Part 32
Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen liefen, wie Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen -- und Scharen von Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art.
Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straßen reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den Häusern entlang, von Torweg zu Torweg.
Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt.
Es huschte die Straßen entlang und verschwand.
Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den Stühlen zu arbeiten.
Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf, brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein.
* * * * *
Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.
»Herr Herbst!«
»Ah, Sie sind es?«
»Ja, ich! Um Gottes willen --!«
»Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir alte Freunde wären --? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!«
»Ja, wie ich aussehe!«
Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote Schleife leuchtete an seinem Havelock.
Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde junge Mann eifrig abseits.
»Helfen Sie mir, um Christi willen!«
»Ihnen?« Herr Herbst trat zurück.
Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz.
»Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld, kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage geplatzt.«
»Geplatzt?«
»Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen Sie, hier!«
»Eine Schramme!«
»Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind ja geöffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich mißhandelt und in den Kanal geworfen.«
»In den Kanal, hahaha!«
»Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn festhalten -- so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie mir.«
»Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.«
»Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen habe?«
Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte.
»Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde -- entsetzlich!« Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm überallhin folgten.
»Schlimm, sehr schlimm!« sagte Herr Herbst mit einem spöttischen Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. »Und _ihn_? Haben Sie _ihn_ schon gesehen?«
»Ihn? Wen?«
»Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?«
»Wie? Wie? Was --?«
»Ja, ich habe ihn gesehen!«
»Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!«
»Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet. Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame -- Sie erinnern sich -- _jene_ Dame?«
»Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.«
»Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.« Kunzes Spitzelaugen funkelten. »Sie fuhren zusammen auf einem Auto -- auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die Straße.«
»Gott stehe mir bei --«
»_Ihm_ dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch _ihr_ nicht!«
»Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!«
»Hahaha!«
»Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.«
»Und einmal wollten Sie mich verhaften!«
»Ich weiß es!«
»Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.«
Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Alles Befehl«, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. »Es wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden -- ich aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .«
»Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!«
»Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --!« Kunze klammerte sich an den Havelock.
Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt!
Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.
»Was will er denn?« fragte eine tiefe, rauhe Stimme.
Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge.
Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und schrie, rot vor Erregung: »Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!«
Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte.
»Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« schrien seine Trabanten. Tag für Tag trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug, einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.
Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel, Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im »Löwen von Antwerpen«, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte.
Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort! Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte -- von dem Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen quollen aus ihren Schädeln.
Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug damit auf den Tisch.
»Sage ein Wort -- ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!« Und er warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.
Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken vor.
»Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?«
»Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.«
Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen, schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch: »Licht aus, Messer raus! Haut ihn!«
Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer.
Ja, blind ergeben.
Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter Menschen.
»Hoch! Hoch!« schrie Herbst und hob den steifen Hut.
»Hoch! Hoch!« schrien die Trabanten und schwangen die Mützen.
7
Schon wird es Nacht.
Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß, die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin, ein wandernder Block von Eis.
Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern -- wie sie jagen! Gespenstisch!
Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der kalten Erde.
Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie mitbringen.
Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem Ohr vorbei. Schüsse knallen.
Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil, aber er hatte es für Augenblicke -- wie lange? -- vergessen.
Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die entsetzliche Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt ihn mit Schaudern.
Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.
Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben, Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig.
An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein Tänzer ist der Tod!
Ja, zu Ende --
Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose. Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken, Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen.
Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden.
Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.
Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen.
Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.
Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße -- ist es nicht auffallend? -- schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken.
Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt biegt um die Ecke.
Da -- nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe, rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre:
»Ich kenne dich!«
Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu blicken.
Und abermals raunt die Stimme:
»General Hecht-Babenberg!«
Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine, bleiche Hände.
Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen.
Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen, ein schreckliches Wort -- unsägliche Beschimpfung.
Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: »Komm doch, komm doch!«
Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme schreit: »Licht aus, Messer raus!«
* * * * *
Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern.
Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname? Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!
In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere Gegenden.
Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: »Straße frei! Straße frei!«
Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt, irgendwo.
Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!
Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück: Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten!
Wer war hier? Zitternd stand der General.
Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert.
Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an.
Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes.
Der General beugte sich zu dem Krüppel herab.
»Was haben Sie -- sind Sie krank?« fragte er. Er fragte nur, um dem zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu nehmen.
Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg seinem krampfhaft geöffneten Mund.
»Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?« fragte der General und beugte sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus.
»Wo? Sprechen Sie doch. Wo?«
Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund.
»Wo? Ich verstehe nicht.«
Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe.
Er hatte verstanden!
Nun zitterte er genau wie der Soldat.
Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat keuchend in die dunkle Diele.
»Therese!« Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf.
»Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.«
Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.
Quatre vents! Quatre vents!
Von der Höhe kam er, der da draußen --
Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer.
Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie möglich servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach. Trotzdem -- in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat.
Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch, in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus? Nicht mehr grau -- schneeweiß.
Seine Augen starrten.
Einer von der Höhe!
Quatre vents!
Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht steigen -- wie damals, in jener Nacht, als er die Höhe verlor.
Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zähne schlugen aufeinander.
»Sehen Sie nach, Therese,« flüsterte der General, und seine Stimme nahm bei jedem Wort eine andere Lage an, »vor der Türe ist ein Soldat. Bringen Sie ihn herein.«
Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber Therese kam zurück. Niemand war auf der Treppe.
»Niemand?«
Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht war tatsächlich niemand da draußen gewesen?
Also wirklich niemand? -- »Haben Sie geheizt, Therese?«
»Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank«, sagte Therese.
Der General schwieg und brütete vor sich hin.
Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er drückte auf die Klingel. »Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl. Nur müde.«
Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels.
8
Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende, ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien, aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere gestiegen waren.
Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser Nacht kehrten die Toten zurück.
Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie? Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang.
Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind Millionen.
* * * * *
Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja, dies war nun die Lessingallee.
Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an die Scheiben und augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand, war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so schnell er konnte, dahin.
Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock erfaßt.
»Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!«
Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen.
»Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder --!«
Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren -- fort.
So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch. Allein.
Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich, kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden. Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand.
Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer.
Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände -- deutlich sah er das Eisen glühen -- aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an.
Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen. Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen -- vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der Nacht begegnete er ihm häufig.
Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war daher gekommen, allein daher!
Noch heute, noch heute würde sie, Ruth --
Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt . . .
Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie, der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so etwas sagen?
Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft. Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand.
Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein.
Nein, nicht allein!
Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin.
Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien hinaus auf die finstere Straße.
Da, da -- sein Herz stockte!
Nein, er hatte sich nicht getäuscht.
Da stand er -- der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster, genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück. Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.
Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene Eisblöcke, die dampften.
Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse Vorfälle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu jeder!
Aber sie sollte zurückkommen!
Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht?