Part 23
Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: »Zwanzigtausend Gefangene -- die Schlacht geht weiter --«
2
Nebel.
Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.
Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe Pelzmütze auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die das Geleise ausbessern.
Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor sich her -- Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte, immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als Kartoffeläcker und Telegraphenstangen.
Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs.
Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch!
Ja, teuflisch!
Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des Tages sollte er erinnert werden -- _daran_!
Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige Nebelwolke, und -- wer hätte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste, einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das später, viel später, wer hätte es ahnen können --? -- bald würde Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die Lippen etwas glänzend von Fett . . .
In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig »Achtung!« rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder. Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche schroffe »Achtung!« -- diese trockene Stimme, wie?
Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie.
Herbsts Herz pochte.
Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?
Er zitterte und duckte sich zusammen.
Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.
Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.
Gottlob, daß er hier war! So müde --!
Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe --
Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende, Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den Nebel.
Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft in seinem Leben! Er büßte -- schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad der Sühne betreten.
Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer.
* * * * *
Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.
Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere, keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein! Ja, niemand sonst -- lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens.
»Morgen schon?« fragte Ackermann.
»Ja, morgen um zehn Uhr!« Und wieder das angeheiterte Lachen.
Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.
Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten interessierte, was die beiden zu besprechen hatten.
»Wie ist es nur denkbar?« rief Ackermann aus.
Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: »Ja, wie ist es nur denkbar, hahaha!«
Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald, was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen ging der Transport zur Front. Die »Mordkommission« war in der Kaserne gewesen. Zurück, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten -- er zählte gar nicht. Und der Brustschuß, den er in Serbien erhielt -- auch er zählte nicht. Und dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien -- all das zählte überhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zählte!
Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus.
Ackermann versuchte zu beruhigen.
»Hahaha!« lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf ihn.
»Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!« schrie Ackermann laut und wütend.
»Aber, was dann, Ackermann, hörst du?« fragt Hähnlein. »Gefängnis -- frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.«
»Die Verruchten!« schrie Ackermann.
Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.
Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthäuslerkleidung -- die ehrlichen Kameraden spucken dich an -- Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, Läuse, Krankheiten --
Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst!
Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war umgekehrt.
So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und unter den Türrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . .
Gut, daß du aus dem Hause kommst --
Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde hinausgetragen.
Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß, seine Atemnot -- prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern -- auch das half Hähnlein nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde?
Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht begreifen.
Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen. Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren sich auf dem Korridor.
»Mut, Kamerad!« rief Ackermanns Stimme.
Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe vorüber und pfiff leise vor sich hin.
Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: »Was tust du?«
»Ich rauche eine Zigarre«, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme.
Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn, Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten!
Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend, rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab, drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu kontrollieren.
Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie, klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er.
Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .
Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das Fenster und sieh es eilen --!
Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph auszukosten!
Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten, in den blendenden Lichtkegel der Lampen!
Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde, einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller Schrecken . . .
Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun -- er war da!
Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück -- zwei -- er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte -- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm.
3
Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie nicht.
Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den Nebelwolken herab.
In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore, durch deren Karboldunst die Bahren schwankten.
Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten. Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. -- --
Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große Generalstabskarte.
Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische Bericht genannt hatte.
Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch 1914?
Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er sich. Ja! Ohne Vorbehalt.
Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen, Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft, die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte.
Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts -- ja, schon erblickte er in der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.
Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt, furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris -- und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier? Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche stiegen aus der Flut empor.
Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive . . .
Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb, machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren, sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg. Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes -- welch ein Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner, edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.
Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben Helligkeit, Klarheit und Ziel!
Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre Verwandtschaft -- nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit, Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn -- nein, fort fort.
Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. --
Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.
Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in Europa, die alles vertragen könnten -- und so tanzte sie Tango mit Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun, wer weiß --?
Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien, eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte -- herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte?
4
Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.
Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General, es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber -- ah, nun hatte er es gefunden.
Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer, funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah er sich um? Nach Hilfe?
Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. (Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe hinauf.
Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder, lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange stand er ohne jede Bewegung.
Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.
Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand -- runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich, wollüstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Türe.
Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor Entsetzen. Wild schrie er auf.
Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.
Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar -- wieder schrie Herbst auf -- und er trat ein.
Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht Hähnlein, sondern -- Ackermann.
»Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?« fragte Ackermann und kam näher, den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.
Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.
Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück.
»Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!«
»Ich friere«, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. »Ich fühle mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.«
»Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?«
»Ich habe von Toten geträumt.«
Ackermann lächelte. »Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.«
Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.
»Und die Schritte,« flüsterte er, »die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?«
»Trinken Sie noch etwas!«
»Fliehen Sie! Sie sind da!«
Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein, auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu trinken zu geben.
Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.
Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.