Der 9. November: Roman

Part 4

Chapter 43,716 wordsPublic domain

Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner räumten die Teetische ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter den Spiegelscheiben zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen weiten Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er -- wie es Hedi schien -- wie ein Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und starrte sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im Takte der Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die Asche von seiner Zigarette streifte, glitt sein Blick über Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen Rosen vor ihm auf dem Tisch.

Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier -- sie wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen. Er trat schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf, und plötzlich schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte von der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden Erzgesicht, das sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen die hellgrauen Augen der Hecht-Babenberg.

Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wollüstige Schreie ausstieß.

Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Paläste aus Glas -- in nichts!

Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg -- mit den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brüllenden Viehherden bei den Weihern -- die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte -- dahin! Die Berühmtheiten, Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten -- in Staub zerfielen sie. Ihre Audienz beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner Majestät, wegen irgendeiner Sache -- ein Nebelfetzen! Und all die Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in Verzückung -- nichts!

Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte.

Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen --

Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa mit seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestört werden durfte. Wo man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte --

Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer zusammengestürzten Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, eine Bettlerin. Sie saß wie eine Lady, in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto entgegen.

* * * * *

Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an.

»Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?«

»Es kann allerdings etwas später werden.«

»Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!«

Otto streifte die Handschuhe ab.

»Es schneit wohl wieder?«

»Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe --«

Hedi lachte. »Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.«

Schon kam der Kellner und brachte Tee.

»Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst«, sagte Hedi. »Du hast es gewiß sehr eilig.« Schon errötete Otto und runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht.

Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu.

»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,« fuhr Hedi fort, »wir sehen uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte gerne . . .« Sie sprach leichthin -- ganz Dame.

Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet.

»Ich reise wahrscheinlich.«

»Du reisest?«

»Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa herangetreten.« (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr plötzlich durch den Kopf geschossen!)

»So?« Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen.

»Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland. In besonderem Auftrag.«

»Ah!«

Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie unmerklich. Aber, sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit gewesen. Der Spanier -- er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich -- war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während des Krieges reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene berüchtigten Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten.

Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch.

»Ich freue mich übrigens, Hedi --« begann Otto.

»Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --«

»Bitte, Otto!« unterbrach ihn Hedi. »Ich bin doch keine kleine Verkäuferin« -- scherzte sie -- »wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein Wort weiter. Hast du Zigaretten?«

Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich.

Das letztemal -- da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen.

Otto war ihr Gast!

Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und Otto mußte sich fügen.

Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub, durchkäme, und daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er nur diese eine Nacht hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt und das Menü zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte.

Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas Unternehmungsgeist haben.

Und Otto -- staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung, wie er es nannte.

Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers brauste -- drunten, tief drunten.

Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast!

Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte, und daß sie nicht ein albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen himbeerfarbenen Pantöffelchen.

Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief da unten -- irgendwo.

Dann kam die Nacht.

Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehörte Mut dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte.

Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwören, daß sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -- trotz der fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte.

Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße -- sie hörte sie immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . .

Die Zigarette brannte. »Danke«, sagte sie, und der Kellner ging.

»Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?« fragte sie, während die Röte ihrer Wangen langsam verflog.

»Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.«

Einige Belanglosigkeiten -- und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er herausgibt.

»Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!«

Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft war. Hedi ging, und sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen, nicht an. Ganz Lady, schritt sie über die Teppiche.

Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich.

Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, daß sein General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenüber gebraucht hatte -- damals, als er dreißig Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die Geschichte erst vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie eine Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen.

Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch?

Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter.

7

»Schuft, Schuft!« Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er doch!

Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm gedrückt.

Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine Karriere -- was für Ausflüchte! Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge, und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten.

Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber stockte Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein weiter, heller Mantel. Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um plötzlich vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? Ihre Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam näher, und sie bemerkte, daß er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie bog rasch ab und stürmte die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der Friedrichstraße angelangt.

Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter.

Hedi atmete erleichtert auf.

Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . .

Der Zug fuhr in die Station. --

Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den Blicken suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause. Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu verbringen und alle möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und strategische Sicherungen zu hören.

An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte Entschuldigungen.

»Herr Oberleutnant --« Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der Nachbarvillen.

Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran.

In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen, eilte Otto der Friedrichstadt zu.

8

Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er bewohnte das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille -- die Wohnung war erfüllt von Winter, von Tod.

Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem . . . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich gewesen, übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der Tiergartenstraße betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! -- wohnten sie in der Margaretenstraße.

Auch sein Sohn Kurt, der älteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der Somme.

Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto, wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt.

Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte. Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie brachten den Geruch aus den Kasernen mit.

Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand schon da und fing ihn auf.

Ja, Kälte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie feindselige Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold -- die Parkettböden schrien, wenn man sie betrat, es war ein altes Haus.

In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger.

Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein kleiner gelber Kanarienvogel hauste.

»Nun, Niki -- Niki!« Er steckte den Finger durch die Stäbe -- er sprach mit dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen hatte, mit veränderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein waren, klein, lieblich und voller Vertrauen.

»Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt -- du Schlingelchen --«

Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen.

»Ja, siehst du -- das Herrchen --«

Es klopfte. Eine laute Stimme rief: »Es ist serviert, Herr General!« Das war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch noch einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht.

Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe -- zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mußte er geweckt werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht nahm er sein Frühstück, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals vermochte sie nicht zu verrücken.

Zeit, Zeit -- jede Minute war kostbar -- der Dienst --

Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer.

* * * * *

Ruth sagte »Guten Abend« und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen, fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig, eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah. Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen.

Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte er ganz genau.

»Na, da haben sie wieder mal --« murmelte der General.

»Wie Papa?«

Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.

»Jakob? -- Es zieht.«

Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er haßt weibliche Dienstboten.

Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee -- und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung. Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß er überarbeitet ist.

»Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.«

Jakob wechselte die Teller, geräuschlos.

Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei Tisch fehlte.

»Otto ist eingeladen, Papa.«

»Am letzten Abend --?« Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Gründe, über die er niemand Aufklärung schuldig war.

»Viel Arbeit in der Küche?«

»Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.«

»Sapperlot!« Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief, ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb, das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe.

Am Tage aber -- Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar!

»Gute Nacht, Papa!« Weich und fein klang Ruths Stimme.

»Gute Nacht.«

Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln. Plötzlich sagte der General im Befehlston: »Wenn mein Sohn nach Hause kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!«

»Jawohl, Herr General!« Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht. Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, wenn er nicht wach werden sollte.

Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme »Guten Abend« und schlüpfte in ihr Zimmer.

* * * * *

Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dämmerung gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils, zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.)

Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen, hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame: Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt, einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen ihn nicht aus den Augen und lächelten.

Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen, unendlich zart und unendlich warm -- die sie geküßt hatten, als sie ein kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: »Grüße die Dame, es ist Mama.« Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue, unbekannte Dame sprach.

Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar: dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander zu.

Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte:

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne, die liebt ich einst alle in Liebeswonne. Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. --

Ruth vergötterte Schumann.

Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine leere Blumenvase geraten.

9

»He, Kutscher, sind Sie frei?«