Der 9. November: Roman

Part 30

Chapter 303,338 wordsPublic domain

»Meine Tochter ist verreist?«

»Ja. Ruth ist abgereist.«

»Wohin? Sie wissen es nicht?«

»Nein -- aber ein Brief --«

»Ich weiß --«

Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den Wagen.

»Ah! Ah!« stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die Augen.

Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.

* * * * *

Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz --

Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten, als würden Knochen in der Luft zerbrochen.

Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften breite Risse.

Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber, ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten -- sie _stürzte_.

Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.

Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie können nicht helfen.

Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte Männer dem Ozean.

Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .

Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert aus den Ohren . . .

Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden Mauer zu hören.

Viertes Buch

1

Von heute auf morgen . . .

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .

Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter, flatternde Hände, erbleichende Augen.

Wie?!

Ist es möglich?!

Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen.

Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?

Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm nun aus der Stirn.

Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten, die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.

Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet sich ein Leuchten --

Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts, die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie haltgemacht.

Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers. Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte -- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee.

Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.

Auf Gnade und Ungnade.

Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. --

2

In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen und sie durch eiserne ersetzt.

Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester herausbitten.

»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen. Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme.

Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich das Protokoll?

Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen Gemächern empor.

Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht, unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .«

Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber erwachte er. »Die Koffer?«

»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.«

»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen waren.

Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen, Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen, steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den Portieren des Arbeitszimmers.

Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel, den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch, schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen auf, Schubladen öffneten sich.

Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.

»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --«

Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.

Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden, gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch -- außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie?

Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß hatte geschmerzt.

Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer.

Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände . . .

Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!

Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht.

Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil -- mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte, große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen und schlief ein . . .

Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und rauchender Nebel.

Da! Ei, ei -- was ist das?

Schüsse?

Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder?

Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete die Türe des reservierten Abteils.

»Ich bitte -- Schaffner?«

Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in Pumphosen.

»Ich bitte sehr -- wir halten?«

»Ja, der Bahnhof ist besetzt.«

»Besetzt --?«

»Ja, besetzt.«

»Aber -- von wem besetzt?«

»Von den Aufständigen.«

»-- von den Aufständigen?«

»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.«

»-- übergegangen, so, so.«

»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.«

»-- Waffen ab.«

»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.«

»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.

»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes Batisttaschentuch tastet nach ihnen.

* * * * *

Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße Teller fort.

»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von einem dicken Umschlag umwickelt.

Wunderlichs Gesicht zuckte.

»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!«

»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen zu wollen.«,

»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!«

»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja verboten.«

»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen Umständen?«

»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!«

»Also bedingungslose Kapitulation?«

»Bedingungslose!«

»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.« Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch --

Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren geschlagen.

3

Nacht.

Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt. Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel aus dem Osten.

Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer und Türme.

»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!«

Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.

Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind unterwegs.

Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.

* * * * *

Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene Karre voll Straßenschmutz herum.

Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!

Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift -- halt!

Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_ Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses Jägerbataillons beruhigt.

An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation strengstens verboten.

Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.

Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.

»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.

Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas langsamer.

Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt. Anmeldung Zimmer 6.«

Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen, stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm die paar Treppen und Korridore bereitet.

Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine Loge zurück.

»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten, gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde! Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_ Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!«

* * * * *

Horch! Schritte.

Horch! Rufe.

Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.

Öffnet Kameraden!

Öffnet -- wir sind es . . .

Jubel!

Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt.

Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des 9. November über Berlin empor.

Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!

* * * * *

Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General. Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen.

Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht zu treffen gewagt hatte.

Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen!

Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger Laut!

Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.

Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben. Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!

Das Telephon.

»Ruhe, Kameraden!«

»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!«

»Hurra!«

Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.

Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.

Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch flattert in Weißbachs Hand.

Und der General erhebt sich.

Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.

Er neigt den Kopf. »Danke.«

Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe.

Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch seine Hände sind grau geworden.

»Entflohen --«

Ja, er sieht -- plötzlich, merkwürdig genug! -- Tribünen, schwarz von Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern, Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht -- und die Truppen ziehen vorbei -- endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen Blumengartens -- und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet -- _alle_. Eine Frühjahrsparade.

»Entflohen --«

»Desertiert --!«

Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern sich an den Schreibtisch.

Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.

Aber da -- hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden, Rufe, Gesang --