Der 9. November: Roman

Part 27

Chapter 273,580 wordsPublic domain

Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth auf dem Lande -- die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die Menschen selbst mehr und mehr verblaßten -- sie riefen unverständliche Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie ruhig tun, was sie wollten. Und fünf Konferenzen -- nun saßen sie schon und warteten, Weißbach schielte auf die Uhr.

Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam ohne sie.

Einsam?

Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die Abspannung, die Nerven, natürlich. In ihrer Nähe fühlte er sich augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und Lebenskunst schien auf ihn überzuströmen.

Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein großes, lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie auf ihre Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen Naivität und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es?

Es galt zu überlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt!

Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos Meinung war ihm schließlich gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth würde sich damit abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie vernünftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß er ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war in ruhigem und ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg zurückgekommen. Ihre sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner Bestrafung kaum entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich wieder als die beste Heilmethode erwiesen.

Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie es, die ihn am ehesten verstand.

Aber sie selbst -- Dora?

Das heißt nicht, daß er zweifelte!

Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen Doras schließen -- es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller Unsicherheit herauszukommen.

Nein, nicht das.

Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte . . .

Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien -- aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmöglich . . .

Wieder dröhnte das Hupensignal.

Der General hakte ärgerlich den Kragen zu.

»Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu sammeln«, sagte er laut und begab sich zum Auto zurück.

Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen, Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer, und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr.

4

Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht.

Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben, daß Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen -- wie sollte er da ein Beobachter sein?

Ja, auffallend geändert!

Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr Auge bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich auf Sekunden ihre Blicke.

Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlägt die Augen nieder!_

Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis war zwischen ihm und ihr.

Weshalb Papa, so sprich doch!

Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht mehr auf.

Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie sprach sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie sang nicht mehr, trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte -- fort war es.

Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen, über dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte und glaubte, es müsse so sein -- nun, bald würde sie sie nicht mehr sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gespräch einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte.

Vorläufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken erschöpft auf den Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war auffallend still geworden.

Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat, blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie suchte jemand!

Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.

Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr. Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so.

Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte! Aber sie weinte nicht.

Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen, verschwunden.

Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt -- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie ließ man in Ruhe.

Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende Stadtviertel streifte -- ja, plötzlich sah sie ihn.

Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich.

Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin fühlte, er! Ja, er war es.

Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen, schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.

Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke, die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt.

Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln.

»Geht weg!« rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten Vorfälle gewöhnt.

»Ich möchte Sie einiges fragen!« begann Ruth.

»Gerne -- stets bereit!« Herr Herbst schwang den Hut und schwankte erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er betrunken war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie früher -- hart, unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . .

»Nein, nicht gesehen -- nur gehört«, stammelte er erbleichend, während sein Blick flatterte. »Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es. Weshalb, weiß ich nicht.«

Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.

»Und Sie können mir nicht sagen --?«

Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige Backpfeifen erhalten würde -- es war ungeheuer interessant.

»Sie meinen?«

Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe, einer Ohnmacht nahe.

»Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?« Ruth schrie ganz laut.

Welch eine deutliche, furchtbare Frage!

Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines, bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich -- plötzlich fiel er in die Knie.

»Ich, ich!« rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. »Ich!«

»Sie --?«

»Ja, ich! Ich!« Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.

»Ja, ich, Gott sei mir gnädig!«

»Sie --!? Weshalb nur --?«

»Weshalb? Ja, ja --«

»Was hatte er Ihnen getan? Er?«

»Weshalb? Unerklärlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- völlig unerklärlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --«

»Hüten Sie sich!« Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die Kinder erwartungsvoll.

»Wie meine Tochter -- unerklärlich!« schluchzte Herr Herbst, und der Hut entfiel ihm. »Ich bin ein Verkommener.«

Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände.

»Stehen Sie doch auf!« schrie Ruth. »Stehen Sie doch auf!« Und sie schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete. »Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig verkommen --«

»Ja, ja, ja!« Herr Herbst hob beschwörend die Hände. »Aber ich war nicht immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter . . .«

»Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?« unterbrach ihn Ruth außer sich. »Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie Judas Ischarioth?«

Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück.

»Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!«

»Jesus Christus!«

»Und Sie -- ein Säufer --!«

Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes.

Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie sahen, daß die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte, plötzlich weinte.

»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein Seher, ein Heiliger war er!«

»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich!« rief Ruth vor sich hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht.

Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und unaufhörlich die gleichen Worte.

Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt, daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten.

5

Horch!

Das Feuer rollte.

Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause klirrten die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in die Formen: Geschütze, Granaten.

Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher. Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die Völker der Erde waren Mördervölker geworden.

Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwärts! Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel.

Die Wolke!

Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . .

Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen Friedhof, die Welt in ein Lazarett.

Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die Probleme lösen.

Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins. Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den Knien danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die Landstraßen sich öffnen und Feuer speien.

Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte.

Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger blieben wie auf Kommando stehen und gafften.

Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

Unerhört!

Am hellichten Tage! Unter den Linden!

Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten.

Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht unerhört, daß jemand Unter den Linden schrie und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkte?

Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der jungen Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos zog er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht zu glauben, daß sie jenes Wort riefen -- es ist unmöglich!

Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch -- schon blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er.

»Schlagt sie nieder!« schrie der General, purpurrot das Gesicht.

Und die Regierung?

Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten Rücken.

Die Regierung?

Sie schläft.

Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen.

Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven! Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung -- --

Vorwärts, Soldaten!

Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt!

Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt! Vorwärts, Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch vorwärts treiben, wartet!

Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet.

Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche Gliedmaßen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --? Kali, Kohlen, Kolonien . . .

Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich erregte Ticken, ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zögert?

Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen.

Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die zerschossene Brust heften --

Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen!

Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den Fingernägeln, ungeduldig -- die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf den Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der Feder, werfen gebieterische Blicke.

Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes Lächeln -- Tod, Tod -- sie aber leben.

Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen über den Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen, gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am verfinsterten Firmament.

Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz zusammengetreten.

* * * * *

Reserven!

Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht.

Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee einzustellen, für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen hätten sich auch Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen hätten vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt »Material« zu sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, hätten ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen!

Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst, wußte alles besser.

»Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!« sagte der General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach.

»Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General«, versicherte der Adjutant.

Der General erhob sich -- sein Auge wuchs.

»Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.«

Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der General streifte ihn mit einem Blick. »Nun sind auch Sie beleidigt, Weißbach«, sagte er einlenkend. »Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt sind.« Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung.

Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor Weißbach stehen und sagte ruhig: »Rufen Sie sofort alle Herren telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -- Wir müssen unsere Anstrengungen _verdoppeln_!« fügte er schreiend hinzu.

Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen, hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht.

Und Reserven?

Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit!

Das Telephon schrillte . . .

Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden.

6

Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler Schatten schwang unter ihm.

Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne blendete. Welche Hitze?

Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf.

Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von Hinterbliebenen besucht.

»Ja, ein richtiger Friedhof!« sagte der Krüppel.

Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin, scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos zusammen.

Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . .

Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund. Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, ein Minister sogar verkündete es -- nun schien aber doch nicht alles in Ordnung zu sein.

Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber war still geworden.

Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren erschrocken in die Höhe -- horch!

Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf. Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.

Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine, die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum. Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu.

Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja, wie ein Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen und kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte.

Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele.

Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte, ohne etwas zu sehen.

Auch Stifters Diele war fast leer.

»Ist es erlaubt?« fragte der Krüppel.

Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung, aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen, glitten prüfend über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes.

»Ich hatte die Ehre --« Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln.

Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war.

»Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.«