Der 9. November: Roman

Part 13

Chapter 133,556 wordsPublic domain

Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang, ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten Verbeugung die Türe vollständig.

»Donnerwetter!« flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!

Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden -- etwas Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.

* * * * *

Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück.

Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen, sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.

Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . .

Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in Anspruch nahm -- diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift, hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders -- und trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten.

Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke, vollends den Appetit verderben.

Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit Zahlen.

Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder genügen.

Alles kostete heutzutage Unsummen!

Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe. Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend, unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab --

Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches Genie. Das Organ dafür fehlte ihr.

Bergab -- nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß, unantastbar -- Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich stark belastet.

Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung, die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein Tropfen auf einem heißen Stein.

Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, daß diese Verlobung zurückgegangen war.

Zahlen, Lawinen von Zahlen.

Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen Glut.

»Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?« raunte der Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten.

»Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.«

»Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .«

Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die Annäherung begünstigt, offen zugestanden -- schließlich war er ja der Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß, und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen Herrgott treten mußte.

Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen verlassen zu müssen -- ins Ungewisse hinein . . .

Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die Liköre.

Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle sog, wenn er erst einmal entwurzelt war?

Trotz alledem -- es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte.

Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener Noblesse und Großzügigkeit -- unverständlich . . .

Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel.

5

Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von den Stiefeln.

Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den rostfarbenen Havelock.

Er fror.

In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken, in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an. Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in die Höhe stieg.

»Ja, so ist es, so ist es!« flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich hin. »Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen, zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und gehen und sprechen -- und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin. Auch er würde Kinder gehabt haben -- und so würde ich immer weiter leben.«

»Aber so?«

»Wie ist es so?«

»Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.«

Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich! Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht.

Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach!

Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!

Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst wieder in seine alten Gedanken versunken.

»Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich -- oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu Ende für immer . . .«

Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.

»Ja -- trotz allem -- unfaßbar!«

»Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot. Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land, vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich begraben. Ohne Ruhe --!«

»Ohne Ruhe --«

Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen. Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht.

Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.

6

Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. --

Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grüngebundenen Buch -- auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:

»Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich unterliege der Versuchung.

Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es scheint in seinen Grundmauern erschüttert.

Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der Menschen glauben.

Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche, leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet -- sie haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.

Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich unaufhörlich mehren muß -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn sie sank -- kam die Katastrophe.

Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!

_Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!_

Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und Schönen, oder er ist ein -- Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde . . .«

Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also --

In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.

Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte. Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete -- es wäre ihm peinlich . . .

Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene Buch zurück -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang.

Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.

Jakob übergab eine Karte.

»In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --«

Ein völlig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.

Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten -- zu Jakobs maßlosem Erstaunen.

* * * * *

Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens -- hieß dieser Hausverwalter nicht anders?

Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe -- und im gleichen Moment erbleichte der General . . .

Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!

Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers spähte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte, als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die Scheiben pickte -- das Drohung und Kälte ausstrahlte . . . Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen Tagen.

Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte -- Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung.

Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung wich aus seinen Händen.

Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller Ehrerbietung.

In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend etwas zu sehen.

Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.

»Bitte«, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.

Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in der Hand und begann zu zittern . . .

Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte, er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand.

Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster Angst.

Der -- »Blut-Hecht!« Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten . . .

Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er sich gegenüber befand.

Der . . .

Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße wäre.

Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem Federmesser ab.

»Ich bitte --?« sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den Fingern rollte. »Was wünschen Sie?« Er hatte das Gleichgewicht völlig wiedergefunden.

Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden, genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.

Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.

Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort, es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier -- schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer -- nur dieses breite starre Gesicht leuchtete noch.

Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so dahinging.

Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar:

»_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_«

Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten.

Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in seine eigenen Ohren drangen.

Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten -- kalt, ohne Erbarmen.

Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine bestimmte Redewendung, die mit »Bitte gehorsamst« begann, auf den Lippen formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen furchtbaren Worte wie vorher:

»Geben Sie mir meinen Sohn wieder!«

Diesmal schon etwas vernehmbarer.

Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.

Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber einstellt.

»Sie haben mir neulich geschrieben?« sagte die ruhige und überlegene Stimme.

»Bitte gehorsamst, Exzellenz!«

»Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere --?«

»Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!« Prächtig ging es nun. Röte huschte über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an.

»Er ist --?«

»Gefallen. Am 5. August.«

»Fünften, sagten Sie?«

»Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften . . . da fiel er.«

Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht kritische »vergeblich«, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert, mißfiel ihm.

»Er fiel für Kaiser und Reich!« sagte er mit etwas salbungsvoller, tieftönender Stimme.

Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von satanischem Hohn verzerren wolle.

»Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --!« fuhr der General fort, und seine Stimme hob sich.

Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn. Er wimmerte leise.

Plötzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen.

»Bitte gehorsamst --« stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel bei sich führten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen war. Wenn der General nun bemerkte --

Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach aufgezogen. Er drehte das Licht an.

»Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?«

»Herbst.«

»Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .« Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte man in dieser Zeit hinwegsehen. »Hier ist die Höhe,« fügte er hinzu, »wo Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .«

Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.

»Sie sind nicht von hier?«

»Aus der Provinz, Euer Exzellenz!«

»Beruf?«

»Früher Lehrer an einem Gymnasium.«

»Bitte, treten Sie ruhig näher.«

Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte -- es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen.

»Das also ist Quatre vents!« sagte er.

Herr Herbst atmete schwer.

7

Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront.

Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor. Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die Kuppe.

Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den finsteren Stollen unter der Erde.

Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten.

Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt!

Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen, Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze.

Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie um den Angelpunkt der Westfront rangen.

Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. --

Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen. Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte -- er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Träne getropft, aber der General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen.

Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten --? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?