Part 29
»Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr? Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas Sekt für Baron Dönhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten! Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich werde sie dir vorführen. Lola!«
»Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich. Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja, so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts, er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen, vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und am Sonnabend in Halensee tanzte -- ja, fühle nur, die Brauen wachsen tatsächlich zusammen -- fühle nur -- küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.«
Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn.
»Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die beste Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind gefärbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise gewonnen.«
»Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas üppig -- aber Thea, er sieht doch nicht! -- sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist ein so lieber Junge!«
»Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel! Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch! Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen, wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo -- nun entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja rasch!«
»Und das hier -- Reh -- sie heißt Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.«
»Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fühle doch ihre Wangen. Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre Hüften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --«
9
Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam ab.
Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte, erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major Wolff, der Nachtdienst hatte.
Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge -- eine volle Stunde sprach der General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -- schließlich aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen Anruf. Schluß und gute Nacht!
Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke, ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken, Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse -- es mußte schließlich noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage.
Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet. Und immer noch rauschte draußen der Regen.
Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles Dienstliche erledigt.
Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen Brief aufs Papier zu werfen.
Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen.
Ein Vermögen . . .
Nun -- das war ja schließlich das wenigste!
Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel. Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und sprang auf.
Licht!
Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit geschlossenen Zähnen.
»Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?«
Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt. Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden, das Licht blinzelte.
Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem Schützling von -- ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte, man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes Jahr irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es gewünscht hatte --
Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt. Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild.
Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.
Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens -- sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den Blick abwandte.
Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen.
Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt! Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der altmodischen hohen Mütze.
Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch. Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal einen Jagdanzug auf dem Lande.
Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann, dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt hatte er alle Ränge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General.
Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie jung, und schon wurde er alt!
Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu müssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schläfen.
Ja, ja, ja -- keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser! Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv, worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wußte er alles . . .
Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück.
Ja, ein Vermögen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit, ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit, unmöglich, gänzlich unmöglich -- er hätte die Hand für sie ins Feuer gelegt.
Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte!
Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst . . .
Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme!
Diese Stimme?
Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den Schläfen zuckten.
Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen.
Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . .
In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne Rücksicht mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete.
Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter, als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen -- nun, er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit, die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke verkrieche.
Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen.
Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen. Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten.
Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich Grauenhaftes würde geschehen . . .
Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben!
Die Türe öffnen -- und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche -- Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des Zimmers zu flammen.
»Wo sind meine Handschuhe, Jakob?« rief Otto.
Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern, ohne zu verstehen, was sie sagten.
Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die Mysterien des Blutes.
»Dann gute Reise, Ruth!« rief Otto und schloß Ruths Türe.
Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das tausendfach unergründliche Schicksal selbst.
Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen.
Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte.
Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute.
Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen können, selbst die Allmacht Gottes nicht.
Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte!
Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen.
Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus seiner Stirn.
* * * * *
Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern Tiergarten. Zu Ströbel!
Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten hatten!
In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag, aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers, zeigte den Weg.
Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus.
»Wer ist da?« Es war Hedis Stimme.
»Ich bin es«, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. »Ihr habt doch Gesellschaft heute?«
Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme wieder hörbar.
»Sie sind es?« sagte sie stockend. »Nein, die Gesellschaft wurde abgesagt, Ströbel ist verreist!«
»Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?« sagte Otto lachend. Er konnte Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen, dichtbewachsenen Garten hinaus.
Wieder zögerte Hedis Stimme. »Es ist völlig nebensächlich,« sagte sie, »aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und der Abend wurde verschoben.«
»Schade! Sehr fatal!«
Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche.
»Ja, leider«, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen. »Gute Nacht.« Der Regen verschluckte ihre Stimme.
»Einen Augenblick --« beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben halb offen stehen. »Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der Erwartung, fröhliche Menschen zu finden --«
»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Hedi spöttisch.
Otto lachte belustigt auf. »Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi -- oder höre, Hedi -- ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu sehen -- sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig durchnäßt.«
»Ich bin ganz allein.«
»Ist das ein Grund --?« Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.
Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.
»Gehe doch zu ihr!« sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.
Otto stockte.
»Ich komme soeben von ihr!« sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.
Schweigen. Der Regen rauschte.
»Lebst du glücklich mit Ströbel?« begann Otto von neuem, in völlig geändertem, vertraulichem Tone.
»Was für eine Frage? Was kümmert es dich?«
»So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.«
Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: »-- Ich öffne!«
Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich und vergrub seine Lippen in ihren Hals.
Sie stammelte.
10
Mehre den Schatz!
Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die Geschlechter, die nach dir kommen -- --
Friedlich säuselt der Morgenwind.
* * * * *
»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »mit dem Urlaub war es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht. Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag --«
Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!
Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es stand sogar in den Zeitungen.
Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende --
»Trinke, Kamerad!«
»Erlöser!«
»Trinke! Stütze dich auf mich!«
»Erlöser!«
»Komm, komm, ich trage dich!«
»Erlöser! Erlöser!«
Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod Tag und Nacht.
Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub -- die zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, auf die ganze Erde nieder.
Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch den Weltraum raste.
Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen und Tiere keuchten -- mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen -- noch aber wurde um das Weltmonopol des Plünderns gekämpft.
Erlöser! --
»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »ich weiß nicht, ob diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --«
Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf die Rückseite des Briefes geschrieben.
Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .
Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben hat die Leiche gebrochen.
Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück. Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.
Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt.
Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien -- aber man hört nichts.
Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben, wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben -- völlig außer Gefecht, vergast.
Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden, versinken.
Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt.
Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- --
Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile.
Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen. Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen.
11
Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut war trocken und heiß, er hatte Fieber.
Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich, wie im Halbschlaf.
Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.
Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen wollte.
Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!
Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung!
Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . .
Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen.
Ein Brief?
Seht an!
Man schrieb Briefe!
Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem Frühstückstisch lag dieser Brief. »An Papa!«
An Papa! Man schreibt Briefe!
Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden hatte, seine Fürsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt --
Plötzlich erhob sich der General.
Er war erbleicht.
»Therese?«
Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.