Der 9. November: Roman

Part 28

Chapter 283,465 wordsPublic domain

Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu beneiden.

»Also in Berlin?«

»Ja. -- Ich bin fertig!«

»Fertig?«

Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen fieberte.

»Die Nerven«, sagte er. »Fertig! Leider, aber nicht zu ändern. Zusammengebrochen!« --

Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte, stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit des Generals hingekommen?

»Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?« Der General füllte mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. »Auch hier in Berlin sind wir -- überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?«

Flüstern.

»Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und viertausend Meter Höhe -- für eine abgeschossene Maschine zehn neue -- Kämpfe auch in der Nacht --«

»Auch in der Nacht?«

»Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .«

»Hm.«

Der Kellner servierte.

Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand in der Diele ihn hören konnte.

»-- allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei Tagen, fünfhundert schwere Geschütze --«

»Ich weiß, weiß.«

Flüstern.

»-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen Uniformen -- Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch --«

»Pferdefleisch?«

»-- erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer -- in einer Minute liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --«

»Hm.«

»-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --«

»-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?«

»Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien verlassen. Aber dahinter stehen neue.«

»Und der -- Geist der Truppe?«

»Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .«

»Einzelne Divisionen nur noch Stäbe -- Feldküchen, Kraftfahrer . . .«

Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind _das_ erführe --!

»Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --«

Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen.

Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen, Konferenzen . . .

* * * * *

Geschrei . . .

Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde! Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht!

Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn!

Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen, zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel.

Betrogen, betrogen!

Fluch auf euch!

Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der Walstatt.

Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns Geist über dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine Stimme.

»Völker der Erde -- Söhne von Müttern -- Brüder . . .«

Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel steht er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl, Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden Granaten tönt sein Ruf.

»Brüder!«

Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern, Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme?

Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen, führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche, Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier, und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr Heiligen und Märtyrer!

Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis zu den Sternen lodert, und schon -- schon dämpft sich der Lärm der Geschütze. Schon schweigen sie . . .

Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel.

Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben.

Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker zu verführen -- aber wehe denen, die sie verführen!

7

Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten. Vor Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er schlief, röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein.

Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit. Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann über sein Gesicht.

Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben -- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er geträumt? Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch zum Ausgehen fertig.

Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte zurück, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt. Ja, ein häßlicher Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf dem Brandenburger Tor -- es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos und diese aus den Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz bedeckt, ein förmlicher Berg --

Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von kleinen Wolken, wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar Spaziergänger, tiefe Ruhe.

Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein. Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen Traume zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken gehorchten.

Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein. Er blieb stehen.

»Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich«, raunte er vor sich hin, voller Verachtung.

Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: »Sie lassen sich schlagen -- regelrecht schlagen!« Ja, das war es.

Hatte er nicht immer gewarnt?

Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste, eine unsinnige Verlängerung der Front -- keines der strategischen Ziele erreicht, der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles mißglückt. Und was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverständlich!

Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen -- was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen --

»Ja, schlagen, diese Gottähnlichen --!«

Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst . . .

War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind anlaufen zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang konnte man sich halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für politisch-militärische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei.

Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen:

Licht? Bei Dora Licht?

In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla gegangen, ohne jede Absicht.

Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.

Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte in letzter Zeit --

Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.

»Petersen!«

Aber niemand kam. Stille.

Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff, der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand. Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er übte von früh bis nachts.

Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte.

Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch -- ein blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu sehen.

Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme.

Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser, wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder Einbrecher konnte hereinkommen.

Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte.

Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen. Schließlich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er sich all der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb sie --

Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein?

Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.

Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.

Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke, da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener kleiner Seidenpantoffel.

Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte sich, als sei er lebendig -- ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . . trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es?

Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde sichtbar --

»Das ist ganz unmöglich!« sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich. »Ich bitte dich, gewisse Rücksichten --«

»Rücksichten?« lachte eine Männerstimme. »Es ist töricht, ewig Rücksichten zu nehmen, Dora!«

Diese Stimme! Der General erbleichte.

Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.

»Schweig!« sagte Dora.

Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller Stimme wütend zu kläffen.

Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.

»Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.«

»Wer soll da sein?«

Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er zurück. Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte sich, lautlos --

* * * * *

Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine Hand raffte den Vorhang auf.

Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine Brust ein -- plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen.

Im Vorhang erschien --

Ja, was erschien da?

Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man will, in einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote Drachen züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto.

Luft -- der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt. Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese schneeweißen Augen.

Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen der Hecht-Babenberg.

Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus ihrer Tiefe.

Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie glänzten verächtlich.

Du?

Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!

Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?

Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig.

Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe!

Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.

Und nun blendeten sie plötzlich.

Du kennst meine Gefühle für dich, oder? -- Du weißt es -- lange, lange! Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfügung -- jederzeit . . .

Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder täuschte er sich?

Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war verschwunden.

»Niemand ist hier!« sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang, und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe.

Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die Blicke gekreuzt. Nicht länger.

Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten. Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn -- oder war es ein Gespenst?

8

Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste Vorgärtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertüre in der Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen.

Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den Lichtschein und winkte.

Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.

»Sie? Was wünschen Sie von mir?«

»Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten. Ich darf mich nicht sehen lassen --«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Vieles ist unverständlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.«

»Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!«

»Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir ein bißchen weiter -- so, danke -- fürchten Sie nichts. Ich bin ein alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschämt -- aber gerade weil ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas sehr Wichtiges.«

»Bitte --!«

»Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --«

»Nicht Sie allein --?«

»Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.«

Flüstern im Dunkeln.

»Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar früher, ich weiß es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.«

Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.

»Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!«

»Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so, ein paar Schritte --«

»Ganz unmöglich!«

»Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.«

Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume vorwärts.

Plötzlich bleibt Ruth stehen.

»Schwören Sie mir --!«

»Ich schwöre!«

»Schwören Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --«

»Ich schwöre!«

»Beim Andenken Ihrer Frau -- schwören Sie --«

»Ich schwöre!«

»Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen --«

»Ewig verflucht soll ich sein --«

Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des Parkes hinein. --

* * * * *

Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch. Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windstoß pfiff über sie dahin.

In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei, drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der Donner knatterte.

Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen! Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes --

Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile -- ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein der Blitze, pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr Schläfer, die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten die Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: Zögert nicht länger! An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein glänzendes Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs. Seid bereit!

Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und die glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin.

Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt --?

Nun rauschte der Regen.

Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Straße.

Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus dem schwarzen Himmel.

* * * * *

Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn überrascht.

Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar!

Da -- eine Droschke klapperte dahin.

»He, Kutscher -- hundert Mark für die Fahrt!«

»Heda, Droschke! Droschke, halt!«

Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.

»Heda, Droschke! Hundert Mark!«

Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt.

Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete sich durch den Regen. »Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.«

»Hier stehe ich!«

Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich etwas Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das Dönhoff als ein Auto feststellte.

Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine Seele sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle, regenrauschende Berlin.

Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus.

»Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe -- klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa Alexandra.«

Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige Adresse aufgesucht.

Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.

»Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --«

Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.

»Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!«

Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Händeklatschen, ein sehr lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet.

Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß »Rinaldo« vor der Tür stände und sie erwarte. »Rinaldo! Sonst nichts! Sie kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!«

Ah! Dönhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! »Rinaldo! Wirklich?« Und zwei Arme umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende Arme.

»Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!«

Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!

Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe -- und da waren also, wo sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese frechen Augen -- zwei rote Nähte, keine Augen mehr.

Alexa stieß entsetzte Schreie aus. »Mein Gott, was haben sie mit dir gemacht?«

Sie weinte und stampfte mit den Füßen.

»Ah, diese Schurken!« schrie sie -- und der laute Phonograph spielte einen Two-step -- »Sie haben ihn blind geschossen!« Und sie drückte ein paar rasche Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen.

»Meine Herrschaften!« -- der Phonograph schwieg -- »Ich stelle Ihnen hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff -- ein lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn blind geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg -- nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber Junge!«

Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich.

Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten. »Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wünscht nicht, daß man auf ihn die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!«

Der Phonograph ertönte wieder -- die Füße, die Schuhe schlürften.

Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm vorbei flatterten die Röcke.