Part 15
Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein -- allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen?
Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit bietet, werde ich mit ihr sprechen.
Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung.
Schon einmal hatte er -- früher . . .
Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er Hände und Gesicht, jede Falte.
Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung!
Schon schlief er.
* * * * *
»Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!« Mitten in der Nacht setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter, selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich -- ein alter Mann -- aber hüte dich --!
Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu einem kleinen Kleiderbündel.
Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht, Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.
Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten -- das Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.
Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden.
Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie wieder . . .
Betäubt saß er da. Es dunkelte schon.
Schmach, nichts als Schmach!
Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe -- Tausende, Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich, wie?
Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich lasse Sie abführen.
Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.
Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten.
Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da -- hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.
Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an.
Ja, auch sie war da!
Hoffärtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch, wer weiß es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden weinen müssen -- es muß sein --
Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein.
Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug, Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns Stimme fragte: »Was gibt es?«
»Nichts, nichts, Ackermann!« antwortete Hähnlein mit einem keuchenden, verlegenen Auflachen. »Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts, nichts --«
Viertes Buch
1
Ali Baba und die vierzig Räuber!
Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel --
Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und fletschte ihr die Zähne entgegen: »Ali Baba heißt dich willkommen!«
»Er tut dir doch nichts«, lachte Klara und schob Hedi vorwärts.
Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet. Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen.
Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen.
Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche, halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen Kirchengewändern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen, Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten, grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von ihnen aus.
Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt begierig blitzten nun ihre Augen.
Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. Das war Hedis höchsteigene Erfindung.
Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag -- schon am Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen.
Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie _so_ nicht mit Hedi gehe! Wie?
»Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!«
Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang! Hedi war tödlich verletzt.
»Das ist ja gerade das Orientalische«, schrie sie aufgebracht. »Was versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du meine Güte?«
Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg.
»Ich bin eine türkische Witwe!«
»Eine Witwe?«
»Ja!«
»Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen! Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.«
»Aber ich gehe so!«
»Blamiere dich ruhig!« Empörend war Hedis Lachen.
»Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste Lust!« schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die Schuhe wütend unter das Bett.
Hedi erbleichte. »Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein, wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!«
Sie hatte Klara ins Herz getroffen. »Und du?« schrie Klara und funkelte die Schwester mit drohenden Augen an.
»Und ich? Was soll mit mir sein?«
»Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als du glaubst.«
»Was weißt du, nichts weißt du.«
»Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast. Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den Kaiserhof?«
Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein.
»Das ist doch unerhört!« schrie sie rasend. »Du weißt so gut wie ich, daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre --«
Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten gekommen.
Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz pochte.
Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es regnete etwas.
Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto, das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit Qualm und Gestank erfüllte.
Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel später noch -- fuhr eine zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des Generals weit in den Schatten stellte.
»Ali Baba heißt dich willkommen!«
Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn anzusprechen.
Drollige Einfälle hatte diese Dora!
2
Hedis Herz pochte vor wilder Erregung.
»Die Liebe, meine süßeste Prinzessin --.«
Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen, Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem Diwan in der Ecke.
Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge.
Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen.
»Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --«
»Ah!«
»Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine Illusion einer Masse von Narren.«
»Also du glaubst nicht an die Liebe?«
»Nein, nein, ich glaube nur . . .«
»Nun?«
»Darf ich es dir ins Ohr sagen?«
Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber, und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte.
»Pfui, wie häßlich!«
»Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?« Enttäuscht schüttelte sich das vermummte Gesicht.
Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi und hielt ihr eine Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten.
»Wer bist du?« fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr Herz stockte.
Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder blendeten seine Augen.
»Wer ist es?«
»Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!«
Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte. Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen, gepflegten Hand.
Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht.
Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr.
* * * * *
»Halt, einen Augenblick, Verehrtester!«
Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden, rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch.
Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen stillzuhalten.
Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt.
»Wichtige Neuigkeiten«, rief der glänzende Kürbis. »Die Wissenschaft triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.«
Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten, schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen ausgeliefert.
»Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte«, zischelte der Kürbis.
»So?« Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis augenblicklich in tiefes Scharlachrot.
»Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier Statistiken --«
Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich pfeife auf Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig abgesehen davon --«
»Völlig abgesehen?«
Der Professor verfolgte den fliehenden Perser.
»Völlig abgesehen davon --«
»Hören Sie --« Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten festzuhalten. »Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?«
Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer.
»Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle«, murmelte verzweifelt der Kürbis.
Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern.
In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht.
Wer bist du?
Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über Hände, Ohren, Hüften, Füße.
Wer bist du?
Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte -- nichts als das Wiegen einer Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte.
Die Haremsdame blieb -- unwillkürlich -- stehen und sah ihm in die Augen.
»Wer bist du?«
Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite Brust wogte unter den Lumpen.
Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontäne von Gelächter hervorsprudeln.
»Du bist wohl stumm?«
Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall hin.
Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken.
3
Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger, breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites, erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten sich nach oben. Der General war gekommen.
Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr, die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt!
»Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!«
In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen hochgezogen.
Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie unvermittelt dicht an sich -- wie nur Räuber es vermögen.
Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung. Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße Augen. In einem rotglühenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhöhle -- kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war er gekommen.
Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet, unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob die Hände. Sie berührte Glas.
»Du bist es -- Klara?« fragte sie, und die Erscheinung stellte die gleiche Frage.
Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des Heiligen gefallen.
Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die »Schwalbe«. So hieß seine Maschine.
Der Brief brannte auf ihrem Herzen.
»Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft. Ich liebe dich, du Teuerster!«
Und der Brief glühte.
Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform, mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. »Feuerwalze, Feuerwalze!« schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. »Er hat sich das Genick gebrochen!«
Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. »Du weinst ja --« sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine Hand nach ihr.
Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick in sich zurückgezogen.
Düster brannten seine Augen.
Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn. Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken -- und um womöglich einige Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur Not -- es war ihre Natur -- aber die Männer --? Während das Brüllen der Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete?
Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier, zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder.
Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle!
Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge. Zierlich hob sie die Füßchen: all das würde sie sehen -- mit ihm! Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte sie die Hüfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . .
* * * * *
»Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!« rief Hauptmann Falk und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. »Helfen Sie mir -- Sie sehen mich in einem schrecklichen Zustand!«
Weißbach lachte.
»Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte -- grundgütiger Himmel!«
»Aber, das ist ja Dora!« rief Weißbach aus.
»Dora? Wer ist Dora?«
»Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!«
»Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der fürchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrückt gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es muß etwas geschehen, und es wird etwas geschehen.«
»Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in acht.«
»In acht, vor wem, vor ihr?«
»Nein, vor ihm.«
»Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!«
»Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.«
»Hier? Hier --?«
Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor Verblüffung zurück.
»Wie sagen Sie --?«
»Pst!«
»Unmöglich!«
»Nun, Sie werden schweigen!«
»Ah, ah -- aber hören Sie?«
»Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!«
»Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich hörte -- eine Königliche Hoheit?«
»Das war ja früher. Vor der Heirat.«
»Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch, diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach --«
»Vorsicht!«
Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. --
Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven.
Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung.
Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme.
Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen, sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: »In sechs, acht Reihen griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren, dann erst eröffneten wir das Feuer.«
»Wie schrecklich!« rief Klara aus.
»Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen, und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 Grad, da wurden sie still.«
»Oh, wie entsetzlich!« Und Klaras Stimme verklang.
»Also kein Freund von Generalen?« fragte Hedi. Hier in dem kleinen, leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler.
»Nein.« Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. »Das kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.«
»Solange es Kriege gibt, meinst du --?«