Der abenteuerliche Simplicissimus

Part 1

Chapter 13,525 wordsPublic domain

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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Der abenteuerliche Simplicissimus

Das ist Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten

In unwesentlicher Kürzung herausgegeben von

E. G. Kolbenheyer

Volksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H. Berlin 1920

Der abenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiter Auflage, die erste ging verloren. Der Volksverband der Bücherfreunde bringt durch seine Neuausgabe, die 1919 veranstaltet wurde, in Erinnerung, daß sich das Erscheinen des für die deutsche Literatur- und Sittengeschichte so bedeutungsvollen Kulturromans zum 250. Male jährt.

Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter, Und siehe, wie das Rad sich abermals gewandt. Du, deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter, Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland.

Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen, Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt, So wird dein Blick doch in des Volkes Herzen tauchen, Und, ach, du findest viel im alten, irren Stand.

Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben, Dem Trümmerhauf entfliehn im härnen Bußgewand? O schnöde, arge Welt! O, du vergeudet Leben! Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! --

Ein Vierteltausend-Jahr spannt seinen bunten Bogen Von dir zu uns, und alles Einzelglück und -leid Verschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd Wogen Erschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit.

Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen: Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan! Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen, Rang es empor und fiel in doppeltharter Bahn.

Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen, Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn. So aber wächst und reift in uns ein Weltensegen Und wird in reinerm Licht erglühen, wird erglühn!

Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle, Zeig' deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle!

Das erste Buch

Das erste Kapitel

Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all- und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig, gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen.

Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein.

Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf dem -- so man der Eichelmast gedenkt -- Bratwürst und fette Schunken wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet. Die Tapezereien bestunden in dem zärtesten Gewebe, das auf dem Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben, daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst- und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug, Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander gute Nacht geben.

Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen Übungen vollauf begriffen. Mein Knän war vielleicht eines viel zu hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben!

Das ander Kapitel

Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt. Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel, Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl. Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redet ~Philo~ der Jud in seiner Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk auf der Jagd geübt und angeführt werden. -- Solches alles muß mein Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu künftiger Herrlichkeit gemacht.

Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit, derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger:

»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel arauma!«

Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.«

»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a veirfeussiger Schelm is!«

Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.

Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen. Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf sicher genug zu sein bedünkte.

Das dritte Kapitel

Sang also auf ein Zeit ein Lied, das ich von meiner Mutter selbst gelernet hatte:

Du sehr verachter Baurenstand Bist doch der beste in dem Land, Kein Mann dich gnugsam preisen kann, Wann er dich nur recht siehet an.

Es ist fast alles unter dir, Ja was die Erde bringt herfür, Wovon ernähret wird das Land, Geht dir anfänglich durch die Hand.

Der Kaiser, den uns Gott gegeben, Uns zu beschützen, muß doch leben Von deiner Hand, auch der Soldat, Der dir doch zufügt manchen Schad.

Die Erde wär ganz wild durchaus, Wann du auf ihr nicht hieltest Haus. Ganz traurig auf der Welt es stünd, Wann man kein Bauersmann mehr fünd.

Vom bitterbößen Podagram Hört man nicht, daß an Bauren kam, Das doch den Adel bringt in Not Und manchen Reichen gar in Tod.

Der Hoffart bist du sehr gefeit, Absonderlich zu dieser Zeit. Und daß sie auch nicht sei dein Herr, So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.

Ja der Soldaten böser Brauch Dient gleichwohl dir zum Besten auch, Daß Hochmut dich nicht nehme ein Sagt er: dein Hab und Gut ist mein.

Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben, die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren zurecht gebracht worden.

Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde.

Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich, sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste nicht erwarten.

Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen.

Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen, mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.

Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernach hatte jeglicher seine sonderliche Verrichtung, und jede war lauter Untergang und Verderben. Dann obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fließ darin verborgen. Andere packten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen, als wollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, andere schütteten die Federn aus den Bettzüchen und füllten hingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gerät hinein, als seie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugen Öfen und Fensterläden ein, gleich als hätten sie einen ewigen Sommer zu verkünden. Kupfer- und Zinngeschirr stampften sie zusammen und packten die gebogenen und verderbten Stücke. Bettladen, Tische, Stühle und Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag. Häfen und Schüsseln mußten entzwei. Unsere Magd ward im Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte. Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll Jauche in Leib. Das nannten sie den schwedischen Trunk. Zwangen ihn so, etliche von denen Reutern anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und in unsern Hof brachten. Auch mein Knän, meine Mutter und unser Ursele waren darunter.

Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhähnen ab und anstatt deren die Baurendaumen auf, folterten die armen Schelme, als wollten sie Hexen brennen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren in Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekannt hatte. Einem andern schlangen sie ein Seil um den Schädel und drehten es mit einem Holzbengel zusammen, daß ihm Blut zu Mund und Ohren heraussprang. ~In summa~, es hatte jeder seine eigene Erfindung die Bauren zu peinigen.

Mein Knän war meinem damaligen Bedünken nach der Glücklichste, ohn Zweifel darum, weil er der Hausvater war. Sie satzten ihn zu einem Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, rieben seine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alte Geiß wieder ablecken und dadurch also kützlen mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen. (Ich hab Gesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete seinen verborgenen Schatz, der von Geld, Perlen und Kleinodien reicher war, als man hinter dem Bauren hätte suchen mögen.

Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern vermag ich sonderlich nichts zu sagen, doch weiß ich wohl, daß man hin und wieder in den Winkeln erbärmlich schreien hörte. Schätze, es sei der Mutter und dem Ursele nicht besser gegangen als den andern.

Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieß und half die Pferde tränken, dadurch ich zu unserer Magd in den Stall kam. Die sahe wunderwerklich zerstrobelt aus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu mir mit kränklicher Stimme:

»O Bub, lauf weg, sonst nehmen dich die Reuter mit! Guck, daß du davonkommst! Du siehest wohl, wie es so übel ...«

Mehres konnte sie nicht sagen.

Das vierte Kapitel

Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu tun; doch ist es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald bin entlaufen. Wo nun aber weiter hinaus? -- Die stockfinstre Nacht bedeuchte meinem finstern Verstand nicht schwarz genug, dahero verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch. Da konnte ich das Geschrei der getrillten Bauren vernehmen. Allein ich hörete auch der Nachtigallen lieblichen Gesang, unbekümmert um alle Menschennot. Darum so legte ich mich auch ohn alle Sorg auf ein Ohr und entschlief.

Als der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sahe ich meines Knäns Haus in voller Flamme stehen, und ich schlich näher, jemand vom Hof anzutreffen. Gleich ward ich von fünf Reutern erblickt und angeschrieen:

»Jung, kom heröfer oder skall mi de Tüfel halen, ich schiete dik, dat di de Dampf tom Hals utgat!«

Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegen eines Morastes nicht zu mir gelangen, was sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte. Lösete einer den Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichem Feuer und unversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfältige Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschröckt ward, daß ich alsobald zur Erde niederfiel. Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die Reuter ritten ihres Wegs und ließen mich ohn Zweifel vor tot liegen. So hatte ich jedoch den ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten.

Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf und wanderte, bis ich im Walde von ferne einen faulen Baum schimmern sahe, kehrete in neuer Forcht derowegen spornstreichs um und lief so lang, bis ich wieder einen gleichen Baum erblickte, davon ich gleichfalls floh. Also trieben mich die gefäuleten Bäum einer zum andern, bis mir zuletzt der liebe Tag zu Hilfe kam. Aber mein Herz stak voll Angst und Jammer, die Schenkel voll Müdigkeit, der Magen knurrte, das Maul lechzete, närrische Einbildungen erfüllten mein Hirn und schwerer Schlaf meine Augen. Ich ging dannoch fürder, wußte aber nicht wohin: je weiter, je tiefer von den Menschen hinweg in die Wildnus. Ein unvernünftig Tier hätt besser aus und ein gewußt. Doch war ich noch so witzig, als mich abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, darin zu schlafen. --

Kaum war ich aber dargesunken, hörte ich eine Stimme:

»O große Liebe, du mein einziger Trost! Meine Hoffnung, du mein Reichtum, o mein Gott!«

Ganz unverständlich wallte die Stimme weiter, vor deren Seltsamkeit ich mich entsatzte. Allein es klang herfür, daß Hunger und Durst gestillet werden sollten, also riet mir mein ohnerträglich Verlangen, mich auch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu. Da wurde ich eines großen Mannes gewahr, in langen, schwarzgrauen Haaren, die ganz verworren auf den Achseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein Angesicht war zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlich lieblich. Der lange Rock starrte von tausend aufeinander gesetzten Flicken. Um Hals und Leib trug er eine schwere eiserne Kette gebunden wie ~St. Wilhelmus~. Ich fing an zu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst noch mehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, so er an seine Brust druckte. Ich konnte mich nicht anders entsinnen: ohn Zweifel, das war der Wolf!

In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifen herfür, ich bließ zu, stimmte an, ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu vertreiben. Über solch gählinger und ungewöhnlicher Musik an einem so wilden Ort der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel vermeinend, der Teufel wollte ihn wie ~St. Antonio~ tribulieren und seine Andacht stören. Ich retirieret in den Baum, er aber ging mich an, den Feind des Menschengeschlechts genugsam auszuhöhnen:

»Ha, du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus...«

Ich hab mehrers nit verstanden. Vor Grausen und Schröcken sank ich in Ohnmacht nieder.

Das fünfte Kapitel

Was gestalten mir wieder zu mir selbst verholfen worden, weiß ich nicht. Als ich mich erholet lag mein Kopf in des Alten Schoß und vorn war meine Juppe geöffnet. Da ich den Einsiedel so nahe bei mir sahe, fing ich ein solch grausam Geschrei an, als ob er mir das Herz hätte aus dem Leibe reißen wollen. Er aber sagte:

»Mein Sohn, schweig, ich tue dir nichts.«

Je mehr er mich aber tröstete und mir liebkoste, je mehr ich schrie:

»Du frißt mich! Du frißt mich! Du bist der Wolf und willst mich fressen!«

»Eija wohl nein, mein Sohn. Sei zufrieden, ich friß dich nicht!«

Dies Gefecht währete lang. Endlich ließ ich mich soweit weisen, mit ihm in die Hütte zu gehen. Da war Armut Hofmeisterin, Hunger Koch, Mangel Küchenmeister. Mein Magen aber ward mit Gemüs und einem Trunk Wasser gelabet und mein verwirrt Gemüt durch tröstliche Freundlichkeit wieder aufgerichtet. Der Schlaf befing mich zusehends und der Einsiedel ließ mir sein Lager, obgleich nur einer darin liegen konnte.

Um Mitternacht erwachte ich und hörte den Alten singen:

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall, Laß deine Stimm mit Freudenschall Aufs lieblichste erklingen. Komm, komm, und lob den Schöpfer dein, Weil andre Vöglein schlafen sein Und nicht mehr mögen singen. Laß dein Stimmlein Laut erschallen, dann vor allen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben!

Obschon ist hin der Sonnenschein, Und wir im Finstern müssen sein, So können wir doch singen Von Gottes Güt und seiner Macht, Weil uns kann hindern keine Nacht, Sein Lob zu vollenbringen. Drum dein Stimmlein Laß erschallen, dann vor allen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall, Will sein bei diesem Freudenschall Und lässet sich auch hören, Verweist uns alle Müdigkeit, Der wir ergeben allezeit, Lehrt uns den Schlaf betören. Drum dein Stimmlein Laß erschallen, dann vor allen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne, so am Himmel stehn, Sich lassen zum Lob Gottes sehn Und Ehre ihm beweisen. Die Eul auch, die nicht singen kann, Zeigt doch mit ihrem Heulen an, Daß sie Gott auch tu preisen. Drum dein Stimmlein Laß erschallen, dann vor allen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her, mein liebes Vögelein, Wir wollen nicht die Fäulsten sein Und schlafend liegen bleiben. Vielmehr bis daß die Morgenröt Erfreuet diese Wälder öd, In Gottes Lob vertreiben. Laß dein Stimmlein Laut erschallen, dann vor allen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedünkte mich wahrhaftig, daß Nachtigall sowohl als Eule und Echo eingestimmet hätten. Als wann ich je der Melodei des Morgensterns auf meiner Sackpfeifen gefolget wär, also trieb es mich, den Alten zu begleiten, da mir diese Harmonie so lieblich schiene -- doch ich entschlief.

Bei hohem Tag stund der Einsiedel vor mir und sagte:

»Auf, Kleiner und iß! Ich will dir alsdann den Weg weisen, daß du noch vor Nacht in das nächste Dorf und wieder zu den Leuten kommest.«

Ich fragte ihn: »Was für Dinger? Dorf und Leut?«

»Behüte Gott, weißt du nicht was Dorf und Leute seind? Bist du närrisch oder gescheit?«

»Nein,« sagte ich, »ich bin meines Knäns Bub.«

Darauf fielen unsere Reden und Gegenreden: