Part 3
* * * * *
Otto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle blühte, und seine hellen verwegenen Augen -- doch Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab.
»Leben Sie wohl, Otto -- auf gesunde Wiederkehr!« sagte sie, und ihre Grübchen schimmerten. --
»Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin -- mich nach dem Befinden Seiner Exzellenz zu erkundigen -- ich darf doch hoffen, daß Seine Exzellenz --« Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen Raunen herab.
»Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug, wissen Sie -- und ein feindlicher Flieger -- eine Bombe -- aber Gott sei Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug -- die Armen --.« Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder.
Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung.
»Ist es möglich -- eine Bombe -- und man erfährt es jetzt erst --? Wann?«
»Vor etwa zehn Tagen.«
»Vor zehn Tagen! Und man -- haben Sie gehört, Dora?«
Der General konnte es gar nicht fassen.
4
Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara und Hedi Westphal, die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei.
Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte.
»Furchtbar, entsetzlich!«
»Wie beliebt?«
»Einfach entsetzlich!«
»Sie meinen, Otto?«
»Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! -- Ich gehe übrigens links, Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.« Otto machte erneut den Versuch, Heinz abzuschütteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe --?
Aber Heinz verstand ihn nicht. »Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das heißt natürlich, wenn ich lästig bin?«
Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genuß atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straßen dieses Viertels strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora rauchte englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch -- woher, das war rätselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war glücklich, Doras Salon entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte ihn bedrückt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern, kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder was sonst für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt. Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, hatte ihn der General gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung hatte er ihm flüchtig die Hand gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe Offiziere Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich, verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand des Generals, sie war stählern und -- eisig kalt. Nie würde er diesen Händedruck vergessen. Schon aber kehrte seine alte Sorge zurück.
»Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein werden?« wandte er sich hastig an Otto.
Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, daß er einen Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand erst jetzt und lachte plötzlich.
»Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu benehmen hätte. Er war übrigens nie in seinem Leben in Paris!«
»Also, er glaubt es?« sagte Heinz nachdenklich.
»Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover stünden. Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.«
»Aber glauben auch Sie es?«
Wieder lachte Otto kurz auf. »Ich?« sagte er, knurrte er. »Ich bin doch kein Narr!« Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen Waffen, wie viele Frontoffiziere.
Kein Narr?
»Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General --?«
Otto lachte nun laut und belustigt. »Die Generale haben ihre eigene Meinung, lieber Heinz! Sie können das ja noch nicht verstehen, es ist ein Kapitel für sich. Ich habe einmal bei Langemarck dreißig Prozent meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch gelinde ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens -- er will das Reich Karls des Großen wieder errichten.«
»Sie glauben also nicht daran?« Heinz atmete erleichtert auf. »Es wäre ja auch zu fatal,« fügte er hinzu, »jetzt, da ich eben Feldpilot geworden bin.«,
Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto. Da er aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher zu machen.
»Sie können mich nicht begreifen«, rief er aus. »Sie Glücklicher! Sie fahren ja morgen zurück zur Front!«
Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte Dörfer, zersplitterte Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran erinnert werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der die Front _nicht_ kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja, tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie kannten -- nun, die sagten gar nichts -- höchstens ein verstehendes, etwas schadenfrohes Lächeln.
Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er, völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den eisigen Hauch, der von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz unvermutet, schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen -- Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate vorgetäuscht.
Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte -- genau wie draußen, wenn sie heranzischten.
»Hören Sie, Heinz,« sagte er, »wie diese Elektrische um die Kurve fährt? Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug hinauskommen.«
Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. »Ich freue mich unbändig«, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto hob. »Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich konnte ja nicht hoffen, noch mitkämpfen zu dürfen.«
»Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten einschlugen«, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm sagen, daß er in Angstschweiß gebadet -- betete? So unglaublich es klingt. Betete! Er! Übrigens -- das ging ihm durch den Kopf -- bei Souchez -- die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen draußen -- sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff -- da kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben -- im Feuer! -- das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen -- aber er, _er stand_ -- mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete -- ohne zu glauben, das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen -- wie Ratten, auf die geschossen wird -- hin und her -- wie Ratten -- von Unterstand zu Unterstand -- und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde Scheibe geschossen.
»Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein Bein auf einem Obstbaum --«
»Wie? Ein Bein?«
»Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.«
»Brr!«
»Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrüßt. -- Übrigens ist es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze noch nicht kennen -- für Sie als Flieger ganz besonders.«
»Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, daß ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist schrecklich.«
»Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen wird.«
Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen aus. »Aber natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,« rief er aus, »im Feuer fliegen!«
Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die Hand hin. »Ich muß jetzt -- Sie verzeihen, Heinz -- ich muß gehen!« Immer noch war er etwas bleich.
»Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!«
»Hoffentlich!«
Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervös er ist! Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein!
* * * * *
Wie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm verwundert nach.
Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein Lächeln, eine gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da, zu allem Unheil kam noch der Alte dazu --!
Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen flimmernde Tropfen fielen, lag auf den häßlichen dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit schwitzten. Und schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden.
Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen.
»Das Stück kostet --«
»Ich möchte alle.«
»Alle?« Sie kosteten ein Vermögen.
»Einen letzten Gruß!« schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch die Blumensträuße beobachtete, verwirrte ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, während er die paar banalen Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, die herumspionierten, mußten die Karte lesen können. Ohne diese Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben sollte.
Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen -- und wieder erbleichte er.
Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lächelte spöttisch hinter dem Offizier her.
Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm -- und die ganze Nacht.
Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen -- keine Eile -- mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes Mädchen usw. usw. Wie man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, nach diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch hatte sie ihn wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig einverstanden, zu Ende, natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5 bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein.
Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen Umweg.
»Diese Hedi!« Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase.
Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die Frauen.
Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne.
5
Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas später werden könnte, trotzdem . . .
Es war die Stunde des Geschäftsschlusses.
Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen und stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die Menschen in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die windigen Kamine, die zur Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den Bahnhöfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen, um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben zu müssen.
Die Schaffnerinnen -- ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu Hause in einer kalten Stube -- die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs Blut von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie erdolcht würden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen unbarmherzig das Messer ins Herz.)
Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie fürchteten Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit. Sie lächelten und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dünste der zusammengedrängten Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren Tunnels, über die klirrenden Brücken und flutete mit ihnen über die menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war es für viele, als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß trat auf ihre Stirn.
Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich breiteten sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel, und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines Tages, entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von selbst stürzen würden.
Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, daß man ihn mitnahm.
Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er sie sehen!
Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts, aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in der Kirche. Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis verblaßten, sehr selten geschah es -- die grüne Wollmütze blieb zurück, keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr -- alles daran.
Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den Bahnhof verließ -- weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur ein handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens Blick, als ob die Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in einem Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand. Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug.
Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, es wurde leuchtender und strahlender, überblendete Menschenschatten, Finsternis und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm. Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. Es leuchtete aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen Zähnen, aus ihren Wangen und selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau glitzerten.
Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen, die durcheinander klangen.
»Sie haben -- du hast --«
»-- tausendmal Verzeihung jedenfalls -- meine Cousine wollte mich Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt --«
Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene grüne Quaste baumelte hin und her.
Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine seidene Mütze, die eine kecke Beule aufwies.
»Du trägst ja nun das Abzeichen!« rief die junge Dame plötzlich überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen Augenblick den Mantel aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt.
»Ich habe es gestern bekommen.«
»Ich gratuliere.« Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben. Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich dünnen Finger.
»Gestern flog ich über Berlin«, erzählte er lebhaft. »Ich flog über den Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm entlang. Bei der Gedächtniskirche drosselte ich den Motor und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal da unten.«
Nein, Klara Westphal war zu Hause.
Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie konnte wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten, und manche drehten sich sogar um, so schön und frisch war er. Er ging sorglos und strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es Vorgesetzte für ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er völlig frei von seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstücke mit Sternen trug.
»Und dein Kommando?«
»Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir versprochen, mich für seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es möglich ist.«
Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz.
»Wohin wollen wir gehen?«
»Es ist ganz gleichgültig.«
Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander hergehen durften, verstrickt durch das Unergründliche, unbegreiflich Süße, Geheimnisvolle -- Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das allerwenigste.
Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten, die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten -- sie sahen sie gar nicht.
Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grünen Mütze und ihre etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner Mund aber glänzte naß und tiefrot.
Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß sie atmete, was er früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter dem enganliegenden Jackett gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte er auch ihren Atem, den er nie gehört hatte.
Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen Augenblick rief sie jauchzend aus: »Es schneit, Heinz! Es schneit!« Und schon flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon.
»Komm, komm!« Sie streckte ihm die Hand hin.
Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein.
Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des »Kaiserhofs«. Und Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung.
6
Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere!
Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls vorüber, die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne Vermögen.
Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady -- von den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem silbergrauen Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu weißblond.
Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren Teetasse.
Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht für sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da.
Die Musik wehte. Butterfly.
Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu, eine Sehenswürdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß er da und stieß mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, aber in gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die Höhe zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die Armbanduhr, und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht.
Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen mit einem Wort -- Hedi sah sie überhaupt nicht.