Der 9. November: Roman

Part 8

Chapter 83,570 wordsPublic domain

Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so würde er lichterloh in Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder ausspien.

Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels Herrenabende -- die Saharet zählte gar nicht -- pflegten sich stets bis zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen. Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es bei Ströbel, Brötchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden. Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten gehörte, seine »Maßnahmen ergriffen«. Alles telephonisch. Er wollte ins Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm forderte --

Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?

»Der Herr von der Presse.«

»Ich bitte!« Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden.

Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles, was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten, Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche Meinung machen zu wollen.

Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen, Tressen und Schnüren funkelnden Brust.

Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände -- zuweilen wichen sie zurück, wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann, als säße er in einem endlosen Nebel.

Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- täglich tauschte er Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat -- genau wie auf den alten Ölgemälden --

Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des Generals ermutigte ihn näher zu treten.

Weißbach unterbrach die Unterhaltung.

»Das Regiment«, meldete er. »Befehlen Herr General das Gespräch hier hereinzulegen?«

»Ich bitte -- es wird wohl nicht stören?« Der Herr von der Presse wußte das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen.

Und der General begann in das Telephon zu schreien: »-- schon unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis morgens um sechs Uhr dauerte --« Und nun lauschte der General und verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte ausdrücklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und wieder heulte der General in das Telephon. »Stimmung ausgezeichnet, sagen Sie -- prächtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald wieder vorwärtsgehen --« und wieder lachte der General in das Telephon.

»Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt sich der Revolver, und plötzlich geht er los --«

Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und tiefste Anteilnahme.

Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte, daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde . . .

Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten.

4

Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher als am Abend -- und totenstill.

In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte.

Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder ehrfurchtsvoll zurückzuziehen.

Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die Beichte abhören.

Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger, die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die Herrschaften --

Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als irgendein anderer Sterblicher es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten Ohr des Generals.

»Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? -- Mit Klößchen, sehr wohl.«

»Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur für unsere Stammgäste natürlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu nennen?«

Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten an. »Sie sagten --?«

»Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen? Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?«

»Camembert!«

»Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr wohl.«

Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von seinem Befinden ab.

Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen Jahren -- neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos, die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz wechseln?

Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren rosigen Fettnacken, waren sie die typischen »Etappenschweine«, die nie eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles, was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie die Gläser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster Seele.

Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm: »Eine Zigarre, Exzellenz?«

Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen.

Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück.

»Aber das Pferdematerial?« fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr. Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. »Ob die Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?«

»Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefüttert und gepflegt«, antwortete eine zweite, zuversichtliche Stimme.

Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General verschwand im Rauch der Havanna.

Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu Abend zu essen.

Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle. Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt.

»_Wo war Ruth?_« fragte er, und die Augen wuchsen.

Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein Spalt funkelnden Eises.

Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit dem blaugefrorenen Gesicht --?

Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung?

* * * * *

»Wie? Wie? Was!« rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele setzte. Er wankte.

»Wie? Wie!«

»Ist es möglich?«

»Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?«

In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen.

»War so etwas möglich? In Berlin?«

»Unter den Linden?«

Die Röte flog in sein Gesicht.

Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote, blutrot leuchtende Flagge!

Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt, einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die natürlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, zwinkerten --

Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und Bleibergwerke -- über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, funkelte sie.

»Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?« Er meinte die Wilhelmstraße.

Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die Linden hinabschoß.

Diese Flagge -- getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher Würdenträger . . .

Schamlos.

Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern --

5

»Ich glaube!«

»Ich glaube an den Menschen!«

»Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!«

Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann, der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue Limousine an ihm vorüber.

»Ich glaube --!« Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden. Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem fahlen, mageren Gesicht.

»Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!«

»Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird, an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.«

»Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft, Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!«

»Auch an dich glaube ich, mein Volk!« rief Ackermann mit rasenden, glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es.

In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt. Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.

Schon --? Schon --? Verheißung . . .

Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und -- so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.

Dann nahm er die Mütze ab.

»-- Licht aus dem Osten, Morgenröte --«

6

Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.

»Also nicht?« flüsterte er aufgeregt vor sich hin. »Und ich wartete extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier glaubt -- ein alter Mann, was weiß er?«

Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging. Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst.

Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram.

Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt -- das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .

Er nickte vor sich hin.

»Wie ein Blatt --«

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.

»Und niemand sah es!«

Ach, ach, ach!

Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.

Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier, urplötzlich.

Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.

Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten sie sofort schließen müssen.

Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke, wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum.

Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz. Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere Lokal.

Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen, hustend, trüb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet. Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie, die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für möglich halten -- während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter.

»Haben Sie gelesen -- haben Sie gehört -- nun behaupten sie, daß wir Fett aus Leichen herstellen.«

»Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?«

»Die Entente, natürlich!«

»Diese Schurken, diese --!«

»Ah, ah -- aber das ist doch --!«

»Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde? Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern -- die Grippe. -- Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!«

»Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen, beim Essen besonders. Und die Regierung --?«

»Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat Bedenken, unfähig, über alle Maßen.«

Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und unangenehm, zum Erbrechen.

Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort stand _sie_ -- der Liebling!

Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_ Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte.

So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Händchen -- sollte man es für möglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm -- ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war auch im Felde gewesen -- alles wußte der Havelock -- dort hatte sie gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General -- sonst keine, nicht die geringste.

Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er wie ein Verliebter.

Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er überhaupt erst diese Küche entdeckt.

Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.

Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden! Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.

»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, suchte Ruth ihn zu beruhigen.

Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: »Ich bezahle ja, mein Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage, Fräulein --?« Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den Kohlblättern. »Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, Fräulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch -- mein Fleisch --!?«

»Ich werde sehen«, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur Küche.

Der Havelock atmete auf.

Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe -- und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging.

7

Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt -- sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . .

Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen -- nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr.

Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts, ohne jede Mühe --

Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gnädige Fräulein.

Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5. August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert! Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg!

Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage.

Ja! Dieses Gesicht --!

Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bückling des Portiers! -- ohne jeden Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde geschrieben: Wir marschierten vorüber, und unser General stand auf der Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten -- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! -- Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche.

Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen.

Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an!

Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte er, und der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er, er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General grüßen könnte -- grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach drei Tagen schon wußte er, wo der General wohnte.