Part 14
War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?
Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte ihn mit schrecklichem Grauen.
Er taumelte und rang nach Luft.
»Hier also --?« stammelte er.
»Es waren sehr schwere Kämpfe!« sagte der General beruhigend.
»Und -- sein Grab, hier --?« Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und entgeistert auf den General gerichtet.
»Wie beliebt?«
»Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden?« schrie er mit schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er alles . . .
Alles!
Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen Wogenbergen? Wie sollte --!
Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen.
Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann --
Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .
»Es waren außerordentlich schwere Kämpfe -- es ist natürlich gänzlich unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die Verhältnisse an der Front nicht kennen.« Einen letzten Versuch machte der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.
Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen.
»Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er -- da hinauf --?« fragte er mit pfeifender Stimme.
Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus.
»Was soll diese Frage?« rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!
Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst, schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich.
Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen.
»Mörder!«
Der General wich zurück und erbleichte.
Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie er: »Mörder! Mörder!«
Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. »Hinaus!« rief er. »Hinaus -- augenblicklich -- oder --!«
Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer Sekunde.
»Verzeihung, Exzellenz!« stammelte er. »Verzeihung -- ich -- ich bin --«
»Ich bin -- betrunken . . .«
Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen, plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich -- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie konnte er, er machte Besuch --
Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz anderes -- er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann. Es würde sich nunmehr darum handeln, ihn möglichst rasch und, ohne Aufsehen zu erregen, loszuwerden.
»Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf --« sagte er, um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen.
»Erst wenn Sie verzeihen«, rief Herr Herbst, während die Tränen aus seinen Augen sprangen.
»Ich verzeihe Ihnen, natürlich --«
Sofort erhob sich der alte Mann.
»Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind«, fuhr der General fort. »Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .«
»Bitte zu entschuldigen . . .«
Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand. »Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Störung.«
Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern.
Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen war unerklärlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott?
Er wartete auf irgend etwas.
* * * * *
Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last befreit war.
Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines Geheimnisses war.
»Sie wollten mir --« begann der General erneut, etwas betreten, indem er sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- »Sie schrieben seinerzeit etwas von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?« Der General stockte.
»Das gnädige Fräulein --?« Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem Brief anwandte.
Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten!
Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch, triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing sogar an, leise zu lachen.
»Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .«
»Guten Abend!« sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.
Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die Diele.
8
Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen, Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße.
In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht.
Sein Mund zuckte.
Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu grüßen. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im Krankensaal.
Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von _Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten Welt.
Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht -- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde erhebt . . .
Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das Schloß -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern --
Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände färbte es rot.
Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder -- das sind die Völker Europas geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .
»Und du, Herr, über den Finsternissen?«
»Weshalb zögerst du?«
Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein Hirn blutete, sein Hirn zersprang.
»Ja, weshalb?«
Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug . . .
»Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!«
»Wann wirst du das Signal geben?«
»Sprich!«
»Wer wird es rufen -- das erste Wort?«
»Mut! Mut!«
Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin. Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen, hingegeben einer unbekannten Wollust . . .
Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn.
»Sie werden doch nicht fallen?« sagte die Stimme eines Mannes.
Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des Schloßplatzes.
Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden gestürzt.
Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts. Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe.
Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus, Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit ihren Marschallstäben standen wie Schatten.
Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!
Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. --
Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und krochen näher.
Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der finstern Vorstadt zu.
1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: »Deutschland, Deutschland über alles.« Man hatte sie in die englischen Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen!
Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen.
Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne gelebt, einer heiligen Sache zu dienen.
Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren.
Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!
Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lüge, Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge!
Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, schwarze -- um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen, die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen, täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren.
Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir, wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele? War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren.
Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.
Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle teuflische Systeme.
1914, im Spätherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven -- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es -- aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen.
Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack -- frech wehten die Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an.
Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . .
Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war es gekommen?
Er verhüllte vor Scham sein Gesicht.
Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag fürchterlicher als der andere!
Und kein Ausweg! Nein!
Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte, Generationen.
Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, Mörser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet . . .
Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .
Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären. Er wurde wegen »pazifistischer Umtriebe« angeklagt und entging mit knapper Not dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen Kriegsämtern brauchte.
Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth!
Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?
Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem großen Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod gesucht -- besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine Handgranate zu Boden geworfen.
Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier, Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen -- war.
Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.
Da -- plötzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein streifte sie -- sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte . . .
Auch Ruth erkannte ihn wieder.
Ruth sagte: »Sie schrien im Fieber immerzu -- füsiliert mich! Die einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!«
»Sagte ich das?«
»Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die schon lange in mir schlummerten.«
»Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?«
»Ja! -- Was hat das zu sagen?«
So wurden sie Freunde.
9
Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!
Plötzlich aber weicht das Haus zurück -- sollte man es für möglich halten -- ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen.
Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit. Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder.
Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche, sucht einen Groschen -- aber plötzlich läuft er in einer unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen.
Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht, Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach, Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte.
Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu müssen.
Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel. Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man? War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle?
Nein, nicht mehr lange!
Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren.
Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.
Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite.
Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich. Erdschollen schoben sich in die Höhe -- Rücken, Arme, Hände, Beine wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der Erde zu wühlen.
Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich, und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und der Lehmberg preßte ihn zu Boden.
»Ich ertrage es nicht mehr!« schrie in diesem Augenblick Hähnlein. »Um Christi willen!« wimmerte die Frau und hustete.
Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer war leer.
Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne.
»Schmach, nichts als Schmach . . .«
Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. -- --
Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht hatte ihm gutgetan.
Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch, eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . .
Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja --
Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden.
Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn.
Unruhe erfüllte den General.
Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in seinem Leben gesehen.
Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? -- Allenthalben ähnliche Symptome -- Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen -- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet -- Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt, plötzlich meldet sich die Witwe -- eine völlig unbekannte Person, frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.