Part 2
Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen -- es war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige Menschen präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer, wo ein sehr orientalisch aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit, getauft -- aber trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde -- bei Dora allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine Art Künstlernatur.
Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . .
Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingernägel -- nur die Haut des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So, genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug -- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schließlich kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt.
Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche Erscheinung.
Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte. Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter, in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie störten, mit einem Wort.
»Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.«
»Schön« -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in die Höhe -- »eine Bürste, Petersen.« Der General hatte tatsächlich ein Härchen auf seinem Ärmel entdeckt.
»Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen Haaren --«
»Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag -- nein, das ist unmöglich, Petersen.«
»Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare --!«
Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame, hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug Petersen den Teppich zurück.
Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der Unterhaltung mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte sich.
»-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --«
»-- es ist ja gar nicht die Grippe.«
»-- täglich sterben Hunderte --«
Dora lachte: »Sie wollen mir Mut machen, Otto!«
Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück.
Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war mit Exzellenz verfeindet!)
Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor.
* * * * *
Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons, die von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick.
Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein. Selbst seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem -- kalt.
Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr schimmerten in der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des Zeltes hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, als er es wünschte.
Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war lahm geschossen und ging an Krücken.
Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie auf dem Diwan -- ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte Überraschung!
»Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe --«
»Ich hörte es von einem Krankenhausarzt -- einhundertvierzig Tote gestern -- und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest --«
»Man sagt es ja nur, man schwätzt --«
»Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen Bläschen bedeckt und vereitert.«
»Es sind einfache Streptokokken.«
»Ja, nun, Sie sagen einfache --«
»Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.«
Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.
Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne, dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe, die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett -- aber so gering war die Eile der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frühjahr weggetragen hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel) im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen -- im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau und -- seit heute -- das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen noch nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General einen Dienst zu erweisen.
Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er -- selten, ganz selten -- einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen auf, sich nicht im geringsten durch ihn stören zu lassen. Der Blick seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten Hand fehlten einige Finger.
Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen schweren Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur Fliegerwaffe über. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjäger in der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.
Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich abhebend -- mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe.
Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und überrascht war?
Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin Heller war Spiritistin, Theosophin -- alles Dinge, die den General nicht im geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes -- eben jenes »Schurken«, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener einflußreichen Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur flüsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig -- wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu treffen. Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen Naturell auf rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?
»Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!« wandte sich der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung, die bei jeder Anrede neu auflebte, an sie. »Sie waren lange weg. Wie gefällt es Ihnen wieder in Deutschland?«
Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die scharfen, schneeweißen Zähnchen. »Ich finde es ent--setz--lich!«
»Ah, ah!«
»Ein Friedhof!«
Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit, mußte man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen -- noch dazu bei einer Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter Verbindung stand.
In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete, als sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte.
Der General ahnte: es kommt aus dem Felde!
Die Unterhaltung geriet ins Stocken.
3
In der Tat, das Telegramm -- das Dora lässig zusammenfaltete und in eine kleine japanische Lackschale legte -- kam aus dem Felde. Hauptmann Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob das Telegramm wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er hatte sich sofort eine Notiz gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der Kriegsjahre völlig geschwunden.
Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine kleine Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung. Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt, seine kurze Stummelpfeife zu reinigen. Er bediente sich einer Krähenfeder, die er -- da draußen -- gefunden hatte. Dönhoff, der Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. Er war nicht schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde.
In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein tiefes mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern der fernen und nahen Geschütze herauszuhören.
Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht.
»Hören Sie? Da ist er wieder!«
Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der Arbeit.
»Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz«, erwiderte er leichthin. »Sie haben mehr Munition.«
Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff lachte belustigt. »Da, da,« sagte er, »er streut jetzt unsere Kuppe ab.«
Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der Teufel, immer noch mußte etwas im Rohr stecken.
»Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.«
»Es muß auch so gehen --«
Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht gepflegt.
Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne kommen sollten -- aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens Licht dort -- hier war es immer düster.
Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten -- bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang übertönt wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, heute stürzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen die schmalen Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben. Zuweilen trifft man auch ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen mit Lehm beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, die Knüppelwege hinunter -- nein, pfui, der Wald ist kein Platz für einen Gentleman!
Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne -- an eine Wüste, in der Sonne, flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und plötzlich kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da sein. Langsam kriechen die Gedanken.
»Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?«
»Welchen Babenberg?«
»Nun, den, wissen Sie -- man hat ihn nach Hause geschickt --«
»Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?«
»Ich dachte gerade an ihn -- nur so --«
Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder -- man kann nie wissen. Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme -- es fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde -- gut, an ihm sollte es nicht liegen.
Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. »So, das Kind hat Luft --«
Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen Sappe unverschämt arbeite.
Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der Batterie Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu erkennen, als die dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist es schon ganz düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen.
Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen, und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt, während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt.
Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch an den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden.
* * * * *
»Und Ruth? Wo ist Ruth?« fragte Gräfin Heller. »Weshalb ist sie nicht gekommen?«
»Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.« Ruth, die Tochter des Generals, arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht gegen Bezahlung.
»Ruth war heute vormittag bei mir«, warf Dora ein.
Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren.
»Wann wird die Hochzeit sein?« Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest bei der Verwaltung.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. »Im Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten meiner Kinder --«
Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich, saß auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit nachdenklich gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen blanken Stiefeln nahezukommen gefährlich war.
Krieg, Nahrung, Politik -- in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die Ferne, ein Lächeln versuchte die Mienen zu verklären -- gewiß, es gab Himmel und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf der Erde, bestechend durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig unergründliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte -- immer noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern, unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu -- immer noch war das Einfachste nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die Zukunft undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen -- immer noch war alles geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die Liebe, die mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in Doras Lachen und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen Sterne-Dönhoff -- noch immer war sie allgegenwärtig -- gewiß! Aber doch -- gänzlich hoffnungslos. Es war wie die Verdammnis selbst! Das verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück -- nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung.
Das politische Schicksal -- die Summe der menschlichen Schwächen und Irrtümer -- hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der Schlachtfelder, die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik -- die Gehirne bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel berühren wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen klopfte.
Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte -- sie, die Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und Heilige -- obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für verworfen hielten -- für schamlos -- für . . .
Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive, die bevorstehende große Offensive -- der Entscheidungsschlag. Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem Wort. Er gestand, daß er besorgt war -- besorgt, nicht mehr! Hätten sie sich auf Spezialwaffen beschränkt -- Fliegertruppen, Automobilkorps, Artillerie -- er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich! Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar nicht uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte.
Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick zu, und er schwieg.
Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote, so sagte der Minister.
Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk -- so ganz im allgemeinen --?
Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht.
»Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen -- wie herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? -- Langes, tiefes Sinnen. Das echt deutsche tiefe Sinnen! -- Dann bleibe ich bei Herrn General! -- Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge mögen Sie in dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene Kampfesfreude und seine Mannestreue --«
Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend wird Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen Persönlichkeit berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist vorzüglich informiert über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. Sein Lächeln ist -- tödlich. Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man _dort_ nur einen gesunden Optimismus liebt.
Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen.
Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war -- die neuen Mannschaften -- eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles niederwerfend --
Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr. Es war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee.
Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede Berührung, auch die kleinste, ist tödlich.
Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte mißtrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so unumwunden zu sprechen -- obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war.
Butzi war endlich eingeschlafen.
»Gebe Gott, daß es zu Ende geht«, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen Seufzer. »Ich möchte reisen!«
»Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!«
»Ich möchte nach Paris reisen!«
»Nach Paris!«
Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er beugte sich vor. »Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!« versichert er mit Feierlichkeit in der Stimme. »Ich gebe Ihnen mein Wort!«
»Ich werde -- Herr General?«
»Ja«, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. »Paris und Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden ins Meer geworfen -- im Sommer werden wir in Paris den Frieden diktieren. Dies ist meine heilige Überzeugung!«
»Gott segne Sie, General!« Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem Muff und streckte sie lachend dem General entgegen.
Diese kleine Unterbrechung -- während sich der graue Scheitel über die kleine Hand beugte -- benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich.
Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General schielend, daß er noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder zusammen.