Der 9. November: Roman

Part 24

Chapter 243,694 wordsPublic domain

Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.

Ja, ein verfluchtes Haus.

Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der rauschenden Finsternis.

Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:

»Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!«

»Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!«

Und wieder brauste die Orgel.

Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:

»Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!«

»Unantastbar ist die Würde des Menschen!«

»Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!«

»Liebet einander!«

Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne.

5

Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt.

Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz vergessen.

Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von früh bis abends im Bureau arbeitete.

Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu Bett zu gehen.

Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .

Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause.

Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer, Europas Ströme wälzten Blut.

Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren Betten.

Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. --

Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte das kleine Zimmer.

Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt war völlig tot.

Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.

Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen, so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden Ackers.

Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch nicht, wie tief er in der Erde stak.

Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du, nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- ah, schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen.

Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.

Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe. Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht. Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter. Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört.

Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fällt der Stein wieder in die frühere Lage zurück.

Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr.

Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick.

Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich -- plötzlich springt der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze Riemenpeitsche und -- ah -- schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung, ohne Zeichen von Leben liegt er da.

Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot?

Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .

Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er antwortet auch nicht.

Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel, um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den blinkenden Zähnen zu stoßen . . .

Da erwachte Ackermann.

* * * * *

Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das Morgenlicht am Fenster.

Schon ratterte ein Wagen auf der Straße.

Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber das Fieber schien gebrochen zu sein.

Still lag das Haus.

Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser Stille in seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte.

Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still, ganz still.

Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen. Lieblich war der sanfte Morgen.

Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte.

Bei Hähnlein -- Stille!

Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war es ganz still geworden.

Kein Laut!

Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.

Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch.

Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich zur Türe.

In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf heraus. Auch er zog die Luft ein.

»Es riecht so stark nach Gas hier?« sagte er.

»Ja, stark nach Gas!«

Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.

»Haben Sie den Gashahn offen gelassen?«

»Ich? Nein, nein«, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe.

»Vielleicht Hähnlein --?« fragte Ackermann leise, stockend, und sein erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.

»Ja, vielleicht --?«

»Wir wollen nachsehen --«

Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste -- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe.

Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen.

Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag.

6

Siehe, deine Welt, Langmütiger!

Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem Leben.

Öffne die Augen und sieh: Jammer!

Öffne die Augen und sieh: Schande!

Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten, das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin, Flüche verfinstern das Licht.

Siehe deine Völker: Mörder!

Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern, zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos, Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch immer werden täglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag. Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange willst du noch zögern?

Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten. Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen. Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder heiter im Morgenwind.

Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten Bürgersteigen.

Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin ließ er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel.

Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -- Gott allein wußte es, was mit ihm geschah . . .

Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen.

Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber.

Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit.

In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre Schwächen.

Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von Gram und Schande.

In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer -- überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche, geächtet und verfolgt.

Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen. Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der Sklaverei dahin.

Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten.

Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen. Die Wüsten werden blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein Garten die Erde.

Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern, unbegreiflichen Zeit.

Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des Menschen, ich betrete dich . . .

Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang.

Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart.

Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten, wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte, schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und her.

Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und schrien.

»Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!«

Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen, daß die schmutzigen Röcke flogen.

»Hahaha! Die Garde kommt!«

»Hohoho!«

Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an, Fuhrwerke stauten sich.

Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den Pappschachteln.

Jetzt? Jetzt?

Gesetzt den Fall -- jetzt!

Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten --?

Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe hätte er hervorbringen können. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken. Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen.

Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen an, eine alte, zitronengelbe Frau.

Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt.

Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren. Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm zulächelte.

Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter.

Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall. Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte sein Schrei hingellen.

Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte, daß sein Herz stehenblieb?

Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte, stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren im grellen Licht zu erkennen.

Schrecken erfüllte ihn.

Entsetzen!

War er das? Nach allem --?

Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze gierig ins Wasser tauchte.

Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er? Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne.

Wie?

Vielleicht, vielleicht.

Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm.

7

Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich.

Sie war voller Unruhe.

Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel: groß, hell, lauernd und drohend.

War er argwöhnisch geworden, Papa?

Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer fand, doch etwas zu bedeuten?

Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn! Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.

Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu, stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein, sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört. Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es war -- undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben erschien plötzlich so schwer und ernst.