Der 9. November: Roman

Part 17

Chapter 173,571 wordsPublic domain

Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich fühlten es alle Tänzer.

Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem Vorhang.

Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde nieder.

Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine Hand breit.

Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit.

Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen.

In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören war.

»Diese dumme Uhr!« sagte Dora halblaut und ärgerlich.

Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der Uhr abzuwarten.

* * * * *

Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v. Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht. Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch.

Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.

Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden zu erkennen -- sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein.

Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten. Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.

Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken entstoben.

Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn.

Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum flammten die Einschläge.

»Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet«, sagte er, und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt.

Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. »Ein Depot brennt«, sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd.

»Kameraden«, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig lauter und scharfer Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei Jahre zusammengelebt hatte.

»Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!«

Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg.

In dieser Sekunde aber --

In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles, saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte den Knall der Explosion nicht mehr.

Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg. Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde, stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch.

* * * * *

Die Uhr hatte ausgeschlagen.

Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das Knie des linken Beines berührte -- lächelte verzückt -- und ihr Elfenbeinkörper blitzte.

Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine Schattenkugel mit zwei großen Ohren hob sich für einen Augenblick auf dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor Salomon sich wieder auf den Boden.

Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt.

»Du bist noch schöner!« flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. »Es ist nicht Liebe -- ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es ist -- Sympathie.«

7

Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei -- aber tödlich langweilig. Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nähe -- und ihr versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese Männer. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe mehr.

Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in Gedanken den Brief.

Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze, wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue Witwe, nicht für eine Million würde sie -- pfui.

Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm die kalte, grüne Hand.

Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den Türen zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand er, mit einem Sektglas in der Hand.

Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese Nackttänzerin schamlos.

Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.

Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.

Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.

Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder stand er da und verneigte sich.

Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts Böses.

Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest.

»Wer bist du?« fragte Dora.

Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban.

Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie, erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein -- er, das Gerücht, das kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich -- und doch, wunderbar war dieser Gedanke.

Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle Augen.

Plötzlich sagte der Bettelmönch: »Dora.«

Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.

»Du --?!«

Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in lautes, heiteres Lachen aus.

»Ja, ich bin es.«

»Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --«

»Ich wollte dich überraschen!«

Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. »Geliebter --« flüsterte sie.

Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne blitzten.

Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt.

»Nein, nein --« sagte sie, bat sie. »Sei vorsichtig -- der General -- er blickt heraus --!«

In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.

»Laß ihn ruhig!«

Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.

* * * * *

»Beunruhigung?« Der General zog die Brauen in die Höhe.

»Ja, ich meine, das Volk --«

»Das Volk?« Der General wiegte geringschätzig den Kopf.

»Verzeihung,« antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem schweißüberströmten Gesicht, »ich meine die Öffentlichkeit. -- Ist es gestattet, Euer Exzellenz?«

Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore. Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie hieß er doch gleich? -- er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren.

»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben« -- fuhr er fort -- »es ist nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft wurde von Allerhöchster Stelle --«

»Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät -- Sie belieben?«

»Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!«

»Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen --«

»Dreißig Stimmen?« fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein Erstaunen zu verbergen.

»Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.«

»Jawohl.«

»Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.«

»Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald etwas geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.«

»Unzufriedenen?«

»Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf konspiratorische Elemente gelenkt worden.«

Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt. Sie glitt an der Türspalte vorüber -- kam aber im Augenblick wieder zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte.

»Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?«

»Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --«

Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den Bettelmönch warnte.

Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn bemerkte. Er schloß die Tapetentüre.

»Symptomatisch«, wiederholte der schweißglänzende Beduine. »Auffallend ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft --«

Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den Saal.

»Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,« fuhr der kleine Rittmeister fort, »ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .«

Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.

»In der Tat,« sagte er stockend, »es ist unerträglich heiß geworden hier oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?«

Und beide verließen die Empore.

Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen.

Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen auf den Boden rissen und zertraten.

Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur ein dünner Brandgeruch blieb zurück.

Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte, war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm.

Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk mit aller Kraft bearbeitete.

Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren! Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen, daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder äußerte er seine Freude über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen.

Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare, die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder zurück.

Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas Opiumhöhle.

Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes, schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen.

Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm: schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische Drachen wie Flammen züngelten.

Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten Turban?

Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.

Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin, taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.

8

Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her. Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst.

Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge graute trüb der Tag.

Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben. Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog. Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern, Stehkragen, und verneigten sich.

»Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie«, sagte Dora und begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur Diele. »Vielen Dank!« Und sie drückte ihnen die Hand.

Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen, aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle drei waren sie Fremde hier.

Ach, wie unglücklich sie war, Dora!

Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr über die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das schönste Lächeln der Welt hatte. So -- mit diesem Lächeln stand er in ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.

Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis-à-vis de rien stand -- buchstäblich -- das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde, Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben.

Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich!

Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher, oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr!

Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden.

Aber sie begriff es nicht.

Und trüb graute der Tag.

* * * * *

Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke flogen.

Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von Horizont zu Horizont.

Zweiter Teil

Erstes Buch

1

Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der Weltgeschichte kracht.

Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.

Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.

Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den Schlachtfeldern gefallen waren.

Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken, Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind die Rechtsanwälte.

Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause, immerfort.

Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen gebieterischen Blick über die Straße.

Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten -- oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.

Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen. Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch setzen wird -- bald vielleicht . . .

Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken humpeln sie in den Tiergarten hinein.

Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier, das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?