Part 26
Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirn.
»Hier, bitte, geben Sie!«
»Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals überschritten.« Ihre gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof.
Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen.
Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe -- da sah sie gerade, wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -- hatte man geschossen? -- schwankte -- mit den Händen in die Luft griff und über das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit der Hand.
Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie gellend:
»Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals -- --«
9
Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die Fabriciusstraße herauf.
Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam doch immer näher.
Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte jetzt in einer kleinen Kammer im »Löwen von Antwerpen«. In einem ganz winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.
Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich nie am Geländer fest.
Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an, hielt inne, leise keuchte ihr Atem.
Herr Herbst lüftete den steifen Hut: »Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?« fragte er.
»Ja«, hauchte sie.
»Er wurde verhaftet --«
»Vorgestern verhaftet --«
Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam. Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die Farbe, auch sie wurden weiß.
Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .
Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen. Immer noch wurde sie weißer -- ihre Hand griff zu.
Und bald, bald würde man auch sie -- der Magere, Schmächtige hatte es ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . .
Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im »Löwen von Antwerpen« etwas zum besten geben. Und auch er würde ein Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl. Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein.
Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen, die die Farbe verloren, den Blick.
»Hier?« hauchte eine zitternde Stimme.
»In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.«
»Haben Sie es gesehen?«
»Ein Bekannter hat es mir erzählt.«
»So? -- -- Danke.«
Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise und lautlos.
Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut um die Ecke biegen.
Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.
»Hören Sie, noch etwas.«
Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu.
Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das Messer ins Herz!
»Er ist tot!« flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich.
Das mehlige, weiße Gesicht verschwand -- und plötzlich eilte ein lauter, harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das Treppengeländer.
Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen.
Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht --
Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen -- immer war es ihm beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund -- folgte er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen.
»Halt, halt -- hören Sie --«
»Hören Sie -- es war ein unglückseliger Zufall --«
»Hören Sie, pst -- einen Augenblick -- fliehen Sie aus Berlin -- auch Sie will man --«
Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen.
Wie ein Hampelmann eilte er.
»Ich warne Sie -- wünsche Ihnen nichts Böses --«
Vergebens.
Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da war sie schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit entfernt.
Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit.
Drittes Buch
1
Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.
Staub und Qualm -- brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.
Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.
Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der Habgier, des Geldes -- noch besser . . .
Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, zerknittert und vergrämt.
»Ungemütlich, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze -- »es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber -- alle fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keine Menschenseele -- nur Feldküchen und Verbandplätze -- kein Mensch, was soll das bedeuten? . . .«
Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt, brennt, qualmt, kohlt --.
Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes, sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen -- es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen, vergiß es nicht -- und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht aus den Feldgeschützen.
»Die gute alte Zeit, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk in seinem Erdloch -- »sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen, aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen, aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden, aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.«
Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber es tut schließlich nichts zur Sache.
Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit.
Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- --
* * * * *
Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der Nacht.
»Ein Feuerwerk!«
Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond, und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild.
Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich.
Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von Steinen, erschien. »Brillant!«
Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad, der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein Schatten ging vollkommen über die Sandburg »Lüttich« hinweg. Er war ein hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel.
Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg, erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich nicht mit Kombinationen -- er studierte höchstens die Börsenberichte und kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann, das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde, berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel, der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken -- alles Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare, unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort eine Sehenswürdigkeit.
Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre Augen sprühten im Mondlicht.
Dieses Lachen?
Dieses Lachen! Dora --?
Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller Haarschopf flimmerte.
Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige Tage hier gewesen war.
Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen.
Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet, sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes, das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.
»Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja so schrecklich langweilig sein.«
»Wenn Sie artig sind?«
»Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!« beteuerte Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.
Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels, seine Friedensseele bewahrt hatte.
* * * * *
Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge.
Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende -- aber sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen!
Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht, stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich.
Die Blitze geisterten.
Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm. Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch. Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze wehen, Feuer sprüht im Walde.
2
Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und nun war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen das tiefe Donnerknurren gehört.
Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert, hielt eine Droschke.
Händeklatschen. »Petersen! Petersen!« Eine helle Stimme.
Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte auf die Straße.
Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine kleine Reisetasche in der Hand.
»Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Eine hohe, fremde Stimme.
»Herr Hauptmann?« rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr hier gewohnt.
»Welche Überraschung, Herr Hauptmann!«
»Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine Frau --?«
»Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!«
»So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?«
»Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!«
Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die Treppe hinauf.
»Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den ganzen Tag im Zuge --«
Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff _roch_ die Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und bestrebt, keinen Lärm zu machen.
Und früher, früher!
Auch dieses Haus, sein früheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich manches geändert.
Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und eine gewisse Schwüle.
»Hoppla, Petersen --« Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe. »Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.« Immer sprach er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch, der sich _schämt_.
Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der Stirn.
»Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er ist, mein Himmel, wie merkwürdig --«
Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen.
Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend. Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im Halse stecken. Sie hätte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau, völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter mindestens! Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur solche Leute konnten so lächeln, nur solche -- Petersen hatte recht.
Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich hereinlaufen.
Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an, verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: »Na, also, Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?«
Petersen! Er hielt sie für Petersen!
Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen.
* * * * *
Und das Feuer rollte.
Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte im Morgenwind. Die Mütze über die geschorenen Schädel gezogen, kamen die Befehlsüberbringer im Auto angefegt und setzten über die rauschenden grünen Aste, die quer über der Straße lagen, hinweg.
Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme von Fliegern brausten im Frühlicht. Die Geschütze stampften, pochten, knackten -- die rasende Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne.
Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte über die Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst.
Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich über der Walstatt.
3
Ganz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft ein gekrümmter, schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht.
Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der General hin und her, die Hände auf dem Rücken, die Augen auf die eigenen Fußspuren geheftet, die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter -- das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin.
Dora --?
Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit schienen alle Geräusche und Laute in weite Fernen zu rücken, auch die Stimmen der Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen?
Nichts von Bedeutung eigentlich --
Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige, schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu Ende zu verfolgen.
Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, Kombinationen daran zu knüpfen.
Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban, orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm -- sofort fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball, jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas phantasielosen Maske.
Also er -- Otto --?
Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen.
Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf?
Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus.
Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim rechten Auge.
Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht. Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam.
Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln.
In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen Angelegenheiten beschäftigen.
Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt, die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen -- das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth -- nun es würde auch für Ruth gesorgt sein.
Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das Dickicht -- auch hier Staub auf den Blättern, selbst hier.
Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft -- wie schwer es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf anstrengende Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt. Schon disponierte er wieder.
Dora --?
In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene Hupensignale.
Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment unterbrechen.