Part 31
Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein Schritt mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote Gebäude, hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden Augenblick können die Maschinengewehre hämmern -- jede Sekunde -- da! Rufe, Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse war vernünftig.
Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen wie Gewichte.
Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht.
Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer, die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen.
Mit einem Blick übersah er _alles_!
Die Türen standen offen -- alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer der Offiziere -- keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und Schreibtischen. Weißbachs kreidiges Gesicht -- und Weißbach trug Zivil . . .
Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn --
»Es ist Zeit, Herr General!«
4
Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf. Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor, schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.
Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme, Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . .
Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit der Hand das Steingeländer, zum erstenmal.
Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die Straße.
»Schnell!« ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung. Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht begriffen.
Da! Da!
Aber was ist das?
Der General taumelt zurück.
Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus. Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden.
Noch immer taumelt der massige Körper des Generals.
Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster -- die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen -- das war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt -- jetzt begriff er.
Der greise Portier schloß den Wagenschlag.
Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr. Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel, mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier, wie man sie in den zoologischen Gärten sieht.
Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen. Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen -- unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen.
* * * * *
Schon knattert es in den Straßen!
Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen ihn.
Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein Körper zu Boden.
»Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten haben, Herr Hauptmann!«
Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer die Achselstücke ab.
Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße.
Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt -- ganz still!
Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf spähte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege Botschafter . . .
Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die Ecke verschwunden.
Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Kürbiskopf und den abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein paar Sprünge . . .
»Kommen Sie, Herr Geheimrat --«
»Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!«
»Ja, keine Kleinigkeit -- wie?«
»Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!«
»Und ganz überraschend!«
»Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!«
»Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehört?«
»Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage -- England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da -- schon wieder!«
»Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -- kommen Sie. Ob wohl noch Züge fahren?«
»Sie reisen?«
»Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .«
»Ah, wie schnell Sie gehen!«
»Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .«
Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe auf: »Rasch, rasch!« Willenlos gehorcht der General -- und schon fährt Schwerdtfeger davon.
Ein Zebrakittel! »Bitte Exzellenz!«
Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.
Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen, die im Sturmschritt dahineilten.
Er trat ein -- beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es ist -- ich sehe etwas schlecht . . .
»Ich werde nicht lange stören, Petersen«, stammelte der General. »Nur einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.«
»Gnädige Frau werden sehr bedauern --«
Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der General atmete auf.
»Gnädige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein Glas Wasser bringen.«
»Olsen, sagten Sie?«
»Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz blaß geworden . . .«
»Und Hauptmann v. Dönhoff?«
Petersen tat erstaunt.
»Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns, mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern --«
Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen.
Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab.
Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der Himmel selbst strahlte Verheißung.
5
»Platz gemacht!«
»Platz!«
Die Autos rasen.
Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen. Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht, durchlöchert -- die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt überflutet.
Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern -- so rasen sie dahin.
»Platz gemacht!«
Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen und Wollenden.
»Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!«
»Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt . . .«
Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt.
Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- --
Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . .
Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps -- Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen! Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen -- die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad, krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute --
Der General findet keinen Schlaf mehr.
Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in der Geschichte, er _hört_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.
Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!
Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des nachdrängenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!
Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich durch die deutschen Lande!
Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein -- Europas Schicksal hing an einem Faden!
Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!
Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung -- beispiellos und unerhört -- aber er sieht auch, daß sie rückwärts wandert.
_Rückwärts!_
In Eilmärschen, vom Gegner diktiert!
Niemals, niemals -- unfaßbar!
Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.
Unfaßbar, ganz unfaßbar!
Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .
Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden, horch! Ja, wieder!
Da ist er wieder! Er mahlt.
Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile, denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja, weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen, die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?
Horch! Woher? Wohin?
Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn.
Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau wie der Staub der Landstraße -- erscheint in dem kleinen, kahlen Vorgärtchen.
Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen -- noch ist es nicht _so weit_!
Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie gesehenes, war aus der Erde gestiegen.
Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften, unverständlich. Lieder, Gesang -- unverständlich.
Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind.
Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt -- langsam und ohne jedes Ende.
Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.
Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten. Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter, hinab die Straße, hinauf -- er _sucht_.
Ja, er sucht!
Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in den Nächten -- in wie vielen endlosen Nächten! -- gleißten, waren sie gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten. Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.
Von da draußen -- da draußen -- --!
Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von ihren Kreuzen waren sie gekommen.
Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu feilschen dem General hingegeben hatten.
Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen.
Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie waren gekommen.
Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren hatten. Gepriesen sei ihr Name!
Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.
Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen Gärten -- was für eine Frage, als ob es darauf ankäme?
Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen, Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge -- Tausende und aber Tausende, die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu entfliehen.
Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!
Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos, Wagen, Karren, Bänken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm gehalten, nun spricht er!
Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen, geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen.
Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken: die deutsche Armee --
Er fröstelt.
Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus, schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht. Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er hat keine Sorge mehr.
Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen, die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer bleibt hinter ihnen zurück.
Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also! Die Würfel fielen.
Auch in seinen düstersten Träumen -- Ja, oft hatten ihn düstere Träume gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja, trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel -- aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den Linden zu sehen sein würden.
* * * * *
Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die rote Fahne über dem Schloß.
Versprechungen -- Lügen, freie Meinung -- Gefängnis, Freiheit -- Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß.
Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen Rücken!
Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird den Kanal überschreiten -- benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen ohne jeden Sinn.
Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen, wo die gelben Völker wohnen.
Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden -- ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein.
Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen wird Neros Name verblassen.
6
Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend und lachend.
Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch -- sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.
Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht, ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er ihn.
Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande gefüllt war mit Soldaten und Matrosen.
Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß -- auch er jagte, der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er. Niemand wünschte er etwas Böses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm nur so aufgefallen.
Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt.
Doch, was ist das?
Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.
Seht!
Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. Scharen werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen.
Seht, seht, ihr Menschen!
Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe stehen zur Seite.
Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!
Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht ihr Menschen, es sind nur Tiere.
Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?
Hier also sind sie!
Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.
Der General steht mit dem Hute in der Hand.
Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von debattierenden Menschen.
Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen und Rednern, die zur Menge sprachen.