Der 9. November: Roman

Part 11

Chapter 113,722 wordsPublic domain

Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück. Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen.

»Herr General?« rief Dora überrascht aus.

»Papa?« fragte Ruth leise und ungläubig.

»Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .«

Dora lachte. »Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den interessantesten Gesprächen.«

»-- will nicht stören -- ich wollte nur -- ich hörte Stimmen -- guten Tag, meine Damen.« Und der General verschwand sofort wieder und schloß leise die Türe hinter sich.

Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner her.

»Was wollte er denn?«

Ruth schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Er kommt sonst nie in mein Zimmer.«

»Er ist argwöhnisch, Ruth«, sagte Dora.

Ruth blickte auf und errötete.

»Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten«, fuhr Dora fort und blinzelte mit dem rechten Auge.

Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.

»Er glaubt --?«

»Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.«

»Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie können sich das wohl denken.«

»Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.«

»Und Sie haben es ihm nicht gesagt?«

»Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache. Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.«

Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an.

»Aber vielleicht hat er doch recht, der General --?« sagte sie, und wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge.

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, ich meine nur -- so -- so . . .«

Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu bringen. Dann aber änderte sie den Ton.

»Und Dietz geht es gut in Bukarest?«

»Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.«

»Hören Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen Schuh --«

Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.

»Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen Pavillon auf einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --«

Ruth unterbrach sie.

»Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!« sagte sie, jede Silbe betonend.

»Wie? Aber --?«

Ruth blickte Dora in die Augen.

»Nein, niemals!«

»So erklären Sie mir doch, meine Liebste --?«

»Sprechen wir nicht mehr davon.«

»Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?«

Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.

* * * * *

Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora saß da, Ruth, nicht einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm?

Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit gelassen, seinen Grundsätzen gemäß -- nun aber schien es ihm an der Zeit zu sein . . .

Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.

Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das Gesicht abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um sein Gleichgewicht wieder zu finden.

Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung!

Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt, keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht des Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da kamen, zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich denn vor den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen nicht umsonst aus dem Süden.

Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall Schreibpapier, Bücher.

Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch. Marx.

Karl Marx.

Ein Sozialist!

In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.

Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln. Aber er überwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was interessieren konnte -- im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dünn -- in der Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen!

Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt. Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit dreißig, von fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen.

Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- während seine Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne Beschönigung, ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen.

Aus einem Buch fiel ein Brief: »Geliebte Ruth« -- sofort schob ihn der General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf. Daß sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese, den Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen . . .

Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang, ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, daß er diese Stimme zum letzten Male gehört hatte.

Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing, ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück.

Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf.

»Was will ich eigentlich hier?« sagte er. Nachdenklich verließ er das Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten --

Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name klang in ihm weiter.

Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte fröhlich sein Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit und Vertrautheit.

Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen.

13

In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -- ist es möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im »Löwen von Antwerpen«.

Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die Flasche Roten und das Schachbrett.

»Meine Hochachtung«, flüstert er, wie es seine Art ist, leise -- er sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. »Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?«

»Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt -- hatte ja keine Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, und die Visitenkarten?«

Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum Gespött der frechen Geschöpfe machte -- wer war er? Ein Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage nicht alles?

»Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben«, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcafé in der Provinz, einst, lange war es her.

»Sie haben den Anzug, Herr Herbst!« flüsterte der Bucklige und schob das spitze Kinn über das Schachbrett.

Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich -- sollte man es für möglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch ein Glas -- und nun war er bereit.

Kraft und Mut strömten aus dem Wein.

Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.

Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an und setzte sich zurecht.

»Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.« Er zog den Turmbauern.

Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett.

Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?

»Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.«

»Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.« So hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ.

Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.

Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft.

Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?

Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .

Wieder trank er ein Gläschen.

Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er doch nicht der Kaiser, wie?

Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede Auskunft, die er wünschte, zu geben.

Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5. August -- er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller Bescheidenheit . . .

»Schach der Königin!« rief er laut und warnend.

»Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals zurück -- es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.« Die düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen.

Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann, obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte -- unter den jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können.

Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich -- er würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher gekommen? Wer weiß? Wer weiß?

Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten -- nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen.

Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen --

»Vorsicht, Herr Herbst!«

»Ich sehe schon -- eine richtige Falle. Ei, ei!«

»Aber was tun Sie?«

»Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.«

»Aber, aber --«

»Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.«

Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre Stimme kaum, so fein klang sie.

An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein? Er hörte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, plötzlich sprechen sie über gewisse Dinge -- wie interessant! Was ist das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse einer gewissen hochgestellten Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls sonderbar, daß sie so genau Bescheid wußte --

Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel zurück und blies den Rauch in die Luft.

Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen.

Oben an der Türe sehe ich Licht.

Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist -- aber, aber, ich kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur Türe, vorsichtig natürlich -- steige hinauf -- so, so -- strecke mich und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt er also, der Soldat, und daneben -- auf dem Sofa . . .

Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht!

Der Schreck -- glauben Sie mir -- die Überraschung -- ich wäre um ein Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte -- ich glaubte es ja nicht -- es schien mir unmöglich -- die Stimme, hm, das Gespräch, aber es war ja unmöglich -- und doch -- doch!

Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame --

»Schach und matt!« rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst prallte zurück.

Also geschlagen, abermals geschlagen!

Herr Herbst zog die Uhr -- er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! -- und wurde plötzlich von Unruhe ergriffen.

»Ja, nun wird es aber Zeit für mich -- höchste Zeit!« sagte er und stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf die abstehenden grünlichen Ohren herab.

In höchster Eile verließ er die Kneipe.

* * * * *

Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze Aschenregen auf die sterbende Stadt.

Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze Nacht lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und Tränen.

Wann endlich?

Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas undurchdringliche schwarze Nacht.

Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du kommen willst!

Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag seines Herzens.

Drittes Buch

1

Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein, keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen.

Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er! Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern, und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer.

Plötzlich blieb Klaras Herz stehen:

Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug . . .

Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten, brausende Bäume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße -- sie und Heinz. Wie durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien änderten sich, blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte er es tragen -- und plötzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze Lokomotive dahinstürmt.

Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde.

Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte -- wie ein heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall: deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz klein war.

Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust.

Fort war Heinz.

Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz langsam an Klara vorüber.

Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten, schnitten ihr Gesichter.

Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab. Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz.

Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen, niemand.

* * * * *

Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze mit Küssen und Tränen.

Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können.

Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind, während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen, raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich.

Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge schon bis Hannover vorstecken.

Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde -- wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.

Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und mutig geht ihm der Schritt entgegen.

Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die Joachimsthaler Straße hinabwanderte.

2

Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.

Endlich, am sechsten Tage, kam er.

»Hier ist ein Brief, kleine Braut«, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester. Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche.

»Gib, bitte!« sagte Klara, und ihr Atem stockte.

»Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?« (Allein würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)

»Ich verspreche! Feierlich!« --

Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief . . .

»-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht. Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen sogar ein kleines Wildschwein.« Ja, was ging sie das an?

Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!

Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker Feuerschein fährt dann aus dem Walde.

Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung, Kameradschaft!

Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef, Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere.