Part 12
Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null. Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der Luft.
Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . .
Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm, überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen »Kücken« bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: »Wo ist das Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!«
Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?
»Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe --«
Das alles interessierte Klara nicht.
Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf ihn sein, aber . . .
»Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe, und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!«
Dann, kamen noch ein paar Redensarten. »Wie geht es Dir? Hoffentlich gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach seiner Decke werfen.
Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe. Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!«
Klara weinte.
Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.
* * * * *
Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken. Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen könne?
Früher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe -- als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein ausgeplündert schien diese Stadt!
Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte -- und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das Medaillon hatte eine große Summe verschlungen.
»Es ist für meinen Mann, er ist im Felde«, sagte sie, wenn sie einkaufte und errötete bei der süßen Lüge.
»So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?«
»Ja, wir sind kriegsgetraut.«
Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.
Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte. Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.
* * * * *
»Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz. Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste, versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.
Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten. Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß ich immer an Dich gedacht habe.
Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!
Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen. Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.
Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so rasend glücklich.
Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß selbst, was Du glaubst.
Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden. Überhaupt -- sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.
Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.
Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.
Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete zu Gott! Mein Herz ist gequält.
Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit. Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen.
Deine kleine Frau Klara.
Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der Wind bewegt -- rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.«
3
Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.
Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.
»Herr Portier! -- Herr Portier?«
Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah -- natürlich nur eine flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier schlief.
Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der Portier.
Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort beschwörend die Hände.
»Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?«
»Ich bitte um Verzeihung.«
»Und heute dazu!«
»Weshalb -- heute --?«
»Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill! Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich sagte Ihnen doch -- ach, ach!«
»Gestatten Sie --«
»Ach! Ach!«
Das Aluminiumetui blinkte.
»Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.«
Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.
»Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend auf --!« Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke.
»Sie mißverstehen mich --« Herr Herbst hatte den Zylinder wieder aufgesetzt.
»Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten --« Das Fenster klappte zu.
Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig.
Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder und sagte in dienstlichem Tone: »Sie wünschen?«
»Ich wollte nur fragen --«, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene augenblicklich in Verwirrung brachte, -- »nur fragen -- es ist wichtig für mich, weil ich entschlossen bin --«
»Entschlossen?« Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.
»Ja, entschlossen.«
»Bitte?«
»Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?«
»Nein!« Das Fenster flog wütend zu.
Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen Fensters. --
In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag heute noch stiller als sonst, totenstill.
Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung.
»Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?«
»Meine Herren --!«
»Oder die schöne Dora --?«
»Ich bitte doch dringend!«
Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die Hand gehoben. »Windstärke 12.« Damit pflegte er einen bestimmten Zustand zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.
»Aber erklären Sie doch!«
»Pst!« Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte Doppeltüre.
Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt, drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war.
Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein schwächeres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen? Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild »Vortrag«. Und daneben das Schild: »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand --?
* * * * *
Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . .
An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der Nase des Generals.
Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . .
Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für unmöglich gehalten.
In der Doppeltüre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften »Vortrag« und »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -- erschien, ganz als ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben, tauchte er plötzlich auf.
Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig, namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er wollte nach Nummer 6.
Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe genommen, gewiß kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Paß und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete.
Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers klatschte neben ihm in den Boden.
Also handelte er auch hier.
Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen. Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet.
Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche Gefahr begeben hatte.
Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang.
Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.
Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig. Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand der kleine Schneider wie eine Statue.
Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach nebenan hörte.)
Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die französische Mörsergranate -- meinetwegen . . .
Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschläger herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte.
Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam.
4
Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte.
Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und erfüllte zuletzt das ganze Gebäude.
Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem rügenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit größerem oder kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug: Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch.
Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar, die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach großen seelischen Erregungen -- war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war.
Bewegung fehlte ihm!
Wenn er wenigstens hätte ausreiten können!
Aber der Dienst -- und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich!
Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.
Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und den Frühstückstisch von heute morgen.
»-- also gelöst?«
»Ja, Papa«
»Und er, Dietz -- also mit seinem Einverständnis? Hm -- so, so . . .« Er schlürfte den heißen Kaffee.
»Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.«
»Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und lassen, was du willst. Na -- schön!«
Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?
Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu genießen.
»Soso, hm.« Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig. Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten.
So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner kalten Hand gefühlt -- er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick. Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen.
Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen -- frisch, lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite.
Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.
Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte --
Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete.
Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.
Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.
Der Adjutant näherte sich dem General.
»Herr General gestatten?«
»Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.«
Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen.
Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.
»Herr General gestatten doch?«
Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht. Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe Stellung es zuläßt.
Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.
»Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.« Schon schwoll die Stimme des Generals wieder drohend an.
Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an! Augenblicklich wollte er nachforschen --