Der 9. November: Roman

Part 7

Chapter 73,521 wordsPublic domain

Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte -- der General behauptete es -- das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch die Fabriken -- das englische Gold war allmächtig.

Es kam zu Zusammenrottungen -- da draußen. Patrouillen streiften durch die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort -- sollten sie nur kommen -- von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und ohrfeigten sie.

Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es weit gebracht.

Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der Minister -- plötzlich machte er sein Rückgrat steif -- lehnte ab, weigerte sich -- bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten zu rütteln . . .

Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.

Die Streikenden forderten -- sie deuteten es nur an, aber es ging aus ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und, wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in Finnland, im Kaukasus, in --

Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei --

Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte --

Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort ging es. Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen Fensterscheiben der Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt -- nichts war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen.

Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte -- konnte, nur eine Möglichkeit . . .

Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und Nacht die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von den Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste schwammen wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil, Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern, überall. Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen packten, kreischten und schrien.

Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter, die den Schlummer der Reichen bewachten, gähnten.

Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas -- die Leiche -- es war Hauptmann Falk.

Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.

Die Feuerwalze war auf der Heimreise. --

Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich von den elenden Lagern.

Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im Nordosten Berlins -- einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren Fassade sich die Riesenaufschrift »Leihhaus« erstreckte -- und blendete in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug heraus: es war die Bibel!

Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem Lichtstrahl:

»Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.«

»Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes.«

»Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?«

Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.

Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer Soldatenmantel.

Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im Lichtstrahl flammte.

»Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!« sagte der junge Mann kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch es, schwieg es, wurde es stumm.

»Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an die Zäume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die Pferde versinken im Blut!«

Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen, seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in seinem bleichen Gesicht.

Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß.

Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.

»_Ich glaube! Ich glaube!_« schrie er dem Licht entgegen.

2

Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut.

»Seht an -- Sie? Schon wieder?« begrüßte ihn der Portier unfreundlich. Und vorwurfsvoll fuhr er fort: »Sie haben mich in eine hübsche Lage gebracht, das muß ich sagen!«

»Hübsche Lage --? Um Gottes willen --?«

»Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?«

»Jawohl, Herbst.«

»Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!«

»Nicht in Ordnung --?«

»Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen? Jedenfalls haben Seine Exzellenz --« Der Portier in seinem im Laufe der Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die Glastüre der Loge und verbeugte sich. »Guten Morgen, Herr Oberst!« Säbel rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber, Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe Sache, wie seit Jahren.

»Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz waren -- hm -- ungehalten.«

»Sie selbst haben mich doch ermutigt.«

»Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst geschrieben?«

»Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.«

»Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --! Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese Sache --«

»Welche Sache?«

»Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant,« die Stimme des Portiers sank zu einem Flüstern herab, »er hat Malheur gehabt mit dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon ging also der Schuß los -- in die Hand.«

»Ist es möglich?«

»Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich -- freundlich sogar . . . Aber« -- plötzlich musterte der Portier seinen Besuch -- »hören Sie -- Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?«

»Ich bin in den Regen gekommen.«

»In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein Auge zugetan hätten?«

»Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --«

Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den Kopf -- kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge --

Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band, das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung, mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese großen, abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten, sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf sein Äußeres gab -- sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar -- sein Sohn -- der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier?

»Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so früh --?« fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.

»Ich wollte --« hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig -- »nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?«

»Antwort --?«

»Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?«

Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. »Also auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?«

»Es schien mir das Einfachste --«

»Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --!« Und wieder schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.

Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein großes Etui aus Aluminium.

»Ich bitte«, stotterte er.

»Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.«

»Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!«

»Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglückseliger --?«

»Nein. Ich wußte auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen -- ich habe -- zwei Wohnungen.«

»Zwei Wohnungen haben Sie?«

»Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.«

»Zwei Wohnungen, und er weiß nicht -- ja, eigentümlich -- ein eigentümlicher Herr sind Sie --«

»Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ --« stotterte Herr Herbst zu seiner Entschuldigung.

In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen raschen Blick durch das Guckfenster.

»Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!« rief er in höchster Aufregung aus. »Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- daß Sie mir nicht durch die Türe blicken!«

Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen Bückling zu machen.

Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand -- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu lugen.

Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.

* * * * *

»Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!«

Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. »Und gar nicht schlecht gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.«

Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. »Und --?«

»Was meinen Sie -- und?«

»Kein Bescheid?«

Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.

»Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu denken als an Ihr Gesuch«, rief er ärgerlich. »Um fünf Uhr haben Sie das Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!«

»Verzeihen Sie --«

»Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt es Befehle und Schreibereien -- täglich kommen über hundert Telegramme -- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu -- und da glauben Sie --! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie Soldat gewesen?«

»Nein.«

»Nun, da haben wir's. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.«

»Sie selbst haben doch --«

»Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich muß nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --? Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.«

»Überhaupt nicht --?!« rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus und hob die Hände.

»Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.«

»Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --«

»Möglich -- alles möglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das Leben nicht. Aus der Provinz --«

Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe: »Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!« sagte er entschlossen.

»Um Gottes willen!«

»Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann tue --?« Herr Herbst versank in Nachdenken.

»Nun, nun -- wer sollte es für möglich halten --?«

Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung.

»Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --«

Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. »Ein Recht! Ein Recht!« schrie er.

»Weshalb nicht, als Vater?« fragte Herr Herbst, schon wieder ganz zaghaft und entmutigt.

»Hahahaha -- ehek, ehek!«

Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.

3

Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.

Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach. Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen, anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte.

Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus, die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft, nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer bis zum Äquator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten.

Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. -- Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer ähnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden hineingehen.

Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk nur ein Provisorium war . . .

Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte durch sie hindurch!

Da war er also wieder, seht an . . .

Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur -- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt -- eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte -- schon an der Front, was ihm von gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.

Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm nicht entgehen.

Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der General in Sicht kam.

Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts -- ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder täuschte er sich -- ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.

Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht, seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und gleichgültig.

Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals -- keine Angst, nicht die geringste.

Hm!

Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern.

Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor.

Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten:

»Wie heißen Sie?« -- »Ackermann.«

»Was sind Sie?« -- »Hilfsschreiber!«

»Zivilberuf?« -- »Student!«

»Wo verwundet?« -- »An der Somme!«

Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.

»Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel vorschriftsmäßig zuknöpfen!«

Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen.

»Nachher, mein Sohn«, sagte der General wieder milder und ging.

Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre.

* * * * *

Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung. Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein.

»Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt werden könnte?«