Part 16
»Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden Kriege unausbleiblich sein.« Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche -- nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.
»Ja, unbedingt!« fuhr der Räuber eifrig fort. »Während die Welt nichts Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglück fertig. Nun aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --«
»Ich höre, du bist nicht Soldat?«
Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan vorüber. Der steife Beduine sagte: »-- stehe also auf der Sturmleiter, die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.«
»Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein«, sagte Klara.
»Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges Fräulein.«
Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht. »Soldat? Auch ich war Soldat«, erwiderte er.
»War?«
»Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.«
Hedi brach in lautes Gelächter aus.
»Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,« fuhr der Räuber fort, »ich bin gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht: Gestorben am Typhus --«
Nein, wie Hedi doch lachen konnte!
»Wie herrlich -- wie wunderbar!« Sie konnte sich gar nicht beruhigen.
»Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne ich dich?«
»Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.«
Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel.
4
Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes Nichts. --
Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen!
Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.
Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen, grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte.
Nein, fremd, unverständlich!
Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute gelangweilt ein belegtes Brötchen.
Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte. Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von Schüssel zu Schüssel.
Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte. All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich, hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten, ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.
Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück.
»Herr General«, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller geschickt auf der Hand.
Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit.
»Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.«
Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes sich begegneten.
Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte allen Militärs gegenüber -- äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, er fürchtete sie, offengestanden.
»Ich bin allerdings etwas mager geworden«, sagte der Geheime Rat mit nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals. »Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.«
»Es geht uns allen nicht besser«, antwortete der General. »Wie beurteilen Sie diese Sache?« Und der General langte nach einem Lachsbrötchen.
Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart.
»Ich bin,« begann er, »ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken ist -- England --«
»Wie, bitte?« Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.
Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück. »Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne keineswegs -- ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.«
»Sie sprechen von der politischen Lage?«
»Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.«
»Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.«
»Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha ha!«
»Après nous le déluge!« sagte in diesem Augenblick ein heftig schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.
Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen ohne viel Umstände -- an die Wand stellte!
Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das Volk ausübte? Wo hier --?
In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren.
Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht.
Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd.
Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes.
»Wer ist es?«
Leises Wispern.
»Ah --?«
Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu sehen.
»Und was für einen Orden trägt er?«
»Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!« dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem Hause verkehrt -- damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl. Auch sie nannte ihn so. »Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!«
Aber Dora strahlte.
Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals -- da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt, da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare, Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten, die beim Tanzen plötzlich -- und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr -- ganz wie damals.
»Hier ist er!« rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen Würdenträger auf der Empore dem General.
5
Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung erhob sich der General.
Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug.
»Ich bitte«, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem General beide Hände entgegen, »aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber, alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.«
Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann wagte er, neben ihm Platz zu nehmen.
»Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.«
Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz.
»Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn ich bitten darf.«
»Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr wohlbefinden«, rief der General.
»Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --«
Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen, und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren.
»Zwischen den Schlachten«, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten.
»Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.«
»Ja, ja, ja.«
»Exzellenz --.«
Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel des Generals. »Lieber Freund,« sagte er, »ich darf wohl bitten, alles Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen wir uns schon?«
»Es sind,« der General dachte nach, »es dürften wohl dreißig Jahre sein.«
»Dreißig Jahre!« Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. »Ein Menschenalter! Ich erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?«
Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern, an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein.
»Ich erinnere mich nicht«, sagte er.
Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in seinem Gedächtnis nach.
»Es war bei Baron Kreß«, rief er aus. »Ja, nun habe ich es, und es war eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie hieß sie doch?«
Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen, daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten, später --
»War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war -- nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?«
Der General rückte auf seinem Sessel. »Wo mich mein König hinstellt,« heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, »da --«, er stockte.
Aber der Greis verstand vollkommen.
»Ja, ja, ja,« nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen.
»Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber Freund? Meine Schwester --«
»Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!« beteuerte der General. »Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten --«
»Ja, ja, ja -- natürlich, selbstverständlich.«
Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte. Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern, welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich um eine Höhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Höhen, von denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen auf den Karten sah.
Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren -- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden, interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen einerlei. Hm, es würde wohl -- im Hinblick auf dieses Mißgeschick -- nicht ganz leicht sein . . .
Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant -- hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens geküßt! Diese Jugend -- wieder rückte er unruhig auf dem Sessel.
Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk, pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen Anstrengung. »Gewaltigen, gewaltigen!« schrie er in das wächserne Ohr der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz.
»Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schön --«
Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire, Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . .
»Sehr interessant -- sehr wohl --«
Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im Bund Barbarossa halten wollte.
Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und Gesichtchen gesprochen hätte -- diese modernen Tänze waren sehr reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten war eine neue Variante.
»Sehr wohl -- sehr richtig --«, sagte er und nickte.
Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende Lebenskraft . . .
Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen.
»Ich bin durstig, Feuerwalze!«
Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse.
»Gib Wein, schwarzer Halunke!« schrie er dem fetten Neger zu.
Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun höchst einfach -- mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil.
»Spielt, ihr Schweine!« schrie er, und als die Musiker sich entsetzt umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend, hinzu: »Für meine Dame!«
Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker.
Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug -- vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten -- einerlei.
»Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da --!« Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes Gesicht.
Dora fand ihn ungeheuer drollig. »Weshalb aber trinken Sie so schrecklich, Feuerwalze?«
Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan, der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese kleinen Nackenhärchen rasend gemacht -- und dieses Ohrläppchen und noch andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein, bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit --
Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh.
Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem Hauptmann entgegen.
»Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.«
»Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir, Sklave!« schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen.
Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen -- er wuchs, und seine Augen blitzten . . .
»Bist du es?«
Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug.
Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte sich, während er mit der Schale rasselte.
»Bist du es, sprich?«
Schweigen.
»Kennst du meine Stimme?«
Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf.
»Zeige deine linke Hand!«
Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht beizukommen.
Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: »Es ist eine Königliche Hoheit.«
»Wer???«
»Man sagt es.« Scheu wich Hedi zurück.
* * * * *
»Ich bin der Ansicht,« schrie der General in das schmale wächserne Ohr, »nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes, und wir werden den Frieden diktieren.«
Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf.
»Es ist möglich,« unterbrach er den General, »daß diese Anstrengung nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist möglich, daß sie genug haben!« Plötzlich tat der hohe Würdenträger geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten.
»Wie belieben?«
»Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England . . . Aber bitte, ganz unter uns!« Völlig unvermittelt erhob er sich. »Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz außerordentlich. Sehr interessant -- Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich, sich ja nicht zu bemühen --.«
Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester gefällig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht.
Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter, die noch heute nach Weihrauch roch.
Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog eine Pelzmütze über den kahlen Schädel.
»Große Fähigkeiten, ohne Zweifel«, sagte er vor sich hin, indem er sich im Polster zurechtrückte. »Aber weshalb schreien diese Militärs alle so? Er hat mich fast taub geschrien.«
Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch die Finsternis schlich.
6
Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben, mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt. Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte, ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde.