Der 9. November: Roman

Part 20

Chapter 203,475 wordsPublic domain

Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber -- _der Gedanke lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt.

Und die Brüder werden einherschreiten -- sie, die Heißen, die Sehnsüchtigen, die Wollenden.

Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig zu zeigen.

Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht.

Sie würden ihn nicht mehr sehen.

Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . .

Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie lachten, wie sollten sie es verstehen?

Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. --

Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen, werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven, Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter, Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen!

Schleift sie, verbrennt sie!

Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in Schrecken halten, zerbrecht sie!

Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspaläste, errichtet von den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug, zur Vergiftung und Verführung der Nationen.

Schleift sie und verbrennt sie!

Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern, die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der Nationen predigen. Hinaus, hinaus!

Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen, hinaus mit ihnen!

Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese!

Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier, Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen die Diebe verwahren! Zerbrecht sie!

Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen!

Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch verschlungen vom Lärm der Kanonen . . .

Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er still.

Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken, unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge getreten.

Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten -- Flaggen wehten über den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels.

* * * * *

Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege!

Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu schießen«.

Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt. Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten. Freude erhellte die Mienen.

Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der Tod ein Scherz.

Und diese Führung: unübertrefflich!

Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute unübersehbar -- unübersehbar . . .

Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit siegesgewissem Lächeln vorwärts.

Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen.

Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte vorbei -- Viktoria . . .

Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet . . .

Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar! Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal, und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich!

Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel -- und sie starben, siechten dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom, Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen, zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe.

Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden -- und jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung?

Vielleicht, vielleicht doch!

Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . .

Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen -- und ein Geschlecht von Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke -- vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern -- vielleicht . . .

Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen, hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben.

Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der Schädeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten.

Vielleicht, vielleicht --

Komme, gebenedeiter Tag!

Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter -- verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu denken.

Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang -- und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden Ausfall.

Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels. Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule.

Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, blitzten die Räder.

Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden, Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.

Ja, komme, du gebenedeiter Tag!

Aber horch! Was ist das?

Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria.

Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord. Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel, aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger werden nicht zögern.

8

Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende Rot eines Mantelaufschlages.

Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der Sonne, wandelt die Linden einher.

Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, die Augen glänzen.

Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel spielten -- da draußen . . .

Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer. Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch -- selten nur, höchst selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt. Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller, zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen.

Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen liebte.

»Diese Menschen!« sagte der General.

Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden -- an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen, schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Dröhnen, unter dem die Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . .

Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen -- gab es etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines Lebens werden!

Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber, beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und leichtsinnig beim Jungen.

Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. Beide groß, massig.

Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten.

Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß, einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung und so weiter -- und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt.

Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! -- ein Jahr Lazarett -- ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm. Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar, voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick erweiterte -- lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie verstand augenblicklich.

Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich. Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete die Schamröte völlig falsch.

Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der Hüfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des Generals völlig zerstört.

Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen, Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre. Tag um Tag --

Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, früher hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr vorbei! -- unbegreiflich!

Und seine Eitelkeiten -- wie lächerlich waren sie doch! Wie unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen?

Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr! Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute, die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er ihn.

Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto!

Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag. War er es wirklich gewesen?

Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte, und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- höchstens ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.

Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser, offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch keineswegs warm war.

»Ha!« lachte der General vor sich hin.

»Wie, bitte, Papa?«

»Diese Menschen, sie sind närrisch!«

Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei und darin saß -- Hedi!

Hedi -- in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.

Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten und nichts mehr dabei findet.

Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin« geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse -- aber sie war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!

Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen -- schade, sehr schade.

9

Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen. Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische tranken Sekt.

Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedämpft, aber begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.

Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von elf Uhr an wurde er erwartet.

Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und 6. August -- damals, Quatre vents!

Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um ihn tobte -- so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie die Brandung eines höllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont. Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals.

Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke -- der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben lief. Nein, ihn sah er nicht.

Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte, da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.

Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache.