Part 19
Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin.
Gesang . . .
In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von Hunderttausenden, Millionen -- Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser Gesang ist der Sturmwind --
Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine trockene Stimme sagte: »Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung legen.« Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo zusammengedrängt das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte.
Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu leeren.
Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will zur Tribüne stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn zurück, die Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen.
Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine rasende Stimme erstirbt im Lärm.
Schon sind die Tribünen leer. -- --
Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie zerreißen -- Rauch, Feuer! Genug, genug!
»Genug und vorbei!«
Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend -- Staub, Rauch . . .
* * * * *
Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln, das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und Säbel rasseln.
Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.
Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall der Schutzleute vorbei.
Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt nichts als seinen Dienst.
Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber gemacht.
Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden. Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus -- die Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war.
Nun stieg der General die Treppe hinab.
Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen, klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grüßt.
»Ah -- gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur?
Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand.
»Danke, Euer Exzellenz!«
»Ein netter Abend -- hm, etwas spät . . . wir haben ja -- Sie haben mir ja von interessanten Dingen erzählt --?«
Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden, heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes) voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte -- drittens war man nicht mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von Würdenträgern und Exzellenzen.
Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit.
»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es war plötzlich so heiß geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.«
Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende Redensarten. Er errötete sogar.
Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem Arbeitssaal ihn blendete.
Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.
»Trotzdem -- trotzdem --« murmelte der General vor sich hin. Mehr und mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern.
»Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewiß er ist ein Mann von größter Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?«
»Oder errötete er nicht?«
»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob er errötete.«
»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese Sache mit Dora -- --«
»Aber weshalb erzählte er es mir?«
»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft -- und . . .«
»Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .«
Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder Gedanke!
Er berührte die Klingel.
Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die Reichstagssitzung -- ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens, das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte.
»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren --?«
»Jawohl, Herr General!«
Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen, leichengrün -- die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es auch nie begriffen.
Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon und verlangte eine bestimmte Verbindung.
Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören.
»Ich hatte doch gebeten« -- begann der General ungnädig -- »mich umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?«
5
Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn.
»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!«
Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und Qualen erschöpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die niemand sieht.
Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener, regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel, quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht.
Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen, die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote Schnurrbart zuckte.
Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte spaltete die armselige Stirn.
Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.
Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann dressiert.
In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm -- ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar.
»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!«
»Es ist höchste Zeit!« Er eilte.
Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden, Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches -- auf, auf, die Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen Antlitzen!
Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der rasch zwischen den Bäumen verschwand.
* * * * *
Und schon -- ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer neuen Sonne, die heraufsteigt.
Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse -- sie werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als der Tod, keine Angst.
Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!
Sie kommen!
Kommen sie? Kommen sie wirklich?
Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.
Und die Finsternis wird ein Ende haben?
Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.
Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen, und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren Schritten erblühen.
Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die Liebe.
6
»Unbegreiflich!'« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?«
Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu bedeuten hat -- keinen Kragen mehr!
Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke, zwischen ihnen stand die Flasche.
Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin. Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --«
»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst.
»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus dem Schutt, blaue Hände.«
»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?«
»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber keine Menschen.«
»Ah, ah -- entsetzlich!«
»Und dann begann es zu schneien --«
»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf.
Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten.
Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch und verbeugte sich leicht und steif.
»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?«
Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er? Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein -- jemand kannte ihn, ihn, seinen Namen . . .
»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine Schattierung weniger bescheiden.
»Sprechen? Gewiß --«
»Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --«
Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei!
»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die Fabriciusstraße hinab.
Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen.
Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war.
Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells. Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern.
Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel, den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier!
Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und sangen weiter.
Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst.
»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von Gefangenen --«
»Tausende -- so, so --« stammelte Herr Herbst verwirrt.
»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?«
»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen Offizier grüßten --«
Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war er -- verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert, belästigte ihn . . .
»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit zu beschäftigen.«
»Ich weiß es.«
»Sie wissen es?«
»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie gestatten, mein Name ist Kunze.«
Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte eine gemessene, steife Verbeugung.
»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß. Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes!
Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft, war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden. Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine unreine, grünlich fahle Färbung.
»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«, nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren Gewohnheiten nicht verwirren ließ. -- Einen Augenblick, lassen wir diese Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an unsere Organisation gewandt --«
»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat mein Chef mich beauftragt.«
Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere Sache --! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb? Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er hatte Mühe mitzukommen.
»Wohin --?« stammelte er.
Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg geneigtem Kopf.
»Wie sollte ich --?«
»In Ihre zweite Wohnung!«
»Wie --??«
»In Ihre zweite Wohnung!«
»Wie --?!«
Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut -- taumelte zurück und entfloh . . .
»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten . . .«
Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte belustigt und nachsichtig.
»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur so?«
»Ich -- ich . . .«
»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei, ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen. Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger großer dunkler Punkt -- he, Kutscher!«
Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. »Blücherstraße!«
Herr Herbst hob abwehrend die Hände.
»Nein, nein -- unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos.
Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! -- Bitte, bitte recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke.
»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch, hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen können.«
Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin.
Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef, er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das Material wächst, der Ring schließt sich -- wir arbeiten Tag und Nacht -- mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht, vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef . . .«
Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück.
»Pst, pst« -- machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Fräulein v. Hecht!«
Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden.
»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie, ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie, die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!«
7
Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause, wo man ihn erwartete.
Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika, Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- überall in der Welt -- die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . .
In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschüren, Aufsätzen, Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen! Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein Morden war vergebens.