Der 9. November: Roman

Part 18

Chapter 183,590 wordsPublic domain

Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein Berittener in Bewegung.

Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos rauscht eine vornehme Limousine heran.

Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine, feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.

Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während der Motor noch donnerte.

Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile. Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf das Signal des Telegraphen warteten.

Morgen -- morgen . . .

Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu erhaschen.

»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe -- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden . . .

Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne, Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern. Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war, ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm. Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu früh einsetzte.

Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht, sie waren mit zwei Worten erledigt.

»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?«

Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie? -- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte -- diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine, der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in seinem Gedächtnis . . .

Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und Köpfe streichen.

Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .

Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände und erhob sich.

Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.

Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .

2

Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.

Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte. Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig, und sie begann laut zu lachen.

Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.

Sie klingelte. »Ich werde im Bad frühstücken.«

Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus -- Blüten, Wärme, Düfte -- weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post. Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten -- das Tischchen war völlig bedeckt davon.

Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene Schärpe, wie unendlich komisch!

Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen -- über die Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger -- ja, es kam nur darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen -- ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne Freude. Aber -- sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen Vergnügens -- wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt -- sollte es der Sekt gewesen sein --? Wie leicht hätte jemand sie beobachten können!

Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren -- eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in ihrer Erinnerung.

Wunderbar -- und niemand, niemand . . .

Nur einer, oder ein paar Vertraute --

Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange bei diesen Abenteuern zu verweilen.

Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein -- sie langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.

Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein --!

Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge.

»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte, die ihre Verachtung ausdrücken konnten.

»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.

»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und überrascht die Schwester beobachtete.

»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet. Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!«

»Ströbel? Wer ist Ströbel?«

»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.«

»So, und da also --?«

»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich, zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, obschon er so reich ist -- um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! -- aber niemand fiel es auf.«

»Was fiel niemand auf?«

Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun -- niemand fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!«

Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.

Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.

»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies fügte Hedi ein, um Klara zu reizen.

Aber Klara schwieg.

»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .«

»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein Paar seidene Strümpfe --«

Ganz plötzlich schlief Hedi ein.

Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren Körper. Klara beobachtete sie.

Was war geschehen?

Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das Leben. -- --

Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude zu machen. Sie wartete nur darauf.

Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.

Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las -- nur zwei Zeilen -- und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen.

Dann trank sie ein Täßchen Kakao.

Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben? Nichts, gar nichts.

Plötzlich aber saß Dora ganz still.

Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr schwindelte.

Heute nacht . . .

Heute nacht also . . .

Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .

Heute nacht -- die Tänzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte vor ihren Augen.

Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.

Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden gerichtet. Vielleicht war er schon tot --

Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich langsam mit Tränen.

Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.

Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter haßte -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate zerrissen!

Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.

Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit strahlte.

Dann klingelte sie eilig der Zofe.

3

»Und nun los, Heinz!«

Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz. Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.

Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze, und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.

Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich plötzlich rückwärts zu bewegen.

Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.

Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen sie ohne Pause auf -- das sind die Gräben.

Merkt er etwas?

Morgen, morgen, geht das Gerücht!

Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!

Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.

In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher.

Heinz begann zu singen.

Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und Brausen des Motors seinen hellen Tenor.

Dann sang er die »Vöglein im Walde«.

Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.

Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern.

Ja, heute, heute -- vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?

Dort? Dort? Schon jagte er hin --

Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.

Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich, und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.

Was aber gibt es? Was ist geschehen?

Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine stürzt . . .

Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu bringen.

Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper -- verschwindet rasch, wie ein Punkt in der Tiefe.

Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die Wolke zurück. --

Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann nicht mehr!«

4

Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille.

Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen liegt.

Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines Kindes.

Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . .

Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu werden -- er war entschlossen, fürchterlich entschlossen . . .

Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So entschlossen war er.

Ja, entschlossen . . .

Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten.

Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte sich unbehaglich -- früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht zugänglich gewesen, indessen der Krieg -- die Überarbeitung . . .

Da!

Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet. Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen. Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine schmalen Schultern schoben sich in die Höhe -- er beugte sich tiefer über das Manuskript und stotterte.

Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe -- schon fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.

Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.

Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute, nur noch Luftwellen . . .

Nein, nein, nicht ein Greis sprach --

Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete! Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, die still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf in die Hand stützte.

Leichen, ein Parlament von Leichen.

Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und donnerte, aber sie hörten sie nicht.