Part 5
Otto sprang in den Wagen. »Paradies-Bar!« Es war eine alte, in allen Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht, dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht so furchtbar.
Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht. Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte Stadt.
Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten, blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die Scheinwerfer der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der Schaufenster -- und fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . .
Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem abgeschabten Fell und zitterte.
Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt, die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt dahinjagen . . .
Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm entgegen -- Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber darauf kam es schließlich nicht an.
Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr.
Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen, die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen schwirrten ringsum.
»Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir -- seine Stiefel -- überhaupt -- Kellner!«
»Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.«
»Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken. --«
»Rudi ist immer gleich bekneipt.«
Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt, das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses kleine Ohr -- Kokotten natürlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben.
Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht, allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon jetzt zu kreischen begannen.
Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft.
Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf Vorrat, für die langen Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten Stacheldraht und Schrapnellwolken.
»Reformen -- Sie glauben also nicht daran?«
»Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen --«
»Aber das wäre ja Betrug!«
»Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben, dann schläft er wieder ein.«
»Gott sei uns gnädig und barmherzig!«
Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an.
Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr.
Was sah er? Was hörte er?
Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten.
Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes. Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim Schein des Geschützfeuers erkennt er plötzlich -- ja, er, er, er selbst ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt von Blut, und deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn tragen . . .
Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen -- das also war es, was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in ihm weiter.
Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame lächelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um.
Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt, großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden.
»Nun also -- diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?«
»Vielleicht weint sie auch?«
»So ein bißchen? -- He, Kellner, Herr Ober --!«
* * * * *
Wie eitel diese Männer, wie töricht!
Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn.
Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein Gentleman!
Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere!
Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war, nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die Kreuzzüge zurückging.
Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee. Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit -- und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel . . .
Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. »Schläfst du, Hedi?« flüsterte Klara. »Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt.« Hedi antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. »Ah, du schläfst ja doch nicht«, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor den Augen, Ströbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine Katastrophe geben.
Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und gleißendes Licht floß durch ihre Adern.
Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.
10
Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.
Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr? Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist -- Lüge.
Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten.
Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst.
Das allein ist die Wahrheit! --
Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt.
Stand nicht etwas Weißes am Fenster -- das weiße Buch? Nein, nichts, der Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in ihren grotesken Verrenkungen.
Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen Hause.
Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde ihren Höhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort!
Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen.
In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh -- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten. Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne.
Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto -- wild, wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben.
11
»Einen Augenblick nur!« Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.
Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur --
Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich dahinwälzen . . . schon schlief der General.
Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.
Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den Blick zum Fenster -- aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert, wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele weit und breit.
Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief überbracht hat.
Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte -- wirres und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht . . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon dieser Umschlag --
Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer langsamer, immer aufmerksamer.
Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht, aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte sich in tiefe Falten --
Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.
Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier, denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich nur ganz flüchtig überflogen -- er erinnerte sich nur, daß von der Bitte um eine Audienz die Rede war.
Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr:
-- untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert, hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so daß ich gänzlich schlaflos geworden bin --
Wie? Was meint er? Ob das Grab --?
Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.
Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut geweckt.
Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am Abend des 6. war sie verloren!
Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte -- behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte -- jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten.
»Herr General, die Jägerbataillone!«
»Ich komme.«
Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!
Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken. Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel. Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben -- wo war es hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen. Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie kehrten nicht wieder.
Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot waren -- sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten, nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage. Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: »Na, ihr habt wohl geschlachtet?« Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten Offiziere.
Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück.
Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht.
Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne Unterbrechung in der Nacht aufglühten -- Hilfe! -- und hoffnungslos sanken.
Das also war Quatre vents.
Schwer atmend ging der General hin und her.
Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone, Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er -- unter hundert andern -- mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen -- er, jener -- wie hieß er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten Leuchtkugeln . . .
Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.
Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm solch einen Brief zu senden!
Und da -- was schrieb er am Schluß:
-- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. --
Ja, sonderbare Menschen . . .
Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb. Schon war er in die Akten vertieft.
Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals die verlangte Unterstützung geschickt -- noch heute wäre Quatre vents in seiner Hand!
12
»Sind Sie es, Otto?«
»Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch furchtbaren Lärm.«
Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können.
Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr Ströbel -- oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau -- besaß vor dem Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß -- dazu Beziehungen.
Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen waren noch besser geworden.
Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte für sich . . .
»Welch abscheuliches Wetter«, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine Augen flackerten vor Unruhe.
»Das Wetter ist nicht das Schlimmste«, erwiderte Ströbel, der sich in einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander klappte. »Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -- Sie waren nie im Süden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein armseliger, kleiner Fischereihafen --.«
»Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?«
»Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm, Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --«
Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen.
»Wird bei Ihnen geschossen?«
»Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. -- Sie kennen ihn doch? Hauptmann Falk.«