboren, denen diese Heimlichkeit billig unverborgen bleiben sollte.«

»Ich schwöre beim ~Styx~,« antwortete er, »daß du nichts erfahren solltest, wann du meinem Mundschenken ~Ganymed~ nicht so ähnlich sähest! Zu mir ist ein groß Geschrei über der Welt Laster durch die Wolken gedrungen, darüber ward in aller Götter Rat beschlossen, den Erdboden wieder mit Wasser auszutilgen. Weil ich aber dem Menschengeschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin, vagiere ich jetzt herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkündigen. Obwohl ich alles ärger finde, als es vor mich gekommen, so will ich doch nicht alle Menschen zugleich und ohn Unterscheid ausrotten, sondern allein die Schuldigen.«

Ich verbiß das Lachen, so gut ich konnte.

»Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst sein. Schickest du zur Straf einen Krieg, so laufen alle verwegenen Buben mit, welche die friedliebenden, frommen Menschen nur quälen werden; schickest du eine Teuerung, so ists eine erwünschte Sache vor die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickest du aber eine Sterben, so haben die Geizhälse und alle übrigen Menschen ein gewonnenes Spiel, indem sie hernach viel erben. Wirst derhalben die ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen.«

»Du redest von der Sache wie ein natürlicher Mensch,« antwortete Jupiter, »als ob du nicht wüßtest, daß es einem Gott möglich ist, die Bösen zu strafen, die Guten zu erhalten! Ich will einen deutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe seines Schwertes vollenden.«

Ich meinte: »So muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo man Soldaten braucht, da ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muß der Unschuldige sowohl als der Schuldige herhalten.«

»Ich will einen solchen Helden schicken, der keiner Soldaten bedarf und doch die ganze Welt reformieren soll. In seiner Geburtsstunde will ich ihm verleihen einen wohlgestalten und stärkeren Leib, als ~Herkules~ einen hatte, mit Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstand überflüssig gezieret. ~Mercurius~ soll ihn mit unvergleichlich sinnreicher Vernunft begaben, ~Vulcan~ soll ihm ein Schwert schmieden, mit welchem er die ganze Welt bezwingen und alle Gottlosen niedermachen wird, ohne fernere Hilfe eines einzigen Menschen. Eine jede große Stadt soll vor seiner Gegenwart erzittern, und eine jede Festung, die sonst unüberwindlich ist, wird er in der ersten Viertelstunde in seinem Gehorsam haben. Zuletzt wird er den größten Potentaten der Welt befehlen und die Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides: Götter und Menschen ein Wohlgefallen darob haben sollen.«

Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohn Blutvergießen und das Kommando über die ganze weite Welt ohn sonderbare große Gewalt und starken Arm geschehen? O Jupiter, ich bekenne dir unverhohlen, daß ich diese Dinge weniger als ein sterblicher Mensch begreifen kann.«

»Weil du nicht weißt, was meines Helden Schwert vor eine seltene Kraft an sich haben wird. Wann er solche entblößet und nur einen Streich in die Luft tut, so kann er einer ganzen Armada, wenngleich sie hinter einem Berg stünde, auf einmal die Köpfe herunterhauen, sodaß die armen Teufel ohne Kopf daliegen müssen, eh sie einmal wissen wie ihnen geschehen. Er wird von einer Stadt zur andern ziehen und das halsstarrig und ungehorsam Volk, Mörder, Wucherer, Diebe, Schelme, Ehebrecher, Hurer und Buben ausrotten. Er wird jeder Stadt ihren Teil Landes, um sie her gelegen, im Frieden zu regieren übergeben. Von jeder Stadt durch ganz Deutschland wird er zween von den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben ein Parlament machen, die Städte mit einander auf ewig vereinigen, die Leibeigenschaften samt allen Zöllen, Accisen, Zinsen, Gülten und Umgelten durch ganz Deutschland aufheben und solche Anstalten machen, daß man von keinem Frohnen, Wachen, Contribuieren, Geldgeben, Kriegen, noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen wird. Alsdann werde ich mit dem ganzen Götterchor oftmals herunter zu den Deutschen steigen und die Musen von neuem darauf pflanzen. Ich will dann nur deutsch reden und mit einem Wort mich so gut deutsch erzeigen, daß ich ihnen auch endlich, wie vordem den Römern, die Beherrschung über die ganze Welt werde zukommen lasse.«

Ich sagte: »Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herren dazu sagen?«

Er antwortete: »Hierum wird sich mein Held wenig bekümmern. Er wird die Großen in drei Teile unterscheiden und diejenigen, so unexemplarisch und verrucht leben, gleich den Gemeinen strafen, denen andern aber wird er die Macht geben, im Land zu bleiben oder nicht. Wer bleibet und sein Vaterland liebet, der wird leben müssen wie andere gemeine Leute, die dritten aber, die ja Herren bleiben und immerzu herrschen wollen, wird er durch Ungarn und Italien in die Moldau, Wallachei, in Macedoniam, Thraciam, Griechenland, ja, über den Hellespontum in Asiam hineinführen, ihnen dieselbigen Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in ganz Deutschland mitgeben und sie alldort zu lauter Königen machen. Alsdann wird er Konstantinopel in einem Tag einnehmen und allen Türken, die sich nicht bekehren, die Köpfe vor den Hintern legen. Daselbst wird er das römische Kaisertum wieder aufrichten und sich wieder nach Deutschland begeben und mit seinem Parlament eine Stadt mitten in Deutschland bauen, welche viel größer sein wird und goldreicher als Jerusalem zu Salomonis Zeiten, deren Wälle sich dem tirolischen Gebirg und ihre Wassergräben der Breite des Meeres zwischen Hispania und Afrika vergleichen sollen. Er wird einen Tempel darin bauen und eine Kunstkammer aufrichten, darin sich alle Raritäten der ganzen Welt versammeln.«

Ich fragte den Narren, was dann die christlichen Könige bei der Sache tun würden, und er antwortete:

»Die in England, Schweden und Dänemark werden, weil sie deutschen Geblütes und Herkommens, die in Hispania, Frankreich und Portugal, weil die alten Deutschen selbige Länder hiebevor regieret haben, ihre Kronen, Königreiche und inkorporierten Länder von der deutschen Nation aus freien Stücken zu Lehen empfangen. Alsdann wird, wie zu Augusti Zeiten, ein ewiger beständiger Friede zwischen allen Völkern in der ganzen Welt sein.«

Das dritte Kapitel

Spring-ins-Feld hätte den Handel beinahe verderbet, weil er sagte: »Und alsdann wirds in Deutschland hergehen wie im Schlauraffenland, da es lauter Muskateller regnet und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die Pfifferlinge wachsen! Da werd ich mit beiden Backen fressen müssen wie ein Drescher, und Malvasier saufen, daß mir die Augen übergehen!«

Da sagte Jupiter zu mir: »Ich habe vermeint, ich sei bei lauter Waldgöttern, so sehe ich aber, daß ich den neidigen, dürren Tadler ~Momus~ und ~Zoilus~ angetroffen habe. Ja, man soll edle Perlen nicht vor die Säue werfen!«

Ich verbiß mein Lachen, so gut ich konnte, und sagte zu ihm: »Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgottes Unbescheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten, wie es weiter in Deutschland hergehen wird.«

»O nein, aber befiehl diesem säuischen ~Commentatori~ fürderhin seine Zunge im Zaum zu halten. -- Höre, lieber Ganymed, es wird alsdann in Deutschland das Goldmachen so gewiß und so gemein werden als das Hafnerhandwerk, daß schier ein jeder Roßbub den Stein der Weisen wird umschleppen.«

»Wie aber wird Deutschland bei so unterschiedlichen Religionen einen langwierigen Frieden haben können? Werden die Pfaffen nicht die Ihrigen hetzen und des Glaubens wegen wiederum einen Krieg anspinnen?«

»Nein,« sagte Jupiter, »mein Held wird weislich zuvorkommen und alle Glauben vereinigen.«

»O Wunder! Das wäre ein groß Werk! Wie müßte das geschehen?«

»Das will ich dir herzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den Universal-Frieden der ganzen Welt verschafft, wird er geistliche und weltliche Vorsteher der unterschiedlichen Völker und Kirchen mit einem sehr beweglichen Sermon anreden und sie durch hochvernünftige Gründe und unwiderlegliche Argumenta dahin bringen, daß sie sich selbst eine allgemeine Vereinigung wünschen. Alsdann wird er die allergeistreichsten, gelehrtesten und frömmsten von allen Orten und Enden her aus allen Religionen zusammenbringen und ihnen auferlegen, daß sie sobald immer möglich die Streitigkeiten ernstlich beilegen und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die wahre, heilige, christliche Religion gemäß der heiligen Schrift, der uralten Tradition und der probierten heiligen Väter Meinung schriftlich verfassen sollen. Wenn er aber merken sollte, daß sich einer oder der andere von Teufel einnehmen läßt, so wird er die ganze Versammlung wie in einem ~Conclave~ mit Hunger quälen, und wann sie nicht daran wollen, ein so hohes Werk zu befördern, so wird er ihnen allen vom Hängen predigen, daß sie eilands zur Sache schreiten und mit ihren halsstarrigen, falschen Meinungen, die Welt nicht mehr wie vor Alters foppen.

Nach erlangter Einigkeit wird er ein großes Jubelfest anstellen und der ganzen Welt diese geläuterte Religion publizieren. Welcher alsdann darwider glaubet, den wird er mit Schwefel und Pech martyrisieren oder einen solchen Ketzer mit Buxbaum bestecken und dem Teufel zum neuen Jahr schenken.

Jetzt weißt du, lieber Ganymed, alles was du zu wissen begehrt hast.«

Ich dachte bei mir selbst, der Kerl dörfte vielleicht kein Narr sein, wie er sich stellet, sondern mirs kochen, wie ichs zu Hanau gemachet, um desto besser von uns zu kommen. Derowegen gedachte ich ihn zornig zu machen, weil man einen Narren am besten im Zorn erkennt, und wollte ihm vorhalten, wie alle Götter in der weiten Welt vor so verrucht, leichtfertig und stinkend als Diebe, Kuppler, Ehebrecher, Hanreien, Wüteriche, Mörder und unverschämte Hurenjäger verschrieen seien, daß man sie sonst nirgendshin als in des Augias Stall logieren wolle -- da wurde mein Jupiter von einer seltsamen Unruhe ergriffen: Er zog in Gegenwart meiner und der ganzen Partei ohn einzige Scham seine Hosen herunter und stöberte die Flöhe daraus, welche ihn, wie man an seiner sprenklichten Haut wohl sahe, schröcklich tribulieret hatten.

»Schert euch fort, ihr kleinen Schinder,« sagte er, »ich schwöre euch beim ~Styx~, das ihr in Ewigkeit nicht erhalten sollt, was ihr so sorgfältig sollicitiert!«

Ich fragte ihn, was er meine. Er antwortete, daß das Geschlecht der Flöhe, als sie vernommen, er sei auf Erden, ihre Gesandten zu ihm geschickt hätten, ihn zu komplimentieren. Sie hätten ihm darneben vorgebracht, daß sie aus ihrem ~Territorio~, da man ihnen die Hundshäute zu bewohnen zugesichert, durch die Weiber vertrieben worden seien, gestalt manche ihr Schoßhündchen mit Bürsten, Kämmen, Seifen, Laugen und anderen mörderischen Dingen durchstreift hätten, so daß sie ihr Vaterland quittieren und andere Wohnungen hätten aufsuchen müssen. So sie aber den Weibern in die Pelze gerieten, würden solche verirrte, arme Tropfen übel tractieret, gefangen und nicht allein ermordet, sondern auch zuvor zwischen den Fingern elendiglich gemartert und zerrieben, daß es einen Stein erbarmen möchte.

»Ja,« sagte Jupiter ferner, »sie brachten mir die Sache so beweglich vor, daß ich Mitleiden mit ihnen haben mußte und also ihnen Hilfe zusagte, jedoch mit dem Vorbehalt, daß ich die Weiber zuvor auch hören möchte. Sie aber wandten vor, wann den Weibern erlaubet würde, Widerpart zu halten, so wüßten sie wohl, daß sie mit ihren giftigen Hundszungen entweder meine Frömmigkeit und Güte betäuben und die Flöhe überschreien oder aber durch ihre lieblichen Worte und Schönheit mich betören und zu einem falschen Urteil verleiten würden, mit fernerer Bitte, ich wolle sie ihrer untertänigsten Treue genießen lassen, welche sie auch allezeit erzeiget, indem sie doch jeweils am nächsten dabei gewesen und am besten gewußt hätten, was zwischen mir und der Io, Callisto, Europa, Semele und andern mehr vorgangen, hätten aber niemals nichts aus der Schule geschwätzt, noch meiner Ehefrau ein einzigs Wort gesaget, maßen sie sich einer solchen Verschwiegenheit beflissen, wie dann kein Mensch bis dato von ihnen etwas dergleichen erfahren hätte. Wann ich aber je zulassen wollte, daß die Weiber sie in ihrem Bann jagen, fangen und nach Weidmannsrecht metzeln dörften, so wäre ihre Bitte, zu gebieten, daß sie hinfort mit einem heroischen Tod hingerichtet und entweder mit einer Axt wie Ochsen niedergeschlagen oder wie ein Wildpret gefället würden, aber nicht mehr so schimpflich zwischen den Fingern zerquetscht und geradbrecht werden sollten, was allen ehrlichen Mannsbildern eine Schande wäre. Sonach erlaubte ich ihnen, bei mir einzukehren, damit ich ein Urteil darnach fassen könne, ob sie die Weiber allzuhützig tribulierten. Da fing das Lumpengesind an mich zu geheien, daß ich sie habe, wie ihr sehet, wieder abschaffen müssen.«

Wir dorften nicht rechtschaffen lachen, weil wir stillhalten mußten und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Spring-ins-Feld hätte zerbersten mögen. Da zeigte unsere Hochwacht an, daß er in der Ferne etwas kommen sähe. Ich stieg hinauf und gewahrte die Fuhrleute, denen wir aufpaßten. Sie hatten dreißig Reuter zur ~Convoi~ bei sich, dahero ich mir die Rechnung leicht machen konnte, daß sie nicht durch den Wald, sondern übers freie Feld kommen würden, wiewohl es daselbst einen bösen Weg hatte.