Part 21
Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht -- ganz wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General goß eben Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen Schnurrbart über den Zähnen -- dieses Granatloch bot keine genügende Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin -- jenem Wäldchen zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! --
Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne.
»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.
»Wie beliebt, Papa?«
»Und du?«
»Was soll ich?«
Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder: »Ich meine -- für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front zu sein -- gerade jetzt?«
Otto errötete.
»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?«
»Vier Wochen ist der früheste Termin.«
»Der früheste --?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott, wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.«
Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der väterlichen Kontrolle entziehen wollte.
»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne.
Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras, schon etwas lauter: der Kaiser!
Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. --
Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?
Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte? Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her. Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus, wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt. Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte eingeschlagen.
Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.
Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er.
Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte, daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin säße?
Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im geringsten. --
Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden.
Der General handhabte einen Zahnstocher.
Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden Rittmeister hinweg.
»Ruth macht mir Sorge!« sagte er.
»Ruth?«
»Ja. Sie macht mir Sorge!«
»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher Mensch.«
»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an.
»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.«
Der General schüttelte den Kopf.
»Das ist es nicht . . .« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon, immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten -- besonders für eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa!
Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.
Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen.
Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen? Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen.
Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden. Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich die Unterhaltung.
Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war. Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit loszulassen!
Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.
Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die fröhliche Unterhaltung ein.
Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken herein, die den Sieg einläuteten.
Da ergriff der General das Glas und erhob sich.
»Unser Vaterland, Otto!« sagte er.
Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich gehalten.
Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.
10
Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.
Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein . . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer.
Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .
Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hüte schwangen! -- hatte sie gesehen -- die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen -- er ist tot -- er wird sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stücke, Fetzen -- er ist dahin . . .
Grau war Ackermanns Gesicht.
Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen, immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie hinweg -- Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg . . .
Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten Rasse in den Zügen. Und -- was denkst du? -- die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! -- Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_
Den Bruder, den Bruder!
Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein flatternder Mantel flog dahin.
Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!
Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -- einer mußte das Signal geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!
Einer, ja, einer --
Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns Antlitz.
»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er.
Bereit, bereit? Wozu bereit?
»Nun bereit, einfach bereit!«
Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn geprüft und auserwählt.
Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen -- die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese Dinge zu denken.
»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwärts!
»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft.
Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in der Luft.
»Ackermann! Ackermann!«
»Bereit -- bereit!« rief Ackermann und eilte weiter.
11
Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen, und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken.
»So, so -- immer hereinspaziert!«
Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. -- Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken.
Ah, ah, ah!
Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen.
»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie. Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde!
Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert! Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.
Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in guten Verhältnissen -- aber _verlassen!_
»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen aus.
Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.
»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!«
»Niemand« -- krächzte hier der Havelock -- »kein Einbrecher würde es wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!«
Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den Besitz dieser Wohnung setzen -- er würde sie einfach für Dienstzwecke anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die verwöhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er doch zurzeit!
In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde. Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, völlig automatisch, hatte er eine Flasche entkorkt.
Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm nicht bange.
»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.«
Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.
»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!«
Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes -- und sein kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.
»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, würdevoll, der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe<, so redete er -- der kategorische Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was für ein Weinchen!«
Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er doch -- Robert.
An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals. Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet. Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . .
». . . schlage sie aufs Haupt --« sagte also mein Vater, er ist glühender Patriot -- »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die Schädel ein, zerreiße sie in Stücke -- der Herr will es! Sofort packst du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --«
Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer zurecht -- schlürfte am Glas. Hm!
War es denkbar?
Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --?
Und diese fahlgelbe -- Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen -- sollte sie --?
Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig -- so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe Person!
Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.
Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann:
»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« -- ruhig und geschäftsmäßig klang seine Stimme -- »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat --«
»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf.
»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten hatte.«
»Eine hohe Persönlichkeit?«
»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, daß ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück lesen zu wollen.«
Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf Leinwand aufgezogenen Ausweis.
Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las, verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . .
»Sie haben Kenntnis genommen --?«
»Ja, ja -- Kenntnis --«
»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --«
Der Havelock erhob sich erbleichend.
Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer funkelte.
»Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!«
»Nein, nein!« stotterte der alte Mann.
Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer abgenommen.
»Weshalb haben Sie --?«
»Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!«
»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?«
Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel.
»Herr Herbst!«
Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt --« rief er und richtete die Augen flehend auf Kunze.
»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich.
Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem Fensterkreuz.
Die Hand griff nach den Rockschößen.
»Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!«
Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum Sessel zurückführen.
»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so, so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --«